TÜBINGEN
I.
Die Stadt T. war von 1146 bis 1268 Hauptort und Res. der schwäbischen → Pfgf.en von T., dann bis zum Übergang der Stadt an Württemberg i.J. 1342 der → Gf.en von T.
Erstmals erwähnt wurde die Stadt in den Zwiefaltener ›Annales minores‹ 1078 als Tuvvingia, spätere Nennungen sind Tuuingen, Tuwingen, Duwingen, Twinga. Der Stadtname ist wohl aus dem Personennamen Tuvo/Tuwo und dem ingen-Zusatz alemannischer Siedlungsplätze gebildet. Die Stadt liegt im wesentlichen auf Keuperwaldland, das von Ammer und Neckar durchschnitten wird, heute erstreckt sie sich vom Neckartal bis auf die ersten Höhen des Schönbuchs über mehrere Taleinschnitte und Bergrücken.
D, Baden-Württemberg, Regierungsbez. T., Kr. T.
II.
T. liegt zwischen den Flußtälern von Neckar und Ammer und dem Schönbuch, einem Keuperwaldhöhenzug, der von W nach O verläuft.
Die geogr. Lage T.s ist außerordentlich vorteilhaft: an den verkehrsgünstigen Flußarmen von Ammer und Neckar und an wichtigen Straßenverbindungen, darunter zwei Römerstraßen, gelegen, unweit von den Bodenschätzen im Nordschwarzwald und mit leichtem Zugriff auf den Forst des Schönbuchs. Das milde Klima ermöglicht gute landwirtschaftliche Erträge sowie Obst- und Weinanbau.
Keimzelle der ma. Stadt ist das Gebiet zwischen Spitz- und Österberg. Erste Siedlungsspuren im Stadtgebiet reichen bis ins 6. Jh. zurück, wie ein Reihengräberfeld westlich der späteren Stiftskirche belegt. Das castrum T. läßt sich in den Quellen erst mit der Ersterwähnung der Stadt i.J. 1078 urkundlich nachweisen, als es von Kg. Heinrich IV. angegriffen und schwer beschädigt wurde. Mit diesem Ereignis setzt auch die urkundliche Überlieferung der → Gf.en von T. ein, die bereits vor 1078 die Burg errichtet und sich nach dem Siedlungsplatz benannt hatten. Über das Aussehen der Burg, ihre Größe und Lage ist nichts Näheres bekannt. Es wird jedoch angenommen, daß die Burg an der Stelle des heutigen Schlosses Hohent. lag.
Der Siedlungskern der Stadt lag zwischen der heutigen Stiftskirche und der gfl. Burg, dort waren auch die bedeutendsten Gebäude, Münze und herrschaftlicher Fronhof, zu finden. Wohl schon im 12. Jh. erfolgte die erste Stadterweiterung im Ammertal, die das Wachstum und die Bedeutung der Stadt eindrücklich belegte. Im 13. Jh. folgte der Bau der Stadtmauer, die bis ins frühe 19. Jh. Bestand haben sollte.
Von größter Wichtigkeit war das Recht der Pfgf.en, den »Tübinger Pfennig« zu prägen. Für rund 100 Jahre war diese Münze das Zahlungsmittel im mittleren Neckarraum, verbreitet war sie bis ins 14. Jh. Ausschlaggebend für die Münzprägung waren sicher die reichen Silbervorkommen, die die Pfgf.en ausbeuten konnten. Daß die → Tübinger ihre Res. nicht in eine Höhenlage transferierten, mag mit diesen nahen Silbervorkommen zusammenhängen, die durch Burg und Stadt vor dem Zugriff Dritter geschützt wurden. Die Lage der Burg war jedenfalls beeindruckend gewählt, betrachtet man die Lage des heutigen Schlosses Hohentübingen, das sich wohl in etwa an der Stelle der pfgfl. Burg befindet. Ein weiterer Hinweis auf die Bedeutung der Stadt als überregionales Wirtschaftszentrum war ein mit der Münze verbundener Markt, der wohl schon frühzeitig vorhanden war.
Die Stadt gehörte zum Bm. Konstanz. Die → Tübinger Pfgf.en besaßen spätestens seit 1188 das Patrozinium an einer Kapelle, die an der Stelle der heutigen Stiftskirche stand. Die Kapelle und die spätere Kirche unterstanden den Tübingern, die 1294 ihr Patronatsrecht an das von ihnen gestiftete Kl. Bebenhausen verkauften. Bebenhausen diente als Familiengrablege der Tübinger und hatte an der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt großen Anteil.
1231 erfolgte die Ersterwähnung T.s als civitas, Gericht und Rat entstanden etwa zur gleichen oder nur kurze Zeit später. Dieser Stadtentwicklungsprozeß verdeutlicht den schleichenden Machtverlust der Pfgf.en, die zunächst mit der Verleihung der Stadtrechte ihre Res. an sich zu binden versucht, aber den weiteren dynamischen Kräften der Bürgerschaft wenig entgegenzusetzen hatten. 1291 mußten sie, in finanzielle Bedrängnis geraten, den Fronhof an das Kl. Bebenhausen verkaufen, der Verkauf der ganzen Stadt scheiterte. 1280 vernichtete ein Brand große Teile der Stadt. Durch ihre enorme Wirtschaftskraft gelang der Stadt jedoch der rasche Wiederaufbau, der die größte Ausdehnung des ma. T. markierte.
Aufgrund der spärlichen Quellenlage lassen sich auf die Hofhaltung der → Tübinger nur Schlaglichter werfen. So waren auf der Burg pfgfl. Ministeriale präsent, wie sich überhaupt die Res. zu einem Zentrum der adligen Lebenswelt im Hzm. Schwaben entwickeln konnte. Amt und Aufgabe der Pfgf.en und ihre Stellung im schwäbischen Hochadel brachten es wohl mit sich, daß regelmäßig Angehörige des Adels und Hochadels nach T. kamen. Auch kulturell errang T. einige Bedeutung, wie die Anwesenheit des Minnesängers Heinrich von Rugge belegt.
Nach dem Verkauf des Pfgf.enamtes 1268 und der Veräußerung der Stadt an die Gf.en von Württemberg 1342 endete die Res.zeit T.s.
Die Res.en der fünf Linien der → Gf.en von T. Horb, Asperg, Lkr. Ludwigsburg, Böblingen, Lkr. Böblingen, Herrenberg, Lkr. Böblingen, und → Lichteneck, Lkr. Emmendingen, heute Stadt Kenzingen, haben nie eine größere Bedeutung erlangt.
III.
Die Burg der Pfgf.en muß der Zeit gemäß gut befestigt gewesen sein und den größten Teil des heutigen Burgbergs in Anspruch genommen haben. Ob 1078 nun Hohent. eingenommen wurde oder nicht, bleibt offen, belegt aber die milit. Bedeutung der Burg im mittleren Neckartal und läßt auf ihre frühere Entstehung schließen. Das heutige Schloß Hohent. ist eine Vierflügelanlage aus dem 17. Jh., Mauerreste am Fünfeckturm verweisen auf die pfgfl. Burg. Bereits zuvor waren zahlr. An- und Umbauten ausgeführt worden, so hatte Anfang des 16. Jh.s der württ. Hzg. Ulrich die oberen Stockwerke abreißen und das Schloß nach modernen milit. Herausforderungen umbauen lassen. Rückschlüsse auf den pfgfl. Bau lassen sich mangels archäologischer Untersuchungen und wg. der späteren Umbauten kaum mehr ziehen.
Vom Bebenhäuser Pfleghof, der zuvor den Pfgf.en als städtischer Fronhof gedient hatte, ist aus pfgfl. Zeit kaum mehr etwas vorhanden, der heutige Baubestand entspricht der Zeit um 1500.
1280 wütete ein Stadtbrand in T., der lt. urkundlichem Bericht 150 Häuser zerstörte.
Kurz vor Ende der pfgfl. Zeit wurde auf Betreiben des Rates und der Bürger innerhalb der Stadt das Augustinerchorherrenstift, das heutige evangelische Stift, errichtet. Die Pfgf.en hatten dieser Gründung ihre Zustimmung erteilt. Auch von diesem Bau ist nichts Ursprüngliches mehr erhalten. 1272 wurde als zweites Kl. der Stadt ein Franziskanerkl. eingerichtet, das ebenfalls die Unterstützung der Pfgf.en erhielt.
Literatur
Beschreibung des Oberamts Tübingen, hg. vom königlichen statistisch-topographischen Bureau, Stuttgart 1867. – Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden, Bd. 7: Regierungsbezirk Tübingen, hg. von der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg, Stuttgart 1978. – Der Landkr. Tübingen. Amtliche Kreisbeschreibung, hg. von der staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg, 3 Bde., 1967-1974. – Sydow, Jürgen: Geschichte der Stadt Tübingen, Tl. 1: Von den Anfängen bis zum Übergang an Württemberg 1342, Tübingen 1974.