SAX
I./II.
Gf.en- und Frh.enfamilie aus Graubünden und der Ostschweiz, aufgeteilt seit der Mitte des 13. Jh.s in die Linien S.-Misox (Graubünden) und S.-Hohens. (St. Galler Rheintal). Aus dem 16. und 17. Jh. stammen zwei Herkunftsmythen: 1. Die römische oder rätisch-etruskische Abstammung der S. aus dem 16. Jh. 2. Die Abstammung von den Sachsenhzg.en aus dem 17. Jh. In beiden Fällen wird die Familie als seit dem 10. Jh. im Rheintal ansässig betrachtet. In Wirklichkeit ist die Herkunft der S. ungeklärt. Die S.-Misox und S.-Hohens. sind stammesgleich, Verwandtschaft besteht mit dem Tessiner Adelsgeschlecht de Torre. In Graubünden umfassen die ursprgl. Rechte der S. die Täler Misox (Mesocco) und Calanca mit dem Mittelpunkt der Burg Mesocco. Weitere Rechtsame befinden sich in den Tälern Leventina und Blenio (heute Kanton Tessin). Im Rheintal ist es die Herrschaft S. mit den Burgen S., Forstegg und Frischenberg. Leitnamen der S.-Hohens. sind Ulrich bzw. Ulrich mit weiterem Vornamen und Johann ebenfalls in Kombination. Die S.-Misox heißen häufig Johann oder Heinrich (ebenfalls in Namenskombination).
Die Herkunft der S. ist umstritten: Entweder aus Oberitalien oder der heutigen Südschweiz (Deplazes-Häfliger) oder aus dem schwäbischen Raum (Hofer-Wild). Insgesamt sprechen wohl mehr Indizien für die Hypothese von Deplazes-Häfliger, zumal die südliche Herrschaftsbildung früher faßbar ist als die nördliche. Die S. sind 1137/39 mit Eberhard de Sacco erstmals bezeugt. Die genealogischen Zusammenhänge zwischen den im 12. Jh. erwähnten S. sind aber nicht immer klar. Die frühen S. bewegen sich im Raum des heutigen Graubünden bzw. des Bm.s Chur sowie des Tessin und haben Beziehungen zum Kl. St. Gallen. Die ersten bezeugten Rechte der S. tauchen zu Beginn des 13. Jh.s im Raum des Misox und im Calancatal sowie im Blenio- und Leventinatal auf. 1219 gründet Heinrich II. von S. im Misox das Kollegiatsstift St. Johann in San Vittore. Der Akt bezeugt eine bereits recht geschlossene Herrschaft der S. im Misox. Weitere wichtige Rechte müssen die S. in den nahegelegenen Tälern Blenio und Leventina besessen haben. Sie scheinen in einem Prozeß zwischen dem Domkapitel von Mailand und Frhr. Heinrich II. von S. 1224 auf. Die Belehnung des Frhr.n Heinrich von S. mit dem Bleniotal und dem Monte Dongo durch Kg. Heinrich (VII.) 1220 kann nicht verwirklicht werden. Sie scheitert an den regionalen Kräfteverhältnissen, obwohl die S. staufische Parteigänger sind und in der kgl. Passpolitik eine Rolle spielten sollten.
Nördlich der Alpen ist der Bruder Heinrichs II. von S., Ulrich, 1204-1220 Abt von St. Gallen (als Ulrich VI.). 1210 ist die Burg S. im Rheintal erstmals erwähnt. St. Galler Güter (Burg Clanx) sowie Kl. Pfäfers und Disentis zu Beginn des 13. Jh.s unter Vogtei der S. Diese umfangr. Vogteirechte gehen den S. aber alle vor 1300 wieder verloren. Um 1248 kommt es zur Hausteilung unter den Enkeln Heinrichs II. von S.: Heinrich III. und Albrecht III. erhalten das Misox, das zum Misox gehörige Calancatal, die Rechte in der Leventina und im Bleniotal, dazu die damals noch verbleibenden Vogteirechte. Ulrich III. übernimmt die um die Burg S. entstandene Herrschaft gleichen Namens. Damit sind die beiden Linie der S. gegr.: die S.-Misox (Name 1383 erstmals belegt) als die bedeutendere, die im peripher gelegenen Misox über eine geogr. geschlossene Herrschaft verfügen. Im SpätMA sind sie dort Landesherren. Den S. im Rheintal (seit dem 15. Jh. unter dem Namen S.-Hohens.) fehlen diese Möglichkeiten angesichts vielfacher Konkurrenz von Herrschaften ähnlichen Niveaus. Im 14. und 15. Jh. kommen die habsburgische Dominanz in der heutigen Ostschweiz und die eidgenössische Expansion hinzu. Nach 1248 haben die beiden Linien nur noch unwesentlichen Besitz im Rheintal gemeinsam (in Arth und Balgach), der bis 1347 in ihren Händen bezeugt ist.
III.
Das Wappen der S. vor der Teilung zeigt für Heinrich von S. (bezeugt 1213-1230) einen Löwen und einen Adler. Die Misoxer Linie führt seit Mitte des 14. Jh.s ein Wappen mit zwei Säkken und den Bären als Helmzier. Das Wappen der Rheintaler Linie ist in Gold und Rot.
IV.
Ulrich III. von S. büßt infolge seiner Ehe mit einer Niederadligen seinen edelfreien Rang ein. Erst 1414 werden die S.-Hohens. wieder in ihren alten Stand erhoben. Die kleine Herrschaft S. mit den vier Burgen S., Wildenburg, Frischenberg und Forstegg bietet nur schwer eine ausreichende Grundlage für eine standesgemäße Lebensführung ihrer Besitzer. Die Wildenburg wird 1313 verkauft. Zudem ist der Besitz von Erbteilungen betroffen. Auffällig ist im 14. Jh. der, soweit ersichtlich, fast fehlende Eintritt männlicher S. in den geistlichen Stand. Im 15. Jh. amtieren zwei S.-Hohens. als Äbte von Einsiedeln: Rudolf 1438-1447 und Gerold 1452-1469. Die Heiratsverbindungen der S.-Hohens. bewegen sich im Rahmen des regionalen Adels der heutigen Ostschweiz und viell. des Vorarlberg. Gen. seien die ritteradligen Rorschach, die Frh.en von Bürglen und die Gf.en von → Werdenberg- → Sargans. Beziehungen zum in der Herkunftsregion der S.-Hohens. präsenten Haus Habsburg sind vorhanden, die Burg S. wird 1393 habsburgisches Lehen, später Pfand an die S. Die wirtschaftliche Lage der S.-Hohens. bessert sich gegen Ende des 14. Jh.s. Seit dem 15. Jh. ist die Geschichte der S.-Hohens. eng mit der Eidgenossenschaft verbunden. Die Expansion v.a. der Appenzeller ins Rheintal und den Thurgau seit dem frühen 15. Jh. tangiert auch die S. unmittelbar. 1446 Zerstörung der Burg S. Seit der Mitte des 15. Jh.s steht die heutige Ostschweiz unter eidgenössischer Vorherrschaft. Frhr. Albrecht von S.-Hohens. bricht mit Habsburg und sucht die Verbindung zu den Eidgenossen. Nach einer finanziellen Krise der Familie konsolidiert Ulrich VIII. von S.-Hohens. die Güter seiner Familie, die als eigenständige Herrschaften Forstegg, Frischenberg sowie Bürglen (seit 1447 im Besitz der S., mit gleichnamigem Städtchen) im eidgenössischen Machtbereich überleben. Ulrich VIII. (1462-1538) ist ein bedeutender eidgenössischer Heerführer während der Italienzüge zu Beginn des 16. Jh.s. Die Linie S.-Hohens. erlischt 1633 mit Christoph Friedrich. Die Herrschaften Forstegg und Frischenberg gelangen 1615 an Zürich.
Die S.-Misox sind Herren des Tals Misox sowie des Calancatals (hernach beide als Misox bezeichnet, da im MA als Einheit betrachtet). Sitz der Hauptlinie der S.-Misox und Mittelpunkt ihrer Herrschaft ist die Burg Misox/Mesocco (Ersterwähnung 1219). Die Familie tritt im 13. Jh. nach außen nicht hervor. Im Misox bewohnen Nebenlinien der S.-Misox die Burgen bzw. Anwesen Norantola (Linie bezeugt seit 1324), Grono (seit 1300) und Roveredo (seit 1409, später Palazzo Trivulzio). Im 15. Jh. entstehen auf den Besitzungen der S. im Bündner Oberland weitere Nebenlinien in Kästris, Trun und Waltensburg. Nach der Hausteilung von 1248 werden Herrschaft und Güter der S.-Misox nie mehr endgültig geteilt. Die Oberherrschaft über das Misox bleibt bei der Hauptlinie. Angehörige der Nebenlinien bekleiden jedoch häufig das Amt des Vikars, d.h. des Talrichters, und verfügen über eigenen Besitz. Die Hauptlinie der S.-Misox wird 1413 in den Gf.enstand erhoben. Ende 14. Jh. erbt Frhr. Caspar von S. mit den Herrschaften Castrisch und Belmont (Gerichte Ilanz, Lugnez, Flims und Wals) weitläufige Besitzungen der Edelfreien von Belmont im heutigen Bündner Oberland. Dadurch werden die S.-Misox zu einem wichtigen Faktor im heutigen Graubünden. 1395 gründet Frhr. Albert von S. mit dem Abt von Disentis und dem Frh.n von Rhäzüns den landfriedensähnlichen ›Ilanzer Bund‹. 1424 wird der Ilanzer Bund zum ›Grauen Bund‹ ausgeweitet. Gf. Johann von S. tritt nur mit seinen oberländischen Besitzungen bei, ohne das Misox. Die S.-Misox werden neben dem Kl. Disentis und den Frh.en von Rhäzüns zu einem der drei Hauptherren dieses Bündnisses, an dem neben ihren Herren auch die Gmd.n beteiligt sind. Der ›Graue Bund‹ wird in der Folge eines der drei Glieder der Republik der Drei Bünde (Graubünden).
Die S.-Misox behalten aber auch im 15. Jh. ihre alten Interessen Richtung Lombardei bei. 1403 erobert Frhr. Albert von S. Bellinzona, das Bleniotal und den Monte Dongo vom Hzm. Mailand. Die S.-Misox sind bereits 1220 vom Reich mit dem Blenio und dem Monte Dongo belehnt worden (s.o.). Doch damit geraten die S.-Misox in den Blickpunkt der südlichen Expansionspolitik der eidgenössischen Orte Uri und Obwalden im Tessin. 1419 treten die S.-Misox Bellinzona an Uri und Obwalden ab, behalten aber das Bleniotal und den Monte Dongo. Diese gehen ihnen jedoch wenige Jahre später an das Hzm. Mailand verloren. Seit 1450 sind die S.-Misox mit dem Hzm. Mailand verbündet, was sie von neuem in Gegensatz zu den Eidgenossen und den werdenden Drei Bünden bringt. Die Lage zwischen den Fronten führt 1480 zum Verkauf des Misox an den von Mailand vorgeschobenen Condottiere Gian Giacomo Trivulzio durch Gf. Johann Peter von S. 1483 verkauft Johann Peter seine Besitzungen im Bündner Oberland an den Bf. von Chur. Damit ist die Stellung der Hauptlinie der S.-Misox vernichtet. Gf. Johann Peter stirbt 1540 als letzter Vertreter der Hauptlinie der S.-Misox. Die Nebenlinien im Misox und im Bündner Oberland überleben das Aussterben des Hauptzweigs, spielen aber keine nennenswerte politische Rolle mehr. Die Oberländer Linien aus Trun und Waltensburg integrieren sich zwar seit dem Ende des 15. Jh.s in die Führungsschicht der Drei Bünde bzw. des Grauen Bundes. Doch bleibt ihre Stellung eher marginal. Der Waltensburger Zweig erlischt im 17., derjenige in Truns im 18. Jh.
Die Heiratspolitik der Hauptlinie der S.-Misox bewegt sich im Rahmen ihrer Standesgenossen, die im Bündner Oberland oder, genereller, im heutigen Graubünden präsent sind. Gen. seien die Frh.en von Rhäzüns und von Montalt sowie die Gf.en von → Werdenberg. Unstandesgemäße Heiratsverbindungen legitimer S.-Misox mind. aus der Hauptlinie sind nicht nachgewiesen. Das Konnubium der Nebenlinien ist kaum erforscht. Namentlich über evtl. verwandtschaftliche Beziehungen zum lombardischen Adel ist wenig bekannt (s. o. zur Verwandtschaft mit der Tessiner Familie Torre). Solche Verbindungen sind etwa für die Nebenlinien bis ins 15. Jh. nachweisbar (z. B. 1439 für die S.-Norantola). Angesichts der bedeutenden Beziehungen der S. in den S wäre die Untersuchung dieser Frage für ihre Familiengeschichte wichtig. Darüber hinaus aber ist die Erforschung der Verwandtschaftsbeziehungen der hoch- und spätma. Führungsschicht des heutigen Graubünden zur Lombardei auch ein über die S. hinausgehendes Desiderat.
Geistliche Angehörige der Misoxer S. finden sich im 1219 Heinrich II. von S. gegr. Kollegiatsstift St. Johann in San Vittore. Diese Gemeinschaft entwickelt sich seit dem 13. Jh. zum eigtl. ›Hauskloster‹ der Familie, was sich auch auf die Versorgung von Zölibatären aus den Nebenlinien bezieht. Das Stift steht unter der Vogtei der S.-Misox. Das Stift behält seine Rolle als Versorgungsinstitution für die Nebenlinien der S.-Misox auch nach dem Ende der Herrschaft der S. 1480 und dem Aussterben des Hauptzweigs 1540 partiell bei. Zu Beginn des 14. Jh.s soll das Geschlecht mit Martin von S. einen Abt von Disentis gestellt haben, was aber nicht gesichert ist. Im Domkapitel von Chur ist es seit der Teilung der beiden Linien der S. nicht nachweisbar. Beziehungen zu kirchlichen Gemeinschaften der Lombardei bleiben ein Forschungsdesiderat.
Quellen
Bündner Urkundenbuch, bearb. von Elisabeth Meyer-Marthaler, Franz Perret, Otto P. Clavadetscher und Lothar Deplazes, 4 Bde., Chur u. a. 1955-2001. – Chartularium Sangallense, bearb. von Otto P. Clavadetscher, 10 Bde., Sigmaringen 1983-2007. – Codex diplomaticus ad historiam Raeticam, bearb. von Theodor von Mohr und Conradin von Mohr, 4 Bde., Chur 1848-1863. – Thurgauisches Urkundenbuch, bearb. von Johannes Meyer und Friedrich Schaltegger, 8 Bde., Frauenfeld 1924-1967. – Urkundenbuch der Abtei St. Gallen, bearb. von Placid Bütler, Traugott Schiess und Hermann Wartmann, 6 Bde., Zürich 1863-1917. – Urkundenbuch der Stadt und Landschaft Zürich, bearb. von Jakob Escher, Paul Schweizer und Paul Kläui, 13 Bde., Zürich 1888-1957.
Literatur
Historisch-biographisches Lexikon der Schweiz VI, 1931, S. 106-109. – Clavadetscher, Otto P./Meyer, Werner: Das Burgenbuch von Graubünden, Zürich 1984. – Deplazes-Häfliger, Anna Maria: Die Freiherren von Sax und die Herren von Sax-Hohensax bis 1450; ein Beitrag zur Geschichte des Ostschweizer Adels, Langenthal 1976. – Hofer-Wild, Gertrud: Herrschaft und Hoheitsrechte der Sax im Misox, Poschiavo 1949. – Meyer, Karl: Blenio und Leventina von Barbarossa bis Heinrich VII. Ein Beitrag zur Geschichte der Südschweiz im Mittelalter, Luzern 1911.