WILD- UND RHEINGRAFEN
I.
1227 […] Lapidem; 1281 […] Castro de Lapide; 1292 in castro Ringravenstein; 1326 Hus zv Ringrevenstein; 1327 des Ringraven Steyn; 1328 burg des Ringrevestein […] hus des Ringrevenstein; 1336 zuͦ Ryngreuenstein vff der Buͦrg; 1342 Huß Ryngravenstein; 1363 Vesten Ringreuenstein; 1372 Ringreuenstein […] Vesten; 1496 Schloß zum Reingrauensteinn; 1514 schlos Ryngravenstein; 1697 Sein (sic!) a Rheingraviis derivans.
Burg R. war Teil der nach dem verwandtschaftlichen Zusammenschluß zwischen Rhein- und Wildgf.en durch die Heirat Rheingf. Johanns II. mit der Erbtochter des letzten Wildgf.en der Kyrburger Linie, Konrad (gest. 1350), entstandenen Güterkonglomeration. Seit dem 16. Jh. existierte eine eigene wild- und rheingfl. Seitenlinie mit Sitzen in R. und → Grumbach. Nach der Zerstörung der Burg R. 1688 verlegte der Zweig der → Wild- und Rheingf.en mit Sitz in R. unter Friedrich Wilhelm (1644-1706) seine Res. nach → [Gau-]Grehweiler, während der andere Zweig in → Grumbach blieb. Beide Seitenlinien existierten bis zum Ende des Alten Reichs bzw. dem Einmarsch frz. Truppen in die linksrheinische Pfalz am Ende des 18. Jh.s. Auch das vor 1722 errichtete Schloß R. war als Eigentum der Fs.en von → Salm- → Salm Teil der ursprgl. wild- und rheingfl. Besitzungen und ihrer Weiterentwicklungen und ging in frz. Zeit verloren.
II.
Der Burgfelsen von R. liegt unweit der Mündung der Alsenz im Nahetal und überragt den Ort Bad Münster am Stein-Ebernburg. Die Burg nahm den oberen Bereich des etwas nach hinten versetzten der beiden steil aufragenden Felsen ein, wobei sich am vorderen ein Mauerrest der mutmaßlichen Burg Affenstein erhalten hat. Von einer zugehörigen Siedlung ist nichts bekannt. Ein mutmaßlich zur Burg gehörender oder besser auf dem zugehörigen Gelände liegender Gutshof wurde vor 1722 zum Schloß ausgebaut bzw. dadurch ersetzt.
III.
Zum hoch- und spätma. Aussehen von Burg R. lassen sich kaum verläßliche Aussagen treffen. Der überkommene spärliche Baubestand läßt darauf schließen, daß die früheste Anlage im HochMA die Felsenspitze mit einem gegen die Bergseite vorgelagerten Halsgraben einnahm, wobei auf einem isolierten höheren Bereich viell. schon zu dieser Zeit ein wohnturmartiges Gebäude gestanden haben mag. Die früheste überlieferte historische Abbildung der Anlage – ein Kupferstich von Sebastian Furck von vor 1629 – zeigt noch immer genau diesen aus der Lage bedingten Zustand, wobei die abgebildeten Gebäude jedoch nun auch einen deutlichen Wohncharakter aufweisen. Inwieweit sich diese Situation in das MA rücktransferieren läßt, bleibt offen.
Die erst 1227 erwähnte Burg »Stein« (Lapis) wurde von Angehörigen eines Geschlechts mit Namen »von Stein« errichtet, von denen sich erstmals Eberhard von Stein 1135/36 nachweisen läßt. Nicht erklären läßt sich, daß die späteren Mitglieder einer Familie von Stein/de Petra/de Lapide in der zweiten Hälfte des 12. Jh.s nicht den Freien, sondern eindeutig den (Reichs-)Ministerialen zugeordnet werden. Durch die Heirat Siegfrieds vom Stein mit der Erbin der vom Erzstift Mainz zu Lehen gehenden Gft. im Rheingau, Lukardis, wurde beider Sohn Wolfram vor 1196 »Rheingf.« (Wolframmus comes Reni) und seine Burg damit zum »des Rheingf.en Stein«, auch wenn dieser Name erst knapp ein Jh. später belegt ist. Versuche der Rheingf.en, sich ihrer Lehnsbindungen an Mainz zu entledigen, scheiterten 1276 und 1279. Im Rahmen der nachfolgenden Verhandlungen sollten 1281 Rheingf. Siegfried und sein Sohn Werner ihre Burg Stein für Mainz öffnen. Erneute Auseinandersetzungen führten dazu, daß sich 1327 die Städte Mainz, Worms, Speyer und Oppenheim und Gf. Johann II. von → Sponheim-Kreuznach zu einer Landfriedensaktion gegen den R. verbündeten, der 1328 von Rheingf. Johann und den übrigen Burggemeinern den Landfriedensmitgliedern geöffnet werden mußte. Die Auseinandersetzungen des Jahres 1327 waren die Ursache dafür, daß sich von da an bis weit in das 15. Jh. hinein jedes neue Mitglied der Burggemeinschaft gegenüber den Gf.en von → Sponheim und den Ebf.en von Mainz zunächst mit den Regelungen des Öffnungsabkommens von 1328 einverstanden erklären mußte. Die große Anzahl dieser Verbriefungen gibt einen deutlichen Hinweis auf die Größe der Burggemeinschaft des R. im 14. und frühen 15. Jh.
Im SpätMA und damit zu wild- und rheingfl. Zeit war Burg R. ungeachtet einer zahlr. Burggemeinschaft Sitz des sog. »Steiner« oder »Kreuznacher« Amts der Wild- und Rheingft. Zwar schon seit Beginn des 15. Jh.s nicht mehr der Hauptsitz, blieb die Anlage aber weiterhin genutzt und bewohnt, wie sehr eindrucksvoll noch eine Vereinbarung des → Wild- und Rheingf.en Johann mit dem Augustinerinnenkl. St. Peter nahe dem heutigen Bad → Kreuznach aus dem Jahr 1499 belegt, gemäß derer dieses jährl. zu Weihnachten 32 Malter Hafer auf die Burg liefern sollte. 1515 an die → Wild- und Rheingf.en von → Dhaun gefallen, wurde der R. 1521 nach Besetzung durch Kfs. Ludwig von der Pfalz auf Befehl Ks. Karls V. an Wild- und Rheingf. Philipp zurückgegeben. Noch zu Beginn des 17. Jh.s mit Neubauten versehen, eroberten span. Truppen zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges unter dem Feldherren Ambrosio Spinola die Anlage. 1688 sprengten frz. Einheiten die Burg, welcher der Salinenbau im 18. Jh. weitere schwere Schäden zufügte. Die Überreste des R. wurden von 1978-1982 gesichert und saniert.
Angesichts dieser Sanierungsmaßnahmen und willkürlicher Vermauerung von Spolien noch im 20. Jh. sind die wenigen Baureste schwer einzuordnen. Erkennen läßt sich deutlich ein oberer Burgbereich mit dem heute völlig leergeräumten Aufsatzfelsen, der früher eine Art Wohnturm trug und durch einen angelehnten Treppenturm erreichbar war. Der wesentlich größere untere Burgbereich weist den Rest eines quadratischen Turms auf, der möglicherw. die Kapelle aufnahm, im unteren Teil aber wohl auch eine Zisterne. Neben einem kaum noch erkennbaren großen Wohnbau mit erhaltenem, aber sehr restauriertem tonnengewölbten Keller zeigt die Unterburg nur noch Spuren einer gegen die Bergseite gerichteten Schild- oder Mantelmauer und den durch eine neuzeitliche, aber auf älteren Pfeilern gelagerte Brücke überwundenen Halsgraben. Von der vor dem Graben ehem. existierenden Bebauung hat sich nichts erhalten.
Als mittelbarer Nachfolger für die gesprengte Burg entstand vor 1722 auf der sich bergseitig anschließenden Hochfläche das Schloß R., an dessen Stelle zuvor ein Gutshof gestanden hatte. Inwieweit es sich dabei um einen Um- oder einen gänzlichen Neubau handelte, bleibt unbekannt. Die wenig große Anlage besteht aus mehreren, um einen rechteckigen Schloßhof sich gruppierenden Gebäuden, von denen der Hauptbau mit einem Saal deutlich in den Vordergrund tritt. Die restlichen Bauten mit Stallungen zeigen das Bestreben der Eigentümer, eine bescheidene Hofhaltung in Betrieb zu nehmen, was aber kaum als Res. angesprochen werden kann. Als letzter Angehöriger der wild- und rheingfl. Familie bewohnte Fs. Franz von → Salm- → Salm (1801-1842) das Schloß, das nach weiteren Umbauten am Ende des 19. Jh.s von seinen Erben durch Verkauf an die Stadt → Kreuznach kam.
Quellen
Siehe A. Wild- und Rheingrafen.
Literatur
Siehe auch A. Wild- und Rheingrafen. – Europäische Stammtafeln, hg. von Detlev Schwennicke. NF, Bd. 4: Standesherrliche Häuser I, Marburg 1981, Taf. 96a und b. – Gerlich, Alois: Rheingrafen, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte, hg. von Adalbert Erler, Ekkehard Kaufmann u. a., Bd. 4, Berlin 1990, Sp. 1015-1017. – Kohl, Otto: Das Rheingrafenschloß bei Kreuznach und sein hölzerner Wappenhalter, in: Der Burgwart 19 (1918) S. 29 f. – Möller, Walther: Stamm-Tafeln westdeutscher Adels-Geschlechter im Mittelalter. NF, Tl. 1, Darmstadt 1950, S. 54-56 mit Taf. 37. – Thon, Alexander: Affenstein bei Rheingrafenstein, in: Pfälzisches Burgenlexikon, hg. von Jürgen Keddigkeit, Alexander Thon u. a., Bd. 1: A-E, 3., überarb. Aufl., Kaiserslautern 2007 (Beiträge zur pfälzischen Geschichte, 12,2), S. 66-68. – Thon, Alexander/Wenz, Martin: Rheingrafenstein, in: Pfälzisches Burgenlexikon, hg. von Jürgen Keddigkeit, Alexander Thon u. a., Bd. 4,1: O-Sp, Kaiserslautern 2007 (Beiträge zur pfälzischen Geschichte, 12,2), S. 242-258. – Wagner, J[ohann]: Urkundliche Geschichte der Ortschaften, Klöster und Burgen des Kreises Kreuznach bis zum Jahre 1300, Kreuznach 1909, S. 121-136.