Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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WERNIGERODE

C. Wernigerode

I.

Burg und Stadt W. am Nordrand des Harzes zwischen Goslar und Halberstadt stellten seit dem Erwerb von Gütern und Herrschaftsrechten am Nordharz zu Beginn des 12. Jh.s den konkurrenzlosen Herrschaftsmittelpunkt der Gf.en von Haimar-von → W. dar. Bis zum Aussterben der Gf.en von → W. 1429 war die gleichnamige Burg über der Stadt Sitz des Gf.engeschlechts.

II.

Die Siedlung W. wird erstmals 1121 in den Quellen erwähnt. Möglicherw. wurde die Rodungssiedlung am Zusammenfluß von Zillierbach und Holtemme um die Kirche St. Georg bald nach 800 durch Warin, Abt von Corvey, gegr. Die Siedlung lag verkehrsgünstig an der Kreuzung einer von Goslar nach Halberstadt und Quedlinburg führenden Straße mit der quer über den Harz führenden Verbindung zwischen Braunschweig und Erfurt.

Zu Beginn des 12. Jh.s legten die Gf.en von → W. südöstlich der Pfarrkirche St. Georg einen Herrenhof an (im Gebiet der heutigen Marktstraße), der später Sitz des gfl. Vogtes und – dies ist aber erst für die Frühe Neuzeit zu belegen – der gfl. Kanzlei wurde.

Entlang der Fernstraße von Goslar nach Halberstadt entwickelte sich im 12. Jh. eine Kaufmannssiedlung um die Nikolaikirche, an der über den Harz nach Erfurt führenden Straße eine Marktsiedlung mit der späteren Liebfrauenkirche. Die Gf.en bestätigten 1229 eine Kaufmannsgilde in W. und verliehen dieser das Goslarer Recht. 1265 ist erstmals ein Stadtrat für die Altstadt belegt (in der Neustadt seit 1379). 1362 wurde die Altstadt aus dem Sprengel des Landvogtes ausgegliedert, die nun einem Stadtvogt unterstellt wurde, der Bürger der Stadt sein mußte. Seit 1388 sind Bürgermeister belegt. Seit dem 12. Jh. war die Altstadt von Wallanlagen umgeben, die seit Anfang des 13. Jh.s durch eine steinerne Mauer ersetzt wurden. Um 1270 entstand nördlich der älteren Siedlung eine Neustadt, die bis zur Vereinigung mit der Altstadt 1529 eine eigenständige stadtherrliche bestimmte Verfassung hatte (Stadtrechtsverleihung an die Neustadt aber erst 1410). W. hatte im MA etwa 2500 Einw. Bedeutende Wirtschaftsfaktoren waren der Fernhandel und die Tuchherstellung. Seit 1310 ist zudem eine Kupferhütte nachzuweisen, die auf die steigende Bedeutung des Erzbergbaus verweist. Die Beziehungen der Stadt zum Gf.enhaus sind als konfliktfrei zu beschreiben. Alt- und Neustadt blieben der Gerichtshoheit der Gf.en unterworfen. Seit Mitte des 14. Jh.s tritt die Altstadt als Darlehensgeber und Bürge für das Gf.enhaus in Erscheinung.

III.

Neben dem schon erwähnten Herrenhof sind die Gf.en von → W. v.a. durch das von ihnen gegr. Silvesterstift architektonisch in der Stadt präsent gewesen. 1265 wandelten sie die alte Stadtpfarrkirche St. Georg in ein Chorherrenstift um, dem das Patrozinium des Hl. Papstes Silvester verliehen wurde. Die Pfarrfunktion wurde auf die neuerrichtete Liebfrauenkirche übertragen. Der dreischiffige Bau mit basilikalem Grdr. wird um 1230 erstmals erwähnt. Mit der Umwandlung in das Chorherrenstift fällt die Erweiterung des Baus durch einen gestreckten rechteckigen Chorraum zusamme. Um 1500 erfolgt ein Umbau der Kirche, bei dem die ursprgl. Rundbögen der Mittelschiffarkaden in Spitzbögen umgewandelt wurden und die Seitenschiffe verbreitert wurden. Gleichzeitig erfolgte der Anbau einer gfl. Loge an der Nordseite des Chores. Der heutige Westturm ersetzte 1880 die ursprgl. Doppelturmfassade. Spätestens seit der Umwandlung der Stadtpfarrkirche in ein Stift befand sich hier die Grablege der Gf.en von → W. Erhalten haben sich neben einem Ritzgrabstein eines gfl. Ehepaars um 1300 die Grabsteine Konrads III. (gest. 1339), Konrads V. (gest. 1407) und Heinrichs (gest. 1429), des letzten Gf.en von → W. Die Umwandlung der Pfarrkirche in ein Res.stift legt jedoch nahe, daß diese schon zuvor vom Gf.enhaus als Grablege genutzt wurde. Wann diese das Hauskl. Ilsenburg als Ort der Grablege abgelöst hat, ist bislang ungeklärt. Neben den Grabmonumenten ist in St. Silvester noch eine Altartafel aus der Mitte des 15. Jh.s mit Darstellung des Stifterpaares, des letzten Gf.en Heinrich von W. (gest. 1429) und seiner Gemahlin rechts und links des Kruzifixes erwähnenswert. Das Epitaph für den 1386 als Landfriedensbrecher hingerichteten Dietrich von W., das heute in St. Silvester hängt, befand sich ursprgl. in der Georgs-Kapelle des Leprosenhauses von W.

Ursprgl. im Besitz der Gf.en war das nördlich von St. Silvester 1420 errichtete »Spielhaus auf dem Weinkeller«. Aus den Bedingungen, unter denen der letzte → W.er Gf. dieses 1427 der Stadt schenkte, läßt sich dessen ursprgl. Funktion erahnen. Der Gf. behält sich vor, daß er und seine Nachkommen und Erben auch nach der Übertragung an die Stadt das Spielhaus für Tanz und Fastenschmaus nutzen und dort gelegentlich Recht sprechen dürfen. Das ehem. gfl. Spielhaus wird nach Umbauten am Ende des 15. Jh.s ab 1541 von der Stadt als Rathaus benutzt, nachdem das 1410 erstmals erwähnte alte Rathaus auf dem Marktplatz 1528 abgebrannt war. In der Stadt lag zudem ein gfl. Kornhaus, das die Stadt jedoch schon 1417 erworben hatte.

Die 1213 erstmals in den Quellen gen. Burg hoch über der Stadt wurde wohl zwischen 1110 und 1120 erbaut. Ende des 15. Jh.s (Vorhangbogenfenster im Innenhof) sowie 1518 und 1534 (Renaissance-Treppenturm) erfolgten starke Umbauten, die v.a. dem Ausbau der Verteidigungsanlagen dienten. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde die Burg erneut den veränderten Nutzungsbedingungen angepaßt. 1862-1884 schließlich wurde eine tiefgreifende Umgestaltung im Geiste des Historismus vorgenommen, deren Ergebnis die heutige Baugestalt ist. Von der ma. und frühneuzeitlichen Anlage haben sich die äußere und innere Ringmauer (13./14. Jh.), ein Wehrgang (1495/1500) und schließlich das sog. Steinerne Haus erhalten. Letzteres weist trotz der Neugestaltung 1862/63 im Kern ma. Bausubstanz auf. Die Burgkapelle ist durch die Nennung eines capellanus in castro 1259 urkundlich belegt. Geweiht war sie den Hll. Pantaleon und Anna. Auch sie wurde im 19. Jh. komplett umgebaut, befand sich aber wohl auch zuvor an der heutigen Stelle, in der Nordwestecke der Burganlage.

An der Bedeutung der Burg über W. als Zentrum der gfl. Herrschaft und des gfl. Haushaltes besteht seit dem HochMA kein Zweifel. Über die konkrete Nutzung der Burganlage und die Organisation des Hoflebens auf der Burg liegen für die Zeit vor dem Aussterben des → W.er Gf.enhauses 1429 jedoch keine Nachrichten vor. Die Existenz des gfl. Spielhauses in der Altstadt von W. belegt jedoch, daß ein Teil des gesellschaftlichen Lebens am Gf.enhof in W. stattfand. Besser unterrichtet ist man über die Ausgestaltung der Res. in W. zur Zeit der Gf.en aus dem Hause → Stolberg. War W. im 15. Jh. fast dauerhaft verpfändet, so daß keine Nutzung durch die Stolberger anzunehmen ist, so wird W. in der ersten Hälfte des 16. Jh.s zur Nebenres. der Gf.en zu → Stolberg. Erst 1589 wird W. mit dem Herrschaftsantritt von Wolfgang Ernst zu → Stolberg.Res. einer Nebenlinie der Stolberger Gf.en. In dessen Regierungszeit fällt die Anlage eines Landschaftsparks mit Lusthaus und Springbrunnen am Fuße der Burg, nachdem schon für das 15. Jh. ein Tiergarten belegt ist. Wolfgang Ernst begründete auch die Bibliothek von W., die in der Folge zu einer der bedeutendsten Adelsbibliotheken der Region heranwächst. Im Dreißigjährigen Krieg wird W. zugunsten des Schlosses in Ilsenburg verlassen. Unter Christian Ernst zu → Stolberg- W. (1710-1771) wird W. dann wieder dauerhaft zur Res. der neu begründeten Linie → Stolberg- W.

Siehe auch A und B. – Brückner, Jörg: Residenzstadt Wernigerode. Herrschaftliche Bauten eines früheren Fürstensitzes am Fuße des Brockens, Halle an der Saale 2001. – Bednarz, Ute/Neumann Helga: Art. »Wernigerode«, in: Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Sachsen-Anhalt, Tl. 1: Der Regierungsbezirk Magdeburg, bearb. von Ute Bednarz und Folkhard Cremer, München u. a. 2002, S. 992-1009. – Schwineköper, Berent: Art. »Wernigerode«, in: Handbuch der Historischen Stätten, Bd. 11: Provinz Sachsen, Anhalt, hg. von Berent Schwineköper, Stuttgart 1975, S. 493-495.