Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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WERTHEIM

C. Breuberg

I.

Bruberc (1200), Prewberg (1320), Bruberg/Bruburg (1323). Burg B. wurde als Höhenburg nach der Mitte des 12. Jh.s raumbeherrschend über einer Schleife der Mümling zum Schutz der dem Kl. Fulda gehörenden Cent Höchst im Odenwald errichtet, womöglich sogleich in dessen Auftrag von den Reiz von Lützelbach, die sich jedenfalls ab ca. 1220 Reiz von B. nannten und die Ihnen übertragenen Vogteibefugnisse zu einer von der Abtei Fulda lehenrührigen Territorialherrschaft ausbauten, auch dank des reichspolitischen Engagements seiner beiden letzten Vertreter, Gerlach und Eberhard III. (1272/1306/1323). Die Herren von B. nutzten die Burg als Verwaltungsmittelpunkt und Res. Nach Ihrem Erlöschen fiel die Herrschaft über Erbtöchter anteilig den Häusern → Eppstein, Trimberg, → Weinsberg und → Wertheim zu. Als Res. diente die Burg wieder der 1398 begründeten Seitenlinie der Gf.en von → Wertheim seit 1407, als diese drei Viertel der Herrschaft auf sich vereinigt hatten; 1489/97 wurde das letzte Viertel an sie abgetreten. Als die in → Wertheim residierende Hauptlinie 1497 ausstarb, wurde Burg B. Hauptres. bis zum Tod des letzten Gf.en 1556. Danach wurden Burg und Herrschaft hälftig geteilt; 1563 trat das Gf.enhaus → Erbach seine, 1598 Gf. Ludwig III. von → Löwenstein-Wertheim schließlich die andere Hälfte an. Für beide Häuser diente die Burg künftig als Nebenres. bis zur Besetzung durch frz. Truppen 1743.

II.

Burg B., auf einem auf drei Seiten steil abfallenden, 306 m hohen Zeugenberg über dem dort in 147 m Höhe verlaufenden Mümlingtal, verfügt über eine fortifikatorisch hervorragende Lage. Der anstehende rote Buntsandstein war dem Bau und seiner Ausgestaltung förderlich. Gut zu kontrollieren war die Straße im Mümlingtal, die an dieser Stelle jedoch als aus dem Odenwald nordostwärts herausführende Verkehrsverbindung nur untergeordnete Bedeutung hatte. Oberhalb und verkehrsgünstiger an der N-S-Verbindung lag das um 1200 gegr. und über seinen Propst mit Kl. Fulda verbundene Augustinerinnenkl. Höchst. Erst in der zweiten Hälfte des 14. Jh.s wurde auf Betreiben Gf. Johanns I. von → Wertheim aus dem Tal B. unter Einbeziehung des Dorfes Rosental eine planmäßige Siedlung auf dem schmalen Streifen zwischen Mümling und dem Fuß des B. angelegt und 1378 von Ks. Karl IV. mit Marktrecht nach Gelnhäuser Vorbild für beide Ortsteile versehen; Gf. Johann I. wurde zudem dort ein Hochgericht verliehen. Dieser bald Neustadt gen. Ort, eine Minderstadt, wurde 1455 erstmals als Stadt bezeichnet; er war zugl. Mittelpunkt des »Gerichtsstabs Neustadt«. 1441 ist dort eine Pfarrei bezeugt; die PfK. gehörte zum Archidiakonat St. Peter und Alexander in Aschaffenburg der Mainzer Erzdiöz. 1455 wurde eine St. Georgsbruderschaft gegr. Höheren Rang behielt die ältere Pfarrkirche im nahegelegenen Sandbach, die den → Wertheimer Gf.en der Linie B. als Grablege diente.

Neustadt als Nahmarkt mit noch erhaltenem hölzernen Marktkreuz genoß die bes. Fürsorge der Herrschaft, die streng auf die Einhaltung des Marktrechts sah. 1417 ist bezeugt, daß Gelnhausen von Neustadt tatsächlich als Oberhof in Anspruch genommen wurde. Das kleinstädtische Sozialgefüge war bestimmt durch Handwerker und Ackerbürger; 1437 ist ein Jude bezeugt, 1469 drei weitere. Die Beziehungen zum Hof auf Burg B. lassen sich dank der früh einsetzenden Rechnungsüberlieferung gut dokumentieren; in Neustadt gab es demnach im 15. Jh. Schmiede, Bäcker, Metzger, Maurer, Schuhmacher, Wagner und Bader. Die Einw. waren der Herrschaft lediglich bedepflichtig. Von kommunalen Verwaltungsorganen ist nichts bekannt; der Schultheiß, dem ein Stadtknecht zur Seite stand, hatte die Belange des Stadtherrn zu vertreten; er unterstand wie die Schultheißen der drei Centbezirke der Herrschaft dem Amtmann auf B.

III.

Die Baugeschichte der Burg B. läßt sich in drei Phasen gliedern: Zunächst entstand im 12. und 13. Jh. auf der obersten Kuppe eine Randhausanlage mit mind. zwei (verlorenen bzw. umgestalteten) Wohngebäuden, in der Mitte freistehendem Bergfried und westseitig einem Tor in einer Rechteckblende mit Rundbogenfries wie für einen Sakralbau. Ab dem 14., bes. im 16., Jh. wurde die Ringmauer dieser Kernburg fast geschlossen bebaut, um den Wohn- und Verwaltungsbedürfnissen des bzw. der Burgherren Rechnung tragen zu können. Ab dem 15. Jh. entstand westlich an die Kernburg halbrund angelagert eine mit einer Toranlage versehene Vorburg, deren Bauten, z.T. Ruinen, dem 16. und 17. Jh. entstammen; sinngemäß ergänzt wird sie durch einen die Kernburg umlaufenden turmlosen Zwinger. 1482 entstand als Teil eines nicht ausgeführten weiteren Zwingers um die Kernburg ein Rondell im S, 1504 ein weiteres im O. Wohl zwischen 1503 und 1515 wurde die Burg für den Geschützkampf ertüchtigt, und zwar durch Anlage von zwei Geschütztürmen mit verbindender Mauer auf der Angriffsseite im W; der Graben vor der Vorburg wurde dabei belassen, das Gelände davor aufgefüllt, daher die Bezeichnung »Schütt«.

In der Kernburg steht auf der Nordseite zunächst ein im 16. Jh. als »alte Kemenate« bezeichneter Wohnbau mit hohem Treppengiebel des 15. Jh.s; sein Erdgeschoß birgt einen gegen 1560 angelegten 80 m tiefen Brunnen, der eine 1357 erwähnte Zisterne ablöste. Hier könnte sich der Kachelofen »in der großen Stube« befunden haben, dessen Reparatur die Rechnung von 1477 meldet. Es folgt der gegen 1600 für Wohnzwecke der Teilherren Gf.en von → Löwenstein- → Wertheim errichtete »Neubau«, mit ehem. der Hofküche im Erdgeschoß und mit geräumigen Kellern. Die Nordostecke wird ausgefüllt durch die in gotischer Zeit errichtete und 1695 stark veränderte Kapelle. Ausweislich einer Rechnung wurde dort 1411 u. a. ein Gestühl für die Herrschaft errichtet, was eine neue Weihe erforderlich machte; 1415 wurde Geld für die Ausmalung ausgegeben; Altäre waren damals den Hll. Pankratius und Elisabeth geweiht. An der Ostseite folgt der »Obere Saalbau«, ein im 15. Jh. wohl unter Verwendung älterer Teile errichtetes Gebäude, dessen Obergeschoß Gf. Michael III. von → Wertheim 1553 zu einem Festsaal mit spätestgotischem Maßwerk und einem Aussichtserker mit Netzgewölbe umbauen ließ. Der 1426/27 in einer Rechnung gen. »Saal« dürfte hier zu suchen sein An die Südseite der Ringmauer ließen sich 1568 zwei Gf.en von → Erbach ein Herrenhaus errichten. Westwärts gegen das Tor folgen zwei Verwaltungsbauten, die Rentschreiberei von 1475 und die »Münze«, die vor ihrer kurzen Verwendung für diesen Zweck (1621) als Archivbau gedient haben könnte. Die in Rechnungen des 15. Jh.s belegten Dienst- und Wohnräume des Vogts und des Kellers sind hier zu vermuten. Von den formal und hinsichtlich der Erschließung einmal aufeinander abgestimmt gewesenen Gebäuden der Vorburg ist nur noch der nach seinem Bauherrn Johann-Casimir (Gf. von → Erbach) benannte, 1624 vollendete Bau unter Dach; sein Obergeschoß birgt einen Rittersaal mit einer Stuckdecke in hoher Qualität; sie zeigt eine Ahnenprobe des Bauherrn und Darstellungen aus der klassischen Mythologie. Daran schloß sich der zerstörte »Föppelsbau« an, der den löwensteinischen Mitherrn für Kanzlei- und Verwaltungszwecke diente und nach einem Beamten benannt wurde. An der Nordwestecke ist das 1528 im Auftrag von Gf. Michael II. von → Wertheim in frühen Renaissanceformen erbaute Wertheimer Zeughaus teilw. erhalten geblieben; als Bildhauer und Architekt belegt ist der Wertheimer Hans Steinmüller, der wohl auch für andere Baumaßnahmen jener Zeit auf der Burg in Anspruch genommen werden kann. Im Bereich der »Schütt« befanden sich außer dem schlichten Erbacher Zeughaus Neben- und Wirtschaftsgebäude. Rechnungen geben über den Betrieb dort ausführlich Auskunft. Die Res.architektur auf Burg B. ist geprägt von den Zeiten der Mehrherrigkeit und von der gleichzeitigen Bewältigung der Verwaltungsfunktionen auf engstem Raum. Neben aufsehenerregenden modernen bzw. künstl. hochwertigen Bau- und Ausstattungsleistungen findet sich auch Mittelmaß.

Quellen

Siehe A. Wertheim, B. Wertheim und C. Wertheim; ferner: Ehmer, Hermann: Regesten der Urkunden des Frauenklosters Höchst im Odenwald, in: Beiträge zur Erforschung des Odenwalds und seiner Randlandschaften 7 (2005) S. 59-112.

Biller, Thomas: Burgen und Schlösser im Odenwald. Ein Führer zu Geschichte und Architektur, Regensburg 2005, S. 180-186. – Dötsch, Anja/Ottersbach, Christian: »…daß Geschütz desto beßer zu plantiren«. Neues zur Baugeschichte der Burg Breuberg im 16. und 17. Jahrhundert, in: Burgenforschung. Europäisches Correspondenzblatt für interdisziplinäre Castellologie 1 (2010) S. 219-264. – Kunstdenkmäler im Großherzogtum Hessen. A. Provinz Starkenburg, Kreis Erbach, bearb. von Georg Schaefer, Darmstadt 1891. – Müller, Wilhelm: Hessisches Ortsnamenbuch, Bd. 1: Starkenburg, Darmstadt 1937. – Röder, Alexander/Becher, Wolfram/Weber, Hans H.: Burg Breuberg im Odenwald, hg. im Auftrag des Breuberg-Bundes von Winfried Wakkerfuss, 7. Aufl., Breuberg 1996. – 600 Jahre Stadt am Breuberg. Bausteine zur Geschichte der Stadt Breuberg, hg. von Hans H. Weber, Breuberg 1978.