SPONHEIM
I.
Cruciniacum [Heim des Crucinius] (Spätantike), Cruzinacha (923), Crucenachen (Fälschung zu 1065, um 1200). Stadt an der Nahe (linker Nebenfluß des Rheins); im Stadtgebiet Einmündung des aus dem Hunsrück herabfließenden Ellerbaches. Die über der Siedlung im Winkel zwischen Ellerbach und Nahe kurz vor 1205 errichtete Burg (der Name Kauzenburg ist neuzeitlich) war Res. der Vorderen Gft. → Sponheim von etwa 1250 bis 1417 (Teilung im Gf.enhaus/Erlöschen der Linie K.).
II.
K. liegt an der unteren Nahe, etwa 15 km oberhalb von deren Mündung in den Rhein (bei Bingen). Es ist Schnittpunkt von Straßen nach Mainz, Worms, Metz, Trier, Bingen und Koblenz, die hier z.T. die Nahe überqueren. Daher wurde hier wohl im 12. Jh. eine Holzbrücke errichtet, die zu Beginn des 14. Jh.s durch die in Teilen bis heute stehende Steinbrücke (mit charakteristischen Brückenhäusern) ersetzt wurde. Die Lage der Stadt am Rande einer Ebene ermöglichte den Einw.n den Anbau von Getreide und Wein sowie die Viehzucht, die Nähe zu den Wäldern des Hunsrücks sicherte gleichzeitig die Versorgung mit dem Bau- und Brennstoff Holz.
Siedlungsspuren seit der La-Tène-Zeit finden sich an mehreren Stellen in der heutigen Kreisstadt. Am Übergang über die Nahe legten die Römer unmittelbar neben einer bestehenden Siedlung ein Kastell an, von dem noch kleine Reste erhalten sind. Siedlungskontinuität (und das Fortbestehen des Christentums) seit der Antike ist anzunehmen. Aus römischen Staats- wurde fränkischer Fiskalbesitz. Daraus schenkte der Hausmeier Karlmann i.J. 745 u. a. die Kirche in K. an das neu gegr. Bm. Würzburg. Rechte am Ort übertrug später Ks. Heinrich III. der Speyrer Kirche; Heinrich IV. hat dies 1101 bestätigt. Das Hochstift Speyer besaß in Kreuznach einen Hof und das Münzrecht, trat diese jedoch 1241 an den (wenige Jahre später von den Gf.en von → Sponheim beerbten) Gf.en von → Sayn ab. Markt, Zoll und Ungeld waren 1248 in Händen des Gf.en von → Sponheim. 1361 erhielt die Stadt von Ks. Karl IV. einen Jahrmarkt; seit 1490 wurden zwei derartige Märkte abgehalten.
Der Raum um K. gehörte im frühen MA zum Nahegau, kirchlich zum Ebm. Mainz, Archidiakonat St. Martin zu Bingen, Landkapitel (Sedes) Münsterappel; K. war Sitz einer Pfarrei.
Die Besitzungen und Rechte, die die Gf.en des Nahegaus am Ort besessen hatten, kamen auf dem Erbweg an die Gf.en von Veldenz, die ihrerseits die Herren vom Stein (bei Bad Münster), die späteren Rheingf.en, damit belehnten. Die lokale Forschung hat herausgearbeitet, daß hierzu die früh (von Kelten und Römern) besiedelten und nicht vom Hochwasser gefährdeten Gebiete gehörten; Teil dieses Besitzkomplexes war der Patronat der Pfarrkirche, der im gesamten hier interessierenden Zeitraum im Besitz der Rheingf.en (später: → Wild- und Rheingrafen) blieb.
Die Gf.en von → Sponheim, die erstmals 1127 am Ort urkundeten, besaßen – als Lehen vom Hochstift Speyer – das stets durch Hochwasser gefährdete Gelände beiderseits der Nahe oberhalb und unterhalb der Mündung des Ellerbaches. Von hier aus konnten sie den Einfluß der Herren vom Stein/Rheingf.en immer weiter zurückdrängen und den Siedlungsschwerpunkt in die von ihnen besessenen Teile der sich entwikkelnden Stadt verlagern: 1279 mußte der Rheingf. auf seine Eigenleute verzichten, die in die sponheimische Stadt gezogen waren. 1324 war die vormals in Händen der Rheingf.en befindliche Vogtei über das außerhalb der (1247 erstmals belegten) Stadtmauern gelegene Kl. St. Peter im Besitz des Gf.en Johann von → Sponheim. Im Dez. 1332 wurde der Sitz der Pfarrei aus der Kirche St. Kilian in die nach 1311 mit Geldern des Gf.en Johann (gest. 1340) auf einer Insel zwischen Alt- und Neustadt (beide sponheimisch) neu errichtete Kirche verlegt; den Patronat konnten die Rheingf.en allerdings gegen den Widerstand der Gf.en von → Sponheim.behaupten. In dieser Kirche haben sich Gf. Simon (gest. 1414) und seine Tochter Elisabeth (gest. 1417), die letzten Angehörigen der Linie K., bestatten lassen; sie war (spätestens 1432) Sitz einer Priesterbruderschaft.
Vor 1205 begann der Gf. von → Sponheim mit dem Bau einer Burg auf Grund und Boden des Hochstifts; das im Nov. 1205 auf Bitten des Bf.s von Speyer durch Kg. Philipp ausgesprochene Verbot zum Weiterbau dieser Burg konnte den Prozeß nicht aufhalten. In der Mitte des 13. Jh.s waren die Gf.en von → Sponheim die Herren der Stadt, für die sie 1248 und 1270 Freiheitsurk.n ausstellten. Im Jan. 1290 verlieh Kg. Rudolf dem Gf.en Johann von → Sponheim für dessen Stadt und ihre Bürger die Rechte der Reichsstadt Oppenheim. Nach dem Stadtrecht von 1248 erhob die Stadt ein Ungeld zur Finanzierung von Baumaßnahmen (zur Errichtung und Erhaltung der Stadtbefestigung). 1261 ist erstmals ein Stadtsiegel belegt. 1281 schenkten der Gf. von → Sponheim und seine Ehefrau den Karmelitern die seit 1266 neu erbaute Kirche St. Nikolaus.
Die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt erhellt auch aus der Tatsache, daß hier Lombarden (1305) und Juden (1336, nach dem Pogrom von 1349 erneut seit 1358) lebten. Sie wohnten konzentriert in zwei »Judengäßchen«. Einen Überblick über die in der Stadt gehandelten Waren bietet eine Urk., in der Gf. Simon die beim Verkauf fälligen Abgaben im März 1382 auf fünf Jahre an die Stadt abtrat.
Vertreter des Landesherrn war nach der Freiheitsurk. von 1248 der vom Gf.en ernannte Schultheiß, der nicht aus der Stadt stammen mußte. Die Interessen der Einw. wurden durch zwölf Geschworene vertreten.
1277 mußten Schultheiß, Schöffen und Bürger zu K. dem Gf.en Johann zusichern, keine gfl. Eigenleute mehr als Bürger aufzunehmen; in diesem Punkt war es offenbar zu Konflikten gekommen. Im Dez. 1375 wurden die Bestimmungen zur Wahl der Schöffen präzisiert – möglicherw., weil der Landesherr einerseits, Bürgermeister und Schöffen andererseits diese Bestimmungen unterschiedlich interpretiert hatten. Der – freilich unzuverlässige – J. Trithemius berichtet zu 1365 von Unruhen in der Stadt, die sich allerdings nicht gegen den Landesherrn, sondern gegen den Rat richteten und mit der Hinrichtung der Rädelsführer endeten. Im Jan. 1422 mußten 20 Weberknechte, die in Kreuznach Unruhen erregt hatten und ins Gefängnis gelegt worden waren, bei Freilassung gegenüber dem Kfs.en Ludwig und dem Gf.en Johann (den Stadtherren) Urfehde schwören; der Hintergrund dieser Unruhen wird nicht deutlich. Die Männer stammten u. a. aus Friedberg, Gelnhausen, Kaiserslautern, Nürnberg und Trier.
Innerhalb des Stadtgebietes lagen die Wohnhäuser der Burgmannen, denen für den Eigenbedarf die zollfreie Lebensmitteleinfuhr zustand. Aus diesem Grund wurden die Burglehen nach einem Heimfall auch noch zu einem Zeitpunkt neu verliehen, als ihr ursprgl. – milit. – Zweck schon längst nicht mehr bestand. Inhaber wurden nunmehr Beamte der Landesherren, die allein aus wirtschaftlichen Gründen daran interessant waren. Aus der frühen Neuzeit sind gelegentlich Klagen überliefert, daß diese »Burgmannen« die abgabenfrei eingeführten Lebensmittel unzulässigerweise an Dritte verkauften; ähnliche Fälle dürfte es auch im MA schon gegeben haben.
III.
Der Burg waren zahlr. Burglehen zugeordnet. Zu deren Zubehör gehörte in der Regel ein in der Stadt gelegenes Burgmannenhaus. Einige dieser Häuser sind bis heute erhalten, allerdings immer wieder umgebaut und den sich wandelnden Erfordernissen angepaßt worden. In gewisser Weise zur Ausstattung der Res. gehören die mit Mitteln der Gf.en erbaute Pfarrkirche und die Kirche des Karmeliterkl.s mit dem darin erhaltenen Grabdenkmal des Junggf.en Walram (gest. 1382).
Zu Architekten, Baumeistern und Künstlern sind keine Nachrichten erhalten geblieben.
Mit dem Bau der Burg ist kurz vor 1205 begonnen worden. Sie wurde 1689 gesprengt; erhalten sind lediglich Reste eines Eckturms und eines sich anschließenden Wohngebäudes. Die Stadtbefestigung wird erstmals 1247, dann in der Freiheitsurk. von 1248 erwähnt.
Mangels erhaltener ma. Bausubstanz ist zur Architektur und Ausstattung der Res. keine Aussage möglich, ebenso wenig zu den funktionalen Aspekten der Architektur.
Literatur
Bad Kreuznach von der Stadterhebung bis zur Gegenwart, hg. von der Stadtverwaltung Bad Kreuznach, Bad Kreuznach 1990 (Beiträge zur Geschichte der Stadt Bad Kreuznach, 1). – Deutsches Städtebuch, Bd. 4,3: Städtebuch Rheinland-Pfalz und Saarland, hg. von Erich Keyser, Stuttgart 1964. – Engelbert, Günther: Die sponheimischen Freiheitsurkunden vom 13.-15. Jahrhundert, in: Rheinische Vierteljahrsblätter 32 (1968) S. 220-273. – Ewald, Wilhelm: Die Siegel der rheinischen Städte und Gerichte, Bonn 1931 (Rheinische Siegel, 3; Publikationen der Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde, 27), ND Düsseldorf 1993. – Feld, Rudolf: Das Städtewesen des Hunsrück-Nahe-Raumes im Spätmittelalter und in der Frühneuzeit. Untersuchungen zu einer Städtelandschaft, Trier 1972. – Fey, Carola: Die Begräbnisse der Grafen von Sponheim, Mainz 2003 (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte, 107). – Geib, Karl: Geschichte der Stadt Kreuznach, Bad Kreuznach 1940. – Grote, Hermann: Die Münzen der Grafen von Spanheim, in: Ders., Münzstudien, Bd. 7, Leipzig 1871, S. 483-487. – Heinzelmann, Josef: Der Weg nach Trigorium. Grenzen, Straßen und Herrschaft zwischen Untermosel und Mittelrhein im Frühmittelalter, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 21 (1995) S. 9-132. – König, Bernd, u. a.: Das Wahrzeichen Kastellauns – Seine Burg, Kastellaun 1994 (Kastellaun in der Geschichte, 3). – Leonhard, Otto: Geschichte der Stadt Castellaun. Ein Beitrag zur deutschen Wirtschafts- und Rechtsgeschichte von 1300 bis 1800, Würzburg 1921. – Mötsch, Johannes: Das Hochstift Speyer und der Verlust des Lehens Kreuznach an die Grafen von Sponheim, in: Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz 86 (1988) S. 59-77. – Mötsch, Johannes: Ein Lehen des Hochstifts Worms auf dem Hunsrück: Kastellaun und Bell, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 14 (1988) S. 28-35. – Mötsch, Johannes: Die Lehnsleute der Grafen von Sponheim und ihre Kreuznacher Burglehen, in: Landeskundliche Vierteljahrsblätter 36 (1990) S. 181-186. – Nolden, Reiner: Besitzungen und Einkünfte des Aachener Marienstifts, Aachen 1981 (Sonderdruck aus der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 86/87, 1979/1980). – Pauly, Ferdinand: Siedlung und Pfarrorganisation im alten Erzbistum Trier, Bd. 1: Das Landkapitel Kaimt-Zell, Bonn 1957 (Rheinisches Archiv, 49). – Traben-Trarbach. Geschichte einer Doppelstadt, hg. von der Stadt Traben-Trarbach, red. von Dietmar Flach und Günther Böse, Traben-Trarbach 1984. – Vogt, Werner: Untersuchungen zur Geschichte der Stadt Kreuznach und der benachbarten Territorien im frühen und hohen Mittelalter, Diss. Mainz 1955, Düsseldorf 1955. – Ziwes, Franz-Josef: Studien zur Geschichte der Juden im mittleren Rheingebiet während des hohen und späten Mittelalters, Hannover 1995 (Forschungen zur Geschichte der Juden A 1).