Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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SCHWARZENBERG

A. Schwarzenberg

I.

Die Gf.en, seit 1670 Fs.en zu S. stammen aus dem fränkischen Gäu und sind ein Zweig des mit diesem Namen 1917 erloschenen Hauses Seinsheim (Kr. Kitzingen); nach Schloß S. über Scheinfeld im Steigerwald nennen sie sich seit dem 15. Jh. Als Spitzenahn gilt traditionell der homo ingenuus conditionis Eispert von Seinsheim (1155). Die auf den seinsheimischen Traditionsnamen Erkinger gestützte Herleitung des Stammes von dem schwäbischen Pfgf.en Erchanger (gest. 917) ist eine barocke Erfindung. Dgl. entbehrt der von Rüxner als Teilnehmer des legendären ersten Turniers in Magdeburg 938 gen. Friedrich von Seinsheim jeder Historizität.

II.

Die altedelfreie Herkunft der Seinsheim-S. erscheint insofern zweifelhaft, als – abgesehen von dem erwähnten Eispert – die übrigen, seit 1230 bezeugten Vorfahren hohenlohische Ministerialen waren. Allerdings gelang es der Familie schon bald, sich ihrer Dienstbarkeit zu entledigen und in den Kreis der führenden Rittergeschlechter Frankens hineinzuwachsen. Dazu trug nicht zuletzt ein stattlicher Besitz bei, dessen älteste Nachweise aus den Landschaften zwischen dem Westrand des Steigerwalds und dem Main bei Würzburg stammen. Lehen trugen die Seinsheim jener ältesten Zeit von den Herren von → Hohenlohe, den Bf.en von Würzburg und den Gf.en von → Castell. Dienste nahmen sie in Würzburg und Bamberg sowie bei Reichsstädten, verschwägert waren sie mit den namhaftesten Ritteradelsfamilien der näheren und weiteren Umgebung. Die Nachgeborenen fanden gewöhnlich Aufnahme im Würzburger Domkapitel, im Deutschen Orden und in den Kl.n Frankens.

Der Zweig, aus dem später das Haus S. hervorging, entwickelte sich seit dem frühen 14. Jh. Eigtl. Begründer der neuen Dynastie war der ursprgl. zu Stephansberg und Astheim (Kr. Kitzingen) gesessene Erkinger von Seinsheim (gest. 1437), der zwischen 1405 und 1421 in mehreren Schritten Schloß S. im Steigerwald erwarb und es 1428 dem Reich zu Lehen auftrug. Darüber hinaus erlangte er 1405 das erbliche Oberjägermeisteramt des Hochstifts Würzburg. Zeit seines Lebens bediente sich Erkinger des Namens Seinsheim und führte den Namen S. nur als Zubenennung; seine Söhne nannten sich bald immer öfter von S., und in der Enkelgeneration setzte sich der neue Name vollends durch. Entscheidend für den Aufstieg des Hauses waren Erkingers Engagement in Diensten Kg. Sigmunds und seine (zweite) Heirat mit Barbara von → Abensberg, einer Base und Milchschwester der Kg.in. 1429 wurde Erkinger in den Frh.enstand erhoben.

Erkingers Nachkommen standen zumeist in würzburgischen, bambergischen und brandenburg-ansbachischen Diensten, später auch in habsburgischen, bayerischen, württ., jülich-bergischen etc. Zu nennen sind v.a. Erkinger (gest. 1518), der 1488 mit Kg. Maximilian in die Niederlande zog, Johann der Starke (gest. 1528), der als Autor der ›Constitutio Criminalis Bambergensis‹ hervortrat, Christoph (gest. 1538), der als bayerischer Landhofmeister künftigen, noch größeren Karrieren an den Höfen von München und Wien den Weg bereitete, Adolf (gest. 1600), der seine Laufbahn in bfl. lüttichischen und kurkölnischen Diensten begann und schließlich als ksl. Feldmarschall im Kampf gegen die Türken fiel, Adam (gest. 1641), der als kurbrandenburgischer Kriegsratspräsident und Statthalter in der Kurmark amtierte, Georg Ludwig (gest. 1646), der die Ämter eines ksl. Oberhofmarschalls und Generals bekleidete, und Johann Adolf (gest. 1682), der erste Fs., der als ksl. Kämmerer und Reichshofratspräsident am Wiener Hof über großen Einfluß verfügte. Dom- oder Stiftsherren brachte das Haus, obgleich seine Angehörigen – abgesehen von der 1588 erloschenen fränkischen Linie – altgläubig orientiert waren, in der frühen Neuzeit kaum noch hervor, wohl aber eine größere Zahl von Stiftsdamen. Im fränkischen Reichsgf.enkollegium, dem sie wg. ihrer Stammherrschaft zugehörten, engagierten sich die S. nur bis ins frühe 17. Jh.

III.

Das s.ische Stammwappen zeigt den seit 1258 bezeugten, von Blau und Silber siebenmal gespaltenen Schild der Seinsheim und auf dem Helm ein rotgewandetes bärtiges Heidenmännlein mit einem spitzen Hut, später einem blau-weißen Federbusch; seit dem dritten Jahrzehnt des 15. Jh.s trat ein zweiter, vorangestellter Helm mit blau-weiß gestreiften Büffelhörnern hinzu. Im 16. Jh. war der Schild geviert und zeigte auf den Plätzen 1 und 4 das Stammwappen, auf den Plätzen 2 und 3 einen silbernen Turm auf schwarzem Berg in Rot für die Herrschaft respektive Gft. S. 1599 besserte der Ks. das Wappen Adolfs mit dem abgeschlagenen, fleischfarbenen Kopf eines Türken, dem ein schwarzer Rabe die Augen aushackt (in Gold). In seiner noch heute gültigen Form zeigt das fsl. s.ische Wappen auf Platz 1 das Stammwappen, auf Platz 4 den Türkenkopf und im gespaltenen Herzschild vorn den S.er Turm. Die übrigen Plätze sind belegt mit den Wappen der im ausgehenden 17. Jh. erheirateten Gft. → Sulz (2, von Silber und Rot durch drei Spitzen geteilt), der Herrschaft → Brandis (3, ein Brand in Silber) und der Lgft. im Klettgau (hinterer Herzschild, drei goldne Getreidegarben in Blau). Vielfach zu sehen ist das s.ische Wappen – zumeist in seiner jüngeren Gestalt, mit Fs.enhut und Hermelin – in den fränkischen Stammherrschaften des Hauses um Scheinfeld und Seinsheim, im Gebiet der einstigen Herrschaft → Gimborn-Neustadt im Oberbergischen, in der Herrschaft → Murau in der Steiermark sowie in den seit der Mitte des 17. Jh.s erworbenen, bes. umfangr. böhm. Herrschaften und in Wien.

Eigtl. Grablege des Hauses S. war die 1409 von Erkinger gestiftete Kartause Marienbrück (Pons Mariae) in Astheim bei Volkach am Main; sie hatte bis ins frühe 17. Jh. Bestand und wurde 1764 letztmals belegt. An allen anderen Begräbnisorten, darunter → Wässerndorf, Scheinfeld, → Gimborn und → Murau, sind nur einzelne oder wenige Bestattungen zu verzeichnen. Mehrere Angehörige der bayerischen Zweige fanden im 16. Jh. ihre letzte Ruhe bei den Franziskanern in München und im Kl. zum Hl. Grab in Straubing. Adolf (gest. 1600) ruht in der Augustiner-Hofkirche in Wien, wo mit dem ersten Fs.en Johann Adolf (gest. 1682) eine nahezu hundertjährige Grablegentradition begründet wurde; daneben erwuchs seit 1681 eine neue dynastische Grablege im böhm. → Wittingau (Primogenitur) und später eine weitere in Worlik (Sekundogenitur).

IV.

Ende der 1430er Jahre, nach Erkingers Tod, teilte sich das Haus in die beiden Linien zu Stephansberg und Astheim (Nachkommen erster Ehe) sowie zu S. bzw. → Hohenlandsberg (zweiter Ehe). Die Hohenlandsberger Linie, 1566 gegraft, entfaltete sich in den Generationen nach Johann dem Starken in zwei bayerischen und einem fränkischen (Wässerndorfer) Zweig; letzterer erlosch 1588, die beiden bayerischen 1618 bzw. 1646. Die Stephansberger Linie wandte sich im Dienst der Habsburger zum Niederrhein und blühte dort in mehreren Zweigen; aus deren einem, 1599 gegraften, schließlich die Fs.en S. hervorgingen; ein anderer, weiterhin frhl. Zweig floriert noch heute in Westfriesland.

In den auf den ersten Frh.n Erkinger folgenden Generationen ist zwar die eine oder andere Verschwägerung mit Familien des Gf.en- und Herrenstandes zu beobachten (Nellenburg, → Castell, Mark), im ganzen aber dominierten in der Stephansberger Linie noch auf längere Sicht Allianzen mit Geschlechtern des Ritteradels. Am anspruchsvollsten war das Konnubium Johanns des Starken (Wässerndorfer Linie) und seiner Nachkommenschaft mit Verbindungen zu den Häusern → Rieneck, → Helfenstein, → Wertheim, → Oettingen und → Reuß. Als bes. erfolgreich erwiesen sich am Ende die auf den ersten Blick nicht ganz so glanzvollen Heiraten der bayerischen (Neumann von Wasserleonburg) und namentlich der rheinischen, später böhm. Linie (Harff, → Sulz, → Eggenberg), weil durch sie nicht allein der Stamm überdauerte, sondern überdies wiederholt bedeutende herrschaftliche Zugewinne erreicht werden konnten (→ Gimborn, → Murau in der Steiermark, → Sulz mit Klettgau, Krummau in Böhmen). Auch ermöglichte ein ausgeprägter Familiensinn mehrfach die Erbfolge von Agnaten anderer Stämme, wenn eine Linie erlosch. Und schließlich waltete über all dem die dauerhafte Gunst des Ks.s, die durch unverbrüchliche Treue zur römischen Kirche sowie durch allzeit loyalen Kriegs- und Hofdienst (1598 Eroberung der Festung Raab) erworben war, dazu durch die Schuld Ks. Karls VI., der 1732 den Fs.en Adam Franz von S. auf der Jagd erschossen hatte.

Die Niederlassung und baldige Expansion in Böhmen, dazu in Wien, vollzog sich seit der Mitte des 17. Jh.s und bestimmt seither die öffentliche Wahrnehmung des Hauses S. Aber wiewohl die dortigen – und die steiermärkischen – Herrschaften jenen der fränkischen, bergischen und südwestdeutschen nach Umfang und Ertrag um ein Vielfaches überlegen waren, fanden sie nie Aufnahme in das gfl. respektive fsl. Wappen, das allein mit den reichsständischen Herrschaften renommiert.

Quellen

Český Krumlov, Státní oblastní archiv v Třeboni, pobočka Český Krumlov/Staatliches Gebietsarchiv Wittingau, Zweigstelle Böhmisch-Krumau. – Murau (Steiermark), Schwarzenbergische Archive. Monumenta Boica, Bde. 37-46 und 60: Monumenta episcopatus wirziburgensis, hg. von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München 1864-1916. – Weller, Karl, und Belschner, Christian: Hohenlohisches Urkundenbuch, 3 Bde., Stuttgart 1899-1912. – Wirtembergisches Urkundenbuch, hg. von dem Königlichen Staatsarchiv in Stuttgart, 11 Bde., Stuttgart 1849-1913. – Wittmann, Pius: Monumenta Castellana. Urkundenbuch zur Geschichte des fränkischen Dynastengeschlechtes der Grafen und Herren zu Castell 1057-1546, München 1890.

Andermann, Kurt: Schwarzenberg. Von Franken nach Europa, in: Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst 59 (2007) S. 182-195. – Böhme, Ernst: Das fränkische Reichsgrafenkollegium im 16. und 17. Jahrhundert, Stuttgart 1989 (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte, Abt. Universalgeschichte, 132), S. 42-50. – Europäische Stammtafeln, hg. von Detlev Schwennicke, NF, Bd. 5: Standesherrliche Häuser II, Marburg 1988, Taf. 103-120. – Fugger, Eberhard Graf von: Die Seinsheim und ihre Zeit. Eine Familien- und Kulturgeschichte von 1155 bis 1893, München 1893. – Schwarzenberg, Karl Fürst zu: Das Wappen der Fürsten zu Schwarzenberg. Geschichtliche Erklärung, in: Schwarzenbergisches Jahrbuch 31 (1956) S. 5-25. – Schwarzenberg, Karl Fürst zu: Geschichte des mediatisierten Hauses Schwarzenberg, Neustadt an der Aisch 1963 (Veröffentlichungen der Gesellschaft für fränkische Geschichte 9, 16). – Stammtafel des mediatisierten Hauses Schwarzenberg, o.O. 1901.