WEINSBERG
I.
Bereits um die Mitte des 13. Jh.s verfügten die W. über einen sehr stattlichen Besitz – darunter ein Anteil am Schultheißenamt in → Öhringen (Hohenlohekr., 1253) – in dessen Zentrum allerdings nicht W. lag, sondern Wimpfen, dessen Burg, die einstige Ks.pfalz, ihnen bis zum Verkauf an die Reichsstadt i.J. 1336 gehörte. Einen ungefähren Eindruck von der Herrschaft insgesamt gewinnt man gelegentlich der Teilung von 1325. Damals erstreckten sich die w.ischen Gerechtsame zum einen auf das Gebiet des Wimpfner Bannforsts zwischen Nekkar, Elsenz und Lein und zum anderen auf die Region um die Unterläufe von Jagst, Kocher und Sulm; darüber hinaus streuten sie im W bis in den Bruhrain, im S bis an den Stromberg und in die Löwensteiner Berge, im O bis in die Limpurger Berge und im N bis ins Bauland. Ein Teil der Kraichgauer Güter rührte aus einer Heiratsverbindung mit den Gf.en von → Katzenelnbogen. Erheiratet war darüber hinaus diverser Fernbesitz im Wildbann Dreieich und in der Wetterau (von den Münzenberg), im Vorland der Schwäbischen Alb (von den Neuffen) und im nördlichen Odenwald (von den → Breuberg), der allerdings bereits im ausgehenden 13. Jh. und in den ersten Jahrzehnten des 14. Jh.s wieder abgestoßen wurde. Um die Wende zum 15. Jh. kam schließlich noch eine (→ Hohenlohe-) Braunecker Erbschaft im Taubergrund (um → Weikersheim) und im Ochsenfurter Gäu (um Reichelsberg und Aub) hinzu, die bereits bei ihrer Übernahme mit hohen Schulden belastet war, aber wenigstens in Teilen bis zum Erlöschen des Mannesstamms in W.er Hand blieb.
Bedeutung und Ambitionen des Hauses W. kommen nicht allein in Umfang und Qualität ihres Besitzes zum Ausdruck, sondern auch in der Stiftung zweier Kl. (Zisterzienserinnen in Lichtenstern, um 1242; Dominikaner in Wimpfen, um 1265) sowie in der Entwicklung respektive Gründung der Städte → Neuenstadt am Kocher, Neckarsulm (Lkr. Heilbronn) und Kleingartach (Eppingen, Lkr. Heilbronn); eine geplante Kollegiatstiftsgründung in W. (1437) kam nicht zustande. Zum Lehnhof der W.er zählten einem um die Mitte des 15. Jh.s – d.h. nach dem Übergang der Herrschaft in kurpfälzische Hand – angelegten Kopialbuch zufolge viele namhafte Geschlechter aus dem Ritteradel der näheren und weiteren Umgebung und aus den Oberschichten verschiedener obdt. Reichsstädte. Zur Zeit des Reichserbkämmerers Konrad waren dessen Gerechtsame in mehreren Oberkellereien (Neuenstadt, W.) und Kellereien (Gochsen, Hardthausen am Kocher, Lkr. Heilbronn) organisiert; als weitere Verwaltungsmittelpunkte sind → Guttenberg, → Weikersheim und Reichelsberg (Aub, Lkr. Würzburg) zu nennen.
Sei es zur Bewerkstelligung politischer Geschäfte, sei es infolge tatsächlicher finanzieller Engpässe läßt sich seit dem frühen 14. Jh. immer öfter beobachten, wie die W. Kernstücke ihres Herrschaftsbesitzes verpfändeten oder sogar auf Dauer veräußerten. So gingen 1335 die Herrschaft Scheuerberg mit der Stadt Neckarsulm und 1358 die Stadt Neudenau (Lkr. Heilbronn) an das Erzstift Mainz verloren, das 1388, wenngleich nur vorrübergehend, auch die Burg zu W. an sich bringen konnte. Burg und Herrschaft → Guttenberg über dem Neckar sowie Stadt und Herrschaft → Neuenstadt am Kocher waren wiederholt an Angehörige des Ritteradels versetzt. In der ersten Hälfte des 15. Jh.s, unter dem ebenso geschäftstüchtigen wie ambitionierten Reichserbkämmerer Konrad, nahm die Mobilisierung des w.ischen Besitzes stark zu und führte schließlich in den Ruin des Hauses. Zwischen 1412 und 1440 gelangte die Stammherrschaft W. zunächst pfandweise, dann zu dauerhaftem Eigentum an die Kurpfalz, dgl. 1450 die Herrschaft → Neuenstadt am Kocher durch Verkauf. Anteile an → Öhringen kauften 1429/30 die Herren von → Hohenlohe, und Burg und Herrschaft → Guttenberg erwarben 1449 die von Gemmingen. Den beiden letzten Generationen verblieb im wesentlichen nur der vom Hochstift Würzburg zu Lehen rührende Besitz um Reichelsberg, der nach dem Erlöschen des W.er Mannesstamms den Gf.en von → Eppstein-Königstein zufiel.
II.
Einer der wichtigsten Aufenthaltsorte der Herren von W. dürfte vom späteren 13. bis ins frühe 14. Jh. die einstige Ks.pfalz in der ebenso zentral wie verkehrsgünstig gelegenen Reichsstadt Wimpfen gewesen sein. Die namengebende Burg W. diente wg. ständiger, bisweilen sehr heftiger Auseinandersetzungen mit der nach Reichsunmittelbarkeit strebenden Stadt wohl nur gelegentlich als Res.; ein in den 1440er Jahren erwogener Umzug dorthin kam nicht zustande. Seit dem Ende des 14. Jh.s kristallisierten sich als bevorzugte Sitze → Neuenstadt am Kocher und → Guttenberg über dem Neckar heraus. Welche Rolle daneben den Schlössern → Weikersheim – wo Konrad von W. 1424 im Schloß eine Eucharius-Kaplanei stiftete – und Reichelsberg zukam, bleibt unklar; zumindest die verarmte letzte Generation wird sich auf Reichelsberg eingerichtet haben.
Die Konturen eines W.er Hofs zeichnen sich erst im 15. Jh. anhand der von dem Reichserbkämmerer hinterlassenen dichten Urk.n- und Rechnungsüberlieferung ab. Neben dem üblichen Gesinde für die Hauswirtschaft sowie Vögten, Oberkellern, Kellern, Schreibern und sonstigen Bediensteten in der Verwaltung herrschaftlicher Befugnisse sowie Burgkaplänen begegnen dort immer wieder Angehörige des Ritteradels aus dem Kraichgau, aus der Region um Neckar, Kocher und Jagst, aus dem Hinteren Odenwald und aus dem fränkischen Gäu, die nicht selten auch als Kreditgeber für die Herrschaft auftraten. Mit Michel Beheim aus Sülzbach im W.er Tal beschäftigte der Erbkämmerer sogar einen Meistersinger, der später am Wiener und Heidelberger Hof wirkte. Hans von Gemmingen, der 1449 aus der w.ischen Konkursmasse Burg → Guttenberg erwarb, stand zur Zeit des Basler Konzils in Diensten des Reichserbkämmerers.
Einen alltäglichen demonstrativen Konsum scheint Konrad von W. in der ersten Hälfte des 15. Jh.s nicht gepflegt zu haben, wiewohl sein und seiner Familienangehörigen Tisch zweifellos höherwertig gedeckt war als der seines Gesindes. Auf seinen zahlr. Reisen aber entfaltete der Reichserbkämmerer mit Rücksicht auf seinen Stand den Luxus, den man von ihm erwartete. Güter des gehobenen Bedarfs bezog sein Haushalt gewöhnlich aus Frankfurt a.M., Nürnberg, Heilbronn und Wimpfen. Rheinischer und elsässischer Wein wurde, obgleich die herrschaftlichen Güter reichlich eigenes Gewächs hervorbrachten, keineswegs allein zu Handelszwecken erworben. Die auf den Schlössern von Fall zu Fall beschäftigten Handwerker kamen zumeist aus der näheren Umgebung.