TRUHENDINGEN
I.
Namengebend für die Familie war der bereits in der ersten Hälfte des 9. Jh.s als Fuldaer Fronhofsverband erwähnte Ort Truhtmuntinga, das heutige → Altentrüdingen (Ortsteil von Wassertrüdingen, Kr. Ansbach). Als frühestes Zentrum gilt jedoch ein Besitzkomplex um die Orte Pfäfflingen, Dürrenzimmern und Wechingen im Nördlinger Ries. Die Familie siedelte sich, vermutlich gefördert durch die Staufer, im Immunitätsbereich des Eichstätter Bannforstes rund um den Hahnenkamm, einer Hügelgruppe am Nordrand des Nördlinger Rieses, an.
In → Altentrüdingen entstand in Nachbarschaft zum Fuldaer Besitz ein erster Herrschaftsmittelpunkt. Dieser wurde im Verlauf des 12. Jh.s nach → Hohentrüdingen am Hahnenkamm (Kr. Weißenburg-Gunzenhausen) verlagert. 1129 werden die drei Brüder Adalbert I., Friedrich I. und Siegfried erstmals erwähnt, als sie in der Zeugenreihe des Eichstätter Bf.s unter mehreren Edelfreien an erster Stelle auftreten.
II.
Nach Abschluß der Herrschaftskonsolidierung gegen Ende des 12. Jh.s erscheint Friedrich II. von T. (gest. um 1194) verstärkt im Gefolge der Staufer. Sein Sohn Friedrich III. (gest. 1253) ist 1215 bei der Krönung Ks. Friedrichs II. in Aachen anwesend, seit 1222 findet er sich vielfach im Gefolge Heinrichs (VII.); nach 1235 erscheint er wieder im Umkreis des Staufers und häufig im Gefolge seiner consanguinei, der wittelsb. Hzg.e, die ihn und seine Nachkommen immer wieder zu richterlichen Aufgaben heranzogen. Friedrich VII. (gest. 1332) zählte zu den Vertrauten Ks. Ludwigs IV., des Bayern und begleitete ihn auch auf seinem Italienzug 1327.
Auffällig ist die grafengleiche Position der Truhendinger in den Zeugenreihen wittelsb. Urk.n. Seit 1271 führt die Familie den Gf.entitel, der wohl aus einer Eheverbindung mit den Gf.en von Dillingen abgeleitet wurde, und nicht – wie früher vermutet – mit der Erbschaft von den Andechs-Meraniern übernommen wurde.
Der 1129 erwähnte Siegfried von T. (gest. 1150) avancierte 1131 zum Propst des Würzburger Stiftes Neumünster und wurde 1146 zum Bf. von Würzburg gewählt. Mit Friedrich VI. (gest. 1319) faßte die Familie 1285 im Bamberger Domkapitel Fuß. 1274 wird er bereits als Propst des Stiftes → Öhringen erwähnt, 1277 als Chorherr in Regensburg und 1279 als Augsburger Domkanoniker.
Friedrich IX. (gest. 1359) wurde 1351 zum Bamberg Domdekan gewählt, nachdem er seit 1345 als Bamberger Domkanoniker erscheint. Nach einem Studium an der Universität in Bologna (1327) findet er sich 1329 im Gefolge Ks. Ludwigs IV., des Bayern.
Friedrich XI. (gest. 1366) schließlich folgte seinem Onkel 1360 als Domdekan in Bamberg nach und wurde 1363 zum Bf. von Bamberg erhoben. Die männlichen Familienmitglieder des Hauses gehörten durchwegs verschiedenen Stiften an, die attraktive Pfründen boten. Zum Teil wurden diese auf dem Umweg über Kollegiatstiftspfründen erlangt.
Das älteste Substrat der Herrschaft basierte auf Kirchengut aus Fuldaer und Eichstätter Besitz, das über die Ausübung von Vogteirechten oder als Lehen in den Besitz der Familie kam. So konnte ein dichtes Netz von Stützpunkten errichtet werden. Die Rodungstätigkeit am Rand der Siedlungszonen sowie die Orte selbst wurden durch ein System von Burgen gesichert.
Zum neuen Mittelpunkt des beherrschten Raums entwickelte sich im Verlauf des 12. Jh.s → Hohentrüdingen, das Kernstück der Herrschaft am Hahnenkamm. Mit dieser Burg verbunden waren Vogtei- und Gerichtsrechte über die Kl. Heidenheim am Hahnenkamm und Solnhofen. Eine wichtige Rolle, nicht nur als Einnahmequelle, spielten Zehnt- und Patronatsrechte, ebenso wie Regalien (Zoll und Geleit).
Geogr. gesehen war die Herrschaft T. kein in sich geschlossenes, abgerundetes Territorium, sondern ein aufgrund der vorliegenden Quellen nicht genau einzugrenzender Komplex aus Allodialbesitz, Lehen und Vogteirechten unterschiedlicher Rechtsqualität. Größere Besitzmassen werden v.a. dann faßbar, wenn Stiftungen, Dotationen und Veräußerungen vorgenommen wurden. Eine Territorialisierung im Sinn einer flächenmäßigen Abrundung läßt sich nur ansatzweise erkennen.
III.
Das Wappenbild der Truhendinger ist durch ihre Urk.nsiegel überliefert. Es zeigt einen von zwei silbernen Balken geteilten roten Schild. Im Münster von Heidenheim am Hahnenkamm ist das Grabmal Ulrichs I. (gest. 1311) und seiner Gemahlin erhalten, in der Pfarrkirche in Scheßlitz (Kr. Bamberg) das Epitaph Friedrichs VII. und seiner Gemahlin und im Dom zu Bamberg das Grabmal Bf. Friedrichs (XI.). In einem Codex in der Staatsbibliothek Bamberg existiert eine Darstellung, die die Truhendinger zusammen mit den Gf.en von Andechs und denen von Orlamünde als Stifter des Kl.s Langheim (Kr. Lichtenfels) zeigt.
IV.
Ausgehend von ihrem Herrschaftszentrum → Hohentrüdingen entfaltete die Familie ihren Einfluß am Hahnenkamm und im Nördlinger Ries in Konkurrenz zu den Nachbarn, allen voran dem Hochstift Eichstätt, den Gf.en von → Oettingen und den Bgf.en von Nürnberg. Basis waren die Vogtei- und Patronatsrechte über die Propstei Solnhofen, das Kl. Heidenheim sowie über Güter des Hochstiftes Eichstätt und des Kl.s Ellwangen, ergänzt durch die Kontrolle über die Burgen → Spielberg, Rechenberg, Westheim, Wurmbach, Rohrach und Alerheim. Es gelang, viele der benachbarten Ministerialen durch Belehnung in die eigene Klientel einzubeziehen und so den eigenen Einflußbereich zu erweitern.
Aufgrund einer Eheverbindung mit einer der Schwestern des letzten Hzg.s von Andechs-Meran erhoben die Truhendinger nach dem Aussterben dieser Familie 1248 Erbansprüche auf den Andechser Besitz am Obermain nordöstlich von Bamberg. In einer langwierigen und kostenintensiven Auseinandersetzung mit dem Bamberger Bf. und den anderen Erben gelang nach 1260 am Obermain die Errichtung einer zweiten Herrschaft mit den Zentren Stiefenberg/Baunach und → Giech/Scheßlitz. Diese basierte ebenfalls überwiegend auf Lehensbesitz, Gerichts- und Vogteirechten, Ämtern, Stadt-, Patronats-, Jagd-, Fischerei- und Waldrechten, dem Geleit sowie einer Klientel, die man überwiegend von den Andechs-Meraniern übernahm.
Der Besitzstand erfuhr bis zur Mitte des 13. Jh.s eine deutliche Zunahme an Gütern und Rechten – nicht zuletzt durch die meranische Erbschaft am Obermain. Die territoriale Konsolidierung erlaubte verstärkte (reichs)politische Aktivitäten. Zu Beginn des 14. Jh.s stand die Familie auf dem Höhepunkt der Macht. Gleichzeitig werden erste Anzeichen des wirtschaftlichen Verfalls sichtbar, die sich in einer zunehmenden Zahl von Besitzverpfändungen und -verkäufen manifestierten. Neben sich wandelnden Rahmenbedingungen waren individuelle Faktoren für die Verschuldung verantwortlich: der meranische Erbstreit, die reichspolitischen Aktivitäten, eine aufwändige Hofhaltung, die standesgemäße Ausstattung der Töchter, fromme Stiftungen sowie der Aufbau und Unterhalt einer eigenen Klientel.
Die schrittweise Auflösung der Herrschaft war auch eine Folge der demographischen Blüte der Familie um 1300. Bisher war man bestrebt gewesen war, die Zersplitterung des Besitzes durch die Unterbringung der Nachgeborenen in geistlichen Institutionen zu vermeiden. Diese Konsequenz fehlte nun. V.a. das Streben nach Festigung des seit 1240 überregional erweiterten Heiratskreises und Beziehungsgeflechtes ließ die Familie aufblühen.
Um 1300 teilte sich das Geschlecht in einen obermainischen und einen alttruhendingischen Zweig. Letzterer starb bereits 1311 mit dem Tod seines Begründers, des Gf.en Ulrich I., in männlicher Linie aus. Der biologische Zufall hatte ihm nur Töchter beschert, auf die Besitz überging. Die obermainische Linie erwies sich in dieser Situation aufgrund ihrer Verschuldung als finanziell unfähig, die anfallenden Erbansprüche abzulösen und den Besitz so zu erhalten. Das verbliebene Familiengut der alttruhendingischen Linie fiel durch Ulrichs Erbtöchter zunächst an die Gf.en von Schaunberg und Neuffen. Letztlich profitierten die Bgf.en von Nürnberg aus dem Hause Zollern auf breiter Front von der Zersplitterung, während die Gf.en von → Oettingen nur die Burg → Spielberg an sich bringen konnten.
Die lang anhaltende Phase des Niedergangs der obermainischen Linie wurde um die Mitte des 14. Jh.s unterbrochen, als Heinrich II. von T. das Amt des Bamberger Bm.spflegers erlangte und sein Bruder Friedrich XI. parallel dazu auf den Bf.sstuhl erhoben wurde. Nicht zuletzt durch die nur kurze Regierungszeit konnte die Familie daraus keinen Nutzen ziehen.
1390/96 waren die beiden Brüder Johann II. und Oswald gezwungen, ihren restlichen obermainischen Besitz an das Hochstift Bamberg und die Bgf.en von Nürnberg zu verkaufen. Um 1400 endet die sich territorial manifestierende Geschichte der Edelfreien und Gf.en von T. Letzte Spuren weisen Mitte des 15. Jh.s in den Herrschaftsbereich des Deutschen Ordens in Ostpreußen, wo wohl noch Mitglieder der Familie unter dem Namen Tronigen erscheinen.
Die frühesten Heiratsverbindungen finden sich im Umkreis der Stammlande. 1278 heiratete Friedrich V. von T. Gf.in Agnes von → Oettingen. Die Verbindung beider Familien reicht wohl aber bis in die erste Hälfte des 12. Jh.s zurück. Bis gegen 1250 lassen sich Verwandtschaftsverhältnisse zu den Gf.en von Graisbach, den Gf.en von Dillingen, den Gf.en von → Ortenburg sowie zu den Wittelsbacher Hzg.en erschließen bzw. nachweisen. 1240 hatte Friedrich IV. von T. eine der Schwestern des letzten Hzg.s von Andechs-Meran geehelicht.
Mitte des 13. Jh.s erweiterte sich der Heiratskreis (chronologisch) um die Gf.en von Württemberg, die Gf.en von → Hohenlohe, die Mgf.en von Baden, die Edlen von Schlüsselberg, die Gf.en von Hals, die Gf.en von → Fürstenberg, die Bgf.en von Nürnberg, die Hzg.e von Teck sowie die Gf.en von Henneberg.
Die Herrschaftsverlagerung hatte nach 1320 auch eine Umorientierung der Heiratspolitik zur Folge. So erscheinen nun die Gf.en von Schaunberg-Waxenberg, die Gf.en von Neuffen-Marstetten, die von Ziegenhain, die Vögte von Weida und die Gf.en von → Hardegg als Ehepartner der Truhendinger.
Quellen
Das älteste Lehenbuch der Grafschaft Oettingen, hg. von Elisabeth Grünwald, Oettingen 1975. – Aufsess, E.V.: Der Streit um die Meranische Erbschaft in Franken, in: Berichte des Historischen Vereins Bamberg 55 (1893) S. 1-56 – Englert, Sebastian: Geschichte der Grafen von Truhendingen, Würzburg 1885. –. Die Regesten der Bischöfe von Eichstätt bis zum Ende der Regierung des Bischofs Marquard von Hagel 1324, bearb.von Franz Heidingsfelder, Erlangen 1938. – Monumenta Zollerana. Urkundenbuch zur Geschichte des Hauses Hohenzollern, hg. von Rudolf von Stillfried-Alcantara, Heinrich Georg Stillfried und Julius Grossmann, 7 Bde., Berlin 1852-1890.
Literatur
Buchner, Siglinde: Wie waren die Herren von Truhendingen mit den Herzögen von Bayern verwandt?, in: Alt-Gunzenhausen 60 (2005) S. 7-13. – Bühler, Heinz: Zur Geschichte der frühen Staufer. Herkunft und sozialer Rang, in: Hohenstaufen. Veröffentlichungen des Geschichtsvereins Göppingen. Göppingen 1977, S. 1-37. – Guttenberg, Erich von: Territorienbildung am Obermain, in: Berichte des Historischen Vereins Bamberg 79 (1925/1926) S. 1-539. – Guttenberg, Erich von: Das Bistum Bamberg, 2 Bde,. Berlin 1937 und 1966 (Germania Sacra, Abt. 2, 1). – Russ, Hubert: Die Edelfreien und Grafen von Truhendingen. Studien zur Geschichte eines Dynastengeschlechtes im fränkisch-schwäbisch-bayerischen Grenzraum vom frühen 12. bis frühen 15. Jahrhundert, Neustadt an der Aisch 1992 [hier auch die ältere und weiterführende Literatur]. – Truhtmuntinga-Altentrüdingen 836-1986. Chronik zur 1150-Jahrfeier von Altentrüdingen, Wassertrüdingen 1986. – Seitz, Anton Michael: Die Beziehungen der Grafen von Dillingen zu den Edelfreien bzw. Grafen von Truhendingen, in: Jahrbuch des Historischen Vereins Dillingen 70 (1968) S. 51-63. – Wendehorst, Alfred: Das Bistum Würzburg. Berlin 1962 (Germania Sacra. NF 1). – Winter, Martin: Zur Siedlungsgeschichte des südlichen Hahnenkamms, in: Alt-Gunzenhausen 30 (1960) S. 23-65. – Winter, Martin: Die Edlen von Truhendingen und die frühen Wittelsbacher, in: Alt-Gunzenhausen 41 (1985) S. 19-41 – Winter, Martin: Zur frühen Geschichte des Klosters Heidenheim, in: Alt-Gunzenhausen 44 (1988) S. 22-59 – Winter, Martin: Hohentrüdingen-aus vergangenen Tagen, Hohentrüdingen 1998.