Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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SAYN

C. Sayn

I.

Seyne (1152); S. (1199); novum castrum (1202); am Nordrand des Neuwieder Beckens gelegen. Neben der Burg → Blankenberg an der Sieg zählt die Burg S. auf dem Kehrberg oberhalb der gleichnamigen Prämonstratenserabtei und der Talsiedlung zu den wichtigsten Burgen der Gf.en von S. Als Verwaltungsmittelpunkt der Gft. S. und bevorzugte Aufenthaltsorte der Gf.en wurden die Burgen S. und → Blankenberg Mitte des 13. Jh.s durch Burg und Stadt → Hachenburg abgelöst.

II.

Über dem Zusammenfluß von S.- und Brexbach erhebt sich auf einem lang gezogenen Sporn des Kehrbergs Burg S. Auf dem gleichen Höhenzug etwa 1 km Luftlinie entfernt befindet sich die ebenfalls in Spornlage über dem Brexbachtal erbaute Alte Burg. Unkar ist, ob sich die Nachrichten über die Zerstörung der Burg S. (castrum quod Seyne dicitur) auf diese bislang archäologisch noch unzureichend erforschte Anlage oder auf ein Vorgängerbau der Stelle der noch als imposante Ruine erhaltenen Burg S. auf dem Kehrberg beziehen.

Für das Neuwieder Becken, die breite Uferniederung zwischen dem Rhein im W und den ersten Erhebungen des Westerwaldes im O, das sich von der Lahnmündung im S bis nach Leutesdorf im N erstreckt, ist von einer Siedlungskontinuität seit der Antike auszugehen. In den Quellen des frühen MAs bilden die in der fruchtbaren Ebene gelegenen Siedlungen die Kernzone des Engersgaus, dessen Grenzen durch Lahn, Rhein obere Wied und Gelbach beschrieben werden. Wie die Gf.en von → S. am Nordrand des Neuwieder Beckens Fuß gefaßt haben, läßt sich mit Hilfe der im zweiten Viertel des 12. Jh.s einsetzenden urkundlichen Überlieferung nicht erschließen. Im näheren Umkreis von S. waren zwei bedeutende Adelsfamilien begütert, die sich durchweg früher als die Gf.en von → S. nachweisen lassen. Nur etwa 4 km Luftlinie in nördlicher Richtung entfernt und ebenso wie S. auf einem steilen Bergsporn über dem S.bachtal gelegen, befindet sich die → Isenburg, der namengebende Stammsitz eines einflußreichen Dynastengeschlechts, dessen Angehörige sich mit einiger Sicherheit wg. ihrer Leitnamen Gerlach und Reginbold mind. seit der Mitte des 11. Jh.s nachweisen lassen. Die zweite einflußreiche Dynastenfamilie in der Region waren die 1129 erstmals gen. Gf.en von → Wied, deren Burg → Altwied nur wenige Kilometer entfernt von den Burgen S. und → Isenburg auf einem mäßig hohen Bergsporn über einer Schleife des Flüßchens Wied thront. In der Literatur wird Mettfried, der zunächst als Gf. im Engersgau, später als Mettfried von → Wied und schließlich als Gf. Mettfried mit seinem Bruder Richwin nachweisbar ist, als Stammvater der Gf.en von Wied bezeichnet.

Kirchlich gehörte S. zum Ebm. Trier. Unter den frühen Verkehrsverbindungen, die den Westerwald querten war v.a. die Ost-Westverbindung der Köln-Leipziger-Straße von herausragender Bedeutung, die im Neuwieder Becken über zwei Querverbindungen zum Rheintal verfügte. Für den Fernverkehr existierten unweit von S. bei Engers und Vallendar alte Rheinübergänge. Ein Aufstieg führte von Engers nördlich S. über Stromberg-Nauort auf die Höhen des Westerwaldes.

Zum infrastrukturellen Umfeld Burg S. gehört ein bereits in der Urk. von 1152 erwähnter Hof (curtis Seyn), der vermutlich mit einem 1232 sicher nachweisbaren zwischen dem S.er Burgberg und dem Rheinufer gelegenen Hof identisch ist. Angesichts der Tatsache, daß die sehr wahrscheinlich auf Allodialbesitz errichtete Burg S. nicht über umfangr. Ländereien unter gfl. Herrschaft verfügte, muß der Hof für die Versorgung der Burgbewohner eine zentrale Rolle gespielt haben. Die geschichtlichen Anfänge der bescheidenen, das Areal zwischen der Burg auf dem Kehrberg und dem Brexbach einnehmenden Talsiedlung S. sind bislang noch nicht hinreichend erforscht worden. Wann die Siedlung entstand ist unbekannt. Eine steinerne Ortsbefestigung mit zwei Toranlagen, die sich – wie ein Ölgemälde von 1720 belegt – an die Zwingermauer der Burg anschloß, ist in den Schriftquellen erstmals im 15. Jh. nachweisbar. In einer Urk. von 1452 ist von Burg, Hof und Talsiedlung S. die Rede (burg Seyne mit dem hove und dale darunter). 1467 werden zwei Tortürme erwähnt, die Über- und die Dailportze, als man zu Ysenburg zu geyt. Erhalten blieb lediglich die Talpforte, der freistehende Torturm des fsl. Schlosses, dessen Fassade 1848 neugotisch überformt wurde. Von Bedeutung für das Wirtschaftsleben in der Talsiedlung S. waren sowohl die dort ansässigen Burgmannen wie auch die vor den Toren des Ortes gelegene Prämonstratenserabtei. Nach der Schenkung der Armreliquie des Apostels Simon an die Ordensniederlassung der Prämonstratenser 1206 entwickelte sich die Abtei bereits im ersten Viertel des 13. Jh.s zu einem rege besuchten Wallfahrtsort. Durch ein Privileg Papst Honorius' IV. (1285) wurde das Fest zur Verehrung der Reliquie des Hl. Simon mit einem eigenen Ablaß ausgestattet.

III.

Den lang gezogenen Bergsporn des Kehrberges über dem Zusammenfluß von S.- und Brexbach nimmt eine im wesentlichen aus drei Anlagen bestehende Burgengruppe ein, die sich in West-Ostrichtung über eine Länge von ca. 220 m erstreckt. Die hochma. Burg S. im O des Kehrberges weist bei einer Länge von 110 m eine maximale Breite von 40 m auf. Oberhalb der Talsohle liegt ein als »Stein'sches Burghaus« bezeichneter Ministerialensitz, der in den Schriftquellen erstmals 1389 gen. wird, bestehend aus einer trapezförmigen Ringmauer (30 x 40 m), einer Zwingeranlage, und einem als Hauptgebäude anszusprechenden dreistöckigen Wohnturm von etwa 9,50 m Seitenlänge. Von dem mittleren Burghaus oberhalb des Stein'schen Anwesens blieb im wesentlichen ein zweistöckiges Wohngebäude mit steilen Schildgiebeln und einem runden Flankenturm erhalten. Ein weiteres 1475 erstmals gen. Burghaus befand sich in der Hauptburg (binnen der burg zu der richten hand gelegen). Sehr wahrscheinlich handelt es sich um ein Burglehen der Herren von Eich. Unterhalb des Burgberges befand sich das Burghaus der Herren von → Reiffenberg, das Mitte des 18. Jh.s von den Gf.en Boos von → Waldeck barock umgestaltet und 1848 käuflich von dem Fs.en Ludwig Adolph von S.-Wittgenstein-S. erworben und neugotisch um- und ausgebaut wurde (Schloß S.). In unmittelbarer Nachbarschaft der Talpforte, dem heutigen Schloßturm, lag das Burghaus der Wentz von Lahnstein.

Typologisch ist Burg S. als Abschnittsburg anzusprechen. Die recht kompakte stauferzeitliche Kernburg mit dem Übereck gestellten quadratischen Bergfried im N, der an der Ostseite als Schildmauer konzipierten Ringmauer und einem zweigeschossigen Palas (ca. 30 x 10 m) dat. sehr wahrscheinlich in die zweite Hälfte des 12. Jh.s. Die Anlage wird wohl eher dem Repräsentationsbedürfnis der aufstrebenden Dynastenfamilie der Gf.en von → S. entsprochen haben als die im Wesentlichen aus drei hintereinander gebauten und durch Gräben gesicherten Türmen bestehende Alte Burg. Zur Ausstattung der stauferzeitlichen Burg S. auf dem Kehrberg gehört auch die 1983/84 ergrabene Kapelle, die sich an die südwestliche Ringmauer des der Hauptburg vorgelagerten Hofes anlehnt. Die über kreuzförmigem Grdr. aufgeführte Zweikonchenanlage war als Doppelkapelle konzipiert und weist im Grundriß eine auffallende Parallele zu der vom Kölner Ebf. Arnold von Wied errichteten, 1151 geweihten Doppelkapelle in Schwarzrheindorf (Stadt Bonn) auf. Eine Datierung der S.er Burgkapelle um 1200 wird u. a. durch den noch in Resten erhaltenen Schmuckfußboden gestützt. Ob die Schenkung der kostbaren Armreliquie des Apostels Simon durch Bruno von S. an seinen Neffen, Gf. Heinrich III. (gest. 1246/47) Anlaß zum Bau der erstmals 1208 urkundlich erwähnten S.er Burgkapelle (capellam in castro Seine) gegeben hat, läßt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. 1206 überließ Gf. Heinrich III. die Reliquie der wenige Jahre zuvor, 1200 von seinem Vater Gf. Heinrich II. (gest. 1202) gegr. Prämonstratenserabtei S.

Quellen

Siehe A. Sayn.

Siehe auch A. Sayn. – Backes, Magnus: Zur Baugeschichte von Schloß Hachenburg, in: Nassauische Annalen 69 (1958) S. 237-242. – Backes, Magnus: Julius Ludwig Rothweil. Ein rheinisch-hessischer Barockarchitekt, Baden-Baden 1959 (Studien zur Deutschen Kunstgeschichte, 317). – Die Kunstdenkmäler des Landkr.es Koblenz, bearb. von Hans-Erich Kubach, Fritz Michel und Hermann Schnitzler, Düsseldorf 1944 (Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz 16.2), [ND 1981], S. 303-339. – Die Kunstdenkmäler des Siegkreises, bearb. von Edmund Renard, Düsseldorf 1907 (Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, Bd. 5.4), [ND 1984], S. 19-31. – Fischer, Helmut: Die Erwähnung von Blankenberg im Jahre 1171, in: Heimatblätter des Siegkreises 46/48 (1978/1980) S. 155-162. – Friedhoff, Jens: Barocke Schloßbaukunst zwischen Rhein und Lahn, in: Burgen und Schlösser im Westerwald. Historische Wehr- und Wohnbauten zwischen Sieg, Lahn, Dill und Rhein, hg. von der Kreisverwaltung des Westerwaldkreises, Montabaur 1999, S. 61-71. – Friedhoff, Jens: Burg – Residenz – Stadt. Die Residenzorte der Grafen von Sayn und Berg im Hoch- und Spätmittelalter, in: Von der Burg zur Residenz, hg. von Joachim Zeune, Braubach 2009 (Veröffentlichungen der Deutschen der Deutschen Burgenvereinigung, Reihe B: Schriften, 11), S. 47-57. – Gensicke, Hellmuth: Vom Mittelalter zur Neuzeit, in: Hachenburg im Westerwald in Geschichte und Gegenwart, hg. von der Stadtverwaltung Hachenburg, Hahenburg 1985, S. 189-194. – Liessem, Udo: Zur Baugeschichte der Burg Sayn, in: Sayn. Ort und Fürstenhaus, hg. von Alexander Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Sayn, Bendorf 1979, S. 37-50. – Liessem, Udo: Bemerkungen zur Burgkapelle in Sayn – ein Vorbericht, in: Burgen und Schlösser 26 (1985) S. 130 f. – Liessem, Udo: Neue Bemerkungen zur Burgkapelle in Sayn – die Sicherung ihres Bestandes, in: Burgen und Schlösser 27 (1986) S. 37-39. – Naendrup-Reimann J.: Weltliche und kirchliche Rechtsverhältnisse der mittelalterlichen Burgkapellen, in: Die Burg im Deutschen Sprachraum. Ihre rechts- und verfassungsgeschichtliche Bedeutung, 2 Bde., hg. von Hans Patze, Sigmaringen 1976 (Vorträge und Forschungen, 19), S. 123-154. – Romanische Baukunst an Rhein und Maas, hg. von Hans-Erich Kubach und Albert Verbeek, 2 Bde., Berlin 1976. – Stevens, Ulrich: Burgkapellen. Andacht, Repräsentation und Wehrhaftigkeit, Darmstadt 2003. – Städtebuch Rheinland-Pfalz und Saarland, hg. von Erich Keyser, Stuttgart 1964.