Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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WERNIGERODE

A. Wernigerode

I.

1121 erscheint erstmals ein Adelbertus comes de W. in der Zeugenreihe einer Urk. Bf. Reinhards von Halberstadt. Die Forschung hat diesen mit einem zwischen 1103 und 1117 im Hildesheimischen belegten Gf.en Adelbertus de villa Heymbere (Haimar, heute Stadtteil von Sehnde südöstlich von Hannover) identifiziert. Wie der Spitzenahn der Gf.en von W. in den Besitz von Gütern und Rechten am Nordharz kam, ist bislang nicht eindeutig zu klären. Denkbar ist, daß diese durch Kauf von den Pfgf.en von Goseck erworben wurden. Bis zum Ende des 14. Jh.s besaßen die Gf.en von W. bedeutenden Grundbesitz in der Umgebung ihres alten Stammsitzes Haimar. Daß sie sich in der Folge der Erwerbungen am Harz nach der oberhalb der gleichnamigen Siedlung errichteten Burg → W. benannten, verweist auf eine Verlagerung des Herrschaftsschwerpunktes, die nur durch die Bedeutung der Neuerwerbung erklärt werden kann.

II.

Der Forschungsstand läßt zur Zeit noch keine genaueren Aussagen über den ursprgl. Umfang der gfl. Besitzungen und Herrschaftsrechte um W. zu. Güter am Harzrand zwischen W. und Ilsenburg scheinen Allod der Gf.en aus dem vormaligen Besitz der Pfgf.en von Goseck gewesen zu sein. Der Forstbann über Teile des Harzwaldes bis zum Brocken war ursprgl. Reichslehen. Bestandteile des Herrschaftsbereiches der Gf.en von W. war auch die Vogtei über das Kl. Ilsenburg, die sie von den bis 1129 nachzuweisenden Edelherren von Veckenstedt übernommen hatten sowie über das Kl. Drübeck. Einig ist sich die ältere Forschung jedoch darin, daß die Gf.en von W. ursprgl. am Nordharz nicht über Gft.srechte im eigtl. Sinne verfügten. Diese konnten erst 1343 nach langjährigem Ringen mit den benachbarten Gf.en von → Blankenburg- → Regenstein erworben werden. Dieser Sieg über die benachbarten → Blankenburg-→ Regensteiner war zugl. mit einem enormen Gebietszuwachs verbunden.

Die Gft. W. wird 1268 den Mgf.en von Brandenburg zu Lehen aufgetragen. Als Sühne im Zusammenhang einer Fehde mit Magdeburg kam es jedoch 1381 zu einer erneuten Lehnsauftragung, diesmal an die Ebf.e von Magdeburg. Die sich daraus ergebenden Streitigkeiten zwischen den beiden konkurrierenden Lehnsherren wurden 1449 im Zinnaer Vertrag zugunsten Brandenburgs entschieden.

III.

Wappen: Im silbernen Feld zwei rote zugewendete Fische (Forellen).

Die Grablege der Gf.en von W. ist seit etwa 1300 in St. Silvester in → W. belegt. 1265 wurde die ursprgl. Pfarrkirche St. Georg auf dem Klint in der Wernigeröder Altstadt in ein Chorherrenstift umgewandelt, das das Patrozinium des Hl. Silvester annahm. Die Pfarrrechte wurden bei diesem Anlaß auf die neu errichtete Liebfrauenkirche übertragen. Ob sich die Grablege der Gf.en schon vor der Gründung des Stiftes in der Stadtpfarrkirche befand, ist ungeklärt. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß diese zuvor im Kl. Ilsenburg lag, dessen Vogtei die Gf.en von W. innehatten. Im Silvester-Stift haben sich mehrere Grabsteine der Gf.en von W. erhalten: Neben einem Ritzgrabstein eines gfl. Ehepaars um 1300 die Grabsteine Konrads III. (gest. 1339), Konrads V. (gest. 1407) und Heinrichs (gest. 1429), des letzten Gf.en von W. Erwähnenswert ist neben einer Altartafel aus der Mitte des 15. Jh.s mit Darstellung des Stifterpaares, des letzten Gf.en von W., Heinrich (gest. 1429), und seiner Gemahlin rechts und links des Kruzifixes, das Epitaph für den 1386 als Landfriedensbrecher hingerichteten Dietrich von W., das sich ursprgl. in der Georgs-Kapelle des Leprosenhauses von → W. befand. Eine für dens. gestiftete Altartafel aus der Burgkapelle von Burg → W. wird heute im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt aufbewahrt.

IV.

Mit dem Tod Gf. Heinrichs von W. 1429 starb das Geschlecht in männlicher Linie aus. Der gesamte Herrschaftsbereich ging nach dessen Tod an die Gf.en zu → Stolberg. Gf. Heinrich zu → Stolberg.hatten schon 1400 mit Heinrich von W. eine Erbverbrüderung geschlossen. Auf dieser Grundlage erfolgte 1414 die Eventualbelehnung der Gf.en Botho und Heinrich zu → Stolberg.durch den Ebf. von Magdeburg. Die Gründe für die Einsetzung der Stolberger in die Nachfolge Heinrichs von W. sieht die neuere Forschung in verwandtschaftlichen Beziehungen (Brückner). Der letzte W.r Gf. war Sohn Konrads IV. von W. und seiner Frau, der Wwe. des Gf.en Otto I. zu → Stolberg, die aus dieser ersten Ehe schon einen Sohn hatte, Heinrich zu → Stolberg. Heinrich von W. hatte 1400 somit die Erbverbrüderung mit seinem Halbbruder Heinrich zu → Stolberg geschlossen. Nach dessen Tod erfolgte die Eventualbelehnung seiner Söhne, der (Halb-)Neffen des letzten Gf.en von W. 1417 ließ Heinrich von W. Stadt und Gft. Botho zu → Stolberg huldigen (Heinrich zu → Stolberg war inzwischen verstorben). Nach dem Tod des letzten Gf.en von W. 1429 trat Botho schließlich die Herrschaft über W. an.

Der Heiratskreis der Gf.en von W. beschränkte sich – von wenigen Ausnahme abgesehen – auf die Gruppe der Harzgf.en (→ Stolberg, → Hohnstein, → Blankenburg- → Regenstein, → Mansfeld, Woldenberg) und Gf.en- und Edelherren-Geschlechter des Harzumlandes (→ Beichlingen, → Querfurt, → Barby). Fsl. Konnubium ist einzig zu Beginn des 14. Jh.s mit Braunschweig-Lüneburg (Konrad III. von W. heiratet Helene von Braunschweig-Lüneburg) belegt.

Quellen

Regesta Stolbergica. Quellensammlung zur Geschichte der Grafen von Stolberg im Mittelalter, bearb. von Botho Graf zu Stolberg-Wernigerode, Magdeburg 1885. – Urkundenbuch des in der Grafschaft Wernigerode belegenen Klosters Ilsenburg, Bd. 1: Die Urkunden vom Jahre 1003-1460, bearb. von Eduard Jacobs, Halle an der Saale 1875 (Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete, 6,2), Bd. 2: Die Urkunden vom Jahre 1461-1597, nebst verschiedenen Auszügen, Einleitung, Siegeltafeltext und Registern, bearb. von Eduard Jacobs, Halle an der Saale 1877 (Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete, 6,2). – Urkundenbuch der Stadt Wernigerode bis zum Jahre 1460, bearb. von Eduard Jacobs, Halle an der Saale 1891 (Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete, 25).

Blaschke, Karlheinz: Wernigerode, in: LexMA IX, 1998, Sp. 11-12. – Bode, Georg: Geschichte der Grafen von Wernigerode und ihrer Grafschaft, in: Zeitschrift des Harzvereins für Geschichte und Alterthumskunde 4 (1871) S. 1-45. – Brückner, Jörg: Zwischen Reichsstandschaft und Standesherrschaft: die Grafen zu Stolberg und ihr Verhältnis zu den Landgrafen von Thüringen und späteren Herzögen, Kurfürsten bzw. Königen von Sachsen (1210-1815), Chemnitz 2003. – Drees, Heinrich: Geschichte der Grafschaft Wernigerode, Wernigerode 1916. – Europäische Stammtafeln, hg. von Detlev Schwennicke, NF, Bd. 17: Hessen und das Stammesherzogtum Sachsen, Frankfurt am Main 1998, Taf. 98: Die Grafen von Wernigerode. – Grosse, Walther: Aus der Frühgeschichte der Grafschaft Wernigerode, in: Zeitschrift des Harzvereins für Geschichte und Alterthumskunde 62 (1929) S. 1-22. – Grosse, Walther: Aus der Frühgeschichte der Grafschaft Wernigerode (Zur Erinnerung des Überganges der Grafschaft Wernigerode auf das Haus der Grafen zu Stolberg-Wernigerode am 2. 6. 1429), Wernigerode 1929 (Schriften des Wernigeröder Geschichtsvereins, 7). – Grosse, Walter: Aus der Frühgeschichte der Grafschaft Wernigerode. Vom Ursprung der ersten Grafen von Wernigerode, Wernigerode 1935 (Schriften des Wernigeröder Geschichtsvereins, 17). – Grosse, Walther: Geschichte der Stadt und Grafschaft Wernigerode in ihren Forst-, Flur- und Straßennamen, Wernigerode 1929 (Forschungen zur Geschichte des Harzgebietes, 5). – Habermann, Jan: Die Grafen von Wernigerode. Herrschaftsprofil, Wirkungsbereich und Königsnähe hochadliger Potentaten am Nordharz im späten Mittelalter, Norderstedt 2008. – Jacobs, Eduard: Wernigerode am Schluß des Mittelalters, in: Zeitschrift des Harzvereins für Geschichte und Alterthumskunde 12 (1879) S. 329-397. – Köbler, Gerhard: Art. »Wernigerode«, in: Gerhard Köbler: Historisches Lexikon der deutschen Länder, 6. Aufl., München 1999, S. 710-711. – Radziwill, Carl Prinz: Entwicklung des fürstlich Stolbergischen Grundbesitzes seit dem 13. Jahrhundert mit besonderer Beachtung der Grafschaft Wernigerode, Jena 1899 (Sammlung nationalökonomischer und statistischer Abhandlungen des staatswissenschaftlichen Seminars zu Halle an der Saale, 23). – Schubert, Ernst: Die Harzgrafen im ausgehenden Mittelalter, in: Hochadelige Herrschaft im mitteldeutschen Raum (1200-1600). Formen – Legitimation – Repräsentation, hg. von Jörg Rogge, Uwe Schirmer, Stuttgart 2003, S. 13-115. – Schwineköper, Berent: Art. »Wernigerode«, in: Handbuch der Historischen Stätten, Bd. 11: Provinz Sachsen-Anhalt, hg. von Berent Schwineköper, Stuttgart 1975, S. 493-495. – Stolberg-Wernigerode, Botho Graf zu: Geschichte des Hauses Stolberg vom Jahre 1210 bis zum Jahre 1511. Aus dem Nachlaß hg. von G. A. von Mülverstedt, Magdeburg 1883.