Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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SCHLICK

C. Elbogen

I.

E. (Ellenpogen/Elnpogen/Ellbogen) am rechten Ufer des Oberlaufs der Eger/Ohře in NW-Böhmen wird 1234 erstmals mit tsch. (Loket), 1237 mit lat. (Cubitum) und 1239 mit dt. Namen belegt. Seit Anfang des 13. Jh.s befanden sich Burg und Stadt unter der Herrschaft der böhm. Krone. 1434 gelangten sie mit dem umliegenden Gebiet und dem zur Burg gehörenden Lehnssystem als Pfand an Reichskanzler Kaspar → Schlick, dessen Familie bis zum Entzug des Pfandbesitzes 1547 hier residierte.

II.

In der bergigen Landschaft am Rande des Kaiserwaldes/Slavkovský les bot die Felsenspitze über einem nahezu vollständig von einem engen (ellbogenförmigen) Mäander der Eger umflossenen Plateau, das im MA nur von NO über eine schmalen Landzunge zugänglich war, ideale Voraussetzungen für das Entstehen einer Wehranlage. Die baulichen Anfänge der Burg Stein oder Steine. lagen spätestens in der Mitte des 12. Jh.s. Ihnen folgte im 13./14. Jh. der Ausbau zu einer großen kgl. Burg. Wg. seiner strategischen Lage an der NW-Grenze des Kg.-Reichs galt E. schon im MA als »Schlüssel zur Krone von Böhmen«. Zusätzliche Bedeutung erhielt die Burg Stein durch die mir ihr verbundene Lehnsorganisation, die in der zweiten H. des 13. Jh.s unter den Přemysliden geschaffen wurde. Sie entwickelte sich in der Folge zur Grundlage der herrschaftlichen Durchdringung des E.er Kreises an der NW-Grenze Böhmens zwischen Vogtland, Egerland, Erzgebirge und Kaiserwald.

Die städt. Ansiedlung, die sich im Hoch-MA unterhalb der Burg bildete, blieb weitgehend auf die kleinräumige Topographie des Felsplateaus beschränkt. Daraus folgte der charakteristische Grundriß der kleinen Stadt, die sich in einem engen Halbkreis um die Burganlage herum windet. E. wurde v.a. durch den von den Přemysliden geförderten Zuzug dt. Siedler bevölkert und profitierte bald von der günstigen Lage an wichtigen Handelswegen und der Nähe zu den Bergbaurevieren des Kaiserwaldes. Ab 1337 kgl. Stadt, erhielt es im weiteren Verlauf des 14. Jh.s weit reichende kgl. Privilegien und war wg. der nahen Jagdgebiete ein bevorzugter Aufenthaltsort des luxemburgischen Herrscherhauses. Um 1400 wurden Stadt und Burg so stark befestigt, daß sie in der ersten Hälfte des 15. Jh.s mehrere Angriffe der Hussiten erfolgreich abwehren konnten.

1434 verpfändete Sigismund seinem Kanzler Kaspar → Schlick Burg, Stadt und die gesamte Lehnsherrschaft E. für 11 900 Gulden. Spätere Erhöhungen der Pfandsummen und wiederholt von böhm. Kg.n erteilte Besitzgarantien machten eine Auslösung des Pfandes relativ unwahrscheinlich.

Offenbar durch diese Absicherung ermutigt, begannen die → Schlick ab der zweiten H. des 15. Jh.s mit dem Ausbau der Burg zu einem repräsentativen Herrschaftssitz. Daran knüpfte sich auch der Versuch, durch erhebliche Eingriffe in die städtischen Freiheiten und Vertreibung widersetzlicher Bürger die kgl. in eine untertänige Stadt umzuwandeln und somit die Voraussetzungen für eine Entwicklung zur Res.stadt zu schaffen. Diesem Ansinnen ihrer Pfandherren trat die Bürgerschaft unter Berufung auf kgl. Privilegien entgegen. Zur Eskalation der Streitigkeiten kam es 1471-1476 und 1504, als sich E. im Bund mit benachbarten Adeligen und Städten gegen die → Schlick erhob, die ihrerseits Waffenhilfe von den Wettinern erhielten. Bei den Kämpfen erlitt die Stadt mehrfach (1473, 1504) schwere Beschädigungen durch Feuer und Beschuß. Erst nach milit. Eingreifen der böhm. Stände konnten die Auseinandersetzungen 1506 beendet werden, wobei es Gf. Sebastian und seinen Brüdern nur durch große Zugeständnisse gelang, ihre Pfandherrschaft über Stadt, Burg und Kr. E. aufrecht zu erhalten. Zur Rechtfertigung ihres Widerstandes ließ die Stadt eine Chronik anfertigen, die das spannungsreiche Verhältnis zu den Pfandherren von 1471 bis kurz vor der Einnahme durch sächsische Truppen im Jan. 1504 schildert.

III.

Von der älteren Burganlage des 12.-14. Jh.s (letzter Ausbau um 1400), die wg. der mehrfach bezeugten Aufenthalte böhm. Kg.e bereits recht umfangr. gewesen sein muß, zeugen heute nur noch Überreste einer romanischen Rotunde (Treppenturm Schnecken), das Mgf.enhaus sowie der Bergfried und Teile des Hauptmannshauses. Zwischen ca. 1470 und 1535 erfolgte eine Umgestaltung zur gfl. Res. Der Umbau zum Staatsgefängnis am Ende des 18. Jh.s führte zum vollständigen Verlust der Schmuckelemente an den Fassaden sowie zu tief greifenden Veränderungen der ursprgl. Raumstruktur. Aus dem 15. Jh. stammende Ausmalungen der Wohnräume und Säle mit höfischen Szenen haben sich nur als geringe Frgm.e erhalten. Im Saal des E.er Landgerichts soll sich in einem zerstörten allegorischen Wandbild Gf. Hieronymus II. → Schlick als Gerichtsherr präsentiert haben.

Die heute noch erkennbare bauliche Situation des ausgehenden 15. Jh.s wird aus dem Teilungsvertrag der → Schlick von 1489 deutlich, der auch die Nutzung der Burg regelte. Die Falkenauer Linie erhielt das repräsentative alte Mgf.enhaus. Hieronymus I. und seine Nachkommen, denen E. als Hauptsitz zugewiesen wurde, bewohnten zwei Kemenaten im NO.-Teil mit Küche, Kellern und der zwischen den Toren gelegenen Schmelzhütte. Die Schlackenwerther Linie erhielt die Rote Kemenate zwischen Bergfried und S.-Front. Gemeinsamer Besitz blieben Tore und Torwege, der stadtseitige Zwinger, Schlachthaus, Backhaus und Brunnen. Die Stallungen sollten vom Burghof in den Zwingerbereich verlegt werden. Gemeinsame Verantwortung trugen die Erbteiler auch für den Erhalt der Mauer sowie für das wichtigste Personal. Zudem sollte im Wohnbereich der E.er Linie ein Archivgewölbe für die gemeinschaftlichen Urk.n errichtet werden.

In der ersten Hälfte des 16. Jh.s wurde die Burg als Res. der E.er Linie ausgebaut. Davon zeugen die markanten basteiartigen, aber wohnlich-repräsentativen, Rundtürme im N und O, deren Vorbilder wohl im wettinischen Schloßbau zu suchen sind. Die zu dieser Zeit an Fenstern und Fassaden als Schmuck angebrachten Renaissance-Terrakotten sind nur noch in wenigen archäologischen Relikten erkennbar. Ein Inventar (1598) und Baurechnungen lassen die Raumaufteilung der Mitte des 16. Jh.s nachvollziehen. Gen. werden wichtige Wohn- und Repräsentativräume (Säle, Fs.enstube, Frauen- und Jungfrauenzimmer, Gf.enzimmer, Amtsstube, Große gemalte Hofstube, Harnischkammer) sowie Wirtschaftsbauten. Obwohl auch eine nicht erhaltene Schloßkapelle erwähnt wird, scheinen die → Schlick die innerhalb des äußeren Burgmauerrings gelegene Pfarrkirche St. Wenzel bevorzugt zu haben. Die repräsentative Grablege, die Matthes → Schlick (gest. 1487) dort einrichten ließ, fiel später einer grundlegenden Barockisierung zum Opfer.

Quellen

Privilegia královských měst venkovských v kralovství českém z let 1420-1526, hg. von Jaromír Čelakovský und Gustav Friedrich, Praha 1948 (Codex Juris Municipalis Regni Bohemiae, 3).

Durdík, Tomáš: Ilustrovaná encyklopedie českých hradů, Praha 2000, S. 343-346. – Gnirs, Anton: Elbogen bei Karlsbad, Elbogen 1928. – Hlaváček, Ivan: Elbogen, in: LexMA III, 1986, Sp. 1778 f. – Hrady, zámky a tvrze v Čechách, na Moravě a ve Slezsku, Bd. 4: Západní Čechy, hg. von Miloslav Bělohlávek, Praha 1985, S. 194-197. – Kašička, František/Nechvátal, Bořivoj: Loket, Praha 1983. – Kašička, František/Nechvátal, Bořivoj: Pozdně gotické a renesanční terakoty ze státního hradu Lokte, in: Archaeologia historica 8 (1983) S. 503-511. – Köpl, Karl: Ein Beitrag zur Geschichte der Fehde der Schlicke mit der Stadt Elbogen, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen 33 (1895) S. 379-395. – Menclová, Dobroslava: České hrady, Bd. 2, Praha 1972, S. 150-152, 469. – Města a městečka v Čechách, na Moravě a ve Slezsku, hg. Karel Ku- ča, hier Bd. 3, Praha 1998, S. 603-618. – Prökl, Vinzenz: Geschichte der Stadt Elbogen historisch, statistisch und topographisch, Eger 1879. – Rogall, Joachim: Elbogen, in: Handbuch der historischen Stätten, Bd. 15: Böhmen und Mähren, hg. von Joachim Bahlcke, Winfried Eberhard und Miloslav Polívka, Stuttgart 1998, S. 133-136. – Sedláček, August: Hrady, zámky a tvrze království českého, Bd. 13: Plzeňsko a Loketsko, Praha 1905, ND Praha 1998, S. 15-29.