Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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SCHWANBERG

B. Schwanberg

II.

Über Funktion und Aufbau der spätgotischen Höfe der S.s existieren nur sehr bruchstückhafte Informationen. Am besten ist man über dem Hof Heinrichs I. (gest. 1523) informiert. Seine Hauptresidenz war ohne Zweifel die Burg Zvíkov, auf der er eine fast fsl. höfische Gesellschaft mit mehr als 60 Höflingen und Dienern unterhielt. Zur Burg gehörten auch mehr als 40 Lehnsleute aus dreißig verschiedenen Orten, die dem Bgf.en von Zvíkov untergeordnet waren. Die Elite der Lehnsleute aus Zvíkov wurde von zehn schwer gerüsteten und u. a. auch mit Armbrüsten bewaffneten Berittenen. Acht Lehnsleute gehörten zum Fußvolk und besaßen Schußwaffen. Alle waren auf Vorladung zu milit. und anderen Diensten auf der Burg verpflichtet. Kg. Vladislav bestätigte den Lehnsleuten aus Zvíkov ihre Privilegien i.J. 1497 und sein Sohn und Nachfolger Ludwig wiederholte dies i.J. 1522. Zu den Vorrechten der Lehnsleute aus Zvíkov gehörten die Zollfreiheit und in den kgl. Forsten der böhm. Lande die Waldnutzung, die Hasenjagd, die Jagd auf gefiederten Tiere, das Erbrecht der Lehnsgüter u. a. Die Lehnsleute, die zu milit. Diensten verpflichtet waren, mußten allerdings nicht in einen Krieg außerhalb des Kg.reiches ziehen. Auf der Burg Zvíkov hatten die Lehnsleute ihr eigenes Gericht – der Vorsitzende war der Bgf. aus Zvíkov – und ihr Grundbesitze war im sog. Dvorské desky, einem höfischen Vermögensverzeichnis bzw. Lehnsregister, eingetragen. Neben den milit. Diensten hatten die Lehnsleute weitere Pflichten bspw. zu repräsentativen Zwecken bei unterschiedlichen höfischen Feierlichkeiten.

Heinrich I. besaß große Jagdreviere mit zahlreichen Tieren; er selbst mochte die Jagd sehr. Auch huldigte er leidenschaftlich der Falkenjagd, bekannt ist seine Vorliebe für Habichte. Auf Krasíkov unterhielt Heinrich I. eine große Rotte Vorstehhunde und der s.ische Bgf. klagte über die hohen Nahrungskosten. Eine ähnliche Hundemeute wie in Krasíkov wurde auf dem Herrengut Zvíkov von einem spezialisierten Hundepfleger betreut.

Anhand der überlieferten Rechnungen läßt sich der Aufbau des Hofes Heinrichs I. von S. an seinem Hauptsitz nachvollziehen. An der Spitze standen ein Bgf., ein Hauptmann und ein Kammerherr. Dazu treten 14 Berittene aus Zvíkov, von denen sechs adliger Herkunft waren. Ihre Pferde wurden von bis zu sieben Dienern des Marstalls betreut. Einer dieser Edelleute war der Schwager Heinrichs, Kekule aus Stradonitz, Ehemann einer Schwester Heinrichs namens Barbora, der auf Zvíkov seinen eigenen Marstall besaß. Auch der Bgf. auf Zvíkov hatte seinen eigenen Marstall, desweiteren bestanden Marställe für die Arbeitspferde und die Reitpferde und ihre Dressur. Etwa 70 weitere Personen auf der Burg gehörten zum Gesinde, darunter auch zwei bis vier Priester, vier bis fünf Schreiber (darunter ein deutscher), Holzschnitzer, drei Mühlenmeister, drei Förster, drei Fischmeister und ein Fischer, zwei Bierbrauer, ein Turmmeister, ein Hornist, drei Burgvögte (Schließer), ein Portier, ein Brückenmeister, ein Küchenmeister und zwei Köche, ein Barbier, ein Bonner, ein Schaffer und eine Schafferin, zwei Heizer, drei Schmiede, drei Bäcker, ein Metzger, ein Pfründenmeister, ein Schweinehirt, etwa 15 Knechte und zwölf Kutscher. Das weibliche Personal gehörte zum sog. Fraucimor, dem Frauenzimmer. Eigene Diener waren für die Reinigung der Burgräumlichkeiten zustädnig. Schon i.J. 1512 ist auf der Burg ein Bad vermerkt, über dem Bad wohnte Frau Barbara, Heinrichs Schwester. Die Kosten für das höfische Gesinde betrug i.J. 1504 insg. 186 Schock Meißener Groschen.

Auf dem Zvíkovhof besaß Heinrich III. (gest. 1574) auch einige Narren – wenn sein Bruder Wenzel um einen bat, schrieb Heinrich zurück, daß er lieber vier weitere Narren einstellen würde, als einen einzigen wegzuschicken. Die Narren hielt Heinrich für ein geeignetes Mittel gegen seine Melancholie und »trieb mit ihnen komische Zeitvertriebe«.

Die goldene Zeit der s.ischen Höfe lag zwischen 1612 und 1620, als die S.er des Ronspergzweiges von dem letzten → Rosenberger Peter Wok (gest. 1611) neben der Domäne auch einen Hof mit fast 250 Personen ererbten. Den bescheidenen s.ischen Hof zu Orlik erhielt Johann Georg, den rosenbergischen Hof in → Wittingau übernahm der Sohn Peter II. Das Zentrum des Hofes in → Wittingau bildete Peters Familie mit seiner Ehefrau und seinen sieben Kindern. Den Hof regierte ein adliger Hofmeister, ein Kammerherr betreute die Räumlichkeiten und die Bekleidung der Herrschaft und hatte einige Lakaien unter sich, darunter Schneider und Silbermeister. Die Hofküche wurde von einem Küchenmeister betrieben, der zwei bis vier Köche, zwei bis drei Küchenjungen, eine Aufwäscherin, zwei Metzger, zwei Bäcker und einen Schenkwirt mit einem Helfer unter sich hatte. Der Stallmeister kümmerte sich um Ställe, Pferde, Kutschen und Wagen und ihm waren ein Versorger, ein Radmacher, ein Schmied, ein Kandarrenmacher, ein Marstaller, drei Kutschenfahrer, drei Pferdenlenker und Hilfskräfte des Stalls unterstellt. Einflußreiche Mitglieder des Hof der S.er waren auch der Hofprediger lutherischen Glaubens, ein Sekretär, ein Schreiber, ein Buchhalter, ein Präzeptor, ein Leibarzt, ein Apotheker mit Helfern, ein Friseur, ein Barbier, ein Uhrmacher, ein Maler, ein Holzschnitzer, drei Gärtner, ein Jägermeister und ein Bibliothekar. Der Bibliothekar war zu dieser Zeit Wenzel Březan, angesehener Historiker und Autor der Rosenbergchronik, einer wichtigen Quelle für die Geschichte der Rosenberger und der S.er. Wenzel Březan arbeitete zudem als Archivar, der das Archiv in → Wittingau ordnete, dessen Urk.n eine außerordentlich wertvolle Quelle zur älteren tsch. Geschichte darstellen.

Johann Georg erbte von Peter Wok auch die einzigartige rosenbergische Bibliothek, die etwa 11 000 Bänder zählte, u. a. Handschriften, Inkunabele, Drucke aus hussitischen Zeiten, die illuminierte Bibel des Boček von Podiebrad, Sohn Kg. Georgs Podiebrad, eine Lobkowitzer Bibel aus dem Jahr 1480, alchimistische, astrologische und andere Schriften zu unterschiedlichsten Gegenständen. Woks Erbe teilte mit den letzten Rosenbergern die bibliographische Liebe und wurde dementsprechend in dieser Richtung zum ehrwürdigen Nachfolger. Er vermehrte die rosenbergische Bibliothek durch Ankäufe aus dem Besitz des Arztes der Schwester Woks, Hermann Bulder, des rosenbergischen Sekretärs Schürer aus Waldheim und des rosenbergischen Historikers Wenzel Březan. Bulders Bibliothek bestand zur Hälfte aus naturkundlichen, ärztlichen, pharmazeutischen, botanischen und alchimistischen Schriften. Von den astronomischen Werken sind die Schriften der bekannten Astronomen und Astrologen Aristarch aus Sam, Claudius Ptolemaius, Nikolaus Kopernicus, Galileo Galilei, Tycho de Brahe, Johannes Kepler und Tadeus Hajek aus Hajek hervorzuheben. Zugänge versah Johann Georg mit einem heraldischen Exlibris.

Der produktive Maler Tomas Třebochovský schmückte die Interieurs des Wittingauschlosses mit dekorativem und heraldischem Dekor. Bis heute ist die Ausgestaltung des Höflingssaals mit mehr als 30 Wappen des Johann Georg von S., seiner zwei Ehefrauen und s.ischen Höflingen erhalten.

Von den Rosenbergern übernahmen die S.er auch eine neunköpfige Kapelle, die einen Orgelspieler, vier Hornisten und weitere Musiker und Sänger zählte.

Den weiblichen Teil des Hofes bildete das sog. Frauenzimmer (Fraucimor), das mehrere Funktionen erfüllte und sich um die die Ehefrauen S.er versammelte. Im Fall Peters II. wurde der Bestand durch seine zahlreichen Nachkommen verstärkt. Das Frauenzimmer bestand aus einem oberen Frauenzimmer mit den Hofdamen – Damen adliger Herkunft aus dem Herrenn- und Ritterstand mit eigenen Dienern, an dessen Spitze eine Hofmeisterin stand. Das Obere Frauenzimmer gruppierte sich um eine repräsentative Gruppe der Ehefrauen der S.ser und um unverheiratete Mitglieder verwandter und befreundeter Häuser, die hier höfische erzogen wurden und zudem insbesondere bei Hochzeitsfeierlichkeiten und sonstigen Festen den Hochzeitsmarkt bildeten. Das Untere Frauenzimmer wurde von einer »Bgf.in« regiert, der eine die Amme, Nonnen, verschiedene Dienerinnen und Mägde unterstellt waren.

In der Zeit des Böhm. Krieges 1618-1620, als Peter II. einer der dreißig Anführer der antihabsburgischen Widerstandregierung war, wurde der s.ische Hof militarisiert. Peter mietete eine persönliche Garde, am Hof der S.er befand sich bereits ein Zeugmeister, zu dem sich i.J. 1619 ein Festungsbaumeister gesellte.

Aus der Zeit nach der Übernahme der Regierung in → Wittingau fällt Peters Leidenschaft für eine gute und erlesene Küche auf, die aber nicht weit von der Völlerei entfernt war und vermutlich auch seinen schlechten Gesundheitszustand verschuldete. 1616 unterschrieb Peter II. von S. persönlich eine s.ische Tischordnung, die eine bedeutende Quelle für die Ernährungsgeschichte und die adlige Eßkultur darstellt. Für das Mittagessen und das Abendessen wurden täglich auf zehn Tischen für Peter und seine Ehefrau, Höflinge, Beamte, Diener und das Frauenzimmer bis zu zwölf verschiedene Gerichte mit jeweils sechs bis acht Gängen mit Bier und Wein serviert. Für seine Tafel ließ Peter auch besonderes Geschirr mit Allianzwappen herstellen. Auch während der Fastentage war die Tafel nicht besonders arm und zeugte vom Reichtum der s.ischen Teichfischerei (die einzelnen Gänge eines Fastengerichts gestalteten sich wie folgt: 1. Großer Karpfen in schwarzer Sauce, 2. gekochter Karpfen, 3. gebratener oder angemachter Karpfen, 4. Hecht auf polnische oder ungarische Art, 5. Hecht mit Speck, 6. frittierter oder angemachter Hecht, 7. gekochte, frittierte oder angemachte Barsche, 8. Forellen oder Äschen, Raubaal, Neunaugen, Kaulbarsch, Hering usw.). In der Eßkultur überwog fleischliche Nahrung – außerhalb der Fastenzeit konsumierte man an vier Tagen in der Woche zu Mittag und zum Abendessen verschieden zubereitetes Rind-, Kalb- und Schweinefleisch sowie Schafsfleisch, Geflügel, Pasteten und unterschiedliches Wild. Es ist nicht verwunderlich, daß Gicht eine der zeittypischen adligen Krankheiten war. Die von Peter organisierten Hochzeitsfeste im Palast der S. auf dem Hradschin waren opulent. Eine knapp dreißigseitige Tischhofordnung Peters II. (gest. 1620) beschreibt das täglichem Eßritual. Der erste der zehn oder manchmal auch 13 Tische gehörte Peters Kindern. Das Mittag- und Abendessen der Kinder fand eine Stunde vor dem Essen der Eltern statt, um zehn Uhr vormittags und um fünf Uhr nachmittags in den Räumlichkeiten des sog, Frauenzimmer. Über die Gebete und das gute Benehmen der Kinder wachte ein Oberpräzeptor, der auch für die Eßkultur zuständig war. Im Speisesaal fand dann gemäß der bestimmten Zeit jeweils pünktlich und entsprechend der Sitzordnung das Essen der Erwachsenen mit persönlicher Anwesenheit des Gutsherrn statt, für den der vierte Tisch reserviert war. An dieser Tafel saßen neben Peter seine Ehefrau, dazu der Leibarzt und der Hofmeister. Einen weiteren Tisch besetzten der Sekretär, der Jägermeister, der Küchenmeister, der Präzeptor, der Hoffmeister des Frauenzimmers und drei Hofdamen.