Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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SPONHEIM

C. Kastellaun

I.

1226 (Kestilun); 1248 (Kestelun). In der Literatur ist umstritten, ob es sich um eine Neugründung oder um eine Umbenennung handelt; namengebend war wohl die frz. Adelsfamilie der Châtillon, die im Kreuzzug von 1219 eine führende Rolle spielte; von diesem Kreuzzug war der Vater der ersten Besitzer, Gf. Gottfried von → Sponheim, nicht zurückgekehrt. Für eine derartige Neu-/Umbenennung von Burgen gibt es in der Region mehrere Beispiele. Die Burg K. war von 1301 bis 1340 (Teilung im Gf.enhaus) eine der beiden Res.en in der VG → Sponheim. Von 1595 bis zu seinem Tod im Juni 1600 residierte in K. Mgf. Eduard Fortunat von Baden-Baden, Mitherr der HG → Sponheim.

II.

K. liegt auf dem Hunsrück etwa 35 km südwestlich von Koblenz an (oder in der Nähe) der Straße von Boppard (am Rhein) über den Hunsrück nach Trier. Bei K. zweigt eine Straße nach Treis (Mosel) ab. Die Burg liegt auf einem in einer Talmulde gelegenen, auf drei Seiten steil aufragenden Schieferfelsen. Darunter entstand in der Folge die gleichnamige Siedlung.

Der Hunsrück war in Antike und FrühMA nur dünn besiedelt. Archäologische Funde konzentrieren sich entlang der Straße von Mainz über Bingen und den Hunsrück nach Trier. Das Fundmaterial in K. setzt erst um die Wende vom 12. zum 13. Jh. ein. Älter dürfte das (allerdings erst 1220 erstmals erwähnte) südwestlich von K. gelegene Bell sein, Sitz der auch für K. zuständigen Pfarrei. Zahlr. Orte der Umgebung zeigen durch ihre Namensform (-roth), daß sie erst in einer späten Phase des Landesausbaus entstanden sind. Wichtigste Stützpunkte der Gf.en von → Sponheim in diesem Raum waren Dill (1107) und → Kirchberg (1127). → Kirchberg erhielt 1259 und erneut vor 1264 von den Gf.en Freiheitsurk.n. Es war zudem Sitz einer großen Pfarrei, deren Patronat in Händen der Gf.en von → Sponheim war. Die Motive dafür, daß bei der Wahl der Res. die Entscheidung zugunsten von K. fiel, müssen daher im milit. Bereich gesucht werden: die Burg K. lag günstig auf einem nur von N zugänglichen Felsen, die Burg in → Kirchberg war Teil der auf fast ebenem Gelände gelegenen Stadt.

Die Region gehörte zum Trechirgau, kirchlich zum Ebm. Trier, Archidiakonat St. Kastor in Karden, Landkapitel Kaimt-Zell; Sitz der für K. zuständigen Pfarrei war Bell (3 km südwestlich gelegen).

Im Mai 1301 teilten die Brüder Simon und Johann Gf.en von → Sponheim das 1290 vom Vater ererbte Territorium (VG → Sponheim) untereinander auf. Die einschlägigen Urk.n sind in K. ausgestellt, wo die beiden Gf.en und ihre Umgebung wohl schon angemessen untergebracht werden konnten. Gf. Simon hatte bei der Eheschließung (1300) seine Burg K. (vom Ort ist noch keine Rede) und die Leute in der Pflege Bell der Ehefrau als Wittum verschrieben. Offenbar ist zwischen 1290 und 1300 die Entscheidung zum Ausbau der Burg und zur Anlage einer zugehörigen Siedlung gefallen, für die sich aus den Folgejahren zahlr. Belege finden: im Dez. 1305 freiten Gf. und Gf.in die »Bürger« zu K. von bestimmten, für die Bewohner der umliegenden Dörfer üblichen Diensten und Abgaben. Vertreter des Gf.en war fortan der von ihm eingesetzte Schultheiß als Vorsitzender des Gerichts; Urteiler waren die Schöffen; Mannen und Burgmannen des Gf.en unterlagen nicht der Gerichtsbarkeit des Schultheißen. Im Nov. 1309 verlieh Kg. Heinrich VII. auf Bitten des Gf.en Simon der Stadt K. einen Wochenmarkt. Im Mai 1310 traf der Gf. Vorsorge für sein Seelenheil; u. a. stiftete er drei Messen in K. Daraus kann wohl die Existenz einer Kirche am Ort erschlossen werden, die freilich nicht Sitz eines Pfarrers war (der saß weiterhin in Bell); 1318 ist eine Burgkapelle belegt (ein Kaplan gehörte schon 1310 zur Umgebung des Gf.en). In dieser Zeit entstand wahrscheinlich auch die Stadtbefestigung.

1340 erbte Gf. Walram, Sohn der Eheleute Simon und Elisabeth, auch den Anteil seines Onkels Gf. Johann; er residierte fortan bevorzugt in Kreuznach. K. wurde Sitz eines Amtmanns und 1363 Wittum der Gf.in Elisabeth, die nach dem Tod des Ehemannes (1380) viell. noch einmal für wenige Jahre auf der Burg wohnte. Im April 1392 haben Gf. Simon und seine Ehefrau Maria die Freiheiten der Stadt K. bestätigt und erneuert. Mit dem Tod der Gf.in Elisabeth im Juli 1417 kamen Stadt und Amt K. an den letzten Gf.en aus der Linie Starkenburg; sie wurden fortan zur HG → Sponheim gerechnet. Gf. Johann hat im Aug. 1417 gegenüber Schultheiß, Bürgermeister, Schöffen und Bürgern der Stadt K. die hergebrachten Freiheiten bestätigt. Dem 1437/38 nach dem Tod dieses Gf.en erstellten Gültbuch ist zu entnehmen, daß auf der Burg K. 45 Personen in der Kost des Gf.en standen; in der Stadt gab es damals 207 Bürger (d.h. Haushaltungsvorstände).

Wichtige Faktoren für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt waren die Burgmannen, zu deren Burglehen u. a. Häuser in der Stadt gehörten, in denen diese Adligen während der Ableistung ihrer Res.pflicht wohnten. Sie dürften auch von anderen Familienangehörigen genutzt worden sein; andernorts läßt sich belegen, daß v.a. ältere adlige Damen die Bequemlichkeiten der Stadtlebens zu schätzen wußten.

Zu Spannungen zwischen Stadt und Res. sind aus den wenigen Jahrzehnten, in denen K. sponheimische Res. war, keine Nachrichten erhalten geblieben. Die Einw. der Stadt dürften in hohem Maße vom Gf.en und seiner Umgebung rechtlich und wirtschaftlich abhängig gewesen sein.

III.

Erhalten sind heute lediglich noch die Ruinen der 1689 zerstörten Burg und die darunter gelegene Kirche mit den Grabdenkmälern der am Ort residierenden Gf.en (Simon, Ehefrau Elisabeth von Valkenburg und der vor den Eltern gest. älteste Sohn Simon). Nach der Zerstörung diente die Burg als Steinbruch. Angaben zur inneren Struktur und zur Nutzung der Räume sind nicht mehr möglich.

Zu Architekten, Baumeister und Künstlern sind keine Nachrichten erhalten geblieben.

Die Oberburg ist nach Ausweis von Bauuntersuchungen in der ersten Hälfte des 13. Jh.s (also zeitnah zur ersten Erwähnung) errichtet worden. Aus der ersten Bauphase sind der Bergfried, ein Rundturm und mehrere Mauerzüge erhalten. In der zweiten Hälfte des 13. und zu Beginn des 14. Jh.s wurden ein gewölbter Keller und weite Teile des Mauerberings errichtet. Hiermit beginnt der Ausbau zur Res., der auch in der zweiten Hälfte des 14. und zu Beginn des 15. Jh.s (Bau von Palas und Viereckturm) fortges. wurde. Hintergrund dieser Baumaßnahmen ist wohl die Tatsache, daß K. seit 1363 Wittum der Ehefrau des Gf.in Elisabeth war, die allerdings ihren Ehemann Gf. Walram (gest. 1380) nur um wenige Jahre überlebte. Den für diese Dame geschaffenen Komfort nutzten u. a. der letzte Gf. und seine Ehefrau, die sich 1434/35 über 19 Wochen auf der Burg K. aufhielten.

Eine Kirche ist am Ort erstmals 1310 belegt. Die heutige evangelische Stadtkirche entstand an gleicher Stelle seit den 1330er Jahren; die Fertigstellung des Chores kann auf 1343, die der gesamten Kirche auf 1353 dat. werden.

Der ruinöse Zustand der erhaltenen Reste läßt zu Architektur und Ausstattung der Res.en keine Aussage zu.

Die Baugeschichte der Burg entspricht dem Wandel von einer milit. Anlage zur vom Landesherrn bewohnten Res., in der parallel dazu die heutige Stadtkirche entstand, in der sich die am Ort residierenden Angehörigen der Gf.enfamilie schließlich beisetzen ließen.

Siehe C. Kreuznach.