Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

WALDECK

A. Waldeck

I.

Die Gf.en, seit 1712 Fs.en von W., entstammen einer Linie der Gf.en von → Schwalenberg. Bis in die heutige Zeit behielten die W.er mit Widukind (Wittekind) einen Leitnamen der → Schwalenberger bei. Die 1120 erstmals erwähnte, später namengebende nordhessische Burg W. kam wahrscheinlich durch die Heirat Volkwins II. mit Liutgard von Ziegenhain-Reichenbach in den Besitz der Familie. In der Gelnhäuser Urk. von 1180 wird ihr Sohn Widukind III. mit der Herkunft de Waldegge bezeichnet, in einer auf 1183 datierten Urk.n erscheint er als »Gf. von W.«, zum Jahr 1189 findet sich die Benennung in den Paderborner Annalen. Als Spitzenahn der W.er Linie gilt jedoch dessen Neffe Adolf I., der 1226 noch mit der Herkunftsbezeichnung »von → Schwalenberg« erscheint, sich dann seit 1228 auch »von W.« nennt und bis zu seinem Rücktritt 1270 die W.er Herrschaft ausbaute und festigte. Eine erste Teilung fand 1397 statt, bei der zweiten Teilung 1486 zerfiel der Besitz in eine Eisenberger und eine Wildunger Linie.

II.

Die Grundlage für die Ausbildung der Gft. W. bildeten nicht nur die Ehen Widukinds I. von → Schwalenberg mit der Erbtochter Liutrud von Itter und die seines Sohnes Volkwins II. mit der Erbtochter Liutgard von Ziegenhain-Reichenbach. Bis zur Mitte des 13. Jh.s waren mit der Hochstiftvogtei über Paderborn und der Vogtei über das Kl. Corvey wichtige Herrschaftspositionen im nördlichen Hessen in den Händen der Gf.en. Nachweisbar sind Lehen der Welfen, der Ebm.er Köln und Mainz sowie der Bm.er Münster und Paderborn. Mitglieder der Familie finden sich zwar während des gesamten MAs als Angehörige v.a. der norddt. Domkapitel (Lüttich, Minden, Münster, Paderborn, Osnabrück, Utrecht, aber auch Mainz und Würzburg), allein Adolf I. taucht 1255 als Hofrichter Kg. Wilhelms von Holland in überregionalem Zusammenhang auf.

III.

Die Gf.en von W. übernahmen das seit dem Ende des 12. Jh.s nachweisbare Sternenwappen der → Schwalenberger. Für die W.er Linie setzt sich der achtstrahlige schwarze Stern auf goldenem Grund durch.

Neben dem Ausbau der Burgen W. und Rhoden ist das Augustinerinnenstift Marienthal/Netze als frühe w.ische Familienrepräsentation anzusprechen. Hier fanden wahrscheinlich seit Adolf I. bis zur Verlegung der Res. nach Arolsen im 17. Jh. die meisten Angehörigen der Familie ihre Grablege.

IV.

Leider ist eine ausführliche Landesgeschichte W.s noch ein Forschungsdesiderat, die Genealogie ab der Regentschaft Adolfs I. kann aber wohl als gesichert gelten. Er war in zweiter Ehe mit Ethelinde, einer Tochter Hermanns II. zur → Lippe verh. Da Adolf seinen für die Nachfolge vorgesehenen Sohn Heinrich II. überlebte, übernahm dessen Frau Mechthild von → Arnsberg ab 1267 die Mitregentschaft für ihre zu diesem Zeitpunkt noch unmündigen Söhne. Der ab 1279 urkundende Nachfolger Otto I. war mit einer Tochter des Lgf.en Heinrich I. verh. Er gehörte der Koalition gegen Ebf. Siegfried von Köln an. Bevor er sich 1274 auf die Seite Rudolfs von Habsburgs stellte, war er Anhänger Kg. Ottokars von Böhmen. Die Schwächung des Kölner Erzstifts bzw. Dukats nach der Schlacht bei Worringen 1288 nutzte Otto zum Ausbau seiner Herrschaft im Sauerland und zur Befestigung Rhodens. Der endgültige Verzicht Corveys auf Fürstenberg, Lichtenfels und Sachsenberg half ihm dabei ebenso wie die Auftragung der Burg Nordernau durch die Brüder Widekind und Kraft von Grafschaft. Im S W.s kamen Otto Erbstreitigkeiten der Lgf.en zugute, um im Einverständnis mit dem Ebf. von Mainz die Burg Wildungen zu besetzen und seine Herrschaft bis in das Schwalmtal auszuweiten. 1305 starb Otto auf einem für Mainz geführten Feldzug zum Eichsfeld. Nachfolger wurde sein mit Adelheid von Kleve verh. Sohn Heinrich.

Ähnlich prominent ist auch das weitere Konnubium der Gf.en von W. Die Ehe Ottos II. mit Mechthild von Braunschweig-Lüneburg wurde zwar annuliert, doch spiegeln die Verbindungen mit Berg, → Everstein, → Nassau, → Neuenahr, → Oldenburg, → Tecklenburg oder → Solms bis in das 20. Jh. hinein die Stellung der Gf.en von W. innerhalb des norddt. und rheinischen Hochadels.

Quellen

Annales Patherbrunnenses. Eine verlorene Quellenschrift des zwölften Jahrhunderts aus Bruchstücken wiederhergestellt von Paul Scheffer-Boichorst, Innsbruck 1870. – WUB = Westfälisches Urkundenbuch = Regesta Historiae Westfaliae accedit Codex diplomaticus, Bd. 1: Von den ältesten Zeiten bis 1125, hg. von Heinrich August Erhard Münster 1847, Bd. 2: 1126-1200, hg. von Heinrich August Erhard, Münster 1851, Additamenta zum Westfälischen Urkunden Buch, bearbeitet von Roger Wilmans, Münster 1877, Bd. 3: Bistum Münster 1200-1300, hg. von Roger Wilmans, Münster 1871, Bd. 4: Bistum Paderborn 1200-1300, hg. von Roger Wilmans, Münster 1874; Bd. 5: Papsturkunden, hg. von Heinrich Finke, Münster 1888; Bd. 6: Bistum Minden 1200-1300, hg. von Hermann Hoogeweg, Münster 1898; Bd. 7: Kölnisches Westfalen 1200-1300, bearb. vom Staatsarchiv Münster, Münster 1908.

Baum, Herbert: Die Begräbniskapelle des Waldekkischen Regentenhauses in Bad Wildungen, Tl. 1, in: Waldeckische Geschichtsblätter 54 (1962) S. 105-111; Tl. 2, in: ebd., 256 (1964) S. 222. – Bockshammer, Ulrich: Ältere Territorialgeschichte der Grafschaft Waldeck, mit Beiträgen von E. E. Stengel, C. Cramer und Willi Görich, Marburg 1958 (Schriften des Hessischen Landesamtes für geschichtliche Landeskunde, 24). – Cramer, Claus: Die Stifterfamilie des Klosters Arolsen. Eine Studie zur Entstehung der Grafschaft Waldeck, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 1 (1951) S. 110-127. – Decker, Rainer: »Ubi lis continua et pax est rata". Die Fehden im Süden des Bistums Paderborn gegen Ende des 14. Jahrhunderts, in: Kloster – Stadt – Region. Festschrift für Heinrich Rüthing, hg. von Johannes Altenberend, Bielefeld 2002 (Sonderveröffentlichung des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg, 10), S. 235-250. – Gaul, Otto: Aus der Zeit der gemeinsamen Herrschaft der Grafen Volkwins IV. und Adolfs von Schwalenberg und Waldeck, in: Geschichtsblätter für Waldeck 54 (1962) S. 73-79. – Kloppenburg, Walter: Die waldeckischen Landesteilungen im 13. und 14. Jahrhundert, in: Geschichtsblätter für Waldeck 54 (1962) S. 80-87. – Menk, Gerhard: Der Weg zur waldeckschen Residenz Arolsen, Arolsen 1996. – Neumann, Gerhard: Kirche und Gesellschaft in der Grafschaft Waldeck am Ausgang des Mittelalters, Bad Arolsen 2001 (Waldeckische Forschungen, 11). – Platte, Hartmut: Waldeck und Pyrmont: Geschichte eines Fürstenhauses, 4. Aufl., Werl 2008 (Deutsche Fürstenhäuser, 3). – Pöppel, Diether: Burgen als Amtssitze der sieben Bezirke der Landesregierung. Graf Adolf I. begründete die Grafschaft Waldeck und richtete die Verwaltung ein, in: Mein Waldeck 114 (2001) S. 1-4.