WASSENAAR
I.
In einer Urk. des Jahres 1200 wird ein gewisser Philippus de Wasnare unter den adligen Zeugen des Gf.en von Holland erwähnt. Der Name »van W.« verweist auf eine im 12. Jh. existierende Motte oder Burg in der Gft. Holland, nicht weit nördlich von Den Haag gelegen, von der der erwähnte Philipp (ndl. Filips) der Herr gewesen sein dürfte. Etymologisch kann der Name erklärt werden durch die Ausdrücke wasn (steil) und hare (Hügel). Philipp war Großgrundbesitzer im Gebiet zwischen Leiden und Den Haag, wo er auch die meisten seiner Herrschaftsrechte besaß, wenn auch nur die der niederen Gerichtsbarkeit. Auf welchem Wege er sie erhalten hatte, ist nicht mehr nachzuzeichnen. Nach einem modernen Rekonstruktionsversuch soll er der Sohn des Kerstant gewesen sein, der als Drost der Gf.en von Holland in den Jahren 1160-1189 erwähnt wird. Erst im 16. Jh. wird die Familie mit einer mythischen Geschichte über ihren weit in der Vergangenheit zurückliegenden Ursprung versehen. Ihr zufolge galten seit dieser Erfindung die W.er als Anführer der Bataver oder sogar als Kg.e der tapferen Katthen (Chatten), die sich um 1200 v. Chr. an der Mündung des (heute Alten) Rheins (in der Umgebung von Rijnsburg oder Leiden) niedergelassen hatten, wo sie u. a. das Dorf Katwijk gegründet haben sollen und als die »Wasser-Herren« den Rhein und die Küste beherrscht haben sollen.
II.
Im 13. Jh. spielten die Herren von W. eine wichtige, aber nicht bestimmende Rolle im Rat der Gf.en von Holland. Dieses entsprach ihrem Status als wichtige Herrschaftsträger, die jedoch keine Hochgerichtsbarkeit innehatten. Dieses änderte sich 1340, als Filips IV. van W. das Amt der Bgf.en von Leiden mit den dazu gehörigen Gütern vom Gf.en kaufte. Zur Bgft. gehörten zahlreiche Besitzungen und weitere Herrschaftsrechte: Die Burg in Leiden, allerlei Einkünfte aus Ernennungsrechten zu städtischen Ämtern, u. a. für das Amt des Schultheiß, und Güter und Herrschaften an anderen Orten in der Gft. Dadurch gehörten die W.s zu den bedeutendsten adligen Familien in Holland. Sie entwickelten sich (in der zweiten Hälfte des 14. Jh.s ) zu wichtigen Anführern der Hoeken, einer der beiden Adelsparteien in Holland. Im Jahr 1400 wurde Filips V. (1391-1427) die Hohe Gerichtsbarkeit über W. und Zuidwijk verliehen. Seitdem nannten sie sich legitimerweise »Herren von W.«. Filips V. wurde unter Gf. Wilhelm VI. (1404-1417) zum wichtigsten Mann in der Gft. Mehrere Male trat er als Stellvertreter des Gfe.n auf, als dieser außerhalb des Landes weilte.
Im 15. Jh. mehrte sich trotz einzelner schwerer Krisen das Ansehen der Familie. Während des Nachfolgestreits zwischen Wilhelms Tochter Jakobäa und ihrem Onkel Johann von Bayern war Filips gezwungen, die Bgft. Leiden an diesen (Johann von Bayern) abzutreten. Er selbst geriet in Gefangenschaft. Er starb 1427 in Wijk bij Duurstede. Sein Sohn Hendrik schloß sich in dem Streit Johann von Bayern und dessen Nachfolger Philipp dem Guten von Burgund an, womit ein Parteiwechsel im holländischen Adel verbunden war. Seitdem gehörten sie den Kabeljauwen an. Nach dem Tod Hzg. Karls des Kühnen von Burgund 1477 brachen erneut Unruhen aus, bei denen Hendriks Sohn Jan van W. (gest. 1496) als Anführer der Kabeljauwen aktiv auftrat. Zusammen mit dem Herrn von → Egmond vermochte er mehrere Aufstände der Hoeken niederzuwerfen.
Der Lehnsbesitz Jan van W.s, der 1451 seinem Bruder nachgefolgt war, hatte große Ausmaße angenommen. Jan verfügte u. a. über die Hohe Herrschaft von W., Katwijk, Voorschoten, Oegstgeest und Wimmenum. Die jährlichen Einkünfte aus diesen Gebieten machten ihn zu einem der vermögendsten Adligen Hollands. Im Dienst der Hzg.e von Burgund versah Jan Funktionen als Ratsherr und als Militärführer in verschiedenen Feldzügen. Den Rittertitel empfing er vor der Einnahme Gents 1452. Weiter kämpfte er mehrmals an der Seite Karls des Kühnen, dessen Förderung er sich erfreute. 1477 trat er in die Hofhaltung Marias von Burgund und Maximilians ein. Als Mitglied der holländischen Ritterschaft beteiligte er sich an den Ständeversammlungen Hollands.
Sein Sohn Jan II. (gest. 1523) setzte diese Linie fort. Er diente den Habsburgern in dem italienischen Feldzug des Jahres 1509, bei dem er während der Belagerung Parmas von einer Kugel getroffen wurde, die seinen Unterkiefer teilweise zerschmetterte. Nach der Rückkehr nach Holland wurde er mehrmals als Befehlshaber von Truppenteilen der Habsburger eingesetzt, u. a. in den Feldzügen gegen Geldern. 1512 geriet er in geldrische Gefangenschaft und mußte für ein Lösegeld in Höhe von 20 000 Gulden freigekauft werden. 1516 wurde er in den Orden vom Goldenen Vlies aufgenommen. 1523 verstarb er an den Verwundungen, die er sich in Friesland bei der Belagerung der Burg Sloten zugezogen hatte. Sein Leichnam wurde nach Den Haag überführt und dort mit einer großen Trauerzeremonie in der Kl.kirche in der Nähe des Stadthofs der Familie beigesetzt.
Jan II. hatte zwei Töchter, keine Söhne. Die ältere, Maria, heiratete 1525 Jacques de Ligne, einen hochrangigen Adligen aus dem Hennegau, der sie mitnahm in die südlichen Niederlande, wo er in Dienstens Karls V. verschiedene Funktionen bekleidete und u. a. zur Belohnung des Titel eines Gfen erhielt. Sein Sohn Filips blieb beim Niederländischen Aufstand ein treuer Anhänger des span. Kg.s Philipp II. Als Folge dessen wurden die von den W.s ererbten Güter in Holland konfisziert. Im 17. Jh. kam dieses in die Hände der Familie van Duivenvoorde, einer älteren Nebenlinie der W.s.
III.
Über das kulturelle Wirken der W.s im MA ist so gut wie nichts bekannt. Im 15. Jh. zeigte Hendrik ein auffallendes Interesse am Studium der Rechte – er schickte alle seine drei Söhne zum Studium nach Orléans –, doch hatte dieses wohl allein rein pragmatische Gründe. Erst zu Beginn des 16. Jh.s scheint der Herr von W. Kontakte mit bedeutenderen Gelehrten gehabt zu haben. Er stand in einem guten Verhältnis zu Cornelius Aurelius, der 1523 dessen Tapferheit und friedliches Wesen in seiner ›Prosopopoeia Phrisiae‹ besang. Jan selbst zeigte viel Interesse für die römische Vergangenheit seiner Familie. Er besuchte die Überreste der sog. Brittenburg vor der Küste bei Katwijk und veranlaßte Ausgrabungen in den Dünen. Nach seinem Tod verfaßte ein Anonymus eine Chronik der Familie (Den oorsprong ende beginsel ofte generacie der bainreheeren van Wassenaar), die er anreicherte mit allerlei kurzen Hinweisen chronikalischer Art über andere Adelsfamilien Hollands.
IV.
Die W.s betrachteten sich seit 1340 als die Erben der alten Bgf.en von Leiden. Sie führten den Titel »Bgf. von Leiden« noch, als die rechtliche Grundlage durch die Konfiskation durch den Gfe.n nicht mehr gegeben war. Auch haben sie das alte Familienwappen (auf Rot drei Halbmonde in weiß/silber) seit dem 14. Jh. geviertelt mit dem der Bgft. (auf Blau ein goldener Balken). Ihre Heiratspartner suchten sie bis in die burgundische Zeit in Holland. Hendrik (1428-1447) ist der erste, der eine Frau aus den südlichen Niederlanden zur Ehe nahm: Catharina van der Aa van Gruuthuzen. Sein Enkel Jan II. heiratete Josina van → Egmond, eine Tochter des damaligen Statthalters von Holland-Seeland.
Schon im 13. Jh. hatten sich einige Nebenlinien gebildet. Die wichtigste dieser war die Familie van Duivenvoorde, die sich auf der Burg Duivenvoorde bei Voorschoten niederließ. Anfangs sind sie so gut wie gar nicht in Diensten der Gf.en zu finden. Gegen Ende des 13. Jh.s schaffte es ein jüngerer Sohn, Bailli von Kennemerland zu werden. 1295 erhielt er das Gut Van Polanen bei Monster (heute Südholland), wo er sich niederließ. Er legte die Basis für die Familie Van Polanen, die im 14. Jahrhundert den W.s gleichrangig wurden, u. a. durch Erwerb der Herrschaft in Breda und von Gütern im holländisch-brabantischen Grenzgebiet (→ Nassau). Erst gegen Ende des 15. Jh.s verstand es der Hauptzweig der Duivenvoorde, seinen Grundbesitz ansehnlich zu vergrößern, vor allem durch günstige Heiraten. Arend V. (gest. 1483) heiratete Margaretha van → IJsselstein, Frau der Burg Ten Bossche bei Weesp. Ihr ältester Sohn setzte die Hauptlinie fort, die im 17. Jh. einen Teil der älteren Güter der W.s zurückzuerwerben wußte. Ihre Söhne Gijsbert (gest. 1510) und Jan hr. (1468-1543) heirateten entweder Frauen aus der Familie van Obdam oder Warmond und begründeten Nebenlinien, die im 17. Jh. eine vornehme Stellung innerhalb des holländischen Adels einnehmen sollten. Dann nahmen sie den Namen W. wieder an.
Quellen
Den Haag, Nationaal Archief, Archief van de familie Van Wassenaer van Duvenvoorde; Delden, Huisarchief Twickel; Den Haag, Koninklijke Bibliotheek, hs. 131 G 31 (Familienchronik). Aalst, G. M. van: Regesten van het fonds Wassenaar in het huisarchief Twickel, 1222- 1599, Den Haag 1998. – Hoek, C.: De leenkamers van de heren van Wassenaar, in: Ons Voorgeslacht 33 (1978) S. 53-144, 149-233,461-557 und 561-665.
Literatur
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