Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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BREDERODE

A. Brederode

I.

Der Name B. wird das erste Mal 1244 erwähnt. Er gehört zu den Toponymen, deren Suffix »rode« auf die Rodung des Waldes verweist. B. ist der Name einer Burg im Kennemerland, gelegen an der Grenze zum Dünengebiet nördlich von Haarlem in der Gft. Holland. Der erste Herr von B., Wilhelm (1244-1285), war ein Sohn von Dirk, der dapifer des Gf.en von Holland war (1226). Dieser Dirk war höchstwahrscheinlich ein Bruder von Wilhelm Herrn von Teilingen, einem weiteren führenden Adligen in der Umgebung des holländischen Gf.en. Im 15. Jh. wurde der Familie B. über die Verwandtschaft mit dem gfl. Haus in Holland ein mythischer Ursprung in Troja zugesprochen. Sie soll ihren Namen von Gf. Arnulf (988-993) verliehen bekommen haben, der seinen Sohn Syphridus, dem der Legende nach ersten Herrn von B., mit »weiten Ländereien« (brede roeden, mit Bezug auf das Längenmaß Rute) belehnt haben soll.

II.

Der erste Herr von B. gehörte während der Regierung Gf. Wilhelms II. von Holland (gest. 1256) als Römischer Kg. zu den mächtigsten Adligen in Holland. Er besaß neben → B. und dem Amt Velsen auch die Insel Oge (heute Callantsoog), einige Dörfer in Alblasserwaard, zwischen Lek und Merwede und die Herrlichkeit Voshol. Er bekleidete eine zentrale Rolle in der gfl. Verwaltung. Im 14. Jh. verloren die B.s diese Stellung nicht. Dirk van B. (gest. 1377) wuchs am Hof Gf. Wilhelms III. auf und bekleidete viele milit. und administrative Funktionen in der gfl. Umgebung. 1352 geriet er in dem Streit zwischen Gf.in Margaretha von Bayern und ihrem Sohn Wilhelm in Gefangenschaft. Nach Beendigung der Auseinandersetzung 1354 nahm er in gfl. Diensten die Funktion als Truppenanführer, Rat und Statthalter wieder auf. Auch sein Sohn Reinoud I. (gest. 1390) und sein Enkel Jan (gest. 1415) blieben auf diese Art und Weise dem Hof verbunden. Als Jan 1402 in das Karthäuserkl. bei Diest eintrat, übernahm sein Bruder Walraven die Aufsicht über die Besitzungen. Walraven wurde unter Gf. Wilhelm VI. zu einem der wichtigsten Anführer der Hoeken. Jan verließ das Kl. bereits i.J. 1415. Er nahm teil an der Schlacht von Azincourt, wo er auf frz. Seite kämpfend den Tod fand. Sein Bruder Walraven starb kurze Zeit später bei der Einnahme von Gorinchem am 1. Dez. 1417, als er in Diensten der Gf.in Jacobäa von Bayern stand. Sein jüngerer Bruder Wilhelm übernahm die Vogtei über Walravens noch minderjährige Kinder und unterstützte als Rat und Truppenanführer Jacobäa von Bayern in ihrem Streit gegen Hzg. Philipp von Burgund. Nach der Versöhnung zwischen Jacobäa und Philipp 1428 wußten die B.s die Gunst des burgundischen Hzg.s zu gewinnen. Reinoud II., Walravens ältester Sohn, fungierte ab 1439 als gfl. Rat in Holland. Sein Status wurde 1445 aufgewertet, als er als erster und bis auf weiteres einziger holländischer Adliger in den Orden vom Goldenen Vlies aufgenommen wurde, sodann auch durch seine Hochzeit mit Yolande, der Tochter des Guillaume de Lalaing (Eheverabredung vom 28. Nov. 1445). Zum Dank für seine milit. Unterstützung Philipps des Guten während des Genter Aufstands 1452 erhielt Reinoud 1453 die Hohe Gerichtsbarkeit über seine Herrlichkeiten B., Voshol, Schoorl mit dem jeweiligen Zubehör.

Bald darauf geriet die Familie jedoch in Konflikt mit dem Hzg. Gijsbrecht. Der jüngere Bruder Reinouds wurde zum Bf. von Utrecht gewählt (17. April 1455), während Hzg. Philipp seinen illegitimen Sohn David als solchen einsetzen wollte. 1456 trat Gijsbrecht von seinem Anspruch zurück, nachdem Philipp mit einer Armee nach Utrecht marschiert war. Das Verhältnis zwischen dem neuen Bf. David von Burgund und den B.s blieb jedoch gespannt. Es gab Gerüchte, daß Reinoud in Zusammenarbeit mit dem geldrischen Hzg. Arnold einen anti-burgundischen Anschlag plante. 1470 wurden Reinoud II. und Gijsbrecht durch Bf. David in einen Hinterhalt gelockt und auf der Burg Duurstede gefangen gesetzt. Reinoud wurde später nach Rupelmonde verlegt und nach einem Verhör durch Mitglieder des Ordens vom Golden Vlies freigelassen. Im Herbst des Jahres 1473 wurde er krank und starb am 16. Okt. 1473 auf seiner Burg → Batestein in Vianen. Sein Bruder Gijsbrecht blieb bis 1475 in Haft.

Walraven (gest. 1531), der älteste Sohn von Reinoud, der nach dem Tod seines Vaters noch einige Jahre unter der Vogtei seiner Mutter Yolande de Lalaing stand, wurde 1486 durch den Römischen Kg. Maximilian zum Ritter geschlagen, geriet dann jedoch schnell in Konflikt mit dem Kg., weil er eine der Töchter des seeländischen Adligen Wolfert van Borselen vergewaltigt hatte, die Maximilian seinem Vertrauten Martin von → Polheim versprochen hatte. Walraven beteiligte sich jedoch nicht am Aufstand gegen Maximilian, der von seinem jüngeren Bruder Frans van B. geführt wurde, dem sog. Jonker Fransenoorlog. Unter Philipp dem Schönen und den jungen Karl V. bekleidete Walraven das ehrenvolle Amt eines Kammerherrn.

Sein Sohn Reinoud (1490-1556), ebenfalls Kammerherr Karls V., begleitete den Fs.en 1517 auf dessen erster Spanienreise. Reinoud trat mehrmals als Truppenführer Karls V. in Erscheinung, u. a. 1530 in Piacenza. 1531 wurde er Mitglied des Ordens vom Goldenen Vlies. Er nahm 1535 an Karls großem Feldzug nach Tunis und weiter nach Italien und Frankreich teil. 1540 wurde er Mitglied des Raad van State. Er heiratete 1521 Philippina van der Mark, eine der Hofdamen Margarethes von Österreich. Zusammen hatten sie zehn Kinder, von denen Hendrik (1531-1568) die wichtigsten Titel und Herrschaften erbte. Hendrik spielte eine Rolle im ndl. Aufstand. 1566 überreichte er die »Smeekschrift« (Bittschrift) des Adels an die Statthalterin Margarethe von Parma. Nach dem Ausbruch des bewaffneten Streits gegen den Hzg. von Alba 1568 flüchtete er nach Dtl., wo er im selben Jahr kinderlos verstarb. Seine Besitzungen kamen an seine Nichte Gertruida van → Bronckhorst, die ihren Wohnsitz nach → Batestein verlegte. Nach ihrem Tod 1590 gingen ihre Besitzungen an ihren Großneffen Walraven III. (1547-1614) über, der Mitglied des Raad van State wurde. Auch Walraven III. starb, ohne Kinder zu hinterlassen. Ihm folgte sein Neffe Walraven IV. nach und nach dessen frühem Tod 1620 dessen jüngerer Bruder Johan Wolfert (gest. 1655), der eine milit. Karriere unter dem Fs.en von Oranje durchlief und mit einer Halbschwester Johann Moritz von → Nassau verh. war. Das letzte Mitglied der Familie starb 1685, woraufhin Vianen an die Familie von → Lippe-Detmold fiel.

III.

Das Wappen von B. zeigt auf Gold einen steigenden roten Löwen, belegt mit einem blauen Turnierkragen. Bis auf den Turnierkragen war es mit dem der Gf.en von Holland identisch. Diese Identität war Anlaß für Spekulationen über die Herkunft der Familie. Zur Zeit Reinouds II. wurde in Holland verbreitet, daß die B.s von einem illegitimen Sohn der Gf.enfamilie abstammten, aber nach Reinouds Tod verfaßte der Chronist/Historiker Johannis a Leydis für dessen Wwe. Yolande de Lalaing die Chroniken ende gesten der edelen hoochgeboren heeren van Brederueden, in der er behauptete, daß die Familie von Sicco oder Siegfried, dem zweiten Sohn von Arnulf, dritter Gf. von Holland, abstammte. Sicco soll in Friesland verh. gewesen sein mit Thetburga, einer Tochter der Kg.e von Friesland. Über seinen Vater stammte er von den Hzg.en von Aquitanien ab und über die von den Trojanern. Diese Meinung wurde 1476 vom Gorinchemer Kanoniker Theodericus Pauli mit Hilfe von Urk.n widerlegt, der wahrscheinlich machte, daß die Familie abstammte von den Van Teilingen, wie es bereits im 14. Jh. durch den Geistlichen Willelmus Procurator aus Kennemerland, der 1321 Kaplan von B. war, in seiner Chronik geschildert worden war. Die Meinung von Johannis a Leydis blieb jedoch populär. Es gibt auffallend viele Handschriften mit dem Text der B.-Chronik aus der ersten Hälfte des 16. Jh.s. Der Text wurde wahrscheinlich von Johannis a Leydis selbst ins Lat. übersetzt. Daneben gibt es auch eine frz.sprachige Übersetzung.

Als Reinoud III. 1529 während eines Turniers in Gent das ungeminderte Wappen Hollands führte, also ohne Turnierkragen, führte das zu Protesten Karls V., der ihn zwang, dieses Wappen abzulegen. Reinoud gehorchte dem Gebot, aber pflegte weiterhin seine Ansprüche. Von Reinoud III. sind mehrere zeitgenössische Portraits erhalten: anonym (ca. 1540), Cornelis Anthonisz (ca. 1550), Antonio Moro (idem), zwei Reiterportraits (eins aus dem Jahr 1550, das andere von Cornelis Anthonisz). Dieser fertigte um 1550 im Auftrag Reinouds eine Portraitserie mit 18 Darstellungen von Herren an, die durch Unterschriften gekennzeichnet waren (Amsterdam, Prentenkabinett), und einen Holzschnitt von der Schlacht bei Thérouanne. Bemerkenswert ist, daß Reinouds Wappen auf dem zuletzt gen. Bild ohne Turnierkragen wiedergegeben ist. 1587 wurde das erste gedruckte Werk über die Geschichte der B.s veröffentlicht: Historia et genealogia Brederoriorum, illustrissimae gentis Hollandiae von Petrus Bockenberg. Walraven III. korrespondierte noch mit der überlebenden Frau Hendriks über die Geschichte der Familie. Sie schickte ihm 1592 aus Dtl. eine Kiste mit Archivalien, die aus der Burg → Batestein stammten. Walravens Beisetzung in Vianen wurde in einer Serie von 12 Stichen festgehalten.

IV.

Im 14. Jh. residierten die Herren von B. auf der gleichnamigen Burg in Kennemerland. Über die Heirat von Erbtöchtern konnten sie ihren Besitz ausweiten. Dirk III. (gest. 1377) ehelichte Beatrix van Valkenburg, aber die daraus entstehenden Ansprüche auf Valkenburg wurden 1364 verkauft. Reinoud I. (gest. 1390) heiratete Yolande de Gennep, Frau von Gennep (→ Limburg) und der Eem/Südholland. Ihr Sohn Walraven heiratete 1414 Johanna, Frau von Ameide, die den größten Teil der Besitzungen ihres Vaters Hendrik van Vianen (gest. 1418) an die B.-Familie vermachte. Seitdem residierten die Herren von B. auf der Burg → Batestein in Vianen. Nach dem Tod Reinouds II. wurde Yolande durch die illegitimen Söhne ihres verstorbenen Ehemanns aus Vianen vertrieben. Sie zog sich zurück auf die Burg → B. Als ihr Sohn Walraven jedoch volljährig geworden war, kehrte sie nach Vianen zurück.

Die adlige Familie de Doortoge (ca. 1290-1340) und viell. auch die Familie Van der Duin wurden als Nebenlinien der B. verstanden. Ein Bastardsohn von Willem II., Herrn von B., ließ sich in Dordrecht nieder, wo seine Nachkömmlinge in der städtischen Elite aufgingen.

Quellen

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Cools, Hans: Mannen met macht. Hoge adel en de moderne staat in de Bourgondisch-Habsburgse landen, ca. 1475-c. 1530, Zutphen 2001, S. 175-177. – Dek, A. W. E.: Genealogie der heren van Brederode, in: Jaarboek van het Centraal Bureau voor Genealogie 13 (1959) S. 105-146. – Gelder, G. J. van: Een Dordtse tak van de heren van Brederode, in: Ons Voorgeslacht 48 (1993) S. 41-48. – Gent, Michel van: Een Hollandse luis in de Bourgondische pels, in: In het land van Brederode. Historisch tijdschrift voor het land van Vianen 20 (1995) S. 2-52. – Gent, Michel van: De belangrijkste gevangenen van kasteel Duurstede. De tweedracht tussen David van Bourgondië en de Brederodes in de tweede helft van de vijftiende eeuw, in: Het Kromme-Rijngebied. Tijdschrift van de historische vereniging »Tussen Rijk en Lek« 30 (1996) S. 90-116. – Hartog, Elizabeth den/Wijsman, Hanno: Yolande van Lalaing (1422-1497), Kastelvrouwe van Brederode, Haarlem 2009 (Jaarboek van de Kastelensrichting Holland en Zeeland). – Johan Wolfert van Brederode 1599-1655: een Hollands edelman tussen Nassau en Oranje, red. von A. J. M. Koenhein und P. Brederoo, Zutphen 1999. – Lulofs, M.: Die van Brero heeft men eens gesien. De Brederode-kroniek van Jan van Leyden, in: Genoechlicke ende lustige historiën. Laatmiddeleeuwse geschiedschrijving in Nederland, hg. von B. Ebels-Hoving, C. G. Santing und C. P. H. M. Tilmans, Hilversum 1987, S. 79-99. – Meurs, P. A. N. S. van: De erfenis van de Brederode's, in: Oud-Holland (1914) S. 233-259. – Schoorl, Henk: 't Oge. Het Waddeneiland Callensoog onder het bewind van de heren van Brederode en hun erfgenamen, de graven van Holstein-Schaumburg, tot de verkoop aan vier Hollandse heren, ca. 1250-1614, Hillegom 1979.