Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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ROG[G]ENDORF

C. Pöggstall

I./II.

P. (1140 Pehstall, etym. ungeklärt, viell. von peh [Pech] und Tal) liegt im südlichen Waldviertel im Weitental an der von hier in nördlicher Richtung über → Ottenschlag nach Zwettl führenden Straße. Das Burgschloß befindet sich in Niederungslage im Ortsverband am Westrand des Marktplatzes, die Durchzugsstraße weicht bis heute der dem Einfahrtsbereich des Schlosses vorgelagerten dominierenden Barbakane aus.

Spätestens 1299 waren die Herren von Maissau Inhaber des landesfsl. Lehens P. 1440 gelangte die Herrschaft an die Liechtenstein-Nikolsburg, dann an die Wiener Ratsbürgerfamilie Hölzler. 1478 kaufte Kaspar von → Roggendorf die Herrschaft an.

Unter Kaspars Söhnen wurde die Herrschaft P. 1521 von Karl V. in → Roggendorf umbenannt und zusammen mit der als Annex behandelten freieigenen Herrschaft → Mollenburg zur Reichsfrh.schaft erhoben. Infolge des Hochverrats des Gf.en Christoph 1546 ging P./→ Roggendorf der Reichsstandschaft verlustig. Wilhelm (II.) von → Roggendorf verkaufte die Herrschaft in finanzieller Notlage 1601 an die verwandten Gf.en von → Oettingen.

III.

Die ältere kastellartige Burganlage mit zwei Höfen wurde zunächst von Kaspar von → Roggendorf v.a. im Nordtrakt umgestaltet und als Herrschaftssitz durch die Errichtung der südlich neben dem Schloß freistehenden Schloßkirche Hl. Ägidius (St. Gilgen) als zweischiffige Halle mit geradem Ostabschluß – Vorbilder waren wohl die beiden unter Ks. Friedrich III. umgestalteten Sakralbauten der Kl.kirche Neuberg an der Mürz und der Georgskapelle in der Wiener Neustädter Burg – symbolisch aufgewertet. Die gemauerte Westempore trägt eine an Vorbildern gleichzeitiger Buchmalerei orientierte vegetabile Dekormalerei sowie Heiligendarstellungen in den Feldern der Emporenbrüstung, die um 1500 dat. werden. Mutmaßlich in den 1540er Jahren wurde diese Westempore durch hölzerne Nord- und Südemporen erweitert, deren erstere durch einen aus dem Obergeschoß des Schlosses herangeführten hölzernen Verbindungsgang erschlossen wurde. Die Felder der nördlichen Emporenbrüstung sind reich beschnitzt, die der südlichen mit gemalter vegetabiler Ornamentik, die jener des Schloßhofs entspricht, und dem → Roggendorf-Wappen versehen.

Zwar wurde der älteste Besitz der R.er in Niederösterreich, die Herrschaft → Roggendorf, ab 1510 hauptsächlich dem meist außer Landes befindlichen Wilhelm zugeordnet, doch scheint sie als Angelpunkt der familialen Selbstvergewisserung bisweilen auch die Folie für die Repräsentation der jüngeren Brüder abgegeben zu haben. Prägend sind demnach auch die baulichen Umgestaltungen des ersten Drittels des 16. Jh.s. So scheinen die beiden Wappen → Roggendorf und Liechtenstein-Nikolsburg, die die monumentale Christophorus-Wandmalerei an der Südseite der P.er Schloßkirche flankieren, auf Wolfgang und dessen Frau Elisabeth von Liechtenstein als Auftraggeber zu verweisen (wohl zwischen 1508 und 1517). Offenbar wurde eigens für diese Wandmalerei der mittlere Strebepfeiler an der Südaußenseite der Schloßkapelle soweit abgetragen, daß er seine statische Funktion verlor.

Eine auf ein Tafelbild (?) von 1518 zurückgehende äußerst qualitätvolle, an die Art Wolf Hubers erinnernde Darstellung Georgs im Beckschen Porträtbuch der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien, zeigt Georg von → Roggendorf als frontal gestellte Halbfigur vor einer bewaldeten Hügellandschaft mit einem am linken Bildrand angeschnittenen repräsentativen Schloßgebäude, in dem eindeutig das Schloß P. zu identifizieren ist.

Eine offenkundige Reverenz vor dem von den beiden älteren Brüdern Wilhelm und Wolfgang von → Roggendorf offensichtlich hoch verehrten Dürer ist die runde, viell. schon in den 1520er Jahren entstandene Barbakane (Kanonenrondell) der P.er Schloßanlage, die auf Dürers fortifikatorisches Werk Bezug nimmt. Neuerdings wird mit guten Argumenten in Hans Tschertte der Baumeister der P.er Anlage vermutet. Auf eine Verbindung Tscherttes mit den → Roggendorfern bereits zu jener Zeit deutet u. a. die Tatsache hin, daß Dürer auch für Tschertte einen Wappenholzschnitt ausführte. Möglicherw. holten sich → Roggendorf und Tschertte gemeinsam Anregungen bei Dürer anläßlich des Nürnberger Reichstagsbesuchs.

Christoph von → Roggendorf und → Mollenburg, Gf. von → Guntersdorf, hatte 1545/46, also knapp vor seiner Flucht in das Osmanische Reich, vom ital. Maurermeister Bernhardin von Comata, knapp darauf am Großbauprojekt der Hofburg (bei der sog. Stallburg) Kg. Ferdinands I. in Wien maßgeblich beteiligt, Umbauten an seinen Schlössern → Guntersdorf und P. durchführen lassen. In der Wahl des Ausführenden war Gf. Christoph sichtlich auf architektonische Innovation bedacht. Die bei Comata durch die Flucht des Bauherrn aufgelaufenen Außenstände rechnete 1549 im Zuge der Kridaabh. nach Christoph der kgl. Baumeister Hans Tschertte ab. Aus einer Aufstellung Comatas geht u. a. hervor, daß der (noch bis 1955 bestehende) Verbindungsgang zwischen der alten Kapelle im Obergeschoß des Schlosses und der neuen freistehenden Ägidiuskapelle neben dem Schloß neu hergestellt wurde. Neben zahlr. Umgestaltungen der heimlichen Gemächer und neuen Wendeltreppenanlagen – einer wurde ein qualitätvolles Sandsteinportal vorgelagert, das gut in eine Reihe ähnlich gestalteter Objekte in niederösterr. Burgen aus den 1530er und 40er Jahren paßt – wurden ältere kleine Fenster durch größere Kreuzfenster ersetzt. Für spontane Planänderungen durch den Bauherrn spricht der Abbruch zweier neu fertig gestellter Treppenanlagen durch rew deß herren. Alle Arbeiten zusammen machten einen Betrag von etwa 142 fl. aus. Welche Arbeiten der in Christophs Kridaabh. als Gläubiger der beachtlich hohen Summe von 3000 fl. aufscheinende Bildhauer Hans ausgeführt hatte, ist unklar. Für die erst zwischen etwa 1991 und 1995 einer Freilegung und Restaurierung unterzogene, bemerkenswert qualitätvolle malerische Gestaltung der Hoffassaden des Schlosses u. a. mit Maskenmedaillons etc. zeichnete ein Maler Meister Peter (evtl. der bald darauf ebenfalls in Diensten Ferdinands I. stehende Pietro Ferrabosco?) verantwortlich, der zwischen Anfang April und Ende Juni in P. tätig war. Noch vor 1547 war offenbar neben Comata mutmaßlich der P.er Steinmetz Erhart tätig gewesen, der 1548 zusammen mit dem Kremser Steinmetzmeister Benedikt Habprantner und dem Kremser Zimmermeister Matthäus Richtnpaum sowie dem Steinhauer Peter aus Wiesmannsreith (bei Maria Laach am Jauerling) eine Schätzung der P.er Schloßanlage vornahm, deren Baulichkeiten mit 4500 fl., das Rondell gesondert mit 1500 fl. veranschlagt wurden.

Am 21. April 1548 überantworteten Christoph von Eitzing und Anna von Hohenberg, Wwe. nach Wilhelm (II.) von → Roggendorf, das Schloß P. samt Fahrhabe den ksl. Kommissären Georg Mamminger und Hans Karlinger und dem neuen Verwalter Wolf von Edlasperg. Ein für diese Übergabe angefertigtes Verzeichnis nennt im Schloß eine alte und eine neue Kanzlei, die alte, bereits zur Stube umfunktionierte Kapelle, eine Gastkammer, eine große Stube, eine Badstube, eine Küche, eine Backstube, mehrere Vorratstürme und einen Pulverturm sowie einen Uhrturm (Uhr mit Schlagwerk). Die obere Harnischkammer war mit Rüstung und Waffen für max. etwa 58/59 Mann ausgerüstet, in der neuen Bastei (Barbakane) wurde 58 Doppelhaken verwahrt. Das Schloßarchiv bewahrte zahlr. Urk.n vom Jahr 1255 an. Zur Dominikalwirtschaft gehörten das herrschaftliche Brauhaus, der Meierhof, eine Mühle beim Schloß und ein Meierhof in Aschelberg. Im Schloßgraben von P. befanden sich 1549 noch als wohl letzter Rest eines ursprgl. umfangreicheren Tiergartens ein Luchs und ein Bär, am Schloßteich gab es ein wohl zur Gesamtanlage des Tiergartens gehöriges Lusthaus. Der Gesamtwert der Herrschaft P. wurde 1549 auf etwa 16 000 lb. den. geschätzt.

Die Denkmale des Politischen Bezirkes Pöggstall in Niederösterreich, bearb. von Alois Plesser und Hans Tietze (mit Beitr. von Josef Bayer und Heinrich Sitte), Wien 1910 (Österreichische Kunsttopographie, 4). – Hauptner, Rudolf: Dürersche Befestigungsbauten und ihre Entwicklung, in: Pallasch. Organ der Österreichischen Gesellschaft für Heereskunde 25 (2007) S. 63-98, zu Pöggstall S. 63 (Abb.) und 80-83 (mit Abb.). – Heinz, Günther: Das Porträtbuch des Hieronymus Beck von Leopoldsdorf, in: Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen 71 (1975) S. 165-310. – Holzschuh-Hofer, Renate, Vancsa, Eckhart: Architektur der Renaissance, in: Geschichte der Bildenden Kunst in Österreich, hg. von Artur Rosenauer, Bd. 3: Spätmittelalter und Renaissance, München u. a. 2003, S. 265-269, Kat.-Nr. 49. – Koller, Manfred: Pöggstall als Kunstzentrum des 15. und 16. Jahrhunderts, in: Südliches Waldviertel, red. von Edith Bilek-Czerny, Wien 2002 (Denkmalpflege in Niederösterreich, 27; Mitteilungen aus Niederösterreich, 4/2002), S. 17-22. – Kramler, Karl: Beiträge zur Geschichte der Pfarre und Herrschaft Pöggstall, in: Geschichtliche Beilagen zum St. Pöltner Diözesan-Blatt 9 (1911) S. 411-544. – Neidhart, Herbert: Niedergang und Neuerstehen von St. Anna im Felde. Versuch einer Restaurierungsgeschichte der ehemaligen Pöggstaller Pfarrkirche, in: Das Waldviertel 40 (1991) S. 252-257. – Neidhart, Herbert: Aus der Geschichte Pöggstalls. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Pöggstall 2007, S. 40-96. – Neunlinger, Ludwig: Beiträge zur Geschichte der Herrschaft Pöggstall, masch. Diss., Wien 1969, S. 64-83 und 92-190. – Plesser, Alois/Gross, Wilhelm: Heimatkunde des politischen Bezirkes Pöggstall, Pöggstall 1928, S. 264-269. – Pongratz, Walter/Seebach Gerhard: Burgen und Schlösser Niederösterreich, Ysper u. a. 1972, S. 65-74. – Reichhalter, Gerhard/Kühtreiber, Karin/Kühtreiber, Thomas: Burgen Waldviertel und Wachau, Wien 2001, S. 264-267. – Reil, Anton Friedrich: Das Donauländchen der kaiserlich-königlichen Patrimonialherrschaften im Viertel Obermannhartsberg in Niederösterreich, geographisch und historisch beschrieben, Wien 1835. – Trawnicek, Peter: Pöggstall und die Grabdenkmäler in der Kirche St. Anna im Felde, in: Sborník Prací Filozofické Fakulty Brněnské Univerzity, Ročník LI (2002), Řada Historická (C) Č. 49/Studia Minora Facultatis Philosophicae Universitatis Brunensis, Annus LI (2002), Series Historica Nr. 49, Brno 2004, S. 271-292. – Zillbauer, Susanne: Die Entwicklungsgeschichte der Burganlage von Pöggstall in Niederösterreich, Dipl., Wien 1995. – Zajic, Andreas: Kaspar von Rogendorf (gest. 1506). Karrierist und Kunstliebhaber, in: Waldviertler Biographien, Bd. 2, hg. von Harald Hitz, Franz Pötscher, Erich Rabl und Thomas Winkelbauer, Horn u. a. 2004 (Schriftenreihe des Waldviertler Heimatbundes, 45), S. 9-32.