Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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SCHWARZENBERG

C. Murau

I.

Muroͧwe, Můrowe (1250), Morow (1329), Muraw (1333) – Stadt und Schloß – Herrschaft M.; Herren von Liechtenstein, Neumann von Wasserleonburg, seit 1617 Gf.en von → Schwarzenberg – Schloß; schwarzenbergische Res. in der ersten Hälfte des 17. Jh.s. – A, Steiermark, Pol. Bez. M.

II.

Das mit seiner Burg 1250 erstmals bezeugte M. (832 m NN) liegt am Oberlauf des Flusses Mur, von dem es seinen Namen trägt, im Schnittpunkt mehrerer alter Verkehrswege. Eine ältere, wenige hundert Meter flußabwärts auf dem Egidifeld (Gmd. Laßnitz) gelegene Kaufleutesiedlung wurde nach 1270 in den Schutz des zwischen 1232 und 1250 von den Herren von Liechtenstein errichteten Schlosses M. und der Burg Grünfels südlich der Mur verlegt. Aus zwei Siedlungskernen beiderseits des Flusses bestehend, erlangte sie 1298 Stadtrechte sowie zwei Wochenmärkte. In MA und Frühneuzeit waren Schloß und Stadt Zentrum einer freieigenen Herrschaft und Sitz eines Landgerichts. Zu den herrschaftlichen Gerechtsamen gehörten – als landesfsl. Lehen – auch Schürfrechte nach Eisenerz (1256). Als Niederlage und Umschlagplatz für Eisen, Salz und Kaufmannswaren erlangten der Ort und sein Markt v.a. im 15. und 16. Jh. überregionale Bedeutung; zudem blühten im späten MA die Produktion von Loden, Tuch und Bier. Juden sind erstmals 1350 nachzuweisen. Im 18. Jh. ging die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt zurück und der Fernhandel kam zum Erliegen.

Das um die Mitte des 13. Jh.s entstandende, unmittelbar über der Stadt gelegene Schloß (861 m NN) diente im späten MA den Herren von Liechtenstein als eine von mehreren Res.en. Ein Teil von Schloß und Herrschaft gelangte 1574 durch Kauf in den Besitz der Anna Neumann von Wasserleonburg, die einer reichen Villacher Bürgersfamilie entstammte und seit 1566 mit dem letzten Herrn von Liechtenstein vermählt war; mit dessen Tod wurde sie 1580 alleinige Herrin von M. Nach fünf kinderlosen Ehen heiratete sie 1617 82jährig den um fünfzig Jahre jüngeren Gf.en Georg Ludwig von → Schwarzenberg (bayerischer Zweig der Hohenlandsberger Linie), dem sie 1623 den ganzen Besitz hinterließ. Da Georg Ludwig auch aus seiner zweiten Ehe mit einer Gf.in von → Sulz ohne Leibeserben blieb, fiel das Schloß 1646 samt allen Zugehörungen der rheinischen Linie des Hauses → Schwarzenberg zu, und damit endete nach knapp drei Jahrzehnten schon wieder M.s Funktion als schwarzenbergische Res. Gleichwohl wurde der Herrschaftsbesitz im 17. und 18. Jh. noch mehrfach arrondiert: um Frauenburg (1666), Scheifling und Alt-Teufenbach (1689), Ranten (1690), Katsch (1696), Reifenstein (1698), Authal (1783) etc.

Kirchlich gehörte M. im Alten Reich zur Erzdiöz. Salzburg (Archidiakonat des Salzburger Dompropsts, Kommissariat Lungau). Das älteste Gotteshaus am Ort ist die östlich der Stadt gelegene, mit ihren Anfängen ins frühe MA zurückreichende St. Ägidien-Kirche im Bereich einer römischen, dann karanthanischen Siedlung. Die Stadtkirche St. Matthäus liegt im S auf halber Höhe des Schloßbergs, entstand 1284/1311 und war bis 1290 Filial von St. Georgen ob M.; ihr Patronat lag bei der Herrschaft. Die Kapelle auf dem Schloß ist St. Achatius (1366) geweiht. Darüber hinaus gibt es die Bürgerspitalkirche St. Elisabeth (Anf. 14. Jh.) in der Stadt, die Friedhofskirche St. Anna (um 1400) und die Filialkirche St. Leonhard (Anf. 15. Jh.) südlich der Murg bei Burg Grünfels. Die Hl. Grab-Kapelle bei St. Leonhard entstand erst 1680. Um das durch seine erste Frau eingeführte lutherische Bekenntnis zu überwinden, rief Gf. → Schwarzenberg Kapuziner in die Stadt und stiftete ihnen 1645 ein Kl.

III.

Das auf einem Bergkegel nördlich der Stadt gelegene Schloß M. birgt mit Resten von Wehrmauern, Kellergewölben und einem 48 m tiefen Brunnen nur noch geringe Reste der im zweiten Viertel des 13. Jh.s gegr. Burg. Nahezu unv. präsentiert es sich jedoch in der Gestalt, die ihm seit 1628/30 unter Georg Ludwig von → Schwarzenberg gegeben wurde: ein schlichter, massiger, ungefähr rechteckiger, um einen Innenhof gruppierter Spätrenaissancebau von drei Geschossen, ohne Turm (ca. 58 x 50 bzw. 42,5 m). Der Südflügel ist gegen O um etwa zwei Fensterachsen aus der Bauflucht vorgezogen, der Nordflügel an seiner östlichen Ecke in Anpassung an den felsigen Untergrund abgestuft. In der Mitte des Ostflügels liegt die in ihrem Grdr. kleine, in der Höhe aber alle drei Geschosse einnehmende, nach außen mit einer halbrunden Apsis und gegen den Hof mit einem Risalit vorkragende frühbarocke Schloßkapelle von 1642/43. Auch der Westflügel weist hof- und talseitig einen zweiachsigen Mittelrisalit auf. Die Ziergiebel der Risalite zeigen eine Tendenz zum Barock. Die Nordwand des Hofs schmückt das Fresko eines Atlas mit der Weltkugel als Sonnenuhr. Im Parterre des Innenhofs läuft im S, W und N ein Arkadengang um. Die Zufahrt liegt im südlichen Teil des Ostflügels; die bis dahin hölzerne Brücke über den Graben wurde 1768/69 durch eine steinerne ersetzt.

Insgesamt birgt der Bau 106 Räume ganz unterschiedlicher Größe. Die im Erdgeschoß des West- und Nordtrakts sind kreuzgratgewölbt, jene im ersten Obergeschoß haben zumeist flache Holzbalkendecken, vereinzelt auch Tonnen mit Stichkappen. Die Repräsentationsräume im zweiten Obergeschoß – Rittersaal, Katzensaal etc. – sind mit flachen Stuckdecken in geometrischen Formen belebt; der einst in der Mitte des Westflügels gelegene Fest- oder Theatersaal wurde später in einzelne kleine Räume aufgeteilt. Die mit dem Schloßneubau beauftragten Handwerker stammten großenteils aus Franken, der Baumeister Valentin Kaut aus der Gegend von Würzburg, der Steinmetz Hans Dirolf aus Markt Bibart bei Scheinfeld und der Zimmermeister Michael Pockh aus → Schwarzenberg selbst. Die Schreinerarbeiten (Kassettendecken) wurden 1637/42 von Peter Rieberer ausgeführt, die Stukkaturen 1641 von dem Mailänder Joseph Pazarino und das Portal der Schloßkapelle 1643 von Christoph Hollstainer.

Die Stadtpfarrkirche weist einen reichen spätma. Freskenschmuck auf, hat oberhalb der alten Sakristei (heute Werktagskapelle) ein 1624 im Auftrag Georg Ludwig von Schwarzenbergs errichtetes herrschaftliches Oratorium und ist mit dem Schloß durch einen gedeckten Stiegengang verbunden. Der 1655 geschaffene Hochaltar umschließt eine spätgotische Kreuzigungsgruppe (um 1500); von 1645 dat. ein Seitenaltar zu Ehren Johannes des Täufers. Als Grablege diente indes nicht die Pfarrkirche, sondern die Kirche des Kapuzinerkl.s bzw. die dazugehörige Lorettokapelle, in der der Stifter und seine zweite Gemahlin die letzte Ruhe fanden. Die zum Schloß gehörigen Ökonomiegebäude liegen am westlichen Abhang des Schloßbergs.