STOTEL
I./II.
Die Ansicht, die Gf.en von S. seien von Karl dem Großen eingesetzt worden und hätten die Grenzhut gegen die Normanneneinfälle gebildet, ist Legende. Ebensowenig waren sie »Mgf.en«, Nachfolger der »Gf.en von Lesum« oder sind in eine »ältere« und eine »jüngere« Dynastie zu scheiden. Nichfsl. Hochadel ist in S. nur bis in das späte 12. Jh. zurückverfolgen: auf den 1171 erstmalig erwähnten Edelherren Gevehard (MGH Urkunden Heinrichs des Löwen, Nr. 88) folgte 1202 dessen Sohn Rodolf I. (gest. 1228/29).
Doch bezeichnet die Tradition die Kl.gründer von St. Paul vor Bremen (1131) und von Osterholz (1182), Trutbert und Eylhard, als »Gf.en« von S. Über den nobilis vir Trutbert wissen wir verläßlich nur, daß er ein Verwandter des Gf.en Gerbert I. von Versfleth war und sein wichtigstes Erbgut in Driftsethe südlich von S. hatte. Gerbert war Kl.vogt von St. Paul. Auch erscheinen schon früher – 1101 und 1146/54 – nobiles mit den Namen Truotpreth und Givehartus, die der Familie angehört haben können.
Rodolfs I. Sohn Gerbert (geb. 1229, gest. 1267; auch de Stoltenbroke) wird in dem Vertrag des Ebf.s von Bremen mit den Gf.en von → Oldenburg-Wildeshausen 1229 erstmals als Gf. gen. Da er und seine ritterlichen Dienstleute 1233 und 1234 an den Unterwerfungskriegen gegen die Stedinger Bauern teil nahmen, ist ein Zusammenhang mit der Bildung einer Adelsfronde gegen die Aufständischen zu vermuten. Offenbar hat der Ebf. ihn mit Teilen der sich bald nach 1200 auflösenden Gft. Versfleth belehnt. Die Gf.enburg konnte auf einer Weserinsel bei Lemwerder lokalisiert werden. Gerbert von S. stand in einem nicht genauer bezeichneten Verwandtschaftsverhältnis zu Gerbert, dem letzten Gf.en von Versfleth (Enkel oder Großneffe mütterlicherseits?).
Außer Gerbert gab es nur noch drei weitere S.er Gf.en, seinen Sohn, seinen Enkel und seinen Urenkel: Johannes I. (geb. 1267, gest. 1306; vereinzelt noch de Stoltenbroke), Johannes II. (geb. 1306, gest. 1326) und Rodolf III. Roland (geb. 1336, gest. 1350). Der Bremer Domherr Giselbert von Holstein und Gf. Johann III. von → Oldenburg waren 1326-1336 Tutoren der Herrschaft S. und die Vormünder Rodolfs und dessen ebenfalls noch minderjährigen, dann jung verstorbenen Bruders Johannes III. 1350 starb Rodolf III. kinderlos (wohl an den Folgen der Pest). Seine Wwe. verkaufte die Herrschaft 1350/51 an das Bremer Domkapitel. Seine Schwester Agnes und sein Schwager Johann von Luneberg verzichteten 1363 auf ihre Ansprüche (UB Braunschweig-Lüneburg, VI, Nr. 220,6). Unter ihrem Mädchennamen taucht Alburga, die Wwe. des Gf.en Johannes II., 1375 als in Stade Lebende auf (Mindermann, Adel, S. 267 f.). Dort hatte sie sich gemeinsam mit ihrem Mann ein Begräbnis in der Kl.kirche St. Marien ausbedungen.
Eine territorial geschlossene »Gft. S.« (die ältere Lit. zählte Osterstade, das Vieland, Land Wührden, Lehe und die beiden Börden Bramstedt und Beverstedt dazu) gab es nicht. Trotz ihrer ausgedehnten Grund- und Gerichtsrechte auf Geest und Marsch zwischen den Flüssen Lesum und Lehe (Bremerhaven) ist es den Gf.en von S. nur in begrenztem Umfang gelungen, ein Territorium aufzubauen. Das lag sicherlich auch daran, daß sie mit den Autonomiebestrebungen der freien Landesgemeinden Lehe, Vieland, Wührden, Vresekenstotele und Osterstade konkurrierten. Kern der Herrschaft S. bildete die Vogtei (das frühneuzeitliche Amt) S. an der Mündung der Lune in die Weser, wozu außer dem Kirchdorf S. die Dörfer Lanhausen, Welle, Fleeste, Moorhausen, Speckje, Hethorn und Holte gehörten. In den zuletzt gen. beiden Orten befanden sich zwei Adelshöfe der S.er Ministerialenfamilien Nagel und von Würden – viell. ursprgl. Burgmannen zu → S. Die Grund- und Herrschaftsrechte in den benachbarten Börden Beverstedt und Bramstedt verdichteten sich in und um Kirch- und Altwistedt (mit der Monsilienburg). Noch 1306 erwarb Johannes II. durch die Mitgift seiner Frau Alburga von → Bederkesa 220 Mark Silber und universa bona in terra Vi (Vieland), und 1347 gelang es dem Gf.en von den niederadligen Herren von Bexhövede deren Erbgut samt der dortigen Burg zu erwerben. Auch zu der Landesburg Nückel, ebenfalls in der Börde Beverstedt, erzwangen sie sich Zugang (UB Braunschweig-Lüneburg, VI, Nr. 220). Dagegen gingen das Land Wührden und die Vogtei Bramstedt verloren: Landwürden habe Gevehard von S. dem greven van Oldenborch mit to bruthschatte gegeven […] und jarlichs darto 60 molt roggen, 7 Bremer marck und 7 punt botter, alles to Lee, de botter van wegen des veers. Item 70 molt havern to Santstede, de de Oldenborger hern noch huitiges dages upboeren. Tatsächlich erscheinen Landwürden samt den Einnahmen aus Lehe, der dortigen Fähre und aus Sandstedt 1273/78 als externer Besitz der Gf.en von → Oldenburg. Die Vogtei über die Kurie Bramstedt wurde 1248 an die Bremer Kirche verkauft.
Beim Bremer Ebf. bekleideten die S.er neben anderen Gf.en und Edelfreien das (Ehren-)Hofamt des Schenken (Hucker/Trüper, Bederkesa, S. 140 f.).
IV.
Sie standen im Konnubium mit den Gf.en von Versfleth und → Oldenburg, den Edelherren von Rahden und → Bronckhorst sowie den (einstmals edelfreien) Ministerialen von → Bederkesa. Gf. Rodolfs II. Töchter heirateten Ministerialen von O, von der Lieth und von Luneberg, was den Abstieg der Gf.enfamilie auf nahezu niederadliges Niveau anzeigt.
Daß die Gf.en als nobiles terre Zoll- und Münzrechte wahrnahmen, geht aus dem Bündnisvertrag gegen die Stedinger von 1233 hervor, in dem die Verbündeten in ihrer jeweiligen terra teilw. zugunsten der Stadt Bremen auf die Wahrnehmung verzichteten (Brem. UB, I, Nr. 172-174). Als Ort der Münzprägung kommt der Marktort S. in Frage, allenfalls Lehe. Die Gf.en werden wie andere Vasallen der Ebf.e Nachahmungen Bremer Brakteaten ausgegeben haben.
Quellen
Hucker, Bernd Ulrich: Die politische Vorbereitung der Unterwerfungskriege gegen die Stedinger und der Erwerb der Grafschaft Bruchhausen durch das Haus Oldenburg, Oldenburgisches Jahrbuch 86 (1986) S. 1-32 [Ed. der Urkunde von 1229]. – Hucker, Bernd Ulrich/Trüper, Hans Georg: Die Herren von Bederkesa. Stand, Herrschaftsrechte, Wappen, Genealogie und Regesten der erzstift-bremischen Kämmerer- und Burgmannenfamilie, Hannover 1989 (Familienkundliche Kommission für Niedersachsen und Bremen. NF 8) [mit 581 Regesten von 1059 bis 1518]. – Iohannis Rode archiepiscopi registrum bonorum et iurium ecclesie Bremensis (Johan-Roden-bok), hg. von Richard Cappelle, Bremerhaven 1926. – Mushard, Luneberg: Monumenta nobilitatis antiquae familiarum illustrium […] in ducatibus Bremensi et Verdensi, Bremen 1708, Bremen 1720 unter dem Titel: Bremisch und Verdischer Ritter-Sahl oder Denckmahl der uhralten berühmten hochadelichen Geschlechter, ND Berlin 1905. – Regesten der Erzbischöfe von Bremen, 2 Bde. [787-1344], bearb. von O. H. May, G. Möhlmann und J. König, Hannover u. a. 1928-1971 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, 9). – MGH DD-in 4° Laienfürst. – Eine Stoteler Urkunde, mitgeteilt von [Friedrich Wilhelm] Wiedemann und erklärt von [Ernst D. H.] Fromme, in: Archiv des Vereins für Geschichte und Alterthumskunde der Herzogthümer Bremen und Verden 7 (1880) S. 112-133 [fehlerhafte Ed. des Güterregisters der Grafschaft Stotel von 1363/65]. – Urkundenbuch zur Geschichte der Herzöge von Braunschweig und Lüneburg und ihrer Lande, Tl. 6, hg. von H. Sudendorf, Hannover 1860 [mit Grafenurkunden von 1306 bis 1363]. – Urkundenbuch zur Geschichte der Stadt Bremerhaven, Bd. 1: Lehe und Vieland im Mittelalter 1072-1500, bearbeitet von Bernd Ulrich Hucker und Jürgen Bohmbach, Bremerhaven 1982 (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bremerhaven, 3). – Urkundenbuch des Klosters Lilienthal 1232-1500, bearb. von Horst-Rüdiger Jarck, Stade 2002 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, 211), [Grafenurkunden von 1234 bis 1285]. – Urkundenbuch des Klosters Neuenwalde, bearb. von H. Rüther, Hannover u. a. 1905 [Grafenurkunden von 1316 bis 1350].
Literatur
Hucker, Bernd Ulrich: Die Grafen von Stotel an der oberen Lune, in: Jahrbuch Männer vom Morgenstern 50 (1969) S. 71-79. – Hucker, Bernd Ulrich: Historienfest und Historienmalerei im Dienste vaterländischer Gesinnung. Hermann Allmers und der »Grafenhof« in Stotel, Bremerhaven 2000. – Hucker, Bernd Ulrich: Die landesgemeindliche Entwicklung in Landwürden, Kirchspiel Lehe und Kirchspiel Midlum im Mittelalter, in: Oldenburger Jahrbuch 72 (1972) S. 1-22. – Hucker, Bernd Ulrich: Die Mobilität von Herrschaftszentren im Spätmittelalter, gezeigt am Beispiel der Grafenburg Stoltenbroke im friesisch-sächsischen Grenzraum, in: Jahrbuch Männer vom Morgenstern 55 (1975/1976) S. 41-61. – Hukker, Bernd Ulrich: Das Problem von Herrschaft und Freiheit in den Landesgemeinden und Adelsherrschaften des Mittelalters im Niederweserraum, Diss. PH Westfalen-Lippe, Münster 1978. – Hucker, Bernd Ulrich: Das Wappen der Grafen von Stotel – irrtümliche Auffassungen über Wappenbilder und -tingierungen. Zugleich ein Beitrag zum Alter niedersächsischer Hochadelswappen, in: Kleeblatt. Zeitschrift für Heraldik und verwandte Wissenschaften 19,3 (2002) S. 5-10. – Mindermann, Arend: Adel in der Stadt des Spätmittelalters. Göttingen und Stade 1300 bis 1600, Bielefeld 1996 (Veröffentlichungen des Instituts für Historische Landesforschung der Universität Göttingen, 35). – Riemer, Dieter: Grafen und Herren im Erzstift Bremen im Spiegel der Geschichte Lehes, Diss. Oldenburg, Hamburg 1995. – Schriefer, Heinrich: Hagen und Stotel. Geschichte der beiden Häuser und Aemter, Geestemünde 1901. – Trüper, Hans Georg: Ritter und Knappen zwischen Weser und Elbe. Die Ministerialität des Erzstifts Bremen, Stade 2000 (Veröffentlichungen des Landschaftsverbandes der ehemaligen Herzogtümer Bremen und Verden, 12). – Wilmanns, Manfred: Die Landgebietspolitik der Stadt Bremen um 1400 unter besonderer Berücksichtigung der Burgenpolitik des Rates im Erzstift und in Friesland, Hildesheim 1973 (Veröffentlichungen des Instituts für historische Landesforschung der Universität Göttingen, 6). – Wulff, Hinrich: Die Grafen von Stotel, Bremer Nachrichten vom 28. Juli (1927) [auch als Sonderdruck, Bremen 1917, 4 S.].