WOLKENSTEIN
I.
Trostberch, Trosperch. Der Name, der ursprgl. nicht die Burg, sondern die Gegend bezeichnete, ist vermutlich nicht vom mhd. trost herzuleiten, sondern von einem älteren troj, trod, tros, in der Bedeutung von Straße oder Weg. Hangburg oberhalb von Waidbruck auf einem vorspringenden Felskopf am Ausgang des Grödnertals in das Eisacktal mit eigenem Burgfriedensbereich im Landgericht Villanders. Res. der Familie → Wolkenstein, dann der Linie → Wolkenstein-T., bis Mitte 17. Jh.; später v.a. als Sommersitz benutzt.
II.
Von der T. aus war sowohl der Verkehr im Eisacktal – also auf der Brennerroute, im Spät- MA der wichtigste Alpenübergang – wie auch jener auf dem Weg in das Grödnertal, der früher nicht im Talgrund, sondern nahe an der Burg verlief, und auf einem von diesem nahe der Burg abzweigenden Weg auf die Kastelruther Hochfläche und weiter durch die Dolomiten nach Venetien zu überwachen. Ursprgl. im Besitz einer Linie der Herren von Kastelruth, dann der von Velturns, beide Brixner Ministerialen; 1290 von Hzg. Meinhard von Tirol erworben, von diesem als Lehen an Heinrich von Villanders gegeben und von dessen Sohn Eckhart (gest. 1385) an den Schwiegersohn Friedrich von → Wolkenstein gegangen, 1407 schließlich an dessen ältesten Sohn Michael (den Bruder Oswalds), der die Linie → Wolkenstein-T. begründete. Bis ins 20. Jh. im Besitz dieser Linie, aber erst 1875 im Zug der Allodialisierung der Reichslehen in ihr freies Eigen übergegangen. Kein Bezug zu einer Stadt oder einem Marktort.
III.
Romanisch-gotische Kernburg mit massivem Bergfried an der gefährdeten zum Berghang gelegenen Ostseite, gleichzeitig die Zugangsseite. Dahinter um einen engen Hof drei Gebäudeflügel mit Palas, Kapelle (ursprgl. im von Bergfried und Palas gebildeten Winkel an der Nordostecke, in der Neuzeit in einen Neubau zwischen Palas und Westtrakt verlegt) und weiteren Wohn- und Wirtschaftsräumen, im MA und in der frühen Neuzeit mehrfach umgebaut. Im 16. und 17. Jh. starke Erweiterung der Außenanlagen nach O und S zur milit. Absicherung, dabei auch Anlage von in die Bauten integrierten Gärten und Fischteichen.
Die Umgestaltung unter Engelhard Dietrich (siehe unten) leitete seit etwa 1615 der einheimische Maurer und Steinmetz Christoph Gasser, den Ausbau der Befestigungen seit etwa 1620 ein namentlich nicht gen. »Batteriemeister«. Darüber hinaus waren in Planung wie Ausführung sowohl einheimische (etwa der Brixner Hofbaumeister Hans Reichl oder der Steinmetz Philipp Reisberger) wie nordital. Baumeister (Anton Valgoi aus der Lombardei) und Maurer tätig. Künstl. Holzarbeiten wurden vom Klausner Kunsttischler Hans Rumpfer, dem Schöpfer des Hochaltars im Brixner Dom, ausgeführt, Stuckarbeiten vom aus Wangen im Allgäu zugewanderten Josef Proy (Prey).
Der befestigte Sitz, über den der 1173 gen. Cunrat de Trosperch jedenfalls verfügte, lag möglicherw. noch nicht an der Stelle der heutigen Burg T. die erst seit 1243 eindeutig gen. wird. Über Vorgängerbauten ist nichts bekannt. Der ursprgl. allein stehende Bergfried erhielt in romanischer Zeit eine Umfassungsmauer und gleichzeitig einen an seinem nordwestlichen Eck anschließenden Palas mit durchgängigem repräsentativen Saal im ersten Obergeschoß, etwas später, aber noch im 13. Jh., ergänzt um eine von Palas und Bergfried aus zugängliche doppelgeschoßige Kapelle. Ebenfalls romanisch ist ein Westtrakt, von dem um 1330 (wohl beim Erdbeben von 1331) talseitige Teile in die Tiefe stürzten; daraufhin Neuerrichtung des West- und Südtrakts. Rege Bautätigkeit unter Michael von Wolkenstein ab 1407 im Zusammenhang mit der Opposition gegen Hzg. Friedrich IV. von Tirol (Ausbau der Vorwerke v.a. auf der die Burg im SO überhöhenden Felsrippe), aber auch Ausbau der eigtl. Burggebäude. Auf seinen Enkel Hans (gest. 1517), den ersten Frh.n dieser Linie, geht die großzügige Ausgestaltung der Wohnräume im gotischen Westtrakt zurück, die in ihrer Repräsentativfunktion den nun zur Gesindestube umfunktionierten Saal im romanischen Palas ersetzten. In den auf ihn folgenden Jahrzehnten wurde der fortifikatorische Ausbau durch Anlage weiter Zwinger den Erfordernissen der Zeit angepaßt. 1594-1636 Umgestaltung zu einem Res.schloß im Stil der Renaissance nach den fsl. Vorbildern des etwas älteren Ambras und der gleichzeitigen bfl. Hofburg in Brixen durch umfangr. Umbauarbeiten im Inneren wie Äußeren unter Engelhard Dietrich von Wolkenstein, der dabei nicht zuletzt auf eine repräsentative Fernwirkung abzielte. In den ersten Jahrzehnten stand dabei der Schloßbau im Vordergrund, ab 1620 die Errichtung und Verstärkung milit. Außenwerke. Unter seinem Sohn Maximilian Carl 1648-1672 weitere wesentliche Umgestaltungen im Inneren, die v.a. die Wohnlichkeit der Burg erhöhen sollten. Anschl. wurde wenig investiert, v.a. in die milit. Außenwerke, die um 1800 schon in Verfall waren. Nach Kriegsschäden im Zweiten Weltkrieg, deren Beseitigung die priv. Möglichkeiten überstieg, wurde die T. 1967 vom Südtiroler Burgenverein erworben und in den folgenden Jahrzehnten restauriert; heute als Museum eingerichtet.
Das Inventar von 1522 verzeichnet außer dem unbewohnten Turm und den ebenerdigen Wirtschaftsräumen zwölf eher spärlich möblierte Stuben und Kammern, darunter eine »Gastkammer« und eine »große Gastkammer«. Die umfangr. vorhandene milit. Ausrüstung, die offenbar nicht nur zur Verteidigung der Burg, sondern auch zur allfälligen Ausrüstung einer Mannschaft diente (1522 u. a. 53 Hakenbüchsen und 26 Hagelbüchsen; 1577 über hundert Hakenbüchsen), war damals wie auch bei anderen Inventuren auf fast alle Räume verteilt.
Bei der Umgestaltung unter Engelhard Dietrich wurde im bisherigen Dachgeschoß des Palas und der angrenzenden Bauteile ein neues repräsentatives Geschoß eingerichtet, dessen Prunkstück ein Saal von 15 x 5 m ist, geschmückt mit den Porträts habsburgischer Ks. und Kg.e und einer Kassettendecke mit den Wappen einer wolkensteinischen Ahnengalerie, v.a. aber mit acht Standbildern aus Stuck von Mitgliedern der Linien → Wolkenstein-T. und → Wolkenstein-Rodenegg in etwa zweidrittel Lebensgröße, vom Familiengründer Friedrich von → Wolkenstein bis zum Auftraggeber Engelhard Dietrich. Die kleine Antoniuskapelle, für die bereits 1519 ein Ablaßbrief ausgestellt worden war, wurde umgebaut und vergrößert und nebenan eine eigene Reliquienkapelle für den nach Marx Sittich von → Wolkenstein damals zweitgrößten Reliquienschatz Tirols errichtet. In einer bes. Risstcamer wurden bewußt teils schon unbrauchbare alte Harnische und Waffen als historische Schaustücke aufbewahrt, und über der Toreinfahrt ein Archivgewölbe eingerichtet. Im ohnedies schon engen Innenhof wurde an der Torseite eine Arkadenwand vorgeblendet, die mit einem Wappenstammbaum – eigtl. eine Ahnenprobe Engelhard Dietrichs auf 32 adelige Ahnen – bemalt wurde. Der Bergfried erhielt 1617 eine Turmuhr.
Wirtschaftsgebäude und Außengestaltung: Im sog. Pfister oder Mühlenturm, einem turmähnlichen Gebäude im Anschluß an den Westtrakt, befanden sich Mühle und Backofen. Im Westtrakt unter dem sal wurde 1609 eine loh (Gerberei) eingerichtet, und im Rondell am äußeren Burgtor eine große »Torggel« (Weinpresse) eingebaut. Den Hang gegenüber dem Tor ließ Engelhard Dietrich terrassieren und einen bewässerten Obstgarten (fälschlich auch als Turnierplatz bezeichnet), einen Fischteich und ein Sommerhaus anlegen. Nach der Jh.mitte wurde dieser Gartenbereich von seinen Erben um einen Ziergarten und einen Pavillon sowie zwischen Hauptburg und südlicher Vorburg um ein Hirschgehege, eine Orangerie (pomerantschen stuben) und einen weiteren Fischteich ergänzt.
Quellen
Bozen, Südtiroler Landesarchiv, Archiv Wolkenstein-Trostbur. – Innsbruck, Tiroler Landesarchiv, Nachlaß Ladurner, Trostburger Regesten.
Literatur
Die Wolkensteiner. Facetten des Tiroler Adels in Spätmittelalter und Neuzeit, hg. von Gustav Pfeifer und Kurt Andermann, Innsbruck 2009 (Veröffentlichungen des Südtiroler Landesarchivs, 30). – Zallinger, Adelheid: Trostburg, in: Trapp, Oswald: Tiroler Burgenbuch, Bd. 4: Eisacktal, 2. Aufl., Bozen 1984, S. 258-324 (auch als Sonderdruck, Bozen 2001).