ROG[G]ENDORF
I./II.
G. (1108: Gundhartisdorf, Siedlung eines Gundhart) liegt ca. 12 km nördlich von Hollabrunn in einer mäßig hügeligen Gegend des Weinviertels an einer alten Nord-Süd-Straßenverbindung nach Znaim/Znojmo. Am nordöstlichen Rand des Angers liegt in einer Senke das ehem. Wasserschloß. Als erste Inhaber des G.er Sitzes sind die niederadeligen Ruckendorfer bekannt. 1295/1314 gelangen Anteile an G. bzw. schließlich die ganze Burg und Herrschaft als Pfand bzw. als Lehen an die Wallseer, 1476 durch Kauf an Ulrich Rechlinger. Von dessen Erben kaufte die Burg Kaspar von → Roggendorf 1480 als freies Eigen an, doch handelte es sich tatsächlich um ein verschwiegenes Lehen des Benediktinerkl.s Melk, das erst 1498 formell an Kaspar ausgegeben wurde. Der Herrschaft G. lagerten die R.er mehrere umliegende kleinere Besitzungen an, die de facto als Pertinenzen der Herrschaft betrachtet und verwaltet wurden, so etwa Wullersdorf und Schöngrabern sowie das Ungeld in G. bzw. 1530 die Güter des Zisterzienserkl.s Säusenstein in der G.er Umgebung. 1533 tauschte Georg von → Roggendorf G. mit seinem Bruder Wilhelm gegen → Pöggstall. 1537 wurde G. zugunsten Christophs von → Roggendorf und → Mollenburg zur Reichsgft. erhoben. G. samt Wullersdorf und Schöngrabern wurde 1546 oder 1547 (?) im Rahmen der Kridaabh. nach der Flucht Gf. Christophs um 33 000 fl. an Johann von Weißpriach, den letzten seines Geschlechts, veräußert. Schließlich fiel G. an die ritterständischen Teufel, die mit dieser Herrschaft 1566 den Aufstieg in den österr. Frh.enstand (mit dem Prädikat »von G.«) schafften.
III.
Der ma. Baukern des Schlosses G. wurde im 16. Jh. massiv überformt. Heute stellt sich der Bau als bemerkenswert ausgedehnte zweigeschossige Vierflügelanlage um einen weiten Innenhof mit Arkadengängen dar. Am Schloß G. scheint 1510 nach Ausweis der Teilungsvereinbarungen der Brüder gebaut worden zu sein. Der Finanzierung der eher geringen dafür getätigten Ausgaben sollte u. a. die gemeinschaftlich betriebene Teichwirtschaft in Rieggers bei → Ottenschlag dienen. In genealogischen Kollektaneen des späten 16. und des 18. Jh.s gilt Georg von → Roggendorf als Auftraggeber der spätgotischen bzw. Frührenaissance-Umbauten am Schloß, denen viell. mehrere Portal- und Fenstergestaltungen zuzurechnen sind. Doch scheinen wenigstens die wappengeschmückten Schlußsteine der mit einem qualitätvollen reichen Sternrippengewölbe ausgestatteten vierjochigen Torhalle des Schlosses an der Südseite auf die Zeit des Neugf.en Christoph zu verweisen, da ein Schlußstein den 1537 anläßlich der Standeserhebung als Herzschild dem gevierten frhl. Wappen aufgelegten Wappenschild zeigt. In dies. Zeitstellung dat. auch die in der Nordostecke eingebaute Wendeltreppe. In G. war vor 1546 der auch in → Pöggstall tätige »welsche« Maurermeister Bernhardin Comata, hauptsächlich im neuangelegten Wassergraben, aber auch im eigtl. Schloß tätig. Neben Comata war viell. auch der niederösterr. Landschaftsbaumeister Hans Weißenburger in G. beschäftigt, der sich 1547 bei der Niederösterr. Kammer im Kridaverfahren nach Gf. Christoph als Gläubiger anmeldete.
Dem von Wilhelm von → Roggendorf für die Zeit nach seinem Rückzug vom Obersthofmeisteramt Ferdinands I. (1539) geplanten hoffernen Leben im Bereich der eigenen ländlichen Grundherrschaft entsprachen unter Freunden bekannte Pläne zur Errichtung von Lustbauten wie etwa eines aus Lehm bestehenden »spanischen« Hauses, wohl im Bereich des G.er Schloßgartens.
In G. existierte in der Mitte des 16. Jh.s ein Tiergarten, der dem Schloß gegenüberliegende Meierhof und ein Bräuhaus gehörten zu den üblichen bescheidenen Elementen der Dominikalwirtschaft. Im Schloß befand sich ein altes Frauenzimmer, die Gallerei, ist als Gebäudeteil nicht zuzuordnen. Die auf dem Stich von Vischer 1672 noch gut erkennbaren ausgedehnten zwingerartigen Bastionen gingen seither völlig verloren, der breite Wassergraben ist dagegen noch erhalten und wasserführend.
In der G.er Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt ließ wohl Kaspar von → Roggendorf 1505 ein monumentales Sakramentshäuschen an der Chornordseite errichten. Er starb am 18. Okt. 1506 in G. Sein Herz wurde in der Pfarrkirche G. bestattet, sein Leichnam zur Beisetzung nach → Pöggstall überführt.
Literatur
Art. »Guntersdorf«, in: Topographie von Niederösterreich. Bd. 3: Alphabetische Reihenfolge und Schilderung der Ortschaften in Niederösterreich, Bd. 2: F und G mit Register, Wien 1893, S. 766-770. – Langer-Ostrawsky, Gertrude: Marktgemeinde Guntersdorf, in: Vergangenheit und Gegenwart. Der Bezirk Hollabrunn und seine Gemeinden, hg. von Ernst Bezemek, red. von Willibald Rosner, Hollabrunn 1993, S. 603-617. – Reichhalter, Gerhard/Kühtreiber, Karin/Kühtreiber, Thomas (mit Beiträgen von Günter Marian und Roman Zehetmayer): Burgen Weinviertel, Wien 2005, S. 175-177. – [Schweickhardt von Sickingen, Franz Xaver]: Darstellung des Erzherzogthums Oesterreich unter der Ens [!], durch umfassende Beschreibung aller Burgen, Schlösser, Herrschaften, Städte, Märkte, Dörfer, Rotten etc. etc. topographisch-statistisch-genealogisch-historisch bearbeitet, und nach den bestehenden vier Kreisvierteln alphabetisch gereihet, Bd. 1: Viertel unterm Manhartsberg, Wien 1833, S. 197 und 199 f.