WILD- UND RHEINGRAFEN
I.
Der größere und ältere Teil des heutigen Orts Gaug., damals Niederg. gen., war seit dem Ankauf durch Adolf, Gf. von → Salm und Wild- und Rheingf. der Linie → Grumbach und → Rheingrafenstein (1585-1621) i.J. 1597 in wild- und rheingfl. Besitz. Nach der Zerstörung von Burg → Rheingrafenstein 1688 wurde G. von Friedrich Wilhelm (1644-1706), Johann Karl Ludwig (1686-1740) und Karl Magnus (1718-1793) als Res. der gfl. Seitenlinie mit dem Namenszusatz zu G. genutzt, ohne daß sich für die ersten fünf Jahrzehnte ein Res.bau konkret nachweisen ließe. Ob in dieser Zeit auf ein erstmals, aber auch einzig für 1456 nachgewiesenes sloß der Hzg.e von Pfalz-Zweibrücken als Vorgängeranlage zurückgegriffen wurde, bleibt angesichts fehlender Belege völlig offen. Erst 1749 wurde unter Karl Magnus mit einem groß angelegten Schloßneubau begonnen, der allerdings nicht vollendet wurde und in seiner rudimentären Ausführung nur für wenige Jahrzehnte Bestand haben sollte.
II.
Schloß G. lag im gleichnamigen Ort in der Nordpfalz im heutigen Donnersbergkreis (Verbandsgde. Alsenz-Obermoschel, Rheinland-Pfalz). Inwieweit und in welchem Ausmaß die Einw. des Orts G. und die kleine Gft. generell und im Einzelnen zu Abgaben verpflichtet waren, bleibt noch zu erforschen. Tatsächlich waren die Einnahmen jedenfalls für die offensichtlich aufwendige Hofhaltung nicht ausreichend, so daß 1770 die gesamte Gft. wg. Überschuldung unter kommissarische Verwaltung gestellt und 1773 Zwangsversteigerungen von Hausrat, Geräten und der Orangerie vorgenommen wurden. Karl Magnus selbst wurde 1775 auf Befehl Ks. Josephs II. wg. des Vorwurfs der Verschwendung und des Mißbrauchs seiner landesherrlichen Gewalt für zehn Jahre auf der zur Festung ausgebauten Burg → Königstein im Taunus inhaftiert, aber bereits nach gut sechs Jahren entlassen.
In baulicher Hinsicht wurde der im Sinne eines Res.orts gedachte enge Konnex zwischen Siedlung und Schloß an Hand von durchgreifenden baulichen Maßnahmen wohl schon Ende des 17. Jh.s, aber insbes. im 18. Jh. deutlich, als neben dem Schloßneubau auch das Ortsbild eine entscheidende Neuprägung erfuhr. Neben dem Marktplatz als Zentrum der geplanten Res. wurden ganze Häuserzeilen neu und einheitlich gestaltet, die teilw. in ihrer Ausformung auch auf die soziale Differenzierung der Bewohner schließen lassen mögen. Hinzu traten funktional eindeutig zu bestimmende Gebäude wie ein weiteres herrschaftliches Wohnhaus, das umgebaute Pfarrhaus, der ehem. Zehnthof, Amtshaus, Kanzlei, Stallmeisterwohnung, Marstall, Waisenhaus und eine Kattunfabrik. Der zwar schon fortgeschrittene, aber nicht vollendete Ausbau von Schloß und Ort kam jedoch durch die Zahlungsunfähigkeit des Gf.enhauses schon bald und spätestens 1770 zum Stillstand. Nach der Besetzung durch frz. Revolutionstruppen 1792 wurden die Schloßgebäude schließlich nach der Versteigerung 1804 in der Folgezeit abgebrochen.
III.
Wie die noch erhaltenen Entwurfspläne von Johann Leonhard Reichel aus dem Jahr 1747 zeigen, war eine hufeisenförmige Anlage nach Art des zu dieser Zeit durch Friedrich Joachim Stengel neu erbauten und fast vollendeten Saarbrücker Schlosses geplant, die ein Corps de logis mit Mittelrisalit als Haupttrakt und zwei daran anschließende gleichmäßige, niedrigere Seitenflügel umfaßten. Was davon tatsächlich bis zur Einstellung der Arbeiten errichtet wurde, bleibt unklar, doch scheinen zumindest das Corps de logis und der rechte Seitenflügel vollendet worden zu sein. Ungeachtet der noch fehlenden Baumaßnahmen belegen die vom Eigentümer Karl Magnus genannten Gebäude wie Handwerksgebäude, Waschhaus, Kutschen-Remise, Orangerie, Marstall, Brauhaus, Lusthaus, Fasanerie und Tiergarten deutlich seine Ambition einer frz. Vorbildern nacheifernden Hofhaltung. Dazu gehörten zumindest zeitw. 39 Personen (1758) seines Hofstaats, darunter Hutmacher und Goldschmied sowie ein bescheidenes Militärkontingent von 14 Mann. Für den sich südlich anschließenden terrassierten Schloßgarten schuf der kurpfälzische Hofbildhauer Peter Anton von Verschaffelt (1710-1793) eigens Skulpturen.
1792/93 wurde die Anlage von frz. Revolutionstruppen beschädigt und 1804 von der frz. Regierung zusammen mit der dazu gehörenden Schmiedewerkstatt, der Kutschen-Remise, einer Sattler-Wohnung, der Hofreitschule sowie einem kleinen Baumgarten, einem Lustgarten und weiteren Zubehörden für 15 000 Francs an drei Privatpersonen versteigert, womit sich die wild- und rheingfl. Seitenlinie und ihre Herrschaft in G. erledigte. In der Nachfolgezeit sorgten Aufteilungen des Schloßgeländes und Neubebauung dafür, daß sich heute kaum aufgehendes Mauerwerk und überhaupt nur wenige Baureste erhalten haben, darunter nennenswert kreuz- und tonnengewölbte Kellerräume von Haupt- und Seitengebäude (Neustraße 1 und 9 sowie Hauptstraße 26).
Quellen
Siehe auch A. Wild- und Rheingrafen. – Friedrich Ch. Laukhard, Leben und Taten des Rheingrafen Carl Magnus […], Leipzig 1798 [veränd. ND in: Politische und religiöse Zustände in der Pfalz im 18. und 19. Jahrhundert, Tl. 1, hg. von Lothar Baus, 2., erw. Aufl., Homburg/Saar 2006]. – Urkunde zur Geschichte des Schlosses Grehweiler, mitget. von L[orenz] Kampfmann, in: Nordpfälzer Geschichtsverein 20 (1929) S. 93 (zur Vorgängeranlage).
Literatur
Siehe auch A. Wild- und Rheingrafen. – Dhom, Emil: Gaugrehweiler und sein Rheingrafen-Schloß. Eine kleine Ortsgeschichte, Imsweiler 1983. – Donnersbergkreis, bearb. von Dieter Krienke, Worms 1998 (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz, 14), S. 62-64, 66 f. – Drescher, K[ ]: Die Herrschaft Grehweiler unter den drei letzten Rheingrafen, in: Nordpfälzer Geschichtsverein 27 (1936) S. 25-31. – Gärtner, P[eter]: Geschichte der bayerisch-rheinpfälzischen Schlösser […], 2 Bde., Speyer o.J. [1854/55], hier Bd. 2, [1855], S. 64 f. – Klug, Ernst: Friedrich Christian Laukhard und das Finanzwesen der Rheingrafen zu Gaugrehweiler, in: Mitteilungsblatt zur rheinhessischen Landeskunde 17 (1968) S. 405-412. – Stammler, Rudolf: Der Wild- und Rheingraf Carl Magnus 1744-1795, in: Deutsches Rechtsleben in alter und neuer Zeit, ges. und bearb. von Dems., 2 Bde., München 1928-1932, hier Bd. 1, 1928, S. 345-356. – Thon, Alexander: Gaugrehweiler, in: Pfälzisches Burgenlexikon, hg. von Jürgen Keddigkeit, Alexander Thon u. a., Bd. 2: F-H, Kaiserslautern 2002 (Beiträge zur pfälzischen Geschichte, 12,2), S. 170 f. (insbes. zur Vorgängeranlage). – Zepp, Eugen: Aus der Residenzzeit Gaugrehweilers, in: Donnersberg-Jahrbuch 6 (1983) S. 112-117. – Zimmermann, Walther: Die ehemaligen Schloßbauten der Wild- und Rheingrafen zu Wörrstadt, Gaugrehweiler und Kirn, in: Aus Mittelalter und Neuzeit. Gerhard Kallen zum 70. Geburtstag, hg. von Josef Engel und Hans M. Klinkenberg, Bonn 1957, S. 337-350, hier S. 343-345.