Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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WERDENBERG

A. Werdenberg

I.

Hugo I. (gest. 1280) und Hartmann I. (gest. vor 1271), Söhne Rudolfs I. von → Montfort, teilten um 1258 den Besitz des Hauses am Alpenrhein und dem südlichen Vorarlberg. Sie nannten sich ab 1264 nach der Burg W. (Gmd. Grabs, Kanton St. Gallen) Gf.en von W. Es handelte sich dabei also um eine neue Titulaturgft. und nicht um eine alte Amtsgft. des früheren MA. Rudolf I. von → Montfort war mit Clementa von Kyburg verh. gewesen. Noch 1243 hat er sich am Hof Ks. Friederich II. in Süditalien aufgehalten und verstarb zwischen 1243 und 1247 in jungen Jahren. Die Vormundschaft über seine Söhne übernahm sein Bruder Gf. Hugo II. von → Montfort (gest. 1260). Hugo I. und Hartmann I. haben anscheinend bald nach Erreichen der Volljährigkeit ihre Herrschaft um 1258 geteilt. Dabei erhielt Hugo I., der Stifter der Linie W.-Heiligenberg, die Gft. W. und → Rheineck.

II./IV.

Hartmann I., der Stifter der Linie W.- → Sargans, erbte die Gft. → Sargans. Hugo I. (gest. 1280) heiratete Mechthild von Neuffen, Tochter des Gf.en Berthold von Marstetten und Wwe. des Gf.en Rudolf III. von Rapperswil. Er stand über die Kyburger Verwandtschaft in enger Verbindung zu den Habsburgern. Als Rudolf von Habsburg 1273 Kg. wurde, stieg Hugo in seinem Gefolge politisch auf. Rudolf von Habsburg übertrug ihm die Landvogtei in Oberschwaben mit der Funktion des Landrichters und setzte ihn in diesem Raum maßgeblich zur Revindikation des Reichsguts ein. Dadurch vertiefte sich die seit 1244 zwischen den Gf.en von → Montfort und den Gf.en von W. bestehende politische Spaltung. Während die Gf.en von → Montfort auf staufischer Seite geblieben waren, hatten sich damals die Gf.en von W. der Partei der antistaufischen schwäbischen Adeligen angeschlossen. Es kam schon 1260/61 zu einer heftigen Fehde zwischen den Gf.en von W. und von → Montfort. Die letzteren konnten sich dabei durchsetzen. Die Fehde wiederholte sich 1270. Der Gf. von W. wurde in beiden Fehden durch Rudolf von Habsburg unterstützt, was für ihn insbes. in der Fehde von 1270 bedeutsam war, in der Rudolf von Habsburg zwischen den Parteien vermittelte. Die Gf.en von → Montfort hatten sich umfangr. staufisches Reichsgut in ihren Herrschaftsgebiet angeeignet, daß ihnen Hugo I. im Auftrag Rudolfs von Habsburg zu entziehen versuchte. Hugo I. konnte 1277 mit Unterstützung Rudolfs von Habsburg die Gft. Heiligenberg erwerben, die für seine Linie sofort namengebend wurde. Er war nach Ansicht der Forschung zu Lebzeiten das Haupt der Familie W. und hat daher nach dem frühen Tod seines Bruders Hartmanns I. auch die Vormundschaft über dessen Söhne ausgeübt.

Als Sohn Hugos I. ist Hugo II. der Einäugige (gest. 1305/07) sicher belegt. Neben ihm hatte Hugo I. vermutlich vier Töchter. Davon war Katharina (gest. 1330) Äbt. des Kl.s Baindt (1327-1330) und Adelheid mit Johann I. von Lichtenberg, Landvogt im Elsaß, vermählt. Hugo II. hatte die aus Kärnten stammende Euphemia von → Ortenburg geheiratet. Er hat wie sein Vater die prohabsburgische Politik des Hauses fortges. und sich von den Vettern des Hauses → Montfort weiterhin abgegrenzt. Er wurde ebenfalls Landvogt in Oberschwaben mit dem Amt des Landrichters und war auch 1285 Vogt des Kl.s Disentis. Er hat Albrecht von Habsburg 1298 bei Göllheim milit. unterstützt und ist in den habsburgischen Auseinandersetzungen mit der Stadt Zürich und der Abtei St. Gallen auf habsburgischer Seite gewesen. Die Kg.snähe zeigte sich auch in seiner Beteiligung an der Delegation, die die Kg.stochter Clementia zu ihrem Verlobten Karl Martell von Neapel begleitete. Neben der mit Gf. Rudolf von Hohenburg (gest. 1336) vermählten Tochter Agnes (gest. 1317) hatte Hugo II. drei Söhne: Hugo III. (gest. um 1329), Heinrich (gest. 1323) und Albrecht I. (gest. 1364).

Die drei Söhne Hugos II. haben die habsburgfreundliche Politik ihres Hauses ebenfalls fortges. Hugo III. (erwähnt 1305-1329) war mit Anna von Wildenberg verh. Er war am Romzug Kg. Heinrichs VII. beteiligt und stand in den Schlachten von Morgarten (1315) und Mühldorf (1322) auf habsburgischer Seite im Feld. Sein Bruder Heinrich (gest. 1323) wurde Geistlicher. Er war Kirchherr in Frickingen bei Überlingen und in Altpölla bei Passau. Er wurde 1313 Domherr in Konstanz und 1314 auch in Chur. Als Generalvikar des Bf.s von Konstanz amtete er 1315-1318, war Pfleger des Bm.s Konstanz (1315), Propst des Chorstiftes St. Johann in Konstanz (1317-1323) und wurde von einem Teil des Konstanzer Domkapitels 1318 zum Bf. von Konstanz gewählt. Er konnte sich jedoch in der Folge nicht durchsetzen. Der dritte Bruder Albrecht I. war urkundlich nachweisbar 1308-1364. Sein Vorname dürfte auf Kg. Albrecht I. zurückgehen und vermutlich auf eine Patenschaft des Kg.s zu deuten sein. Wie seine Brüder Hugo III. und Heinrich unterstützte er ebenfalls die habsburgische Politik. Doch hatte er auch ein enges Verhältnis zu Kg. Ludwig dem Bayern und später zu Karl IV. Bereits 1317 war er Reichslandvogt am Bodensee und in Uri, Schwyz und Unterwalden. Die von ihm mitausgetragenen Fehden (1352-1362) haben jedoch den Zerfall des Hauses W. eingeleitet und beschleunigt. Er war mit Katharina von Kyburg aus dem Hause Habsburg verh. Er hatte drei Söhne: die kaum gen. Hartmann (1338) und Rudolf (1338) sowie Albrecht II. (gest. um 1371/72).

Albrecht II. von W.-Heiligenberg (gest. um 1371/72) war mit Agnes von Nürnberg verh. Aus dieser Ehe gingen vier Söhne hervor, die die Zukunft des Hauses bestimmten. Es handelte sich dabei um Hugo IV., Albrecht III., Heinrich IV. und Albrecht IV. Neben diesen vier Söhnen standen zwei Töchter: Elisabeth, die mit Ulrich II. von Räzüns verh. war und Katharina, die in erster Ehe Diethelm VI. Gf.en von → Toggenburg und in zweiter Ehe Heinrich III. von W.- → Sargans heiratete. Die vier Söhne Albrechts II. teilten ihr Erbe auf vier Linien auf: Heiligenberg, W., → Rheineck und Bludenz.

Hugo IV. von W.- → Rheineck hatte einen Sohn Albrecht, der bald nach dem Vater starb und zuletzt im Juli 1390 urkundlich auftrat. Sein Bruder Albrecht III. (gest. 1420) hatte aus seiner Ehe mit Ursula von Schaunberg neben einem jung verstorbenen Sohn fünf Töchter: Kunigunde, vermählt mit Gf. Wilhelm von → Montfort; Agnes, vermählt in erster Ehe mit Heinrich von Rotenburg und in zweiter mit Gf. Eberhard VI. von → Kirchberg; Verena, vermählt mit Wolfhart III, Frh.n von → Brandis; Katharina, vermählt mit Hans I. von → Sax, und Margaretha, vermählt mit Thüring von Arburg. Albrecht III. trat urkundlich zwischen 1367 und 1418 auf und war 1382 ksl. Landvogt in Oberschwaben, dazu ließ er sich in Ravensburg ins Bürgerrecht aufnehmen.

Der dritte Sohn Albrechts II., Albrecht IV. (gest. 1418) war in kinderloser Ehe mit Agnes von → Montfort-Tosters verh. Auch er wurde 1396 Bürger von Ravensburg. Urkundlich trat er im Zeitraum zwischen 1367 und 1416 auf. Der vierte Sohn Albrechts II., Heinrich IV. (gest. 1392/93), heiratete Anna von → Montfort-Tosters. Aus dieser Ehe gingen insgesamt vier Kinder hervor: Bertha, die Peter Frh.n von → Hewen heiratete und die drei Söhne Rudolf VIII., Hugo V. und Heinrich. X. Rudolf VIII. (gest. 1420) war in kinderloser Ehe mit Beatrix von → Fürstenberg vermählt. Er beschwor 1404 das Landrecht mit Appenzell, war 1401 Pfandherr von Weiler und Scheidegg und auf fünf Jahre Bürger von Lindau. Er Schloß sich mit seinen beiden Brüdern dem Oberen Bund an und stand häufiger gegen Habsburg. Der zweite Bruder Heinrich. X. (gest. 1401) blieb unverheiratet. Der dritte Bruder Hugo V. übernahm 1408 die Leitung des Hauses W. Er war in kinderloser Ehe mit Agnes von → Abensberg vermählt, die ihn um Jahrzehnte überlebte. Mit seinem Tode 1428 erlosch die Familie W.-Heiligenberg im Mannesstamm.

Das Konnubium der Gf.en von W.-Heiligenberg erfolgte fast ausschließlich mit Familien aus dem schwäbischen Adel. Rudolf I. von → Montfort, der Vater des Stammvaters der Familie, war mit einer Tochter der Gf.en von Kyburg verh. gewesen, was die künftige Zusammenarbeit der Gf.en von W. über Generationen mit den Habsburgern vorausbestimmte. Der Stammvater Hugo I. heiratete in die Familie der Gf.en von Marstetten-Neuffen ein. Hugo II. heiratete eine Frau aus dem Kärntner Adel und dem Umkreis der → Sponheimer. Aus ders. Familie hat die Ehefrau des Oheims von Hugo II., Gf. Hartmann I. von W.- → Sargans, gestammt, was den Weg der Eheschließung Hugos II. außerhalb des sonstigen schwäbischen Umfeldes der Heiraten aufzeigt. Die Schwester Hugos II., Adelheid, heiratete ein Mitglied aus der elsässischen Familie von Lichtenberg. In den folgenden Generationen wurden Ehen mit den Familien Wildenberg, Hohenberg und Kyburg-Habsburg geschlossen. Albrecht II. d.J. (gest. um 1371/72) und den darauf folgenden Generationen des Hauses heiratete in erster Ehe mit Mechthild von → Montfort eine Tochter aus der Tettnanger Linie des Hauses. In zweiter Ehe vermählte er sich mit Agnes von Zollern aus der Familie der Bgf.en zu Nürnberg. In der Generation seiner Kindern fanden Heiraten mit Angehörigen der Familie von Schaunberg, von → Montfort, von Räzüns, von → Toggenburg und von W.- → Sargans statt. Der Heiratskreis blieb damit im engeren geogr. Bereich der Familie, verlagerte sich aber überwiegend zu Adelssippen im heutigen Gebiet der Nordschweiz. Auch die nächste und letzte Generation der Linie W.-Heiligenberg hat Heiraten mit den Familien → Montfort-Tettnang, → Brandis, → Sax, Arburg, → Fürstenberg, → Abensberg, → Hewen, Rothenburg und → Kirchberg vollzogen und ist damit im Raum der Nordschweiz und des Gebietes nördlich des Bodensees geblieben. Alle Eheschließungen erfolgten jedoch standesgemäß »in Augenhöhe«. Ein Rückgang in sozialer oder wirtschaftlicher Art ist selbst bei nachlassender politischer und wirtschaftlicher Bedeutung des Hauses W.-Heiligenberg im Übergang vom 14. Zum 15. Jh. nicht festzustellen.

Die Gf.en von W.-Heiligenberg übernahmen ihr Wappen von den Pfgf.en von → Tübingen bzw. Gf.en von → Montfort. Es handelte sich dabei um das Wappen der roten »Kirchenfahne« mit drei Hängeln und drei Ringen im goldenen Grund. Die Linie W.-Heiligenberg führte das bildlich gleiche Wappen jedoch als schwarze Fahne in Silber. In den Siegeln wurde dabei das Wappen der Kirchenfahne häufig mit der Stiege von Heiligenberg kombiniert. Diese neue Form des Wappenbildes ist viell. auf eine Abgrenzung zu den Gf.en von → Montfort.zurückzuführen, die in ihren Siegeln ebenfalls das Wappen mit der Kirchenfahne führten. Da auf den Siegeln ein farblicher Unterschied nicht möglich war, wurde viell. dieser Weg der Abwandlung des Wappens beschritten. Es wurde in der Forschung betont, daß die Ehefrauen der Gf.en von W.-Heiligenberg überwiegend eigene Siegel geführt haben.

Quellen

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