THIERSTEIN
I.
Der (Burg-)Berg wird erstmals 777 in einer Urk. Karls des Großen zugunsten des Abts von Saint-Denis gen., wonach er einem neu gegr. Kl. (der späteren Priorei Leberau) u. a. den Stophanberch schenkte. Der Name, den der Berg (westlich von St. Pilt) heute nicht mehr trägt, ist sehr verbreitet und bezeichnet eine pyramidenförmige Anhöhe. Die Burg, die (vermutlich) nach dem Berg benannt worden ist, erscheint als castrum Estufin erstmals 1147 im Bericht des Chronisten Odo von Deuil als Besitz der Staufer. Ein Turm soll danach dem 1138 zum Kg. gewählten Konrad III., ein anderer Hzg. Friedrich, der 1147 Hzg. von Schwaben geworden war, gehört haben, was nahe legt, daß es sich vermutlich um eine Doppelburg gehandelt hat.
Hzg. Friedrich war seit 1152 Kg. (Friedrich I. Barbarossa). 1157 wurde die Burg Kunegesberg gen. In Lothringen war die Burg allerdings noch 1250 unter der Bezeichnung St[a]ufen bzw. Estuphin (altfrz. Wort für → Staufen) bekannt. Mitte des 15. Jh.s (um 1453) trat die Namensform Hoenkùngssberg auf, möglicherw. um Verwechslungen mit einer oberhalb von Kintzheim (früher Königsheim) gelegenen Burg zu vermeiden (die frz. Schreibweise Haut-Kœnigsbourg erscheint erst im 19. Jh.)
Die H. beherrschte die Tiefebene des Elsaß am Eingang des Leber- (Markircher-) und des Weilertales, die über Saint-Marie-aux-Mines und Villé nach Lothringen führen; sie kontrollierte so bedeutende Verkehrswege zwischen Elsaß und Lothringen, die über die Pässe von Markirch und Urbeis bzw. Steige sowie die sog. Bergstraße am Fuß der Vogesen führen.
Zur Herrschaft H. gehörten zunächst die Burg, das unterhalb der Burg gelegene Dorf Orschweiler (vermutlich seit 1403 bzw. 1442) und der 105 ha große Wald bei Orschweiler.
Waren ursprgl. alle auf dem Berg befindlichen Gebäude unter einem Namen geführt worden, wurde seit dem 15. Jh. (1417) zwischen der Ödenburg (Oedenburg) und Königsburg, dem Schloß, unterschieden.
Die H. gilt als Res. der Gf.en von → Thierstein von 1479 (Belehnung durch den Ks.) bis 1519 (Erlöschen des Gf.enhauses) – auch wenn es keinen Hinweis dafür gibt, daß sich überhaupt ein → Thiersteiner über längere Zeit auf der H. aufgehalten hat.
II.
Während 1316 der elsässische Lgf. von Werd bekannte, die Burg mit St. Pilt, Ensheim sowie dem Zoll und Geleit durch das Leber- und Weilertal von den lothringischen Hzg.en zu Lehen zu tragen, haben die Nachfolger in der Lgft., die Gf.en von → Oettingen, dieses Verhältnis nicht mehr anerkannt und St. Pilt und die Burg als zur Lgft. gehörig betrachtet und weitergegeben – St. Pilt jedoch fiel schon bald wieder an Lothringen zurück. Als die → Thiersteiner 1479 das Lehen antraten, gehörte zur Herrschaft H. nur noch das 3 km südöstlich der Burg gelegene Dorf Orschweiler. Dieser Ort ist erstmals 768 mit dem Hinweis, daß auch die Abtei St. Denis hier über Güter verfüge, erwähnt worden und war schon damals im Besitz der Staufer. 1094 hatte hier auch die Propstei St. Fides zu Schlettstadt Besitz inne. Das Dorf erscheint seit 1403 bzw. 1442, als die Burg und die Hälfte des Dorfes vom Ks. den Hohensteinern verliehen wurde, in Verbindung mit ihr. Ein adliges Geschlecht von Orschweiler ist um 1453 ausgestorben. 1606 werden bei Orschweiler Silbergruben erwähnt, die zur Herrschaft H. gehörten. Kirchlich gehörte das Dorf zum Landkapitel Schlettstadt (1464 Rektorat, Plebanat, Primissariat). Das Patronat besaß die Straßburger Dompropstei. In der Orschweiler Kirche (um 1780) wird eine hölzerne Muttergottes von um 1500 aufbewahrt (später überarbeitet). Mit der H. hat Heinrich, letzter Gf. von → Thierstein, 1517 auch das Dorf Orschweiler (sowie den Korn- und Weizenzehnten, den Kirchensatz und einen Hof zu Oberbergheim) an Ks. Maximilian I. verkauft.
III.
Nach dem einheitlichen Charakter des spätgotischen Baus, der sich auf den Ruinen des 12. Jh.s erhebt, scheint die gesamte Burg-Anlage ein Thiersteiner Bau zu sein. Über Umfang oder äußere Beschaffenheit der Burg während der Thiersteiner Herrschaft sind jedoch kaum Nachrichten vorhanden. Auch über Architekten, Baumeister und Künstler (Ausstattung) fehlen sie. Viell. kam der Baumeister aus dem nahe gelegenen Straßburg, wo sich die oberste Bauhütte Dtl.s befunden hat (1459 dazu gewählt). Auch waren Meister und Rat der Stadt Straßburg 1479 durch den Ks. aufgefordert worden, die Gf.en beim Aufbau der Burg zu unterstützen.
Ob der Felsrücken bereits im 8. Jh. befestigt war, ist fraglich. Heute lassen sich anhand des aufstrebenden Mauerwerks noch drei Bauabschnitte unterscheiden, doch weist die Burg wohl auch Bauteile aus römischer und fränkischer Zeit auf.
Die erste, die staufische Burg war auf der höchsten Stelle des Felsens mit quadratischem Bergfried und sich anschließendem Palas errichtet worden, von dem ein dreiteiliges romanisches Fenster (Säulen mit Würfelkapitellen) und ein rundbogiges Tor (mit staufischem Löwen) geblieben sind. Möglich erscheint, daß der jüngere Bruder Konrads III., Hzg. Friedrich II., die Burg um 1114 errichten ließ (der zweite, 1147 gen. Turm wird einerseits anstelle des heutigen Westbollwerks, andererseits in einer 200 m westlich bestehenden Anlage, der Ödenburg, vermutet). 1462 ist die H. des 12. Jh.s als Raubritterburg zerstört worden.
Die 1479 durch den Habsburger Ks. Friedrich III. mit der Ruine belehnten Gf.en von → Thierstein haben sogleich begonnen, die Burg wiederaufzubauen, wogegen der Vetter des Ks.s, Hzg. Sigmund von Österreich, Einspruch erhob. Solange die → Thiersteiner nicht ihn als Lehensherrn anerkennen würden, sollte der Bau eingestellt werden. 1480 kam es auch zur Einigung. Der Sohn Ks. Friedrichs III., Ehzg. Maximilian, ernannte Gf. Oswald I. von → Thierstein zudem zu seinem Rat; Hzg. Sigmund setzte ihn 1481 für fünf Jahre als österr. Landvogt im Elsaß ein, bestellte ihn 1486 erneut zum Obersten Hauptmann und ernannte ihn 1487 für sechs Jahre wieder zum Landvogt.
Die Burg wurde zwischen 1479 und um 1500 von Grund auf erneuert; in ihren Hauptteilen war sie vermutlich jedoch bereits 1481 fertiggestellt. Zusätzl. Geld für den Bau erhielten die → Thiersteiner über Darlehen (8000 rhein. Gulden zu 4% verzinst, als Pfand dienten lothring. Güter) aus Straßburg bzw. über die Verpfändung von Burg und Herrschaft Pfeffingen an Solothurn (1488 für 3100 Gulden, durch den Bf. auf drei Jahre bewilligt).
1517 vereinbarte Ks. Maximilian I. mit Gf. Heinrich von → Thierstein: Für die H. mit Geschütz und fahrender Habe (und Orschweiler) sollte Heinrich von → Thierstein 12 000 rhein. Gulden in drei Jahresraten erhalten bei lebenslänglicher Nutznießung und einem jährlichen Dienstgeld von 600 Gulden. 1519 starb Gf. Heinrich kinderlos in Basel. Der damalige Thiersteiner Burgvogt, Monschina von Walaparoy, übergab das Schloß dem Ks. und ist bis 1521 im Amt geblieben.
Im folgenden Jh. unterstand die H. verschiedenen Hauptleuten, Vögten bzw. Untervögten, die z.T. auswärts wohnten. 1633 ist sie durch die Schweden zerstört bzw. nach vier Wochen Belagerung niedergebrannt worden. Seitdem war die Burg eine Ruine und zusammen mit Orschweiler und dem umliegenden Waldbesitz in verschiedenen Händen, bis Schlettstadt sie 1899 dem dt. Ks. schenkte.
Das heutige Erscheinungsbild ist weitgehend geprägt vom Wiederaufbau (1901-1908) durch den vom Ks. beauftragten Architekten Bodo Ebhardt. Ziel war es, den Thiersteiner Bau zu rekonstruieren; aber auch aus späteren Perioden sind Bauteile erhalten worden (z. B. Brunnenturm und Großes Bollwerk – Artillerieplattform). Archäolog. Funde aus der Burg dienten als Modell für das neu aufgerichtete Mauerwerk und die Gestaltung der Architektur.
Die heute von Mauermantel, Bollwerken und Sternschanze umfaßte Burg-Anlage (aus roten Sandsteinquadern) besteht aus einem Unteren Hof (Vorhof), einem z.T. von Wohnbauten umstellten Hof und dem Hohen Garten. Die spätgot. Hochburg selbst, deren drei (im wesentlichen → Thiersteiner) Gebäude einen Innenhof umstellen, wird nach O durch den quadratischen Bergfried des 12. Jh.s abgeschlossen (von der Zerstörung der Burg 1462 war auch der Bergfried betroffen; viell. wurde auf der vierekkigen Basis durch die → Thiersteiner ein runder Wehrturm errichtet, der bereits im 16. Jh. z.T. wieder abgetragen wurde – um 1800 bestand noch eine runde Plattform mit Resten einer Brüstung).
Über Art und Umfang der Ausstattung der H., wie sie mit der fahrenden Habe und Geschützen von den → Thiersteinern an Ks. Maximilian I. überging, geben drei Inventare Auskunft (1. undatiert – wahrscheinlich 1527/28, 2. 1530, 3. 1533): Die Burg verfügte (demnach) über zwei Säle und eine Kapelle, über differenzierte Wohn- und (kaminbeheizte) Schlafräume sowie über Küche, Keller, Vorratsräume und ein Wirtshaus. Zur Ausstattung der H. haben die Gf.en von → Thierstein Waffen, Möbel und Geräte aus ihren Schlössern (v.a. Pfeffingen und Neu-Thierstein) abgezogen und nach dem neuen Besitz gebracht.
Die H. war allg. mit Kaminen ausgestattet, von denen jedoch oft nur die Lage, nicht aber ihr bauplast. Schmuck überliefert ist.
Den westlichen Flügel, durch seine zentrale Lage bes. vor feindlichem Beschuß gesichert, bildet der Saalbau. In diesem quer über den Felsen gelagerten Burg-Flügel liegen übereinander ein gewölbter Keller (im Erdgeschoß) und zwei Säle. Am Nordende des von einem Tonnengewölbe überspannten Saales der zweiten Etage (ursprgl. in zwei Etagen unterteilt) befindet sich ein Kamin mit Rauchfang. Über die große gewelbte stub heißt es in den Inventaren, daß sie u. a. mit einem schönen sanfftsessel mit messin knoepffen, vier Tischen und ihren Stühlen, einer Anrichte und zwei Gießfässern ausgestattet gewesen sei.
Der Nordflügel birgt im Erdgeschoß die von einer gewölbten Decke überspannte Küche mit zwei großen Kaminen; ausgestattet waren sie und die Speisekammer mit Kochutensilien, Geschirr aus Zinn, Besteck und Tafelgeschirr (z.T. mit Rosen verziert) aus Messing, ein-, zwei- und dreiarmigen Messingleuchtern sowie verschiedenen Tisch- und anderen Tüchern. Die mit Sandsteinkaminen versehenen Wohnräume über der Küche waren möglicherw. Durchgangszimmer. Vermutlich waren es die Räume des Burgvogts (ausgestattet u. a. mit zwei Betten und einer Fuchspelzdecke sowie zwei Brandruten, einer eisernen Schaufel und Zange für den Kamin) und die für Gäste. Zudem befand sich in einem der Obergeschosse wohl die Bogenkammer (in der u. a. Pfeile, Bogen, Handbüchsen, dt. und welsche Armbrustwinden, Kredenz- und Weidmesser, ein vergoldeter swin spies, vier Jagdhörner, schöne Steigbügel, Sporen, 13 Trensen, Hundehalsbänder und Maulkörbe, aber auch zwei Gemälde – einer nackten Frau und anderer Leute, die badeten – ein sanfftsessell mit messin knoepffen, ein Stuhl, ein zusammengelegter Spiegel, ein gestreiftes Tuch und ein grauer Hut sowie ein Paar Handschellen – in einer Truhe – befanden).
Weitere, vermutlich schon von den → Thiersteinern bewohnte Räume sowie die Kapelle lagen im Südflügel, dessen Wand zum Innenhof in der ersten und zweiten Etage mit Holzemporen ausgestattet war (Galerien, zu denen verschiedene Wendeltreppen führten), die als Verbindungswege dienten, ohne die Gemächer zu durchqueren. Im Gegensatz zu den anderen Gebäudeteilen befanden sich in diesem Flügel von den Schlafräumen direkt abgeleitete Latrinen. Neben der zweigeschossigen Kapelle lagen auf jeder Etage kaminbeheizte Schlafzimmer (so vermutlich auch groff Oßwalts camer – ausgestattet u. a. mit einer Bettstatt mit zwei Bettzeugen und gelb-schwarzem Umhang, einem Reisebett mit Umhang mit heidischwerckg Bildern von Leuten und Vögeln, einem Bettlein, einer grün-roten Decke mit Rosen verziert, einem Stuhlkissen und zwei Brandruten für den Kamin) und Wohnzimmer mit Erkern (wie die stub neben groff Oßwalts camer – mit Tisch, blauer Decke, zwei blauen Umhängen aus Leinen, fünf Stuhlkissen und einem großen Kissen mit kelschen ziechen – eine Heizquelle wird nicht erwähnt. Gf. Oswalds Räume könnten aber auch in dem gut beheizbaren Nordflügel gelegen haben).
Die Kapelle ist mit einem spitzbogigen Kreuzrippengewölbe überspannt (hat jedoch keine Apsis – vermutlich war sie in der Schloßanlage nicht vorgesehen). Durch den durchbrochenen Schlußstein führte das Glockenseil zum urle oder stund glockg obwendig der capell. Der Kapellenraum wurde erweitert durch eine von den oberen Gemächern zugängl. Empore und seitl. eingelassene Fenster. Er war ausgestattet mit Abendmahlskelch, Corporale, Missale, zwei Kaseln, einem Albe und anderen Meßgewändern, Altartüchern und -decke, zwei Messingleuchtern, zwei Klingeln, einer Glocke und dem Weihwasserbecken. Neben der capell befand sich wiederum eine kaminbeheizte camer (ausgestattet u. a. mit sechs gemolter taffelen mit niderlendischen figuren, einem Tisch mit hupst heidischwerchtůch darauf, einer großen Bettstatt mit weißem Damast, einer grünen Decke, einem Reisebett mit weißem Damast-Himmel und gestreifter Decke). Neben dieser Kammer lag wieder eine Stube (in der zwei Tische und dazu Stühle, ein Reisebett mit Umhang, ein Gießfaß im Schränkchen, ein zinnernes Gießfaß und ein kupfernes Becken vorhanden waren).
Im Erdgeschoß des Südflügels war zur Erweiterung des Hofraumes eine gewölbte, nach außen vermutlich offene Halle.
Den Inventaren zufolge gab es daneben ein schribstüblin (wohl in der Nähe der gfl. Räume – mit Tisch und gelb-grünem Tischtuch darauf, messingnem Mirselstein, Schreiblade und Messingleuchter), eine Spiegelcamer (mit einer Bettstatt mit schwarz-weißem Umhang und Laternen, einem zusammengelegten Tisch mit verschließbarer Schublade, acht Büchern und einem Trog, der 1530/33 jedoch in der – jetzt erstmals gen. – cantzley aufgestellt war), die sattel camer (mit vier Betten), eine schellen camer (mit einer Bettstatt mit weißem Damast-Himmel und einer Decke mit heidnischwerck, einem Reisebett mit weißem Himmel und blau-grün-weißer Decke sowie zwei Brandruten für den Kamin), die Thurants camer (mit einer Bettstatt mit weißer Ausstattung, einem Reisebett mit weißem Himmel und roter Decke, einem Tisch und ein Paar Brandruten für den Kamin), die murer camer (mit vier Betten, 18 Kissen und einem blauen Leintuch), die ysen camer (mit drei Betten einschl. Bettzeug – alles mit ziechen), die kellers camer (mit drei Betten mit Bettzeug – alles mit ziechen), die Molers camer (mit einem Bett und Bettzeug – alles mit ziechen, einem Tisch, vier seidenen Stuhlkissen in gelb und schwarz, zwei Messingbecken, Messinggeschirr, in einem kensterlin ein hupscher treigzüg, cost ob drissig gulden und einem hupschst cristallen kopffsglas), eine magt camer (mit Bett, Reisebett, Messingkessel, cloackg stůl und schandel model) und die pfistery (mit einer Bettstatt).
Der gegen O gerichtete Vor- oder Untere Hof liegt etwa 10 bis 15 m tiefer als das Hochschloß. Hier standen wohl vornehmlich Fachwerkbauten, für Stallungen, Schmiede und das bereits 1500 erwähnte (vermutlich zweigeschossige) Wirtshaus. Als sich Gf. Heinrich von → Thierstein mit Friedrich zu Rhein, Hans von Baldegg und Wendel von → Homberg gegen die Eidgenossen verbündete, wurde ein Wirt verpflichtet, der diese Herren und ihre Leute auf der Burg (gegen Bezahlung) zu verpflegen hatte. Der Herrenstall bot fünf Streithengsten – mit im Boden eingelassenen Schalen zur unterirdischen Entwässerung – Platz. Daneben gab es einen Stall für sechs Kühe, einen Stier und einen Esel. In der wohl ebenfalls hier gelegenen Pfisterei waren Reisehüttenzelte aufbewahrt worden. Vermutlich ebenfalls im Vorhof, nahe des Bergfrieds, befand sich eine urkundlich belegte Handmühle.
Westlich durch einen Graben (mit Fallbrükke) vom Hochschloß getrennt, liegt der Hohe Garten, der vermutlich zum Schutz vor Artillerieangriffen als Pufferzone angelegt wurde und in dem sich unter den → Thiersteinern ein Badehaus (1530/33 mit zwei Kesseln, drei Brunnenketten und sechs Eimern) und der Brotofen (Backofen) befunden haben, die jedoch beide bereits in den 1520er Jahren baufällig waren. Auf der Burg herrschte Wassermangel: ein 62 m tiefer, jedoch wenig ergiebiger Brunnen stand am Eingang der Burg und verlor bei Beschuß Wasser; zudem soll eine von insges. drei Zisternen unsauber gewesen sein.
Die → Thiersteiner ließen die H. zwischen 1479 und 1500 zu einer allen milit. Anforderungen der Zeit gerecht werdenden Festung werden: geschützt durch ein gewaltiges West-Bollwerk mit zwei Ecktürmen für die Artillerie (z.T. 9 m stark, vom benachbarten Felsrücken durch einen Felseinschnitt und durch eine Zugbrücke von den anderen Teilen der Burg getrennt; 1562 erweitert), östlich von einem Bollwerk mit hufeisenförmigen Wehrtürmen und einer langen Ringmauer (Mauermantel mit zehn Halbtürmen) umgeben. Die Waffenausrüstung der Burg bestand u. a. aus zwölf Geschützen und 66 Haken- und Handbüchsen, darunter 39 gemolter hockgen mit Tiersteinwoppen, acht Handbüchsen mit dem Wappen, einer Handbüchse aus Messing sowie Kesseln zum Herstellen von Pulver. Der Bergfried des 12. Jh.s beherbergte im Erdgeschoß die Pulverkammer (im 17. Jh. Lug ins Landt gen.). Zudem standen ein wachthüßlin uff dem mantel, eines uff der portten, die nidren wachtt (im Vorhof) und der so gen. uff der guckg zur Verfügung.
Mit ihrer modernen Festungsarchitektur und der strategischen Lage wird die Burg für die Herrschaftsausübung der Gf.en einen bedeutenden Machtfaktor dargestellt haben. In der prunkvollen Form des Wiederaufbaus durch die → Thiersteiner mag sie zudem als Statussymbol gedacht worden sein. So stammt bspw. auch ein rundbogiges Tor zur Burg mit dem Staufenwappen (dem Löwen) im Türsturz vermutlich aus dem 15. Jh. und damit aus Thiersteiner Zeit.
Quellen
Inventare (1. undatiert – wahrscheinlich 1527/1528, 2. 1530, 3. 1533), in: Wiegand, Wilhelm: Zur Geschichte der Hohkönigsburg, Eine historische Denkschrift mit ausgewählten urkundlichen Beilagen, Straßburg 1901. Vgl. darüber hinaus die Angaben zu den Art.n A und B.
Literatur
Baridon, Laurent/Pintus, Natalie: Le Château du Haut-Koenigsbourg: à la recherche du moyen āge, Paris 1998. – Bouchholtz, Fritz: Burgen und Schlösser im Elsaß. Nach alten Vorlagen, 2. Aufl., Frankfurt am Main 1962. – Ebhardt, Bodo: Führer durch die Hohkönigsburg, Berlin 1902. – Fuchs, Monique: Die Hohkönigsburg – Beispiel einer Restaurierung um 1900, in: Burgenromantik und Burgenrestaurierung um 1900. Der Architekt und Burgenforscher Bodo Ebhardt in seiner Zeit. Ausstellungskatalog, Braubach 1999 (Veröffentlichungen der Deutschen Burgenvereinigung e.V. Reihe B: Schriften, 7), S. 48 ff. – Haug, Hans: Die Hohkönigsburg, o.O. 1976. – Humm, Andre/Staub, Alain: Die Hohkönigsburg, o.O., o.J. – Lehni, Roger: Die Hohkönigsburg, übers. von Christa Winkelheide, o.O. 1985. – Das Reichsland Elsaß-Lothringen. Landes- und Ortsbeschreibung, hg. vom statistischen Bureau des Ministeriums für Elsaß-Lothringen, Ortsbeschreibung, Straßburg 1901-1903. – Wiegand, Wilhelm: Zur Geschichte der Hohkönigsburg, eine historische Denkschrift mit ausgewählten urkl. Beilagen, Straßburg 1901.