SCHLICK
I.
S. (ca. 1270: Zlaucowerde, 1272: Slaukenwerd, 1341: Slawkinwerd, 1369: Slakenwerd, 1387: Schlakkenwerde, 1562: Wostrov, 1615: Ostrov), Stadt am Südhang des Erzgebirges in NW-Böhmen. Ab 1489 war hier die Res. einer Linie der Gf.en → Schlick, wobei die nahe gelegene Bergstadt St. Joachimsthal/Jáchymov nach ihrer Gründung 1515/17 wichtige Funktionen als Zentrum von (Bergbau-) Verwaltung und Kultur übernahm. Im 17./18. Jh. residierten hier zunächst die Hzg.e von Sachsen-Lauenburg, danach die Mgf.en von Baden.
II.
In der Niederung der Wistritz/Bystřice, unweit ihrer Mündung in die Eger/Ohře, gründete verm. Ende des 12. Jh.s, jedenfalls vor 1226, der böhm. Hochadelige Slavko von Riesenburg eine mit Wall und Wassergraben gesicherte Ansiedlung, die im 13. Jh. in den Besitz der böhm. Krone überging. Mit der Privilegierung durch Kg. Johann von Böhmen (1331, 1337) und Ks. Karl IV. (1352, 1360, 1364, 1366) entwickelte sich der Marktort zu einer kleinen befestigten Stadt, die 1387 durch Kg. Wenzel IV. das Elbogener Stadtrecht und 1399 das Recht zur freien Richterwahl erhielt.
1434 wurde S. gemeinsam mit dem Elbogener Kreis von Kg. Sigismund an seinen Kanzler Kaspar → Schlick verpfändet, dessen Familie es bis 1547 als Pfand, danach als kgl. Lehen und 1557-1585 als Eigenbesitz behielt. Nach einer kurzen Phase städt. Selbstverwaltung kam S. 1623 an die Hzg.e von Sachsen-Lauenburg, die das Res.Schloß und die Parkanlagen großzügig ausbauten. 1690 fielen Herrschaft und Res. als Erbe an Mgf. Ludwig Wilhelm von Baden, der den Ausbau von Schloß und Park weiter vorantrieb. Die Zeit als Res.ort endete 1787 mit dem Anfall an das Haus Habsburg, später an dessen Nebenlinie der Ghz.e von Toskana, die Schloß und Herrschaft jedoch vernachlässigten.
Nach dem Tod des Matthes → Schlick (gest. 1487) und endgültig mit dem Erbteilungsvertrag seiner Söhne (1489) wurde S. zum Sitz einer eigenständigen Linie der Familie bestimmt, deren Hofhaltung bis zum Anfang des 16. Jh.s zunächst bescheiden blieb. Entscheidend für die Entwicklung von Stadt und Res. wurde jedoch die Aufnahme des Silberbergbaus und die Gründung der Stadt St. Joachimsthal durch Gf. Stefan → Schlick (ca. 1515/17). Die etwa 5 km nördlich gelegene Bergstadt (kgl. Stadtfreiheit 1520), deren Bevölkerung explosionsartig anwuchs (bis 1533 ca. 18 000 Einw.), stellte S. rasch in den Schatten, da sie sich nicht nur zum ökonomischen, sondern auch kulturellen Zentrum der Erzgebirgsregion entwickelte. Der Bedeutung der Bergbautätigkeit und der damit verbundenen eigenen Münzprägung (Münzprivileg 1520) angemessen, etablierten die → Schlick in St. Joachimsthal auch eine leistungsfähige Bergbau- und Finanzverwaltung, deren Sitz die oberhalb der Stadt erbaute Burg Freudenstein wurde. Nach Laut der Erbteilung der S.er → Schlick von 1523 sollte der »regierende Herr« der Linie auf Freudenstein seine Wohnung nehmen und dort die Familiengeschäfte und die Bergbauverwaltung leiten. Zugl. war er für den weiteren Ausbau der Burg verantwortlich, dessen Kosten von allen Brüder gleichermaßen zu tragen waren.
Während in S., das weiterhin Wohnsitz zumindest eines Teils der Familie blieb, kaum etwas über das Verhältnis zwischen Stadt und Res. zu erfahren ist, war dies in St. Joachimsthal grundlegend anders. Die z.T. überregional bekannten Wissenschaftler, Künstler, Lehrer, Theologen und Ärzte, die sich hier ansiedelten, traten auch zu den Gf.en → Schlick in enge Kontakte, während das gfl. Verwaltungspersonal von Bergbau und Münze sich in der prosperierenden Stadt niederließ. In den Jahren 1521/1523 und 1525 eskalierten die sozialen Spannungen unter den Bergleuten in Unruhen und Aufständen, bei denen auch die herrschaftliche Verwaltungsgebäude sowie Burg Freudenstein in Mitleidenschaft gezogen wurden.
III.
Die heutige große Schloßanlage in S. entwickelte sich aus der Stadtburg, die sich die → Schlick ab 1489 oder kurz davor als Wohnsitz im S. der Stadt, angelehnt an die Wehranlagen des unteren Stadttores, erbaut hatten. Nach barocken Umbauten des 17./18. Jh.s ist dieser ursprgl. Res.bau heute nicht mehr erkennbar. Einen Eindruck seines späten Aussehens vermittelt aber ein Kupferstich von 1642, der zur Vorlage zum Merian-Stadtbild von S. (1650) wurde. Demnach handelte es sich um ein vierflügeliges Schloß mit Elementen aus Spätgotik und Renaissance wie Arkadengängen und Lukarnen an den Wohnbauten, Treppentürmen sowie einem starken Rundturm in der SW-Ecke, vermutlich ein ehem. Teil der Stadtbefestigung, der später als Wohnturm repräsentativ ausgebaut wurde. Weiterhin erkennbar sind Stallungen und Wirtschaftgebäude südlich des Schlosses und in der südwestlich anschließenden Vorburg. Unklar ist, ob die dargestellten umfangr. Gartenanlagen auf ältere Vorgänger zurückgehen.
Während sich die reiche Innenausstattung der späteren Schloßbauten durch verschiedene Inventare und Beschreibungen relativ gut nachvollziehen läßt, bleibt die des → Schlick'schen Schlosses nahezu unbekannt. Lediglich einige interessante Details nennt ein Vertrag mit dem Maler Hans Schirmer aus Schlaggenwald/Horní Slavkov von 1565. Demnach wurde die Decke eines Saales in 48 Feldern mit schönen fyguren, halb aus dem alten und halb aus dem newen testament bemalt, während die Wände ein Fries vonn allerley thieren, schön und lustig zieren sollte.
Etwa aus der selben Zeit stammt ein Sandsteinrelief am Rathausturm (heute Kopie) mit alttestamentarischen Szenen und den Wappen von Gf. Joachim → Schlick und seiner Gemahlin Gf.en Lukrezia von → Salm (beide gest. 1572), die deutlich auf die Einbeziehung der Stadt in den herrschaftlichen Repräsentationsraum verweisen.
Die Burg Freudenstein über St. Joachimsthal wurde ab ca. 1516/17 durch Johann Münnich erbaut. Da sie heute bis auf zwei Turm- und geringe Mauerreste verschwunden ist (Zerstörung 1634), wird ihre Gestalt durch den Grundriß und grobe Kartenskizzen aus dem 16. Jh. nur noch undeutlich vermittelt. Demnach handelte es sich um einen großen viereckigen Bau mit mind. zwei Ecktürmen. Der N-Turm war offensichtlich größer und mit einer repräsentativen Haube versehen. Ansonsten dürfte die Burg v.a. ein zweckmäßiges Gebäude zu Aufnahme und Schutz der Verwaltung und der ersten Münze gewesen sein.
Literatur
Dějiny města Ostrova, hg. von Lubomír Zeman, Ostrov 2001. – Durdík, Tomáš: Die Burg Freudenstein in Jáchymov (St. Joachimsthal) – der jüngste Burgenneubau in Böhmen, in: Die Burg zur Zet der Renaissance, hg. von Georg Ulrich Grossmann, Berlin 2010 (Forschungen zu Burgen und Schlössern, 13), S. 43-50. – Durdík, Tomáš: Ilustrovaná encyklopedie českých hradů, Praha 2000, S. 135-136. – Hilsch, Peter: Sankt Joachimsthal, in: Handbuch der historischen Stätten, Bd. 15: Böhmen und Mähren, hg. von Joachim Bahlcke, Winfried Eberhard und Miloslav Polívka, Stuttgart 1998, S. 540-542. – Hilsch, Peter: Schlackenwerth, in: Handbuch der historischen Stätten, Bd. 15: Böhmen und Mähren, hg. von Joachim Bahlcke, Winfried Eberhard und Miloslav Polívka, Stuttgart 1998, S. 547-549. – Hrady, zámky a tvrze v Čechách, na Moravě a ve Slezsku, Bd. 4: Západní Čechy, hg. von Miloslav Bělohlávek, Praha 1985, S. 246-248. – Jáchymov. Architektonická perla Krušnohoří. Sborník příspěvků z konference, hg. von Lubomír Zeman, Loket 2009. – Kühnl, Josef: Geschichte der Stadt Schlackenwerth, Schlackenwerth 1923. – Města a městečka v Čechách, na Moravě a ve Slezsku, hg. Karel Kuča, hier Bd. 4, Praha 2000, S. 895-907. – Sedláček, August: Hrady, zámky a tvrze království českého, Bd. 13: Plzeňsko a Loketsko, Praha 1905, ND Praha 1998, S. 173-174. – Zeman, Lubomír: Heraldické památky v Ostrově, in: Historický sborník Karlovarska 9 (2003) S. 110-127.