Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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BOSKOWITZ

A. Boskowitz

I.

Die Herren von B. gehören zu den bedeutenden mähr. Adelsgeschlechtern des MAs und der frühen Neuzeit und beeinflußten in maßgeblicher Weise die Geschichte dieser Region. Die Angehörigen des Geschlechts verwendeten als Wappen das Zeichen eines siebenzackigen Kamms, das auf die Geschlechtssage hinweist. Der Sage nach rettete der mythische Vogelfänger Velen einen Fs.en aus Lebensgefahr. Als der Fs. dann im Bad ruhte, kämmte ihm Velen sein Haar mit einem hölzernen Kamm.

IV.

In der bestehenden Literatur wird als erstes quellenmäßig belegtes Mitglied des Geschlechts Velen oder Jimram von B. bezeichnet. Er soll für das Jahr 1207 belegt sein, was aber im Widerspruch zu den neuesten Forschungen steht. Am Anfang des 13. Jh.s erscheint zwar der Name Velen in Urk.n; es handelt sich jedoch ganz bestimmt um mehrere unterschiedliche Personen, von denen keiner zum Geschlecht der Herren von B. eindeutig in Beziehung stand. Auch Jimram wird mehrmals schriftlich erwähnt; es handelt sich jedoch fast immer um das gleichnamige Mitglied des Geschlechts der Herren von → Pernstein, der das Kastellansamt in Znaim ausübte. Jimram von B. erscheint nur in einer einzigen aus dem Jahre 1222 stammenden Urk. – erst das Jahr 1222 steht also für die erste glaubwürdige schriftliche Erwähnung der Herren von B.

Es scheint wahrscheinlich, daß Jimram einen Sohn namens Lambert (1237-1263) hatte, der sich schon im Kreis um den mähr. Mgf.en und späteren böhm. Kg. Přemysl Otakar II. bewegte. Offenbar läßt sich also feststellen, daß diese Generation der Herren von B. schon zur damaligen Elite des mähr. Adels gehörte. Lambert von B. hatte zwei Söhne: Velen und Jimram. Über eine ganze Generation lang sind dann die Herren von B. nicht schriftlich nachgewiesen. Erst zum Jahr 1297 (resp. 1298) werden die Gebrüder Oldřich und Archleb erwähnt (wahrscheinlich Enkelkinder von Velen und Jimram). Oldřich nahm i.J. 1300 am Feldzug nach Polen an der Seite des böhm. Kg.s Václav II. teil. Nach der Rückkehr des Kg.s nach Böhmen blieb Old- řich in Polen als kgl. Verwalter (capitaneus regni Polonie). In dieser Prestigestellung wird er zum ersten Mal i.J. 1301 und danach in den Jahren 1303-1306 urkundlich erwähnt.

Im Jahre 1312 traten Oldřich und Archleb zusammen mit dem jüngeren Hzg. von Opava Mikuláš in Opposition gegen den jungen böhm. Kg. Jan von Luxemburg. Der Aufstand wurde jedoch unterdrückt, Oldřich wurde bald begnadigt, Archleb entfloh aber ins Ausland (nach Österreich) und kehrte erst nach Fürsprache durch die böhm. Herren beim Kg. zurück.

Es ist nachweisbar, daß Archleb zwei Söhne hatte: Beneš, der nur selten in den Quellen erscheint, und Ješek (1333-1363), der das Geschlecht der Herren von B. zum außerordentlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsaufschwung führte. Ješek wirkte sowohl im Kreis um den böhm. Kg. als auch um den mähr. Mgf.en. Seine bedeutende Stellung im mähr. Adel wird in dem Amt des höchsten Brünner Kämmerers deutlich, das er in den Jahren 1353-1360 ausübte. Gerade mit Ješek geriet das Geschlecht der Herren von B. an die Spitze der mähr. Nobilität.

Die nächste Generation der Familie ist schlechter belegt. Es gibt Personen, die nur selten schriftlich nachzuweisen sind und die nicht eindeutig in den Stammbaum der Herren von B. eingegliedert werden können (z. B. Lambert, der i.J. 1361 starb, oder Ondřej). In den Quellen erscheinen vier Söhne von Ješek: Oldřich, Václav (Vaněk), Tas und Ješek d.J., der die kirchliche Laufbahn wählte. Bei Oldřich läßt sich nicht eindeutig entscheiden, ob es sich um nur eine oder zwei unterschiedliche Personen handelt. Obwohl die erste Variante trotz einiger Widersprüche als wahrscheinlicher erscheint, kann die zweite Variante auf Grund der Überlieferung nicht ganz ausgeschlossen werden. Oldřich gehörte zu den Anhängern des Mgf.en Jošt; die nächste Generation der Herren von B. stand jedoch während der Zeit der Mgf.enkriege an der Seite von Jošts Bruder, des Mgf.en Prokop.

Während der nächsten Epoche gliederte sich das Geschlecht der Herren von B. in vier Grundlinien: die älteste B.-Linie (bis das Jahr 1589), die Černá Hora-Linie (1388-1546), die Svojanov-Linie (1426-1528) und Trnávka-Bučovice-Linie (1477-1597), mit der die Herren von B. in der männlichen Linie ausstarben. Es muß festgestellt werden, daß angesichts der genealogischen Unklarheiten die Einteilung in die ersten zwei erwähnten Linien diskutabel bleibt.

Kommen wir aber auf die oben gen. Söhne von Ješek zurück: sein jüngster Sohn Jan wählte eine kirchliche Karriere. Ein anderer Sohn von Ješek – Tas – gewann von seinem Vater Brandýs nad Orlicí, sein Sohn Jan von B. und Brandýs zeichnete sich im Laufe der Hussitenkriege in Diensten des Zikmund Lucemburský (Siegmund von Luxemburg) als Verteidiger von Vyšehrad aus. Der bereits oben erwähnte Sohn von Ješek, Oldřich, hatte zwei Söhne: Jan und Vaněk d.J., der die Linie von Černá Hora gründete. Vaněk d.J. unterzeichnete die Beschwerdeurk. gegen den Feuertod des Magisters Jan Hus. Kurz darauf schloß er sich der Seite der Hussiten an. Seine Söhne hießen Jan, Jaroslav, Jindřich, Old- řich (Oldřich gründete dann eine neue Linie – s.u.)., Beneš d.Ä. und Vaněk; der letztgenannte gewann i.J. 1458 die Burg → B. zurück und erneuerte so die Linie von B. Vaněk gehörte zu den Anhängern des Ladislav Pohrobek (Ladislaus Posthumus), den er in seinem Bemühen um den böhm. Thron unterstützte. Als Entlohnung erhielt er dann vom neuen böhm. Kg. die Brünner Burg Špilberk. Vaněks Sohn Václav siedelte in B., Račice und Letovice. Im Krieg Matyáš Korvín (Mathias Corvinus) gegen Jiří von Poděbrady (Georg von Podiebrad) stand Vaněk an Matyášs Seite. Dem ungarischen Kg. leistete er auch später wertvolle diplomatische Dienste während der Verhandlungen mit Vladislav II. Jagiello. Václav starb i.J. 1482 und hinterließ die Söhne Jaroslav, Ladislav, Albrecht und Oldřich, den Gründer der Linie von Trnávka und Bučovice. Jaroslav knüpfte an die politische Linie seines Vaters an und unterstützte weiter Matyáš Korvín. Er fiel jedoch Hofintrigen zum Opfer: der ungarische Kg. ließ Jaroslav, den er für das Haupt der Verschwörung hielt, i.J. 1485 hinrichten.

So wurde Ladislav von B. zum Senior dieses Familienzweiges. Er gilt als das bedeutendste Mitglied des Geschlechts. Ladislav studierte in Italien, durchreiste den Großteil der europ. Länder, besuchte Asien und Afrika, wo er zahlr. Exponate für seine Sammlung gewann. Er wählte ursprgl. eine kirchliche Laufbahn und wurde Kanoniker zu Olmütz und Propst zu Brünn. Mit päpstlicher Bewilligung gab er jedoch nach dem Tod seines Bruders Jaroslav die kirchliche Karriere auf, heiratete und widmete sich der Verwaltung des Familienvermögens. Durch seine durchdachte Wirtschaftsstrategie erhöhte er wesentlich das Niveau seiner Güter. Nebenbei kaufte oder gewann er eine Reihe von Herrschaften und Gütern. U. a. kaufte er i.J. 1486 Moravská Třebová, das zu seinem ständigen Wohnsitz wurde. Ladislav konzentrierte hier auch seine umfangr. Sammlungen und seine außergewöhnlich wertvolle Bibliothek. Er unterhielt kulturelle und gesellschaftliche Beziehungen zu vielen bedeutenden Persönlichkeiten des damaligen Europas; große Aufmerksamkeit widmete er auch dem Bauwesen. Ladislav war sehr aktiv in der öffentlichen Sphäre, er gehörte zu den nahen Ratgebern und Vertrauensleuten des Vladislav II. Er war ein gemäßigter, toleranter Katholik. Nach seinem Tode i.J. 1520 verkaufte oder überließ sein Sohn Kryštof von B. die einzelnen Herrschaftsgüter der Verwandtschaft. Er selbst wählte zu seinem Wohnsitz Moravská Třebová. Im Jahre 1547 verkaufte er schließlich auch die Burg B. Kryštof gehörte zu den Anhängern der Böhm. Brüdergemeinde. Im Jahre 1540 führte er den mähr. Teil des Feldzugs gegen die türkischen Truppen nach Ungarn. Kryštofs Sohn Ladislav Velen von B. starb vorzeitig und seine beiden Söhne – Václav, der i.J. 1569 starb, und Jan – hatten keine männlichen Nachfahren. Mit dem Tod von Jan von B. und Moravská Třebová starb die B.er Linie des Geschlechts aus; zum Erben wurde dann Ladislav Velen von Žerotín.

Kommen wir nunmehr zur Linie von Černá Hora, die wir bei ihrem Gründer Vaněk d.J. und seinen Söhnen Jan, Jaroslav, Jindřich, Oldřich, Beneš und Vaněk (oben wurden bereits seine Nachfahren erwähnt) verließen. Beneš d.Ä. von Černá Hora und B. gehörte zu den bedeutendsten mähr. Adeligen seiner Zeit. Er bekannte sich ursprgl. zum Utraquismus, unter Eindruck der Predigten von Jan Kapistran kehrte er jedoch i.J. 1451 zum katholischen Glauben zurück. Einer seiner Söhne war Tas von Černá Hora und B., der zu den bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit zählte. Nach Studien in Wien, Ferrara und Pavia entschied er sich für eine kirchliche Laufbahn; i.J. 1457 wurde er trotz seiner Jugend (er hatte vermutlich noch nicht das Sollalter erreicht) zum 34. Bf. von Olmütz gewählt. Zuerst unterstützte er den Hussitenkg. Jiří von Poděbrady, in dessen Diensten er eine Reihe von Verhandlungen und Gesandtschaften unternahm. Im Jahre 1467 wechselte er jedoch in das Lager des ungarischen Kg.s Matyáš Korvín, der i.J. 1469 in seiner Anwesenheit auch zum böhm. Kg. gewählt und erhoben wurde. Nach 1471 unterstützte Tas die Kandidatur der Jagiellonen für den böhm. Thron; er stand an der Spitze der Gesandtschaft, die in Polen die Wahl von Vladislav Jagiello zum böhm. Kg. verkündete. Er hatte als Bf. großen Anteil an der Entwicklung des Schulwesens, an der Einführug der Drucks und im allg. am Aufschwung der Kirchengüter. Er starb an der Pest am 25. Aug. 1482 in Vyškov in Mähren.

Jindřich von B. und Jičín, ein anderer Sohn von Beneš d.Ä., gewann Jičín durch Heiratspolitik. Dazu kaufte er noch die Herrschaft Štramberk. Er starb kinderlos i.J. 1476 und sein Vermögen erbte sein Bruder Dobeš von Černá Hora und B., der ein bedeutender Feldherr und Diplomat des Kg.s Matyáš von Ungarn war. Dobeš beteiligte sich i.J. 1485 an der Eroberung von Wien, nach der Hinrichtung seines Cousins Jaroslav wechselte er jedoch die Seite und wirkte im Dienst von Ks. Friedrich.

Beneš d.Ä. hatte noch zwei andere Söhne: Jan und Beneš II. Beneš II. hatte vier Söhne: Dobeš, Jan, Tas und Jaroslav., von denen Dobeš (er starb i.J. 1540) am erfolgreichsten war. Durch eine günstige Heirat gewann er die Herrschaft Rosice; er übte das Amt des höchsten Landesrichters und später auch des mähr. Landeshauptmanns aus. Im Jahre 1526 nahm er als Mitglied einer Gesandtschaft in Prag an der Krönung Ferdinands von Habsburg teil. Seine Brüder Jan von B. und Račice sowie Tas von B. und zu Nový Hrad starben kinderlos; der jüngste Bruder Jaroslav von B. und Černá Hora hinterließ nach seinem Tod vier Töchter. Am 11. Juni 1546 verstarb er als letzter männlicher Vertreter der Linie von Černá Hora in Wien und liegt dort auch begr.

Der Gründer der Linie von Svojanov (1426-1528) war Oldřich. Sein Vater Vaněk d.J. von B. Zikmund übergab Oldřich die Verwaltung der Burg Svojanov, die der Herr von B. gegen die Hussitenangriffe verteidigen sollte. Kurz danach wechselte Oldřich aber auf die Seite der Hussiten; Svojanov blieb jedoch auch weiterhin in seinem Besitz. Er starb schon i.J. 1434 (1431 ?) und hinterließ drei Söhne: Jindřich, Jaroslav und Ješek. Ješek verteidigte erfolgreich die Burg Svojanov gegen den Luxemburger Zikmund. Er gehörte zu den treuesten Anhängern des Kg.s Jiří von Poděbrady (und später des Kg.s Vladislav Jagiello). Er erhielt als Entlohnung für seine treuen Dienste ein großes Vermögen und als er i.J. 1488 starb hinterließ er zwei Söhne: Jan und Jindřich. Als überzeugter Utraquist stand Jan von B. und zu Skály an der Spitze des mähr. Feldzuges im Krieg zwischen Pfgf. Ruprecht und Hzg. Maximilian I. i.J. 1504. Jans Tod i.J. 1528 (Jindřich starb schon früher) bedeutete das Aussterben auch dieser Linie der Herren von B.

Die Linie von Trnávka und Bučovice (1477-1597) gründete Oldřich, der jüngste Sohn von Václav und der Enkel von Vaněk von B. Oldřich siedelte auf der (Alten) Burg → Cimburk an der Trnávka. Er starb 1500 und hinterließ sechs Söhne (Vaněk, Jetřich, Archleb, Bohuslav, Jaroslav und Václav) sowie die Töchter Johanka (Äbt. des Altbrünner Kl.s) und Apolonia (Äbt. des Kl.s in Tišnov). Von Oldřichs Söhnen erreichten die bedeutendsten gesellschaftlichen Erfolge der Protestant Archleb, der eine Reihe von wichtigen Ämtern ausübte und mehrere Güter (u. a. auch Vranov und Třebíč) gewann, sowie Václav (gest. 1554), der durch Heirat u. a. Bučovice und Střílky erwarb. Archlebs Sohn Jan Jetřich bewirtete i.J. 1545 in seinem Wohnsitz in Třebíč Kg. Ferdinand; er starb kinderlos i.J. 1562. Václav hatte drei Töchter (Magdalena, Kunka und Anežka) und zwei Söhne: Albrecht und Jan Šembera. Albrecht, ein bedeutender Kunstmäzen, übte nacheinanderfolgend zahlreiche Ämter aus: er war Landesunterkämmerer, höchster Landesrichter, oberster Kämmerer; i.J. 1571 vertrat er den Kg. auf dem Brünner Landtag. Er starb kinderlos und sein Vermögen erbte sein Bruder Jan Šembera von B. und Bučovice, der der letzte männliche Vertreter der Herren von B. war. Jan war ein einflußreicher Ratgeber Ks. Rudolfs und Mäzen des Brünner Minoritenkl.s, wo er auch begr. liegt. Er führte aber ein luxuriöses und ausschweifendes Leben. Im Jahre 1566 begann er mit dem Bau des architektonisch außergewöhnlich kostbaren Schlosses Bučovice. Jan Šembera starb i.J. 1597 und hinterließ nur zwei Töchter: Anna Alžběta (sie heiratete Karl von Liechtenstein) und Kateřina (die Gattin von Maximilian von Liechtenstein). Die umfangr. Güter der Herren von Bučovice gingen so in den Besitz der Liechtensteiner über.

Die Herren von B. gehörten zu bedeutenden Geschlechtern ihrer Zeit. Sie übten prestigereiche Ämter aus und wirkten regelmäßig in der unmittelbaren Umgebung des Herrschers. Bes. in der zweiten Hälfte des 15. Jh.s und im 16. Jh. prägte ihr Einfluß wesentlich die Gestalt und die Entwicklung der zeitgenössischen Gesellschaft. Viele Mitglieder des Geschlechts waren großzügige Bauherren und Mäzene der Kirche, der Kultur und der Wissenschaft.