WEINSBERG
I.
Die Herren von W., unter diesem Namen seit 1166 bezeugt, stammten sehr wahrscheinlich aus der Region um Schwäbisch Gmünd, d.h. aus dem Ursprungsland der Staufer, und dürften eines Stammes gewesen sein mit den Reichsministerialen von Alfingen (Hofen, Aalen, Ostalbkr.). Nach W. (Lkr. Heilbronn), einer wohl schon in ottonischer Zeit gegr. Reichsburg, wurden sie vermutlich durch Kg. Konrad III. versetzt, nachdem dieser die Veste 1140 den auf welfischer Seite stehenden Gf.en von Calw abgewonnen hatte (Weibertreu).
II.
Aus dem Stand unfreier Dienstleute hervorgegangen, nahmen die W. binnen kurzem einen bemerkenswerten Aufstieg, den sie nicht zuletzt über ihre Tätigkeit in der Verwaltung des bedeutenden Reichsgutkomplexes um Wimpfen (Lkr. Heilbronn) bewerkstelligten. Daher erklärt sich auch, daß ein größerer Teil ihres nachmaligen Allodialbesitzes aus einstigem reichsministerialischem Inwärtseigen und Reichsgut bzw. Reichslehen bestand. Im übrigen trugen sie Lehen von den Bf.en von Worms, Würzburg und Speyer sowie spätestens seit dem 14. Jh. von den Pfgf.en bei Rhein. Aufgrund ihrer Verwandtschaft mit den Reichsministerialen von Münzenberg und von → Falkenstein erlangten sie 1407 das Reichserbkämmereramt.
Engelhard von W. fungierte 1166 als Schenk am Hof Hzg. Friedrichs von Rothenburg. Konrad (gest. 1323) bekleidete das Amt eines kgl. Landvogts in Niederschwaben. Engelhard (gest. 1417) war 1393/96 Landvogt in den österr. Vorlanden, 1401/09 Reichshofrichter und Rat Kg. Ruprechts sowie von 1411 bis 1417 kurpfälzischer Rat. Konrad (gest. 1448) kam 1414, viell. durch Vermittlung seines Schwagers, des Passauer Bf.s und späteren kgl. Kanzlers Georg von → Hohenlohe, an den Hof Kg. Sigmunds. Bereits 1415 war er kgl. Rat, wurde mit der Eintreibung der Stadt- und Judensteuern im Reich betraut und machte sich dem Herrscher als Geldbeschaffer bald unentbehrlich; von 1421 an oblag ihm die Reform des Reichsmünzwesens. Seit Mitte der 1420er Jahre war das Verhältnis zum Kg. infolge diverser zweifelhafter Machenschaften Konrads getrübt, aber Albrecht II. nahm seine Dienste neuerlich in Anspruch und bestellte den W.er 1438 zum Protektor des Basler Konzils. Friedrich III. ließ ihn endgültig fallen.
Angehörige des Hauses W. begegnen seit dem früheren 13. Jh. wiederholt als Kanoniker und Dignitäre am Stift St. Peter zu Wimpfen im Tal sowie als Domherren in Würzburg und Speyer, zum Schluß auch in Straßburg. Konrad (gest. 1396) war seit 1390 Ebf. und Kfs. von Mainz.
III.
Das W.er Wappen zeigt drei silberne Schildchen (2 : 1) in Rot. Die Helmzier ist ein von Rot und Silber gespaltener Frauenrumpf, dessen Schulterstellen nach Art von Büffelhörnern mit einem roten und einem silbernen gesenkten Fisch besteckt sind. Den gleichen Schild führten die Ministerialen von Alfingen sowie – allerdings mit verkehrten Farben – die ebenfalls ministerialischen Hzg.e von Urslingen in Schwaben und die Edelherren von → Rappoltstein im Elsaß. Das Wappen begegnet auf Grabdenkmälern in Bad Wimpfen (Lkr. Heilbronn), → Weikersheim (Main-Tauber-Kr.), → Neuenstadt am Kocher (Lkr. Heilbronn) und Schöntal an der Jagst (Hohenlohekr.), auf Bauinschriften in Heidelberg und Würzburg, überdies in den speyrischen und pfälzischen Lehnbüchern von 1464 und 1471.
Grablegen der Herren von W. waren das Zisterzienserinnenkl. Lichtenstern (→ Löwenstein, Lkr. Heilbronn), das Dominikanerkl. in Wimpfen, die Pfarrkirche zu → Neuenstadt am Kocher und – für die beiden letzten Generationen – das Zisterzienserkl. Schöntal.
IV.
Zwar kam es im Hause W. während des 13. und 14. Jh. wenigstens zweimal zu Teilungen (um 1242, 1325), indes bestanden nur für kurze Zeit mehrere Linien nebeneinander. Der um die Mitte des 13. Jh.s begründete Zweig Engelhards (gest. 1279) erlosch um 1346, der von Konrad (gest. 1328) ausgehende Breuberger Zweig 1368. In der bis ins 16. Jh. blühenden Linie gelang es, die Einheit der Herrschaft zu wahren, indem immer nur ein einziger Agnat erbte und die anderen auf geistlichen Pfründen versorgt wurden. Jedoch führte dieses über mehrere Generationen erfolgreich praktizierte Verfahren um 1515 zum Erlöschen des Geschlechts im Mannesstamm; die letzte Namensträgerin Katharina, vermählte Frau von → Eppstein, Gf.in von → Königstein, starb 1538.
Bemerkenswert ist von Anfang an die hohe Qualität des W.er Konnubiums. Es beginnt im 12. und 13. Jh. mit Verbindungen zu den führenden Familien der Reichsministerialität (Schüpf, Münzenberg) und erstreckt sich bereits um die Wende zum 14. Jh. neben standesgleichen auch auf edelfreie und gfl. Häuser (→ Löwenstein-Calw, → Katzenelnbogen, Neuffen, → Hohenlohe). Im 14. und 15. Jh. konnte dieses Niveau überwiegend gehalten (→ Helfenstein, Baden, → Hanau, → Nassau, → Leiningen, → Pappenheim, Leuchtenberg, Henneberg), ja sogar in die fsl. Sphäre erweitert werden; die Tochter des Reichserbkämmerers Konrad wurde vor 1422 an einen Hzg. von Sachsen-Lauenburg vermählt. Der in solchen Allianzen greifbare soziale Aufstieg fand schließlich seine Anerkennung in der Rezeption des letzten W.er Agnaten in dem ansonsten rein freiständischen Straßburger Domkapitel und in der Berücksichtigung der Herrschaft W. in der Reichsmatrikel von 1521. Ein respektabler Besitz erlaubte es den Angehörigen des Hauses, sich gegenüber der Nachbarschaft eine weitgehende Unabhängigkeit zu bewahren und nur hochrangige Engagements zu akzeptieren. Zwar diente man am Heidelberger Hof, pflegte daneben aber auch Beziehungen zu Kurmainz und verdingte sich den Habsburgern sowie nicht zuletzt dem Kg. Allerdings scheint die ambitionierte Familie ihre Ressourcen frühzeitig überstrapaziert zu haben und war bereits im 14. Jh. wiederholt gezwungen, umfangr. Verpfändungen vorzunehmen. Unter dem in finanziellen Dingen so versierten, infolge seinen persönlichen Ehrgeizes aber auch bes. risikofreudigen Reichserbkämmerer nahm die Verschuldung immer bedrohlichere Formen an. Stück um Stück mußten hergebrachte Besitzungen und Herrschaftsrechte versetzt und verkauft werden, und am Ende war der Bankrott des Hauses unausweichlich. Die letzten, weitgehend verarmten Angehörigen fanden ihre Ehepartner folgerichtig wieder im Stand der edelfreien Herren.
Bes. eng verbunden waren die von W. seit dem späteren 13. Jh. den → Hohenlohe, deren Gerechtsame mit den ihren vielfach im Gemenge lagen und mit denen sie sich wiederholt verschwägerten. Im Jahr 1400 vereinbarten beide Häuser eine Erbverbrüderung, aufgrund deren die letzten Reste des W.er Besitzes schließlich – soweit sie nicht den Gf.en von → Eppstein-Königstein erblich zufielen (darunter der Titel des Reichserbkämmerers) – samt dem Archiv an die Gf.en von → Hohenlohe gelangten.
Quellen
Karlsruhe, Generallandesarchiv 67/1663 (Lehnbuch, 15. Jh.). – Neuenstein, Hohenlohe-Zentralarchiv, Gemeinschaftliches Hausarchiv Abt. IV Weinsberg. Köhn, Rolf: Der österreichische Landvogt Engelhard von Weinsberg und die für ihn von Mai 1395 bis Juli 1396 geführten Abrechnungen, in: Argovia 106/2 (1994) S. 1-129. – Weller, Karl/Belschner, Christian: Hohenlohisches Urkundenbuch, 3 Bde., Stuttgart 1899-1912. – Wirtembergisches Urkundenbuch, hg. von dem Königlichen Staatsarchiv in Stuttgart, 11 Bde., Stuttgart 1849-1913.
Literatur
Bauer, Hermann: Die ältesten Herren von Weinsberg, in: Württembergisch Franken 3,1 (1853) S. 24-27. – Beschreibung des Oberamts Neckarsulm, hg. von dem königlichen statistisch-topographischen Bureau, Stuttgart 1881. – Beschreibung des Oberamts Weinsberg, hg. von dem königlichen statistisch-topographischen Bureau, Stuttgart 1861. – Bossert, Gustav: Die ältesten Herren von Weinsberg, in: Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte 5 (1882) S. 296-306. – Dillenius, Ferdinand Ludwig Immanuel: Weinsberg, vormals freie Reichs-, jetzt württembergische Oberamtsstadt. Chronik derselben, Stuttgart 1860. – Europäische Stammtafeln, hg. von Detlev Schwennicke, NF, Bd. 16: Bayern und Franken, Berlin 1995, Taf. 104. – Fuhrmann, Bernd: Konrad von Weinsberg. Ein adliger Oikos zwischen Territorium und Reich, Stuttgart 2004 (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beiheft 171). – Karasek, Dieter: Konrad von Weinsberg. Studien zur Reichspolitik im Zeitalter Sigismunds, Diss. phil. Erlangen 1967. – Mehring, Gebhard: Zur Geschichte der Herren von Weinsberg, in: Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte. NF 15 (1906) S. 279-283. – Veith, Paul A.: Die Herren von Weinsberg und ihre kirchlichen Stiftungen, in: Jahrbuch für die Stadt Weinsberg 33 (1988) S. 380-385.