Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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SAARWERDEN

A. Saarwerden

I.

Namengebend wurde eine Insel im Tal der oberen Saar, heute Frankreich, Dép. Bas-Rhin, Arr. Saverne, Canton Sarre-Union, auf der ein Zweig der Bliesgaugf.en eine Burg erbaute. Auf dem rechten Saarufer entstand eine zunächst dörfliche Siedlung, auf die der Burgnamen ausgedehnt wurde.

Als erster Namensträger »von S.« erscheint Gf. Friedrich 1125 als Zeuge in einer Urk. Bf. Stephans von Metz, nur mit Vornamen 1111 in einer Urk. Bf. Adalberos IV. von Metz. Nennungen in einem Turnierbuch von 1487 (Paris, BN Ms. allem. 86) ab dem Jahren 942 sind frei erfunden, wurden aber von dem nassau-saarbrükkischen Archivar und Haushistoriographen Johann Andreae (Amtszeit 1598-1642) verwendet.

Als letzter männlicher weltlicher Sproß starb Gf. Heinrich III. am 18. Juli 1397, sein Bruder Friedrich, seit 1371 Kfs. von Köln, erst am 8. April 1414. Er hatte 1376 die Vermählung seiner Schwester Walburga mit Friedrich II. von → Moers arrangiert und damit die Nachfolge dieser Familie in der Gft. S. eingeleitet.

II.

Gf.en von S. begegnen öfter in den Zeugenreihen von Urk.n der staufischen Herrscher, auch als Legat in Burgund 1177, 1186 und 1188, als procurator oder iudex imperialis im Reichsamt Trifels 1243, als Reichslandvogt in der Ortenau 1308/09, als Teilnehmer am Romzug Kg. Heinrichs VII., wobei Gf. Johann I. aber schon im Sept. 1310 in Bern verstarb. In der Regierungszeit Zeit Ks. Ludwigs des Bayern sind sie Parteigänger des luxemburgischen Hauses, dementsprechend erscheinen sie später zuweilen im Umfeld Karls IV. Gf. Heinrich III. nahm im Mai 1397 am Frankfurter Fs.entag teil, bei dem erstmals die Absetzung Kg. Wenzels erwogen wurde.

Vom Reich trugen sie zu Lehen die Burg Kirkel an der wichtigen West-Ost-Verbindung vom Pariser Becken zum Oberrhein und die Burg → Falkenstein im Unterelsaß. Ks. Karl IV. gestattete dem Gf.en Friedrich II. die Einrichtung eines Geleits durch seine Gft. und die Erhebung von Geleitsgeld und Transitzöllen in Bockenheim (Bouquenom, heute Stadtteil von Sarre-Union).

Männliche Familienmitglieder begegnen als Inhaber von Pfründen an den Domstiften Metz, Verdun, Trier, Speyer und Straßburg. Friedrich, Sohn Gf. Johanns II., wurde Kfs. von Köln (1371-1414).

III.

Die früheste Darstellung des saarwerdischen Wappens findet sich auf dem Siegel Gf. Ludwigs I. an einer auf seinen Namen ausgefertigten Urk. von 1180. Es zeigt einen einhälsigen, doppelköpfigen Adler, auf dessen Brust ein Schildbuckel mit vier Buckelreisern aufgelegt ist. Die älteste farbige Darstellung ist enthalten in dem Bildercyclus über den Romzuges Kg. Heinrich VII.: ein doppelköpfiger Adler in Silber auf schwarzem Feld.

Die → Rappoltsteiner Annalen (Albrecht, Rappolsteiner UB II Nr. 595) berichten, daß es an der Wand des Kapitelsaales des von den Gf.en von S. gestifteten Zisterzienserkl.s Werschweiler auf einer Höhe im mittleren Bliestal gelegen (heute Saarpfalzkr.), aufgemalt war: Ein silbner Adler in einem schwarzen Feld mit zwei Köpfen und ausgestreckten Flüglen, die Schnabel guldin und an beden Flüglen guldin Strich, die Bein auch verguldt, der Helm offen verguldt, die Helmdeck schwarz und weiß, uf dem Gedeck ein silberin Bischofshut, ein Tannenbaum mit einem guldenen Stamm.

Mit Tannenbaum ist wohl ein Hahnenfederbusch gemeint. Gf. Heinrich III. nahm kein → Rappoltsteiner Emblem in sein Wappen auf. Das Siegel seiner Gattin Herzlaude zeigte zwei neben einander gestellte Schilde, vorne S., hinten → Rappoltstein (3 Malerschildchen 2:1).

Die Familie hatte ihr Erbbegräbnis in der Zisterzienserabtei Werschweiler, ca. 50 km Luftlinie von S. entfernt. Von der dortigen gfl. Grabmalplastik blieb nur ein Bruchstück der Grabplatte Gf. Heinrichs III. (gest. 18. Juli 1397) erhalten. Elisabeth von Meisenburg (gest. 1321), Gemahlin Gf. Heinrichs II., wurde in dem Dominikanerinnenkl. Weiherstein bei Saarburg/Lothr, (Dép. Moselle, Arr. Sarrebourg) beigesetzt, ihre Grabplatte ist nicht erhalten, die Inschrift aber handschriftlich überliefert.

Repräsentative Bauten der Gf.en von S. sind nicht bekannt.

IV.

Die Gf.en von S. werden auf eine Familie mit weit gestreutem Besitz zwischen Mosel, Meurthe, Vogesen und Hunsrück, u. a. im Bliesgau und Oberen Saargau, zurückgeführt. In der Literatur ist für sie die Bezeichnung »Gf.en von Metz-Lunéville« üblich geworden. Als die großen Adelsgeschlechter begannen, sich nach ihren wichtigsten Besitzungen zu nennen, ist diese Familie schon mind. in zwei Zweige aufgespalten: die Gf.en von Metz und die Bliesgaugf.en. Die genauen Verwandschaftsverhältnisse und Zeitpunkte der Entstehung und Ausstattung der einzelnen Linien bleiben in manchen Fällen hypothetisch. Aus einer Teilung im Hause der Bliesgaugf.en im späten 11. Jh., viell. auch erst kurz nach 1100, entstanden die Linien Blieskastel und S., in der folgenden Generation spaltete sich der S.er Zweig in die Linien S. und Homburg. Bei der Linie S. blieb ein Gebiet beiderseits der oberen Saar südlich der Einmündung der Eichel (rechter Nebenfluß der Saar) teils als Metzer Lehen (Bockenheim und S.) teils als auf dem Wege der Vogtei (?) allodialisierten alten Weißenburger Kl.gutes. Der bisherige Besitz beiderseits der großen West-Ost-Verbindung vom Pariser Becken über Metz-Saarbrücken-Kaiserslautern zum Oberrhein wurde in der Weise geteilt, daß von den beiden reichslehnbaren Burgen Kirkel und Homburg die erste bei S. blieb und die andere an eine sich künftig nach ihr nennende Zweiglinie fiel. Die Zuweisung der dörflichen Siedlungen richtete sich nach der jeweiligen Ausrichtung auf eine der beiden Burgen. Das ausgedehnte Waldgebiet beiderseits der gen. Straße blieb gemeinschaftlich, sog. Vierherrenwald. Lehenrührig von den Gf.en von S. war die Burg Illingen (LK Neunkirchen), Erwerbs- und Entstehungzeit sind unbekannt.

Der saarwerdische Besitz bestand aus zwei nicht miteinander verbundenen Teilen. Zwischen ihnen lag die zunächst den Gf.en von Dagsburg, später den Gf.en von Saarbrücken gehörige Vogtei Herbitzheim, das zunächst saarbrückische, später hzgl. lothringische Saargemünd und die Gft. Blieskastel mit dem gleichnamigen Ort als Mittelpunkt. Die Burgen → Falkenstein und Illingen waren Exklaven.

Durch Dotierung des Kl.s Werschweiler (1131 als von der Benediktinerabtei Hornbach abhängiges Priorat gegr., 1171 in eine Zisterze umgewandelt) und durch Ausstattung der Nebenlinie Kirkel (s. unten) ging die Hauptmasse der Gebiete an der obengenannten Straße ab, der Besitzschwerpunkt verlagerte sich ins obere Saartal.

Als Metzer Lehen wurden vom Gf.enhaus lange Zeit nur Burg und Ort S., Ort Bockenheim und der »Wiebersweiler Hof« anerkannt, über dessen Ausdehnung bzw. Zubehör nie Einigkeit erzielt werden konnte. In der zweiten Hälfte des 15. Jh.s wurde die Lehensabhängigkeit der gesamten Gft. S. vom Bm. Metz akzeptiert mit Ausnahme von Lorenzen im Eicheltal, das Gf. Friedrich II. 1323 den Ebf.en von Trier zu Lehen aufgetragen hatte, in gleicher Weise verfuhr er 1343 mit drei Dörfern an der schon mehrfach gen. Straße zugunsten Johanns von Luxemburg, Kg. von Böhmen, daraus entstand aber kein ihn überdauerndes Lehensverhältnis zu Luxemburg. Gf. Heinrich III., der letzte Regent der Gft., nahm in Anlehnung an seinen Bruder Kfs. Friedrich von Köln Rentenlehen von dem frz. Kg. Karl VI. (vor 1397) und dem englischen Kg. Richard III. (1397).

Von der Ersterwähnung des Geschlechtes i.J. 1111 bis zu seinem Erlöschen im Mannesstamm kam es nur einmal zu einer Teilung, nämlich in den ersten Jahrzehnten des 13. Jh.s, der ältere Ludwig III. erhielt das Gebiet an der oberen Saar und Teile an Kirkel und seinem Umland, beiderseits der schon erwähnten wichtigen West-Ost-Verbindung, den anderen Teil sein jüngerer Bruder Heinrich, der nach seinem Tod (1242) von seiner Schwester Mechthild, vermählt mit einem Johann, Herrn von Siersberg (LK Saarlouis), beerbt wurde. Ihr Sohn Johann wurde der Stammvater des zwischen Juli und Sept. 1386 erloschenen Geschlechtes der Herren von Kirkel. In allen übrigen Generationen wurden die Brüder des regierenden Gf.en mit kirchlichen Pfründen ausgestattet. Friedrich, Bruder des letzten Gf.en Heinrich III (gest. 18. Juli 1397), wurde 1371 Kfs. von Köln.

Wahl der eigenen Gattin und Vermählung der Töchter erfolgte meist aus lothringischen und pfälzischen Geschlechtern: Gf. Folmar (gest. nach 1165) heiratete Stephania von Bar-Mömpelgard, sein Sohn Ludwig I. (gest. nach 1200) Gertrud, Tochter Gf. Hugos von Dagsburg, sein Bruder Heinrich I. (gest. Sept. 1242) Irmentrud, Tochter Philipps III. von Bolanden, Heinrich II. (1242-1271) Elisabeth, Tochter Walters von Meisenburg, sein Sohn Johann I. (gest. Sept. 1310) Ferriata von → Leiningen, beider Sohn Friedrich II. (gest. 1363) Agnes von → Salm, ihr beider Sohn Johann II. (gest. 1381) Klara, Tochter Heinrichs von → Finstingen-Brackenkopf. Die Gattenwahl Gf. Heinrichs III. sprengte den Kreis, er ehelichte Herzlaude, Tochter Ulrichs von → Rappoltstein (Ribeaupierre, Dép. Haut-Rhin), sie brachte ihm die Hälfte der gleichnamigen Herrschaft mit zwei Burgen und der Stadt → Rappoltsweiler (Ribeauvillé) zu, die andere Hälfte hielt Bruno, der Bruder ihres verstorbenen Vaters, und die Herrschaft Hohenack bei Zell (Dép. Haut-Rhin, Cant. Lapoutroie), beide am Ostrande der Südvogesen gelegen, daraus resultierte eine Einbeziehung in das territorialpolitische Kräftespiel des Oberelsaß. Nach Heinrichs Tod übernahm sein Bruder Kfs. Friedrich von Köln die Verwaltung der Gft. S., regelte in dieser Zeit die Moerser Erbfolge, fand seine Schwester Hildegard, seit 1386 vermählt mit Johann von → Limburg, finanziell ab und einigte sich mit seiner Schwägerin Herzlaude, die die Herrschaften → Rappoltstein und Hohnack in ihre neue Ehe mit Gf. Hans von → Lupfen, Lgf. zu Stühlingen, einbrachte. Das letzte Zeugnis für Friedrichs Verwaltungstätigkeit in S. dat. vom 9. April 1399, zum 6. Nov. desselben Jahres wird erstmals sein Neffe Friedrich von → Moers »Gf. von S.« gen. Der saarwerdische Anteil an dem Reichslehen Kirkel kam nicht an → Moers, sondern an Kfs. Friedrich und fiel bei dessen Tod (gest. 8. April 1414) heim ans Reich.

Quellen

Das saarwerdische Archiv wurde von den Gf.en von Moers-S. als Erbnachfolger übernommen, siehe Moers-S. Herrmann, Hans-Walter: Geschichte der Grafschaft Saarwerden bis zum Jahre 1527, Bd. 1: Quellen, Saarbrücken 1957-1959 (Veröffentlichungen der Kommission für saarländische Landesgeschichte und Volksforschung, 1).

Bernard, Christel: Burgruine Kirkel, Saarpfalz-Kreis, in: Kaiserslauterer Jahrbuch für Pfälzische Geschichte und Volkskunde 2/3 (2002/2003) S. 389-410. – Herrmann, Hans-Walter: Geschichte der Grafschaft Saarwerden bis zum Jahre 1527, Bd. 2: Darstellung, Saarbrücken 1959 (Veröffentlichungen der Kommission für saarländische Landesgeschichte und Volksforschung, 1), dort Bibliographie der älteren einschlägigen Literatur. – Herrmann, Hans-Walter: Die Grafen von Metz-Lunéville und ihre Verzweigungen, in: Geschichtliche Landeskunde des Saarlandes, Bd. 2: Von der fränkischen Landnahme bis zum Ausbruch der französischen Revolution, hg. von Kurt Hoppstädter und Hans-Walter Herrmann, Saarbrücken 1977, S. 244-253. – Herrmann, Hans-Walter: Die Grafen von Blieskastel, in: Geschichtliche Landeskunde des Saarlandes, Bd. 2: Von der fränkischen Landnahme bis zum Ausbruch der französischen Revolution, hg. von Kurt Hoppstädter und Hans-Walter Herrmann, Saarbrücken 1977, S. 254-261. – Herrmann, Hans-Walter: Die Grafen von Saarwerden, in: Geschichtliche Landeskunde des Saarlandes Bd. 2: Von der fränkischen Landnahme bis zum Ausbruch der französischen Revolution, hg. von Kurt Hoppstädter und Hans-Walter Herrmann, Saarbrücken 1977, S. 262-265. – Herrmann, Hans-Walter: Die Grafen von Homburg, in: Geschichtliche Landeskunde des Saarlandes Bd. 2: Von der fränkischen Landnahme bis zum Ausbruch der französischen Revolution, hg. von Kurt Hoppstädter und Hans-Walter Herrmann, Saarbrücken 1977, S. 266-273. – Herrmann, Hans-Walter: Die Herren von Kirkel, in: Geschichtliche Landeskunde des Saarlandes, Bd. 2: Von der fränkischen Landnahme bis zum Ausbruch der französischen Revolution, hg. von Kurt Hoppstädter und Hans-Walter Herrmann, Saarbrücken 1977, S. 274-278. – Herrmann, Hans-Walter: Beiträge zur Geschichte der Grafen von Homburg, in: Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz 77 (1979) S. 27-76. – Herrmann, Hans-Walter: Zur nassau-saarbrückischen Archivgeschichte und dem Versuch der Bildung eines Überlieferungsschwerpunktes im Landesarchiv Saarbrücken, in: Archivalische Zeitschrift 75 (1979) S. 34-60. – Herrmann, Hans-Walter: Gründung, Aufstieg und Niedergang des Klosters Wörschweiler – Gedanken anlässlich des 850jährigen Jubiläums seiner urkundlichen Ersterwähnung, in: Kloster Wörschweiler: 1131-1981, hg. von der Kreis- und Univ.-Stadt Homburg (Saar), Verkehrsverein und Histor. Verein Homburg, red. Jakob Konz, Homburg 1982 (Homburger Hefte 1981), S. 9-22. – Herrmann, Hans-Walter: Die Saar – Grenze zwischen Mann- und Kunkellehen, in: Grenzen erkennen – Begrenzungen überwinden. Festschrift für Reinhard Schneider, Sigmaringen 1999, S. 249-262. – Parisse, Michel: La Noblesse Lorraine XIe-XIIIe s., 2 Bde., Lille u. a. 1976, vornehmlich Bd. 2, S. 838-840, 835-855, 870 f. – Parisse, Michel: Practiques féodales en Verdunois au XIIe siècle, in: Lotharingia. Archives lorraines d'archéologie, d'art et d'histoire 2 (1990) S. 289-295. – Werle, Hans: Wald und Herrschaft. Studien zur Geschichte der Reichswaldgenossenschaft Kaiserslautern, in: Jahrbuch zur Geschichte von Stadt und Landkr. Kaiserslautern 8/9 (1970/1971) S. 35-66.