BRANDIS
I.
M. (Bezirk Landquart, Kanton Graubünden), nördlich von Chur im Alpenrheintal in verkehrsgünstiger Lage gelegen, wird bereits im 4. Jh. als röm. Straßenstation Magia erstmals erw., das churrät. Reichsgutsurbar nennt um 842 hier den Kg.shof Lupinis, im 10.-13. Jh. heißt der Ort Lupinum oder Magenze, 1295 erstmals Maienvelt. Etymologisch werden beide Namen auf Personennamen zurückgeführt (nicht gesichert). M. fungierte 1437/38 bis 1509 als Res. der Frh.en von → Brandis. Nach dem Übergang an die → Brandis.war M. zeitw. Sitz der Wwe. Friedrichs VII. von → Toggenburg.
II.
M. war Mittelpunkt der gleichnamigen Herrschaft, die aus dem Schloß und der Stadt sowie aus den Dörfern Fläsch, Jenins und Malans bestand. M. war Sitz eines herrschaftl. Landvogtes und Gerichtsort. M. unterstand vom 10. bis 12. Jh. den Gf.en von → Bregenz, seit 1200 den Gf.en von → Montfort, kam dann über die Herren von Aspermont und die Meier von Windegg 1355 an die Gf.en von → Toggenburg. Das Schloß wurde um 1250/70 von den Aspermont erbaut und von Gf. Friedrich VII. von → Toggenburg (gest. 1436) als »Neues Schloß« ausgebaut. Um 1465 wurde es von den → Brandis, die seit 1437/38 Herren von M. waren, weiter ausgebaut. Seither wird es (auch heute noch) Schloß → Brandis gen.
Die Wirtschaft gründete sich v.a. auf den Weinbau und den Landbau, daneben spielten Handel und Transportgewerbe eine Rolle. 1480 wird im Stadtrodel von M. eine Sust (Kaufhaus) erwähnt. Seit 1504 (neue Sust) bestand eine Umladepflicht für nach Chur bestimmte Handelsgüter. Der außerhalb der Stadt liegende Zoll war zwischen Stadt und Stadtherrn umstritten.
Die Kirche in M. wird erstmals um 842 erwähnt; sie war ursprgl. Pfarrkirche von Fläsch. 1480 wurde die Kirche St. Amandus (Patrozinium erstmals 1105 bezeugt) zu M. in das Kl. Pfäfers inkorporiert und zur Pfarrkirche erhoben. Der Sprengel der Kirche umfaßte auch Fläsch, Luziensteig und Jenins. M. gehörte zum Archidiakonat Unterlandquart der Diöz. Chur. In St. Amandus entstand im späten 15. Jh. neben → Vaduz eine zweite gfl. Grablege (1486 wurde hier Ulrich von → Brandis beigesetzt).
Burg und Stadt M. bildeten zwei getrennte Komplexe, die Burg lag außerhalb der Stadt. Die von den Herren von Aspermont um 1250 auf Eigengut gegr. Burg wurde 1282 von Heinrich von Aspermont seinem Bruder Egilolf vermacht, kam dann in die Hände der Meier von Windegg (1342-1355 bezeugt) und wurde dann an 1355 an die Gf.en von → Toggenburg verkauft. Diese hielten sich zeitw. in M. auf. Friedrich VII. von → Toggenburg baute die Burg mit erheblichen Mittel aus, doch war sie nicht, wie behauptet wurde, seine Lieblingsres., die eher in der ebenfalls ausgebauten Schattenburg in → Feldkirch zu suchen ist. Wolfhart V. von → Brandis ist 1477 auf der Burg M. gest., ebenso 1486 sein Sohn Ulrich. 1509 wurde die Burg an die III Bünde verkauft und zum Sitz ihres Landvogtes gemacht. Die Burg wurde 1499 geplündert; ob sie auch niedergebrannt wurde, ist strittig. 1624 wurde sie von den Österreichern in Brand gesteckt. 1799 wurden Franzosen einquartiert, die das Holzwerk verheizten.
Die Stadt M. dürfte im 13./14. Jh. entstanden sein (erstmals erwähnt 1346), doch bildeten sich keine Zünfte. Sie war mit einer Ringmauer (1364 erweitert) und einem Graben befestigt und verfügte über fünf Tore; u. a. das Churertor, das Lindauer-Bregenzertor und das Rheintörlein, das zur Schifflände führte. Ein Rathaus wird 1447 erwähnt.
Anders als in → Vaduz, wo die → Brandis durch die Aufzeichnung der brandisischen Freiheiten ihr Staatsrecht und das brandisische Urbar ihren Besitz sicherten, den Untertanen aber erst 1531 unter den Gf.en von → Sulz ein neues Erbrecht gewährt wurde, war man in M. um ein Jh. voraus. Der Grund dafür liegt einmal im Hintergrund der III Bünde, v.a. aber im 1436 gegr. Zehngerichtebund, dem sowohl M. als später (seit 1477) auch die Frh.en von → Brandis angehörten; auch erblickte man wohl in M. in den Frh.en in erster Linie die Eidgenossen, während sie sich in → Vaduz als Österreicher sahen. Wolfhart [V.] von → Brandis und Thüring von Aarburg, deren Ehefrauen Verena und Margaretha von → Werdenberg-Heiligenberg-Bludenz zu Erben Friedrichs VII. von → Toggenburg berufen waren, bestätigten 1438 der Stadt M. ihre Rechte und Freiheiten (gedruckt bei Thommen, Bd. 3, S. 325-330). Der Freiheitsbrief ging beim Stadtbrand von 1458 verloren, wurde aber 1469 ersetzt. 1472 erneuerte Ks. Friedrich III. den → Brandis Jahrmarkt und Wochenmarkt zu M. 1489 erneuerten die → Brandis durch den »Eniklibrief« das Erbrecht von M.
Das Verhältnis zwischen den Bürgern und den Frh.en von → Brandis war gut. Die Bürger waren jedoch, wie die → Brandis auch, zwischen ihren Herren und den Bünden und Eidgenossen hin und her gerissen. Es bestanden zwei Parteien in M., von denen die eine (»die Österreicher«) ihren Herren, die andere (»die Eidgenossen«) den Schweizern und den III Bünden zuneigte. 1499 wurde mit den Österreichern blutig abgerechnet als ihr Anführer, der Stadtvogt Wolf Ort, in Luzern hingerichtet wurde.
Ulrich von → Brandis gab 1480 der Stadt eine neue Verfassung, den Stadtrodel. Alle kleineren Bußen bis hinauf zu 10 Schilling wurden der Stadt überlassen. In Streitfällen zwischen Stadt und Landesherr sollte die Stadt → Feldkirch entscheiden. Nach seinem Tod 1486 erfolgte die Rechtsnachfolge ohne Schwierigkeiten, so wie die Dörfer huldigte auch M., dem die Privilegien bestätigt wurden. Streitigkeiten gab es 1484 und 1492 um den Zoll, den die Stadt für sich beanspruchte; nach 1509 wurde der »Brandiszoll« meist an die Stadt verpachtet. 1496 wurde ein Konflikt zwischen M. und → Brandis durch die Stadt → Feldkirch entschieden; es ging u. a. um den Einzug der Tanz- und Spielbewilligungen. Zudem verlangte die Stadt, daß der Vogt seinen Einsitz im Rat und in der Gmd. nahm, wodurch er den Herren entfremdet wurde. Er hieß seither auch Stadtvogt. Alle Vögte zur Zeit der → Brandis waren Bürger von M. (Vögteliste 1423-1516 bei Fulda, S. 253 f.).
III.
Das Schloß M. stellt sich als eine typische Feudalburg dar. Der Burgkomplex ist fast quadratisch angelegt. Der markante Turm, als ältester Teil der Burg um 1250/70 erbaut, bildete mit den angrenzenden Bauwerken und der Ringmauer in erster Linie ein Befestigungswerk. Die beachtliche Höhe des Turms sollte eine weitreichende Beobachtung ermöglichen. Der sechsgeschossige Turm, dessen Mauern 2,5 m stark sind, mit später neu eingebrochenem ebenerdigen Eingang (ursprgl. lag der Hocheingang im 3. Geschoß) und neuen Fenstern diente aber auch Wohnzwecken, wie aus den Wandmalereien hervorgeht. Der Palas (»Neues Schloß«) wurde durch Friedrich VII. von → Toggenburg erbaut und von den → Brandis weiter ausgebaut, die 1465 eine Kapelle hinzugefügt haben (1496 zweiter Altar). Um den Innenhof, in dem Kaufmannsgut gestapelt wurde, gruppieren sich der Turm, ein weiteres Gebäude, das kleine »Alte Schloß« und das sehr viel größer angelegte »Neue Schloß«. Ein bastionsartiger Rundturm (»Frauenturm«) wurde 1860 mit andern Teilen der Befestigungen geschleift. Alle Anbauten sind im 14. und 15. Jh. errichtet worden.
Vorgängerbauten sind nicht bekannt. Über die Architekten, Baumeister und Künstler ist nichts bekannt. Die Wandmalereien des frühen 14. und 15. Jh.s gehen auf den Waltensburger Meister zurück. Dargestellt sind eine Turnierszene, eine Minneszene, eine Weinlese, eine Wirtshausrauferei, fünf Szenen aus der Samsongeschichte, zwei Zweikampfszenen, ein Elefant und ein Greif. Der Elefant gehört aber wohl einer späteren Zeit an, er könnte auf die Gattin des Ulrich von → Brandis Praxedis von → Helfenstein hinweisen.
Die Wohn- und Repräsentationsräume lagen im 3. Geschoß des »Neuen Schloßes«, die Gf.enstube mit anschließenden Kammern. Im 2. Geschoß befanden sich die Gerichsstube (»blaue Stube«) und zwei Küchen. 1464 wurde eine Urk. in der großen Stube in der Burg ausgestellt. Die Wirtschaftsräume (Pferdestall, Bäckerei) waren im Erdgeschoß. Die Burg verfügte auch über ein Gefängnis. Der Kastellan oder Burgvogt, stammte aus der Stadtbürgerschaft. Als erweiterte Vorburg mag die im 14. Jh. entstandene Ummauerung der Siedlung angesehen werden.
Die Mühle, erstmals im 9. Jh. erwähnt, wurde zunächst vom Rhein gespeist, später durch Mühlwasserkanäle; sie wurde mehrfach durch Hochwasser zerstört und rückte immer näher an die Stadt heran. Zuletzt erbauten die → Brandis die Mühle schier under dem schloß. Sigmund II. von → Brandis verlieh sie 1490 der Stadt M.
Kg. Maximilian I. hatte mit seinem geplanten Kauf von M. die Idee verfolgt, ähnlich wie in → Vaduz ein gegen Graubünden und die Schweiz gerichtetes Bollwerk für die Verteidigung Tirols zu errichten, das der modernen Artillerie standhalten konnte. Nach dem 1509 erfolgten Verkauf an Graubünden stellte sich die Frage Wehrarchitektur versus Komfort nicht mehr. Wiewohl um 17. Jh. in den Bündner Wirren die Luzisteig heiß umkämpft war und der (nicht mehr vorhandene) bastionsartige Rundturm auf Ansätze zu einer modernen Fortifikation deuten könnte, bildete M. jetzt – anders als → Vaduz – keinen Eckstein mehr in einem großräumigen Verteidigungskonzept.
Der gegen die → Brandis erhobene Vorwurf eines krassen Materialismus wird relativiert, wenn man ihre Förderung der kirchlichen Kunst näher betrachtet. Für Wolfhart I. (gest. 1371) wurde ein Grabstein im Klarissenkl. Königsfelden gesetzt. Heinrich II. (gest. 1383), Abt von Einsiedeln und Bf. von Konstanz, ließ 1378 mit hohem Aufwand den neuen Konstanzer Münsterturm bauen, 1380 die größte Glocke gießen und 1380/83 zwei neue Altäre errichten. Sein Neffe Mangold III. (gest. 1385), Abt der Reichenau, fügte dem Kirchenschatz einen bes. kunstvollen Abtsstab hinzu. Die Schwester Heinrichs II. Agnes (gest. 1349), Äbt. von Säkkingen, steuerte aus eigenen Mitteln zum Bau der dortigen Stiftskirche bei. Wolfhart VI. stiftete 1461 die Frühmesspfründe zu Schaan, Wolfhart VI. und Sigmund I. 1476 die zweite Schloßkaplanei (St. Katharinenalter) zu St. Florin in → Vaduz. Vor 1486 stifteten Ulrich von → Brandis und seine Gemahlin Praxedis von → Helfenstein, verwitwete von Kastelwart, einen Kelch mit ihrem Allianzwappen für St. Florin in → Vaduz. Als bes. Förderer der Kunst erwies sich Ortlieb (gest. 1491), Bf. von Chur, der 1484/85 den Hochaltar der Kathedrale schaffen ließ sowie seinen kostbaren Sarkophag. Er stiftete auch eine Wappenscheibe für die Kirche in Fideris. Joh. Niklas von → Brandis schenkte 1499 ein vergoldetes Kreuz mit einer Kreuzpartikel der Pfarrkirche in Glarus. Ludwig von → Brandis (gest. 1507) stiftete 1494 für die Kapelle St. Mamertus in Triesen eine Pfründe und einen Altar, ebenso 1506 gemeinsam mit seiner Frau Katharina von → Gundelfingen eine Glocke mit ihrem Allianzwappen für das im Neubau begriffene Schloß in → Vaduz. 1507 übereignete Ludwig der Kirche in Mauren einen silbernen Kelch, den er als Beute aus dem bayr. Erbfolgekrieg mitgebracht hatte. 1507 wurde die Schloßkapelle St. Florin mit dem Totenschild Sigmunds II. von → Brandis geschmückt.
Geistige Zentren für M. bildeten das Bm. und das Domkapitel in Chur, bes. aber das geogr. noch näher gelegene Kl. Pfäfers. Die schulische Bildung für M. erfolgte in Chur oder Pfäfers. 1510 wird erstmals eine Stadtschule in M. bezeugt, deren Anfänge noch in die Zeit der → Brandis zurückgehen mögen. Universitätsstudien widmeten sich v.a. die Geistlichen: Ortlieb 1449 in Heidelberg und 1454 in Pavia, Johannes 1476 in Bologna, die Illegitimen Albert, Gallus und Sebastian 1464, 1465 und 1467 in Basel. Als einziger Laien studierte Georg 1449 in Heidelberg.
Von einer Schloßbibliothek gibt es in M. keine Spuren. 1450 schenkte der Abt von Pfäfers dem Wolfhart von → Brandis drei volumina: die Moralia Gregorii super Ezechielem, die Moralia Gregorii super Job sowie eine Chronik. Ortlieb machte sich 1490 um den Druck eines Missales (Breviarium Curiense) verdient, das wiederholt nachgedruckt wurde.
An den Grablegen in → Vaduz und M. wirkten Kapläne, die nicht selten illegitime Abkömmlinge der Frh.en von B. waren. Es ist bezeichnend, daß sich Johannes von → Brandis noch 1509 beim Verkauf von M. an die III Bünde das Patronatsrecht über die Frühmesserei in M. vorbehielt. Schon 1441 hatten die → Brandis beim Verkauf ihrer Stammherrschaft → Brandis den Vorbehalt gemacht, daß die Kirche von → Lützelflüh samt der Kaplanei einem illegitimen Sohn und einem dort wohl von ihnen eingesetzten Priester auf Lebenszeit erhalten bleiben sollte. Die bedeutenden Kosten, die Wolfhart I. im Kl. Königsfelden, Heinrich II. im Konstanzer Münster, Ortlieb in der Churer Kathedrale oder Wolfhart V. bzw. dessen Söhne in der Schloßkapelle von → Vaduz auf ihre eigenen Grabmonumente aufwandten, sind Ausdruck über alle Generationen hinweg wachen Repräsentationsbedürfnisses.