WOLKENSTEIN
I.
Die Herren (Frh.en, Gf.en) von W. entstammen den Villanders-Pardell, einer Seitenlinie der Herren von Vil(l)anders. Randold von Villanders-Pardell erwarb 1293 von den Herren von Kastelruth (gen. Maulrapp) die erstmals 1237 gen. Burg → W., die ihren Namen wohl von ihrer Höhenlage (auf 1720 m) im hinteren Grödnertal in Südtirol erhalten hatte. Aber erst sein Sohn Konrad nannte sich 1370, gegen Ende seines Lebens, nach dieser Burg. Dessen Sohn Friedrich erwarb durch Ehe die wesentlich angenehmer gelegene und größere → Trostburg und nannte sich fortan nach dieser. Aus nicht geklärten Gründen kehrten jedoch seine Söhne, obwohl auf der → Trostburg aufgewachsen, zum alten Namen zurück. Die Familie ist nicht zu verwechseln mit anderen Familien gleichen Namens (z. B. im 15. Jh. in Nürnberg), die sich von einer der anderen Burgen dieses Namens herleiten (siehe unten den Art. C. W.).
II.
Vermutlich Ministeriale des Hochstifts Brixen. Das bekannteste Mitglied der Familie ist der Minnesänger und Dichter Oswald von W. (1376/78-1445). Mehrere seiner Enkel standen mit Ks. Maximilian I. in enger Verbindung und wurden von diesem 1491 in den Frh.enstand erhoben (siehe unten Abschn. IV.). Die Familie verfügte über beträchtlichen Lehen- und Eigenbesitz v.a. im Eisack-, Grödner- und Villnößtal. Die Enkel- und Urenkelgeneration Oswalds erhielt darüber hinaus im ksl. Dienst und als Pfandschaften für Darlehen eine Reihe von Herrschaften und andere Rechte in Tirol und Kärnten. 1521 wurde Michael von W.-Rodenegg in die Wormser Reichsmatrikel aufgenommen, doch wurde ihm diese faktische Reichsfreiheit im folgenden Jahr von Ks. Karl V. abgesprochen. Erst 1564 wurde seine Linie zumindest dem Titel nach zu Reichsfrh.en, 1628 die Linie W.-Eberstein tatsächlich in den Reichsgf.enstand erhoben. 1630 erhielten auch die übrigen Linien den Rang von Reichsgf.en, ohne jedoch damit Reichsstandschaft zu erlangen. Seit 1477 Erbtruchsessen des Hochstifts Brixen, seit 1568 das jeweils älteste Mitglied des Gesamthauses Erblandstallmeister und Erblandvorschneider von Tirol. Marx Sittich von W. (1563-1602) verfaßte auf der Basis eingehender Erhebungen eine umfassende Beschreibung des Landes Tirol.
III.
Das erstmals von Friedrich von W., dem Vater des Minnesängers, geführte wolkensteinische Wappen ist von weiß und rot im Wolkenschnitt schrägrechtsgeteilt und wurde auch von seinen Söhnen verwendet. Oswald ließ jedoch auf seinem Gedenkstein 1408 zusätzlich – sogar an der vornehmeren Stelle – in Art eines Allianzwappens jenes der Herren von Villanders-Pardell (Linie seiner Mutter, siehe unten Abschn. IV.) anbringen. In der Folge, erstmals nachgewiesen auf dem Grabstein Veits I. 1442, aber erst seit dem 16. Jh. ausschließlich, verwendeten die W.er ein geviertes Wappen, dabei in den Feldern 1 und 4 jenes von W., in 2 und 3 jenes der Villanders-Pardell. Das Wappen der letzteren ist in der Grundausführung geteilt (unten rot, oben in Blau drei silberne Spitzen), in der Praxis aber in zahlr. Varianten ausgeführt: rot ist meist nur der Schildfuß, die drei – manchmal auch vier – Spitzen kommen neben der symmetrischen Grundform oft als nach (heraldisch) links, manchmal auch rechts, verschobene oder als gestürzte Spitzen vor. Die Standeserhöhung der Linie W.-Rodenegg 1564 war mit einer Wappenbesserung verbunden, indem dem bisherigen gevierten Wappen ein Herzschild mit einem silbernen Sparren in Blau aufgelegt wurde. Oswald von W. erhielt 1419 von Hzg. Przemko von Troppau eine Wappenbesserung in Form eines Kohlkorbs zwischen den Hörnern der Helmzier des Wappens, der von den nachfolgenden Generationen als Schanzkorb umgedeutet oder auch bewußt durch einen solchen ersetzt wurde.
Die bedeutendsten Bauten der W.er waren die Res.burgen → Rodenegg und → Trostburg der beiden nach ihnen benannten Linien, aber auch bei anderen Burgen in ihrem Besitz veranlaßten sie umfangr. Um- und Ausbauten. Zwei frühe Porträtdarstellungen hat Oswald I., der Minnesänger, in seinen Liederhandschriften hinterlassen, dazu einen Gedenkstein, den er vor seinem Aufbruch ins Hl. Land in Brixen aufstellen ließ, und der ihn annähernd lebensgroß zeigt. Der spätgotische Doppelbildnisgrabstein Michaels (gest. 1523) und seiner Frau von Christoph Geiger ist in der Pfarrkirche St. Andrä in Lienz erhalten, also am selben Ort und vom selben Künstler wie der Grabstein seines Vorgängers in der Herrschaft Lienz, Gf. Leonhard von → Görz. Porträtgemälde von verschiedenen Familienangehörigen des 16. und 17. Jh. befinden sich auf → Rodenegg und der → Trostburg, freskierte Wappenstammbäume auf der → Trostburg, auf Schloß → Bruck bei Lienz und im Ansitz Hohensaal in Meran. Der große Saal auf der → Trostburg aus dem ersten Jahrzehnt des 17. Jh.s enthält acht Standbilder bedeutender Familienmitglieder in etwa zweidrittel Lebensgröße.
IV.
Friedrichs Söhne teilten zwar das Erbe, doch verblieb Michael, der Älteste und Stammvater der Linie W.-Trostburg, allein im Besitz der → Trostburg, während Oswald überwiegend auf → Hauenstein bei Seis am Schlern lebte, obwohl den W.ern nur ein Drittel davon gehörte, oder in Brixen, wo er im Dienst des Bf.s verschiedene Ämter innehatte. Burg → Rodenegg, nach der sich seine Linie später nannte, erhielt erst sein Sohn Oswald II. ab 1458 als landesfsl. Pflegschaft und erst dessen Sohn Veit 1491 von Kg. Maximilian als freies Eigen, was im MA Voraussetzung für die Erhebung in den Frh.enstand war, die wohl gleichzeitig oder kurz danach erfolgte. Das in der Literatur meist als Zeitpunkt der Standeserhöhung gen. Jahr 1476 kann urkundlich nicht verifiziert werden, und da seitens der kgl. Kanzlei die W.er erst ab 1492 als Frh.en bezeichnet wurden (erster Beleg 25. Juni 1492, HHStA Wien, Maximiliana, K. 1, Konv. 8, fol. 39), ist von einem Zusammenhang mit der Übereignung von → Rodenegg auszugehen. Neben den gen. beiden Hauptlinien gab es noch weitere, v.a. die Linie W.-Eberstein, die im ausgehenden 16. Jh. aus dem Erbe der Gf.en von → Eberstein eine reichsständische Herrschaft im nördlichen Schwarzwald und angrenzenden Gebieten erhalten hatte, auf dieser Basis 1628 in den Reichsgf.enstand erhoben wurde und 1695 ausstarb, und die Trienter Linie (1578-1826); beide gingen aus der Linie W.-Trostburg hervor und werden wie die weiteren Seitenlinien hier nicht mehr berücksichtigt. Die Erhebung der verschiedenen Linien in den Gf.enstand 1628/30 geht parallel zu einem im Vergleich mit anderen Tiroler Adelsgeschlechtern sehr hohen Niveau der w.ischen Repräsentationskultur gerade in der ersten Hälfte des 17. Jh.s. Wie andere katholische und ks.nahe Familien profitierten in dieser Zeit auch die W.er von der Rekatholisierung Böhmens und der niederösterr. Länder nach der Schlacht am Weißen Berg.
Linie W.-Rodenegg
Viele Mitglieder dieser Linie machten im Hofdienst Karriere. Oswald II. war seit 1458 Rat Ehzg. Sigmunds, und die Mehrzahl seiner Söhne trat schon in jungen Jahren in den Hofdienst dess. oder Ks. Friedrichs III. bzw. Ehzg. Maximilians. Hans von W. z. B. war Rat Ehzg. Sigmunds, Maximilian stellte ihm 1485 sogar die Landeshauptmannschaft in Aussicht (die er aber 1490, nachdem Maximilian Landesfs. geworden war, doch nicht erhielt), sein Bruder Sigmund war beim einen wie beim anderen Hofmeister. Andere hatten schon den jungen Maximilian nach Burgund begleitet, wie sein Kämmerer und Sebelmaister (Fechtlehrer) Balthasar, der 1484 in einem Streit getötet wurde (Tiroler LA, Rep. 10, S. 1733). Sein Bruder Georg starb 1488 in der Geiselhaft der aufständischen Flamen, in die er sich im Austausch für den gefangengenommenen Maximilian begeben hatte. Veit, der älteste der Brüder, der angeblich Maximilian in der Schlacht von Guinegate 1479 das Leben gerettet und eine bes. enge Beziehung zu ihm hatte, war schon in Burgund Inhaber wichtiger Ämter, u. a. Kämmerer, oberster Feldhauptmann (HHStA Wien, Maximiliana, K. 1, Konv. 3, fol. 13, 1. Okt. 1487), später auf mehreren Reichstagen kgl. Sprecher und in verschiedenen diplomatischen Missionen unterwegs. Als Veit 1498 starb, folgte ihm sein Bruder und Erbe Michael in der Stellung. Er war einer von Maximilians obersten Finanzverwaltern, seit 1500 Tiroler Landhofmeister, und erhielt von ihm kauf- oder pfandweise mehrere Herrschaften, v.a. 1501 die ehem. görzischen Gebiete in Osttirol mit Schloß → Bruck und der Stadt Lienz. 1518 wurde er wie vor ihm schon Veit in den Orden vom Goldenen Vlies aufgenommen. Seit dem Erwerb der Herrschaft Lienz lebte seine Familie überwiegend auf Schloß → Bruck, verfügte aber auch in der Innsbrucker Hofburg über eine repräsentative Wohnung. Im 16. Jh. galten die W.-Rodenegger als die reichste Tiroler Adelsfamilie mit Einkommen aus Eigen- und Pfandherrschaften und verschiedenen Ämtern, seit den 1560er Jahren auch aus wirtschaftlichem Engagement mit einem Kupferbergwerk in Prettau im Ahrntal und einem Messingwerk in Lienz. Christoph d.Ä. (1530-1600) war zeitw. tirolischer Vizestatthalter, oberösterr. Regimentsrat, Vertreter Ehzg. Ferdinands II. bei diversen Gelegenheiten und ab 1572 geheimer Rat. 1564 erhielt er zudem den Titel eines Reichsfrh.n. Er entwickelte eine beachtliche Sammel- und Mäzenatentätigkeit, bei der er sich an Ehzg. Ferdinand orientierte (→ Rodenegg). 1587 wurden die Besitzungen der Familie zu einer Art Fideikommiß, der bis 1808 bestand, zusammengeschlossen. Wirtschaftlicher Abstieg in der ersten Hälfte des 17. Jh.s (1609 Brand des Messingwerks, 1642 Konkurs) nötigte zur allmählichen Aufgabe der Pfandrechte auf Herrschaften und Gerichte. Nur der Besitz von Burg und Gericht → Rodenegg und der Häuser in Innsbruck konnte gehalten werden.
Linie W.-Trostburg
Auch viele Mitglieder dieser Linie, in der v.a. die Besitzungen im Grödnertal und seiner weiteren Umgebung verblieben und die um zahlr. weitere Güter in Südtirol vermehrt wurden, waren in habsburgischen Hofdiensten oder der Regierung und Verwaltung Tirols und der oberösterr. Länder tätig. Mit der Ehe von Michaels Sohn Hans mit Gf.in Margaretha von → Lupfen war die erste Verbindung der Familie zum höheren Adel gegeben. Sein Sohn Wilhelm II., der einzige lebende männliche Nachfahre Michaels in der ersten Hälfte des 16. Jh.s, wurde 1539 Statthalter der oberösterr. Regierung und 1559 Landeshauptmann an der Etsch. Seine vier überlebenden Söhne teilten zwar das Erbe, vermehrten es aber andererseits durch günstige Heiraten und gutes Wirtschaften. Mit den Karrieren der Linie W.-Rodenegg im 16. Jh. konnten sie insgesamt zwar nicht mithalten, wurden aber auch durch deren Konkurs im 17. Jh. nicht in Mitleidenschaft gezogen. – Die Grablege der Linie W.-Trostburg befindet sich in der von ihrem Ahnen Eckhard III. von Villanders gestifteten und von ihnen weiter dotierten Kirche St. Jodok zu Waidbruck.
Quellen
Bozen, Südtiroler Landesarchiv, Archiv Wolkenstein-Trostburg. – Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Archiv Wolkenstein-Rodenegg. Wolkenstein, Marx Sittich von: Landesbeschreibung von Südtirol. Innsbruck 1936 (Schlern-Schriften, 34). – Die Urkunden des Rodenegg-Archivs 1288-1340, hg. von Leo Santifaller, Innsbruck 1933 (Schlern-Schriften, 21).
Literatur
Baum, Wilhelm: Nikolaus von Kues und die Wolkensteiner, in: Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein Gesellschaft 3 (1984/1985) S. 133-161. – Classen, Albrecht: Die Familie Wolkenstein im 15. und frühen 16. Jahrhundert, in: MIÖG 96 (1988) S. 79-94. – Geschichte des Landes Tirol, hg. von Josef Fontana u. a., Bd. 1 und 2, Bozen 1985 f. – Jaider, Juliana: Marx Sittich von Wolkenstein und die »Tirolische Chronik«, Diss. [masch.], Innsbruck 1987. – Kühn, Dieter: Ich Wolkenstein. Eine Biographie, Frankfurt am Main 1977. – Die Lebenszeugnisse Oswalds von Wolkenstein. Edition und Kommentar, hg. von Anton Schwob, bisher 4 Bde., Wien u. a. 1999-2011. – Mück, Hans-Dieter: Ich Wolkenstein. 2 Bde., Bozen 2011. – Mück, Hans-Dieter/Müller, Ulrich: Gesammelte Vorträge der 600-Jahrfeier Oswalds von Wolkenstein, Seis am Schlern 1977, Göppingen 1978 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik, 206). – Noflatscher, Heinz: Räte und Herrscher. Politische Eliten an den Habsburgerhöfen der österreichischen Länder 1480-1530, Mainz 1999 (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Abt. Universalgeschichte, 161). – Die Wolkensteiner. Facetten des Tiroler Adels in Spätmittelalter und Neuzeit, hg. von Gustav Pfeifer und Kurt Andermann, Innsbruck 2009 (Veröffentlichungen des Südtiroler Landesarchivs, 30). – Schwob, Anton: Der deutschsprachige Wappenbrief Herzog Przemkos von Troppau für Oswald von Wolkenstein vom 5. Mai 1419, in: De consolatione philologiae. Studies in honor of Evelyn S. Firchow, Bd. 1, hg. von Anna Grotans u. a., Göppingen 2000 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik, 682), S. 359-367. – Schwob, Anton: Zum Grabstein Oswalds von Wolkenstein, in: Der Schlern 48 (1974) S. 298-300. – Schwob, Anton: Oswald von Wolkenstein. Eine Biographie. Bozen 1977. – Wiesflekker, Hermann: Kaiser Maximilian I. Das Reich, Österreich und Europa an der Wende zur Neuzeit, 5 Bde., München 1971-1986 (passim; bes. Bd. 5, München 1986, S. 251-254). – Wolkenstein-Rodenegg, Arthur Graf von: Oswald von Wolkenstein, Innsbruck 1930 (Schlern-Schriften, 7). – Wolkenstein-Rodenegg, Leonhard: Maximilian I. und die Südtiroler Herrschaft Rodenegg. Zur Schenkung dieses Landgerichts an Veit von Wolkenstein (1491). In: FS Nikolaus Grass. Zum 60. Geburtstag dargebracht von Fachgenossen, Freunden und Schülern. Bd. 1, Innsbruck, München 1974, 575-584.