ÜSENBERG
I.
Als Spitzenahn gilt jener Hesso, der eine Kirche in Eichstetten baute und 1052 durch den Basler Bf. Beringer weihen ließ. Seine Identität mit dem Hesso von Rimsingen, der als Gründer einer cella in Rimsingen gilt, die er später Cluny unterstellte, ist umstritten.
Die genauen genealogischen Verhältnisse der frühen Herren von Ü. sind unklar. Der Aufstieg zu einem der mächtigsten Adligen im Breisgau gelang Rudolf I. von Ü. (gest. 1231) nach dem Aussterben der Gf.en von Nimburg und der Hzg.e von Zähringen. In den Auseinandersetzungen zwischen Kg. Friedrich II. und Egeno V. von Urach um das Erbe der Zähringer wird eine Vermittlerrolle Rudolfs vermutet, möglicher Weise konnte er auch zur Aufteilung der Ansprüche beitragen. Im Jahre 1212 hielt sich Ks. Otto IV. im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen mit Friedrich II. in Breisach auf. Wegen Übergriffen seitens seines Gefolges gerieten die Bürger Breisachs in Aufruhr und suchten, sich mit Gegenangriffen zur Wehr zu setzen. Mit Hilfe des dominus de Wisemberch konnte Otto, um seine Sicherheit fürchtend, auf die Burg Ü. fliehen, wie bei Richer von Senones überliefert ist.
Die Söhne Rudolfs I., Rudolf II. (gest. 1259) und Burkhard II. (gest. 1248) von Ü. konnten die Herrschaft, die sie gemeinsam ausübten, weiter ausbauen. Für Rudolf lassen sich gute Beziehungen zum Straßburger Bf. festmachen. In den Konflikten zwischen dem Bm. Straßburg und der Stadt → Freiburg Mitte des 13. Jh.s standen die Brüder stets auf Seiten des Bf.s. In den Auseinandersetzungen zwischen ksl. und päpstlichen Gruppierungen unterstützte Rudolf und wohl auch Burkhard Papst Innozenz IV. Trotz konnubialer Verbindung Burkhards II. von Ü. mit einer Tochter Graf Eginos V. von Urach kam eine dauerhafte Annäherung beider Häuser nicht zustande. Nach Burkhards Tod führten Rudolf II. von Ü. und Gf. Konrad von → Freiburg, Sohn Eginos V., eine Fehde gegeneinander. Deren genauere kausale Einordnung ist allerdings wg. der mangelhaften Quellenlage nicht möglich. Rudolf gründete i. J. 1249 die Stadt Kenzingen. Nachdem Rudolf i.J. 1259 verstorben war, übte Hesso IV. (gest. 1306), Sohn Burkhards II., zunächst alleine die Herrschaft aus. Seit 1271 ist auch sein Vetter Rudolf III. von Ü. (gest. 1301/03), Sohn Rudolfs II., in der Wahrnehmung herrschaftlicher Rechte bezeugt. Für die Jahre um 1291/92 wird eine Teilung der Rechte und Besitzungen in die so genannte Obere und Niedere Herrschaft zwischen den beiden Vettern angenommen. Die Obere Herrschaft, welche an Hesso IV. fiel, umfaßte Endingen, Riegel und Besitzungen und Rechte in anderen ü.ischen Orten am Kaiserstuhl (Forchheim, Eichstetten, Bahlingen, [Kiechlins-]Bergen, Bischoffingen, Ihringen), Sulzburg, Schliengen, die Burgen Höhingen und Ü., die Kirchensätze in Eichstetten am Kaiserstuhl und Hausen sowie die Wildbänne auf dem Kaiserstuhl. Die andere, sog. »Niedere Herrschaft«, welche Rudolf III. erhielt, beinhaltete Kenzingen, die Burg Kirnberg, Altenkenzingen, Münchweier, Herbolzheim samt den dortigen Kirchensatz, Bleichheim, Nordweil, Bombach, Ober- und Niederhausen (heute Rheinhausen), Burg und Dorf Weisweil, Kirchensätze zu Bergheim im Elsaß und Kappel am Rhein und den halben Wildbann zu Sulzburg. Zweifelsfrei belegt ist diese Teilung jedoch erst 1331 in einem Schiedsspruch zwischen Hugo von Ü. und Günter von Schönau einerseits und Jakob von Neuenfels andererseits. In der Ausübung der Vogteirechte von Andlau sind allerdings auch nach der Teilung noch Vertreter beider Linien gemeinsam greifbar.
Obere Herrschaft:
Wohl, um sich einen neuen Herrschaftsmittelpunkt zu schaffen, erhob Hesso IV. Endingen um 1285/86 zur Stadt. Auch Sulzburg wurde durch ihn Ende des 13. Jh.s zur Stadt. Er ergriff im sog. Bellum Waltherianum Partei für den Straßburger Bf. Walther von → Geroldseck, an den ihn auch verwandtschaftliche Beziehungen banden.
Seine Söhne, Burkhard III. (gest. 1334) und Gebhard (gest. 1335) von Ü., müssen wohl mit der Stadt → Freiburg in einen Konflikt geraten sein, denn am 28. Sept. 1314 gelobten sie der Stadt, in Zukunft keinen wehrhaften Bau mehr in Eichstetten zu errichten. Ein Jahr später, am 13. Nov. 1315 kauften sie von ihrem mutmaßlichen Verwandten, Ulrich von Eichstetten, die Burg in Eichstetten ab. Die genaueren Hintergründe dieser Akte bleiben unklar. 1356 wird die Anlage als Burgstall bezeichnet. Die Ü.er waren mit den Herren von Falkenstein in einen Rechtsstreit über die Vogtei des Dorfes Bickensohl verwickelt, der zu dem so genannten Kaiserstühler Krieg führte. Auf ihrer Seite befand sich die Stadt Endingen, auf Seiten der Falkensteiner standen die Herren von Endingen, Gf. Konrad von Freiburg sowie die Freiburger Bürgerschaft. Im Laufe der Auseinandersetzungen wurden drei Herren von Endingen erschlagen, wofür den Ü.ern 1322 eine große Sühnezahlung auferlegt wurde, Gebhard von Ü., Domherr zu Straßburg, wurde sogar nach England in die Verbannung geschickt.
Der 1334 verstorbene Burkhard III. hinterließ mit Johann und Hesso V. zwei minderjährige Söhne. Ihre Vormundschaft übernahm ihr Onkel, Mgf. Heinrich von Hachberg. Offensichtlich verletzte er seine Rechte als Vormund, denn ihm wurden 1336 die Güter entzogen, die Burkhard III. von Kl. Andlau zu Lehen hatte. Im darauffolgenden Jahr wurden selbige den noch unmündigen Johann und Hesso aufgetragen.
Erstmals urkundete Johann von Ü. i.J. 1346. Er muß beträchtliche Schulden gehabt haben, die von Burkhard herrührten, und war darüber mit der Stadt Endingen in »Mißhelligkeiten« geraten, wie für den 12. Mai 1347 belegt ist. Ebenso ist auch ein Beschluß des Bürgermeisters und des Rats von Freiburg belegt, in dem der Gemeinde auferlegt wird, einlf hundert marken zu bezahlen. Wohl aus diesem Grunde verkaufte er kurz darauf, am 24. Juni, den Bürgern von Endingen die Stadt Endingen, die Dörfer Eichstetten, Ihringen und Bahlingen und die Kirchensätze zu Eichstetten und Hausen.
Im Jahre 1377 ist Endingen erstmals als österr. Lehen zu fassen. Der Grund für die Lehensauftragung an die Habsburger ist wohl im sog. Freiburger Krieg, den Auseinandersetzungen zwischen der Stadt Freiburg und Graf Egen II. von → Freiburg in den 60er Jahren des 14. Jh.s, zu suchen.
Mit dem Tod Hessos V. 1379 starb das Geschlecht der Herren von Ü. im Mannesstamm aus.
Niedere Herrschaft:
Laut den Annales Colmarienses Maiores kaufte König Adolf von → Nassau in den Auseinandersetzungen mit Herzog Albrecht von Österreich i.J. 1298 die befestigte Stadt Kenzingen von Rudolf III. von Ü. ab, um die Elz überqueren zu können, wo sich beide Heere gegenüberstanden. Zur entscheidenden Schlacht kam es allerdings erst einige Zeit später, im Juli 1298 in Göllheim (Pfalz), in der Adolf von → Nassau getötet wurde und Rudolf von Ü. in Gefangenschaft des Habsburgers geriet. Er scheint allerdings kurz darauf freigekommen zu sein, denn bereits im Sept. desselben Jahres tritt er in einer Urk. auf. Ob er sich in irgendeiner Weise freikaufen konnte, geht aus den Quellen nicht hervor. Später begegnet die Niedere Herrschaft als habsburgisches Lehen. Der Zeitpunkt und der Grund für diese Lehensauftragung sind unbekannt, doch gibt es starke Hinweise darauf, daß Hugo von Ü., Sohn Rudolfs III., der Schulden wg. den Habsburgern seine Herrschaft aufgetragen hat. Es läßt sich belegen, dass zumindest ein Teil dieser Schulden noch aus Zeiten Rudolfs III. stammte. Ob diese aus einem Freikauf resultierten, muß allerdings offen bleiben.
Die ältere These, daß auch Hesso IV. von Ü., sein Vetter, an den Auseinandersetzungen beteiligt war, entbehrt jedweder Anhaltspunkte. Nur wenige Jahre nach diesen Ereignissen, vermutlich zwischen 1301 und 1303, scheint Rudolf III. von Ü. verstorben zu sein. Von den beiden hinterbliebenen Söhnen Rudolfs übernahm zunächst Hugo die Herrschaft. Sein Bruder Friedrich erscheint seit 1307 ebenfalls in Rechtsgeschäften. Von der angesprochenen schwierigen finanziellen Lage zeugen zahlreiche Verkäufe und Verpfändungen. Der Verkauf der Andlauischen Güter im Breisgau dürfte die Situation noch verschärft haben.
Nach dem Tode Hugos 1343 scheint sich die finanzielle Situation weiter dramatisiert zu haben, da Friedrich 1352 seine gesamte Herrschaft dem mit ihm verschwägerten Mgf.en Heinrich von Hachberg, zu Lehen gab, doch auffälligerweise waren die Habsburger in diesen Vorgang nicht eingebunden. Vermutlich also fand diese Belehnung ohne ihr Wissen statt. Auch eine Verwicklung des Basler Bf.s in diese Vorgänge ist wahrscheinlich. Mit dem Tode Friedrichs 1357/56 erlosch die Linie der Niederen Herrschaft im Mannesstamm. Um das Erbe entbrannte ein Streit zwischen dem Mgf.en Heinrich von Hachberg und dem Hause Habsburg, der durch einen Gerichtsspruch i.J. 1369 zu Gunsten des letzteren entschieden wurde. Wo diese habsburgischen Ansprüche als heimgefallenes Lehen herrührten, ist unklar. Die These, Rudolf III. habe Albrecht von Österreich seine Besitzungen aufgetragen, nachdem der Ü.er infolge der Schlacht bei Göllheim in seine Gefangenschaft geraten war, entbehrt belastbarer Anhaltspunkte.
II.
Eine Hofhaltung der Herren von Ü. ist nicht bekannt.
Quellen
Annales Colmarienses maiores a. 1277-1474, hg. von Philipp Jaffé, in: MGH SS XVII, 1861, S. 202-232. – Chronicon Colmariense a. 1218-1304, hg. von Philipp Jaffé, in: MGH SS XVII, 1861, S. 240-270 – Freiburger Urkundenbuch, hg. von Friedrich Hefele, 3 Bde., Freiburg 1940-1957. – Monuments de l'histoire de l'ancien évêché de Bâle, hg. von Joseph Trouillat, 5 Bde., Porrentruy 1852-1867 – Richeri Gesta Senoniensis ecclesiae, hg. von Georg Waitz, in: MGH SS XXV, 1880, S. 249-344. – Urkundenbuch der Stadt Freiburg im Breisgau, hg. von Heinrich Schreiber, 2 Bde., Freiburg i.Br. 1828-1829. – Urkunden zur Geschichte der Herrschaft Üsenberg, hg. von Heinrich Maurer, in: Zeitschrift der Gesellschaft für Beförderung der Geschichts-, Altertums- und Volkskunde von Freiburg, dem Breisgau und den angrenzenden Landschaften 5 (1879-1882) S. 193-326.
Literatur
Andrae-Rau, Ansel-Mareike: Der Anfall des Territoriums der Üsenberger an die Habsburer, in: Die Habsburger im deutschen Südwesten, hg. von Franz Quarthal, Stuttgart 2000, S. 61-74. – Andrae-Rau, Ansel-Mareike: Beobachtungen zur Burgen- und Städtepolitik der Herren von Üsenberg im 13. Jahrhundert, in: Das Markgräflerland. Sonderband: Burgen, Märkte, kleine Städte 2 (2003) S. 112-129 – Butz, Eva-Maria: Adlige Herrschaft im Spannungsfeld von Reich und Region, Bd. 1: Die Grafen von Freiburg im 13. Jahrhundert, Freiburg 2002 (Veröffentlichungen aus dem Archiv der Stadt Freiburg im Breisgau, 34,1). – Fehr, Hans: Die Entstehung der Landeshoheit im Breisgau, Leipzig 1904. – Futterer, Adolf: Das Dorf Riegel vor und nach seinem Ausbau im 12. Jahrhundert, in: Alemannisches Jahrbuch (1953) S. 90-106. – Treffeisen, Jürgen: Endingen im Mittelalter, in: Endingen am Kaiserstuhl. Die Geschichte der Stadt, hg. von Bernhard Oeschger in Zusammenwirken mit dem Alemannischen Institut Freiburg, Endingen 1988, S. 32-81. – Treffeisen, Jürgen: Sulzburg von der Stadtwerdung bis zum ausgehenden Mittelalter, in: Geschichte der Stadt Sulzburg, Bd. 1: Von den Anfängen bis zum ausgehenden Mittelalter, hg. von der Anna Hugo Bloch-Stiftung, Freiburg 1993, S. 335-391. – Speck, Dieter: Endingen als vorderösterreichische Stadt, in: Endingen am Kaiserstuhl. Die Geschichte der Stadt, hg. von Bernhard Oeschger im Zusammenwirken mit dem Alemannischen Institut Freiburg im Auftrag der Stadt Endingen a. K. 1988, S. 95-144. – Wiegand, Wilhelm: Bellum Waltherianum (Studien zur elsässischen Geschichte und Geschichtsschreibung im Mittelalter I), Straßburg 1878.