Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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SPIEGELBERG

A. Spiegelberg

Namengebend für die Gf.en von S. war die von Gf. Bernhard von Poppenburg, der sich ab 1217 Bernhard von S. nannte, zwischen Ith und Osterwald am Hellweg um 1200 erbaute Burg S. bei Lauenstein, von der aus die alte Heer- und Handelsstraße kontrolliert werden konnte. Dieser Burgbau führte 1226 zu einer Fehde mit Bodo von Homburg, in die sogar Ks. Friedrich II. eingriff, um die Vorbereitungen für den fünften Kreuzzug nicht zu gefährden. Gf. Bernhard ging in der Folge dieser Auseinandersetzung 1229 nach Mecklenburg und beteiligte sich an der Ostkolonisation, die Burg selbst fiel 1238 an Bodo von Homburg. Der 1284 in der Gft. erschienene Rattenfänger von Hameln wurde mit Gf. Nikolaus von S. aus → Pyrmont in Verbindung gebracht, möglicherweise hat sich in dieser Geschichte der Konflikt zwischen dem Homburger und dem S.er in verschlüsselter Weise abgebildet. Bemerkenswerterweise heiratete der gleichnamige Nachfahre des Homburgers Bodo (1256-1316) 1302 die S.erin Agnes. Die eigentl. Gft. S. mit dem Hauptort Coppenbrügge ist drei Jahre zuvor, 1281, entstanden, als Gf. Moritz I. von S. und dessen Söhne vom Stift Wunstorf sex mansos in villa Cobbenbrukke sitos erwarben. Coppenbrügge hatte Moritz von Hzg. Albrecht dem Langen von Braunschweig zu Lehen erhalten, worüber ein 1303 von Hzg. Albrecht dem Feisten von Braunschweig für Gf. Moritz II. von S. ausgestellter Lehnsbrief Auskunft gibt. Zur Coppenbrügger Burganlage, 1303 neu errichtet, gibt es kaum Überlieferung; anhand des noch erhaltenen Baubestandes läßt sich lediglich schließen, daß die ältesten Bauteile wohl tatsächlich aus der Zeit Gf. Moritz' II. stammen. Möglicherweise handelt es sich um die Burg Hallermund. Von dieser Burg aus gelang den S.ern im 14. Jh. der Aufbau eines kleinen Territoriums unter Einbeziehung ihres weit verstreut liegenden, noch vorhandenen Lehns- und Allodialbesitzes, der mit einzelnen Gütern bis an das Steinhuder Meer und bis vor Hannover, Goslar, Einbeck und Peine reichte. Diese Territorialherrschaft konnte Johann von S. zwischen 1329 und 1370 festigen und den Streubesitz der Gft. vergrößern. Im Juni 1338 verpfändeten ihm die Hzg.e von Braunschweig und Lüneburg das Schloß Hachmühlen. Die Auseinandersetzungen der Jahre 1409–1435 mit den welfischen Hzg.en um Gebiete an der Weser und im Tal der Hamel endeten freilich nach der sog. Spiegelberger Fehde (1433/34 oder 1434/35) mit der Niederlage der S.er. Die Gft. S. blieb erhalten, obwohl Wilhelm der Siegreiche 1434 das s.ische Schloß in Hachmühlen zerstörte und die im Pfandbesitz der Gf.en befindliche Burg Hallermund 1435 erobert und geschleift wurde. Die Gf.en von S. wichen auf ihre Pfandburg Ohsen an der Weser aus, Moritz von S. war während dieser Jahre von 1417-1435 Abt von Corvey (Hövelmann, Moritz, 1987). Durch Erbgang erlangten die S.er 1494 die Gft. → Pyrmont, die 1525 in ihren Besitz überging. Unter Gf. Friedrich VI. von S. war bereits 1512 ein umfassender Umbau der Wasserburg zu einer modernen Festung erfolgt. Mit dem Tod von Philipp von S. und → Pyrmont in der Schlacht bei Saint-Quentin 1557 erlosch das Geschlecht in männlicher Linie. Das Lehen fiel an Braunschweig-Calenberg und wurde unter dem Vorbehalt der Landeshoheit in weiblicher Linie an eine Nebenlinie des Hauses → Lippe, Gf. Simon von der → Lippe, vererbt. Nach dessen Tod 1583 gelangte das Lehen an Gf. Georg von → Gleichen-Tonna und im Erbgang 1631 an → Nassau-Diez. 1819 verkaufte → Nassau die Gft. S. an das Kg.reich Hannover. Mit diesem wurde sie 1866 preußisch. Heute zeugt nur noch der Name der Domäne Hof S. bei Salzhemmendorf von der Familie der S.er.

Quellen

Hartmann, Wilhelm: Spiegelberger Urkunden und Regesten. Handschriftlich im Niedersächsichen Hauptstaatsarchiv, Magazin Pattensen, Kleine Erwerbungen A 25, Nr. 3.

Berg, Arnold: Zur Frage der Gemahlinnen der älteren Grafen von Spiegelberg, in: Familie und Volk 8 (1959) S. 309-312. – Broennenberg, Adolph Karl: Über die von den Grafen von Spiegelberg zu Anfang des 15ten Jahrhunderts erhobenen Ansprüche auf die erledigte Grafschaft Hallermund, in: Neues vaterländisches Archiv oder Beiträge zur allseitigen Kenntniß des Königreichs Hannover 1,4 (1823) S. 255-295. – Europäische Stammtafeln, hg. von Detlev Schwennicke, NF, Bd. 17: Hessen und das Stammesherzogtum Sachsen, Marburg 1998, Taf. 141 f. – Hartmann, Wilhelm: Die Grafen von Poppenburg-Spiegelberg. Ihr Archiv, ihre Genealogie und ihre Siegel, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 18 (1941) S. 117-191. – Hartmann, Wilhelm: Die Grafschaft Spiegelberg zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, in: Alt-Hildesheim 17 (1938) S. 25-32. – Hartmann, Wilhelm: Der Streit zwischen Spiegelberg und Lippe um das Erbe der Grafen von Pyrmont, in: Hannoversches Magazin 5 (1929) S. 1-11. –Heine, Hans-Wilhelm: Der Hallermundskopf im Saupark bei Springe, in: Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern, Bd. 49: Hannover – Nienburg – Hildesheim – Alfeld, Tl. 2: Exkursionen, Mainz 1981, S. 188-191. – Herzig, Richard: Von der Sünt Annen-Kapelle in Spiegelberg, in: Unsere Diözese in Vergangenheit und Gegenwart (Hildesheim) 3 (1929) S. 88-90. – Hövelmann, Gregor: Moritz Graf von Spiegelberg. Domherr in Köln, Propst in Emmerich, Mäzen und Stifter 1406/07-1483, Kevelaer 1987. – Machens, Joseph: Nochmals die Kapelle der hl. Anna zu Spiegelberg, in: Unsere Diözese in Vergangenheit und Gegenwart (Hildesheim) 5 (1931) S. 84-85. – Mooyer, Ernst Friedrich: Zur Genealogie der Grafen von Spiegelberg, in: Zeitschrift des historischen Vereins für Niedersachsen (1856) S. 123-182. – Schade, G. B.: Genealogische Nachrichten über die Grafen von Spiegelberg, in: Zeitschrift des historischen Vereins für Niedersachsen (1850) S. 168-278. – Schnath, Georg: Die Herrschaften Everstein, Homburg und Spiegelberg, Göttingen 1922. – Spiegelberg, Rudolf: Über die Familie Spiegelberg. Sippenkundliche Untersuchungen, in: Mecklenburgische Jahrbücher 88 (1924) S. 1-46. – Statistische Beschreibung der Grafschaft Spiegelberg de 1783, hg. von Museumsverein Coppenbrügge e.V., bearb. von: Gernot Hüsam, Coppenbrügge 1985. – Der Tod des Graf Moritz von Spiegelberg und die Verbrennung der Burg anno 1300, hg. vom Heimat- und Verkehrsverein Lauenstein, Hameln 1980. – Vogell, H. A.: Geschichte und Beschreibung der alten Grafschaft Spiegelberg älterer und neuerer Zeit, Hannover 1812, ND Hannover u. a. 1976.