SCHÖNBURG
I.
Wohl schon im letzten Viertel des 12. Jh.s verlagerten die S.er ihren Herrschaftsschwerpunkt aus ihrem mutmaßlichen Stammland an der mittleren Saale (S. bei Naumburg) in den Raum um die Zwickauer Mulde und schufen sich, wie zahlr. andere edelfreie und reichsministerialische Geschlechter, durch Kolonisationstätigkeit zunächst im Rahmen des von den Staufern ausgebauten Reichslandes Pleißen (terra Plisnensis) die Grundlagen für ihre spätere landesherrliche Stellung im nordwestlichen Sachsen. Die Gründung des Hauskl.s Geringswalde (OSB) 1233 an der Stelle einer Burg markiert dabei eine wichtige Etappe, doch dürften auch die Burggründungen in → Glauchau (Ersterwähnung 1240) und → Lichtenstein (castrum 1286), die wohl bereits im letzten Drittel des 12. Jh.s erfolgten, mit den S.ern zusammenhängen. Ausgehend von diesen frühen Herrschaftsmittelpunkten konnte die Familie ihr Territorium seit dem frühen 14. Jh. um Meerane, Crimmitschau, Stollberg, → Waldenburg (1375/78) und → Hartenstein (1406) erweitern. Crimmitschau fiel allerdings nach dem Aussterben der dort sitzenden Linie der S.er 1413 wieder an die Wettiner heim, und Stollberg wurde bereits 1367 an die Krone Böhmen verkauft. Ein weiterer Besitzschwerpunkt in der Oberlausitz, wo Bernstadt wohl als Stadtgründung der S.er entstand (als civitas erwähnt 1280), spielte nur vorübergehend eine Rolle. Seit etwa 1330 erwarben die S.er mit der Herrschaft Pürstein/Perstejn (auch Birsenstein gen., Pfandbesitz seit 1317, dazu gehörte die Burg Neus., die 1431/35 errichtet wurde), und Hassenstein/Hasistejn (Belehnung 1351) auch Besitz in Böhmen (alle Orte an der Eger bei Komotau/Chomutov), wobei sich v.a. Friedrich XI. (gest. 1389) und sein Sohn Veit I. (gest. 1423) hervortaten. Die s.ischen Herrschaften → Glauchau, → Waldenburg und → Lichtenstein empfingen die S.er schon im 14. Jh. als Reichsafterlehen von Böhmen, während sie die Gft. → Hartenstein 1456 als Reichsafterlehen von den Wettinern annehmen mußten. Der wachsende Druck der Mgf.en von Meißen veranlaßte Veit I. 1388 zu einer Fehde, die aber 1390 in einen Dienstvertrag mit den Wettinern mündete. Die Ämterorganisation der s.ischen Lande mit den Ämtern → Glauchau (in der Frühneuzeit in mehrere Ämter unterteilt), Lichtenburg, → Waldenburg und → Hartenstein ist Ende des 15. Jh.s greifbar (Erbzinsregister von 1493). Der Geldbedarf der s.ischen Herrschaft wurde im 16. Jh. zu zwei Dritteln aus der Eigenwirtschaft der Ämter gewonnen (1535/36 z. B. 18 608 Gulden). Eine Landessteuer (Schatzung) wurde erst 1547 eingeführt. Die gute finanzielle Lage der S.ischen Herrschaften verschlechterte sich bis zum Ende des 16. Jh.s erheblich.
Unter Ernst I. (1480-1489), Wolf I. (1482-1529) und Ernst II. (1486-1534) wurden sowohl das Städtewesen als auch der Bergbau gefördert. Die Bergstädte Hohenstein (1521), Scheibenberg (1522) und Oberwiesental (1527) sind ihre Gründung. Durch den Bergvertrag mit Hzg. Georg von Sachsen verblieben den S.ern in den böhm. Reichsafterlehen die Hälfte, in der Gft. → Hartenstein sogar nur ein Drittel der Erträge. → Waldenburg wurde zu einem überregionalen Exportzentrum für Keramik (Zunftprivileg für die Töpfer schon 1388). Das Tuchgewerbe in → Glauchau, Lößnitz u. a. Städten gewann im 16. Jh. überregionale Bedeutung. Nach dem Tod Ernsts II. 1534 führte die Vormundschaftsregierung seit 1542 die Reformation in den s.ischen Herrschaften ein.
Wolf I. und Ernst II. erwarben zwischen 1523 und 1525 die Elbherrschaften Lohmen, Wehlen und → Hohnstein, 1531 auch Kriebstein an der Zschopau, die 1543 mit Hzg. Moritz von Sachsen gegen die Herrschaften → Penig und Zschillen (seitdem Wechselburg gen.) getauscht wurden. 1543 wurde noch Remse, 1548 auch Rochsburg an der Mulde erworben. Diese Besitzungen unterlagen unstrittig der kursächsischen Landesherrschaft und Lehnshoheit; hier waren die S.er nur Patrimonialgerichtsherren. Die Obere Gft. → Hartenstein mußte 1559 für 146 000 Gulden an Kfs. August von Sachsen verkauft werden, so daß die s.ischen Herrschaften nun ganz vom wettinischen Territorium umschlossen waren. Der Besitz des in der Reformation aufgehobenen Benediktinerinnenkl.s Geringswalde, wo 1566-1568 eine s.ische Landesschule bestand, ging 1590 im Tausch gegen andere Gebietsteile (Oberlungwitz, Zschocken, Oelsnitz) an Kursachsen über.
Von den häufigen Besitzteilungen war die Nutzungsteilung (Örterung) von 1556 von langfristiger Bedeutung, weil durch sie die drei Hauptlinien → Glauchau, → Waldenburg und → Penig entstanden. Nach dem Aussterben des Glauchauer Zweigs gehörten zur Peniger (nun Glauchauer) Linie, auch Untere Linie gen., die Herrschaften → Glauchau, → Penig, Wechselburg und Rochsburg. Die Waldenburger oder Obere Linie besaß die Herrschaften → Waldenburg, → Lichtenstein und → Hartenstein (mit Stein). Da niemals eine Primogeniturordnung erlassen wurde, kam es in der Frühen Neuzeit aber zeitweilig zur Bildung weiterer Linien. Seit dem 17. Jh. behinderten wachsende Schuldenlast, Erbteilungen und innerfamiliäre Spannungen den Handlungsspielraum der S.er. Sie behaupteten sich aber bis 1806 als Inhaber der Reichs- und Kreisstandschaft und gehörten zu den wenigen adligen Herren in Sachsen, die gegenüber Kursachsen eine eingeschränkte Souveränität bewahren konnten (seit 1740 als sog. Rezeßherrschaften mit »limitierter Landeshoheit«). Die S.er stellten als Besitzer der Schlösser → Glauchau und → Lichtenstein ein bemerkenswertes Beispiel für mehr als siebenhundertjährige dynastische Kontinuität dar, bis sie 1945 enteignet wurden.
II.
Eine umfassende Geschichte der Hofhaltung der S.er scheitert am unzureichenden Forschungsstand, findet in der Zeit vor 1600 aber auch ihre engen Grenzen in der Quellenlage. V.a. fehlt es an Hofordnungen und -rechnungen. Auf die Bedeutung der Glauchauer Amtsrechnungen des 16. Jh.s für die S.er Hofhaltung hat Walter Schlesinger hingewiesen. Die Res.bildung ist untrennbar mit den durch zahlr. Linienbildungen bestimmten Familienverhältnissen verbunden. Hauptort war → Glauchau, eine von den S.ern um 1200 im Schatten der Burg angelegte, aber erst 1257 belegte Stadtgründung. Hier befand sich seit dem 16. Jh. der Sitz des alle S.er Zweige umschließenden »Gesamthauses« mit dem zwischen den Linien wechselnden Oberdirektorium und Gesamtarchiv, Lehnhof und Lehngericht. Das älteste Lehnbuch stammt von 1531. Als wichtigste Vasallen der S.er erscheinen schon im späten MA die von Ziegelheim, von Tettau, von der Mosel und von Meckau.
Die in der Renaissance neuerrichteten Schlösser Hinterglauchau (an der Stelle der ma. Burg) und Forderglauchau (erbaut 1527-1534) waren auch die bedeutendsten Res.bauten der S.er. Als Res.en spielten außerdem – entspr. den s.ischen Teillinien – die Schlösser → Waldenburg, → Hartenstein und → Lichtenstein eine Rolle. Die Schlösser in → Penig und Rochsburg traten im 16. Jh. hinzu. Wechselburg (ehem. Zschillen) wurde hingegen erst nach 1600 zu einem repräsentativen Schloß umgebaut.
Detailliertere Angaben über die Hofhaltung der S.er sind angesichts des Forschungsstandes nur in Einzelfällen möglich. Aus dem ausführlichen Testament Ernsts II. (gest. 1534) und ergänzenden Quellen läßt sich ein Hofstaat von etwa 80 Personen erschließen, darunter auch mehrere Musiker, ein Hofnarr und ein Herold auf Burg → Hartenstein. Als Leibärzte standen Leipziger Mediziner unter Vertrag. In Dresden verfügte Ernst II., der Hzg. Georg von Sachsen als geheimer Rat diente, über ein Stadthaus. Für einzelne S.er lassen sich aus Testamenten, Nachlaßinventaren, Hochzeitsordnungen und anderen Quellen weitere Einzelnachrichten über Hofhaltung und Res. gewinnen, doch ändert dies nichts daran, daß nicht nur die engere Thematik systematischer Untersuchung bedarf, sondern auch die damit zusammenhängenden Fragen der Verfassungs-, Verwaltungs- und Finanzgeschichte der s.ischen Herrschaften.
Quellen
Die Archive der S.ischen Herrschaften (Gesamtregierung und Herrschaftsarchive), die früher auf verschiedene Standorte verteilt waren (u. a. Schloß Waldenburg, das 1848 komplett ausgebrannt ist) befinden sich seit 1994 im Sächsischen Staatsarchiv Chemnitz. Vgl. Schaller, Barbara: Eine lange Odyssee – Zur Geschichte der Schönburgischen Archive, in: Landesgeschichte und Archivwesen. Festschrift für Reiner Gross zum 65. Geburtstag, hg. von Renate Wissuwa, Gabriele Viertel und Nina Krüger, Dresden o.J. [2002], S. 533-563. Schön, Theodor: Geschichte des fürstlichen und gräflichen Gesammthauses Schönburg. Urkundenbuch der Herren von Schönburg, 8 Bde. und Nachtragsbd., Stuttgart u. a. 1901-1910 (reicht bis 1610).
Literatur
Ackermann, Otto: Die Entwicklung der Landwirtschaft auf den Vorwerken der schönburgischen Herrschaften Wechselburg und Penig vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Phil. Diss. Leipzig, Weida 1911. – Berlet, Ernst: Geschichte der Stadt Glauchau, Bd. 1: Glauchau im Mittelalter, Bd. 2,1: Glauchau von 1534 bis 1632, Glauchau 1931-1934. – Bünz, Enno: Schönburg, Herren von, Grafen (seit 1700), Fürsten (seit 1790), in: NDB XXIII, 2007, S. 399-401. – Czech, Vinzenz: Legitimation und Präsentation. Zum Selbstverständnis thüringisch-sächsischer Reichsgrafen in der Frühen Neuzeit, Berlin 2003 (Schriften zur Residenzkultur, 2). – Historisches Ortsverzeichnis von Sachsen. Neuausgabe, hg. von Karlheinz Blaschke, bearb. von Susanne Baudisch und Karlheinz Blaschke, 2 Halbbde., Leipzig 2006 (Quellen und Materialien zur sächsischen Geschichte und Volkskunde, 2); auch als Digitales Historisches Ortsverzeichnis von Sachsen im Internet: http://hov.isgv.de/ [26.02.2009]. – Müller, Conrad: Schönburg. Geschichte des Hauses bis zur Reformation, Leipzig 1931. – N. N.: Hofnarren am Schönburgischen Hofe, in: Schönburgische Geschichtsblätter 5 (1898/1899) S. 126. – Pinther, Carl Heinrich: Topographie von Schönburg, Halle an der Saale 1802. – Resch, Fritz: Allerlei Geschichtliches vom schönburgischen Jagdwesen aus dem 12. bis 19. Jahrhundert, Glauchau 1937 (Schönburgische Heimatbücher, 11). – Resch, Fritz: Schönburgisches Militärwesen vom 13. bis 19. Jahrhundert, Glauchau 1935 (Schönburgische Heimatbücher, 8). – Röber, Wolf-Dieter: Schönburgische Burgen und Schlösser im Tal der Zwickauer Mulde, Beucha 1999. – Röber, Wolf-Dieter: Unbekannte Ansichten von Schlössern und Vorwerken aus einem schönburgischen Stammbaum, in: Schriftenreihe Museum und Kunstsammlung Schloß Hinterglauchau 3 (1981) S. 9-14. – Schlesinger, Walter: Beiträge zur Geschichte der Stadt Glauchau. Unter Mitarbeit von Thomas Lang hg. von Enno Bünz, Dresden 2009 (Bausteine aus dem Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde. Kleine Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde, 16). – Schlesinger, Walter: Die Schönburgischen Lande bis zum Ausgang des Mittelalters, Dresden 1935 (Schriften für Heimatforschung, 2). – Schlesinger, Walter: Die Landesherrschaft der Herren von Schönburg. Eine Studie zur Geschichte des Staates in Deutschland, Münster u. a. 1954 (Quellen und Studien zur Verfasungsgeschichte des Deutschen Reiches in Mittelalter und Neuzeit, 9,1). – Schön, Theodor: Die ältesten chronistischen Aufzeichnungen zur Geschichte des Hauses Schönburg, in: Schönburgische Geschichtsblätter 6 (1899/1900) S. 207-209. – Schön, Theodor: Verzeichnis schönburgischer Vasallen aus dem Ende des 16. Jahrhunderts, in: Schönburgische Geschichtsblätter 3 (1896/1897) S. 182 f. – Schön, Theodor: Kriegsthaten eines Herrn von Schönburg im 15. Jahrhundert, in: Schönburgische Geschichtsblätter 1 (1894/1895) S. 186 f. – Schön, Theodor: Der schönburgische Hofstaat und die Dienerschaft im 16. Jahrhundert, in: Schönburgische Geschichtsblätter 5 (1898/1899) S. 62 f. – Die Schönburger. Wirtschaft, Politik, Kultur. Beiträge zur Geschichte des muldenländischen Territoriums und der Grafschaft Hartenstein unter den Bedingungen der schönburgischen Landesherrschaft, red. Steffen Winkler, Glauchau 1990. – Schönburgische Geschichtsblätter 1-6, Waldenburg 1894-1900, NF 1-48, Waldenburg 1913-1917, 3. Folge unter dem Titel Unsere Heimat 1-28 (1936-1938). – Schönburgische Heimatbücher, 1-11, Glauchau 1934-1937. – Wetzel, Michael: Das schönburgische Amt Hartenstein 1702-1878. Sozialstruktur – Verwaltung – Wirtschaftsprofil, Leipzig 2004 (Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde, 10). – Wetzel, Michael: Schönburgische Herrschaften, Leipzig u. a. 2006 (Atlas zur Geschichte und Landeskunde von Sachsen, C III 6).