Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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SCHWALENBERG

A. Schwalenberg

I.

Die ersten Nachweise der Familie kommen aus dem Raum Itter – Waldeck und dem Weserbergland. Hier ist ein Gf. Widukind 1024 als Zeuge gen. 1031 amtierte er auch im Wetigau und Tilithi, also im Raum S.- → Pyrmont. Widukind trägt den eher seltenen Leitnamen der S.er und gilt daher als Vorfahre der Familie. Sowohl der Name als auch die Besitzschwerpunkte im Weserbergland deuten auf eine Verbindung der S.er mit der Immedinger Sippe, eine genealogische Fiktion des 18. Jh.s (Johann Friedrich Falke) will die S.er direkt von Sachsenhzg. Widukind abstammen lassen. Doch ebenso ist eine Verwandtschaft mit den Esikonen möglich. Als wichtigster Sitz der Familie in der Frühzeit kann die sog. Oldenburg bei Marienmünster angenommen werden. Die Herkunftsbezeichnung de Sualenberc (Kr. → Lippe) findet sich zuerst 1127 für Widukind I.

II.

Die S.er besaßen Lehen der Welfen, der Ebm.er Köln und Mainz sowie der Bm.er Minden, Münster, Osnabrück und Paderborn. Zu den ältesten Besitzrechten der S.er muß die Gft. im Marstemgau als billungisches Lehen gerechnet werden. Eine weitere Gft., die ehem. in den Händen der Billunger lag und dann an die S.er kam, ist die Gft. im Wetigau und Gau Tilithi. Hier im Raum S.- → Pyrmont lagen die Besitzschwerpunkte der S.er. Weitere Besitzrechte billungischen Ursprungs sind im Raum Hannover nachweisbar. Auch die Herforder Stiftsvogtei war, bevor sie an die S.er kam, ursprgl. in billungischem Besitz. Hinzu traten Besitzrechte im Raum Itter-Waldeck, die wohl über die Ehe Widukinds I. mit Liuttrud von Itter und die Heirat seines Sohnes Volkwin II. mit Liutgardis von Ziegenhain-Reichenbach an die S.er gelangt waren. Weitere Vogteien bestanden in den Stiften und Kl.n Herford, Flechtdorf, Arolsen, Bredelar, Gehrden, Willebadessen, Schildesche, Marienfeld, Marienmünster, Barsinghausen, Netze und Burghagen Falkenberg. Widukind I. legte durch seine Verbindung zum sächsischen Hzg. und späteren Ks. Lothar III. einen Grundstein für den Herrschaftsausbau der S.er. Mit der Hochstiftvogtei über Paderborn und der Vogtei über das Kl. Corvey waren bis zur Mitte des 13. Jh.s wichtige Herrschaftspositionen im östlichen Westfalen und Nordhessen in ihren Händen. Die Verpfändung der Paderborner Vogtei durch Widukind III. 1189 und dessen Tod auf dem Kreuzzug haben einen weiteren Herrschaftsausbau verhindert. Anscheinend waren einige Rechte durch Unterverlehnung schon so gut wie unangreifbar, fehlte eine klare Abgrenzung zwischen Lehen und Vogteigut, so daß es in der folgenden Zeit um den Besitz der Vogteien von Gehrden und Willebadessen, aber auch um Korbach, zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Bf.en von Paderborn und den S.ern kam. Der Konflikt der S.er, v.a. Widukinds II., mit Hzg. Heinrich dem Löwen entzündete sich an der Ausübung ehem. billungischer und northeimischer Rechte im Diemelraum (Desenberg) und in Corvey. Sie trugen Widukind u. a. ein kurzfristiges Exil und die Teilnahme am Italienzug Ks. Friedrich Barbarossas 1158 ein. Die Beziehungen zu Köln gründen sich zum einen auf die Flechtdorfer Vogtei und das → Pyrmonter Burglehen, zum anderen auf eine gemeinsame Herrschaftskonkurrenz zu den Welfen. Denn Ebf. Philipp von Köln hatte nach dem Sturz des Löwen 1180 → Pyrmont gekauft, befestigt und zur Hälfte an Widukind II. verlehnt, um hier im welfischen Gebiet die Kölner Herrschaftsrechte (Hzm.) zu festigen. Intensive Kontakte bestanden auch zu Mainz, fußend auf den nordhessischen Lehen der S.er.

III.

Münzen, Siegel und Darstellungen zeigen seit dem Ende des 12. Jh.s als Wappenbild der S.er einen achtstrahligen Stern (gold auf rot bzw. schwarz auf gold). Weithin sichtbare Repräsentation der s.ischen Herrschaft war neben der Oldenburg das Familienkl. Marienmünster. Zum einen verweist der Bau des Kl.s an sich in Anlage und Aussehen auf die Vogtei über das Kl. Corvey. In der Kirche selbst befinden sich außerdem noch zwei Grabplatten aus der Mitte des 13. Jh.s, von denen eine wohl Widukind I. von S. darstellt. Sie zeigt einen jugendlichen Gisant mit adelig höfischen Tasselriemengestus der linken Hand, während die Rechte ein Schwert mit einem Mantelbausch an den Körper presst. Dekoriert ist die Figur mit einer sternförmigen, auf das S.er Wappen verweisenden Gewandschließe. Der Bau der heutigen Burg S. 5 km nördlich der Oldenburg wird Volkwin IV. (1214-1248) zugeschrieben. Grund für die Verlegung der Burg waren Auseinandersetzungen mit dem Bf. von Paderborn.

IV.

Der Bruder Widukinds I., Volkwin I., war wohl Mönch in Helmarshausen. Widukind benannte seinen ältesten Sohn und Herrschaftsnachfolger nach ihm. Der zweite Sohn Widukind II. wurde zum Stammvater der Linien → Pyrmont (1194-1494) und Kollerbeck (1231, abgesunken in Paderborner Ministerialität). Der jüngste Sohn Volkwins II., Heinrich I., setzte die Linie der S.er fort, unter seinen Söhnen spaltet sich mit Adolf I. die Linie → Waldeck (seit 1219) ab. In der nächsten Generation gründet sich mit Heinrich III. von S. die Linie → Sternberg (1243-1377). Die S.er Linie starb 1365 mit Gf. Heinrich VII. aus.

Die Gf.en von S. wählten für ihr Konnubium v.a. Angehörige der regionalen Gf.en- und Herrengruppe. Dies zeigen die Verbindungen mit den Familien von Itter, Ziegenhain-Reichenbach, → Everstein, Lare, Schonenberg und Büren. Im 14. Jh. sind Versuche festzustellen, die einzelnen Linien durch Heirat wieder zu vereinen. Als jedoch gegen Ende des 14. Jh.s die S.er Linie ausstarb, trat ihre Erbschaft nicht die → Waldecker Linie, sondern die Edelherren von der → Lippe und der Bf. von Paderborn an.

Quellen

Wibaldi epistola, in: Monumenta Corbeiensia, ed. Philipp Jaffé, Berlin 1864, (Bibliotheca rerum germanicarum, 1), S. 76-616. – WUB = Westfälisches Urkundenbuch = Regesta Historiae Westfaliae accedit Codex diplomaticus, ed. Heinrich August Erhard, Bd. 1, Münster 1847, Bd. 2, Münster 1851; Additamenta zum Westfälischen Urkunden Buch, bearb. von Roger Wilmans, Münster 1877; Bd. 3: Bistum Münster 1200-1300, ed. Roger Wilmans, Münster 1871; Bd. 4: Bistum Paderborn 1200-1300, ed. Roger Wilmans, Münster 1874; Bd. 5: Papsturkunden, ed. H. Finke, Münster 1888; Bd. 6: Bistum Minden 1200-1300, ed. H. Hoogeweger, Münster 1898; Bd. 7: Kölnisches Westfalen 1200-1300, bearb. vom Staatsarchiv Münster, Münster 1908.

Bockshammer, Ulrich: Ältere Territorialgeschichte der Grafschaft Waldeck, Marburg 1958 (Schriften des Hessischen Amts für Geschichtliche Landeskunde, 24). – Dalwigk, Freiherr von: Die ältere Genealogie des gräflichen Hauses Schwalenberg Waldeck, in: Zeitschrift für westfälische Geschichte 73 (II) (1915) S. 142-214. – Engel, Hermann: Die Geschichte der Grafschaft Pyrmont von den Anfängen bis zum Jahre 1668, München 1972. – Forwick, Friedhelm: Die staatsrechtliche Stellung der ehemaligen Grafen von Schwalenberg, Münster 1963 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission Westfalen, 22; Geschichtliche Arbeiten zur westfälischen Landesforschung, 5). – Forwick, Friedhelm: Die Vogtei der Grafen von Schwalenberg und die Corveyer Lehnshoheit über die Grafschaft Schwalenberg, in: Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde 36 (1967) S. 5-17. – Haase, Carl: Die Entstehung der westfälischen Städte, Münster 1960 (Veröffentlichungen des Provenzialinstituts für westfälische Landes und Volkskunde, I, 11). – Huismann, Frank: Die Grafen von Schwalenberg und das Reich im Hochmittelalter, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte an der Universität-GH Paderborn 10 (1997) S. 5-24. – Kittel, Erich: Heimatchronik des Kreises Lippe, 1978. – Krusi, Hans: Die Münzen der Grafen von Schwalenberg und ihrer Seitenlinien Pyrmont, Sternberg und Waldeck (letztere bis etwa 1228, der endgültigen Entstehung der Grafschaft Waldeck), Köln 1986. – Weber, W.: Die Grafschaft Sternberg, Detmold 1928. – Weerth, Otto: Die Edelherren von Kollerbeck, in: LM, Bd. 8, Detmold 1910, S. 193-205. – Westfälisches Klosterbuch. Lexikon der vor 1815 errichteten Stifte und Klöster von ihrer Gründung bis zur Aufhebung, hg. von Karl Hengst, Münster 1992-1994 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, 44, Quellen und Forschungen zur Kirchen und Religionsgeschichte, 2). – Zunker, Diana: Adel in Westfalen. Strukturen und Konzepte von Herrschaft (1106-1235), Husum 2003 (Historische Studien, 472), S. 146-197.