RODEMACHER
I.
R. war angeblich schon zu Zeiten der Römer besiedelt. Es liegt heute etwas abseits von der Autobahn Metz-Luxemburg im frz. Dép. Moselle, etwa 20 km nördlich von Thionville und ebenso weit südlich von Luxemburg entfernt. Eingebettet in eine hügelige und fruchtbare Landschaft nahe der Mosel gehören Stadt und Burg heute zu den anerkannt 1000 schönsten Orten Frankreichs und werden wg. der imposanten Burganlage das »lothringische Carcassonne« gen. R. war der Hauptort der gleichnamigen Herrschaft. Die Burg wurde i.J. 1190 von Arnold I. von R. erbaut und blieb von da an dreihundert Jahre lang Res. dieses Herrengeschlechts. Wg. des Verbrechens der Felonie des letzten Herren Gerhard von R. eingezogen, wurde es 1492 Eigentum und ab 1508 Res. des Mgf.en Christoph I. von Baden (1453-1527). Infolge einiger Erbteilungen in der Mgft. wohnte auch dessen Enkel Christoph II. (1537-1575) noch zeitw. in R. und wurde der Stammvater der Mgf.en von Baden-R., die jedoch schon i.J. 1666 ausstarben. R. wurde nach Christoph II. nur noch selten als Res. benutzt, blieb aber bis zum Ende des Ancien régime im Besitz der Mgf.en von Baden.
II.
Das an die Burg angrenzende Dorf R. gab es schon vor dem Bau der Festung. Es lag an der alten Römerstraße von Metz nach Trier und gehörte im 9. Jh. der Abtei Fulda, die es i.J. 907 an die Abtei Echternach veräußerte. Ein entspr. Gebietstausch zwischen beiden Kl.n wurde von Ludwig dem Kind (900-911) vorgenommen und von Kg. Karl III. dem Einfältigen von Frankreich (879-928) i.J. 915 bestätigt. Die Abtei Echternach setzte in R. Vögte ein, von denen möglicherw. die späteren Herren von R. abstammten. Als diese ihre Burg errichteten, legte der Abt von Echternach vergeblich Beschwerde bei Ks. Heinrich VI. (1190-1197) ein; er mußte sich fortan darauf beschränken, den Pfarrer von R. zu stellen. Der Ort erhielt nie ein Stadt- oder Freiheitsrecht. Es waren die Burgherren, die ihn von Anfang an, v.a. aber im Laufe des 15. Jh.s befestigten und ausbauten.
Die Herrschaft R. im engeren Sinn umfaßte Allodialeigentum oder luxemburgische Lehen in der unmittelbaren Umgebung sowie einigen Streubesitz im gegenwärtigen Frankreich, in Luxemburg und in Dtl. Hinzu kamen im Anschluß an Erbschaften und Heiraten, aber auch als Kriegsbeute einige andere Orte in ders. Region. Zwei wichtige, getrennt verwaltete Herrschaften waren → Useldingen und → Hesperingen. Als frz., lothringische und barische Lehen gab es vor dem Ende des 14. Jh.s noch zwei Dutzend Dörfer im heutigen Frankreich und in Belgien.
Zur Herrschaft R. gehörten ferner einige Straßenzölle und der recht ertragreiche Flußzoll bei Cattenom an der Mosel. Auch sind Eisenhütten sowie ein Silberbergwerk beurkundet. Der gesamte Grundbesitz der Herren von R. wurde am Anfang des 15. Jh.s auf 50 000 fl; die jährl. Gesamteinnahmen (incl. Afterlehen, Zehnten, Gerichtsgebühren usw.) hat man auf 28 000 fl geschätzt.
III.
Die von Arnold I. errichtete Burg ist nur noch in Bruchstücken erkennbar. Sie war in Form eines Trapezes angelegt, innerhalb dessen beinahe alle späteren Erweiterungen Platz hatten. Die Anlage wurde unter den Herren von R. zwar nie zerstört, jedoch ebenso wie das Dorf mehrmals erheblich beschädigt. Die Bauten bestanden zunächst aus einer Kernburg mit einigen Ecktürmen und einem ersten Burggraben. Durch ein Burgtor gelangte man im NO vom Dorf aus über eine Zugbrücke zu einem Torbau mit einem, später drei mächtigen Tortürmen. Der Zugang zur inneren Burg erfolgte sodann durch einen unterirdischen Gewölbegang. Einen weiteren Zugang zur Burg gab es später von der Bergseite aus, mit ebenfalls einer Zugbrücke und einem einfacheren Torbau. Der Innenhof war von Wohngebäuden umgeben, die zum Teil unterkellert waren. Ein mächtiger Gewölbekeller ist noch heute erhalten. Ferner hatte offenbar schon zu jener Zeit ein Säulensaal im Innenhof Platz.
Nachdem Gilles II. die Anlage bereits vergrößert hatte, erfolgte die erste nennenswerte Erweiterung zwischen etwa 1250 und 1350, als ein zweiter Mauerring und ein Ringgraben um die alte Burg gelegt wurden. Auch diese neue Befestigung war mit Wehrtürmen versehen, und an der Innenseite der neuen Mauer befanden sich weitere Wohn- und Wirtschaftsgebäude. Ferner wurde im SW ein Gebäude in die Festungsmauer eingefügt, das angeblich eine Schloßkapelle beherbergte. Nach der erheblichen Beschädigung der Burg durch die Metzer Truppen i.J. 1430 erfolgte die wohl aufwändigste Erweiterung mit dem Bau eines weiteren Mauerrings sowie einer Vorburg mit eigenen Befestigungen. In dieser Zeit soll auch der mehrstöckige, kreisrunde und 20 m hohe Bergfried entstanden sein, der in der Vorburg lag und von einem gepflasterten Graben umgeben war. Die letzte Phase der äußeren Erweiterungen unter den alten Herren von R. umfaßte den Bau von Anlagen, die v.a. die Nord- und Ostseite der Burg befestigten. Um den ursprgl. Kern herum war damit bis zum Ende des 15. Jh.s eine mehrfach durch Gräben, Mauern und Wehrtürme geschützte Burg entstanden, die Jh.e lang vielen Angriffen stand hielt.
Dies alles war mit erheblichen Kosten verbunden, welche die Familie teils selbst tragen mußte, teils aber auch auf andere abwälzte: Als sich Gerhard von R. mit Kg. Karl VII. von Frankreich (1422-1461) gegen Burgund verbündete, stellte er die Burg den Franzosen als Stützpunkt zur Verfügung. Als Gegenleistung beteiligten sich diese am gen. letzten Ausbau der Anlage.
Die beschriebenen Veränderungen und Erweiterungen erfolgten in mehreren Etappen, wobei an der südlichen und nordöstlichen Seite Bauwerke auch in den Fels getrieben werden mußten. An einer Stelle schließt der Burgfried direkt an die Stadtmauer an. Das begrenzte Areal und seine Lage führten dazu, daß sich die Burg, der Schloßhof und die Vorburg im Laufe der Zeit auf verschiedenen Ebenen entwickelten. Daraus entstand eine recht komplizierte Architektur, die im inneren Bereich den Bau immer neuer Treppen, Verbindungs- und Wehrgänge notwendig machte.
Die Festungsanlage galt lange Zeit als uneinnehmbar und hielt i.J. 1480 auch einer ersten, von Maximilian I. angeordneten Belagerung stand. Erst drei Jahre später gelang es einer aus Luxemburgern, Metzern, Barern und Lothringern zusammengesetzten Truppe, die Burg zu erstürmen. Die vorangegangene, monatelange Belagerung war recht kostspielig, und die Luxemburger mußten zu ihrer Finanzierung eine Zwangsanleihe zeichnen. Sie blieb auch sonst in den zeitgenössischen Chroniken nicht unerwähnt: Sie berichten z. B., daß die Belagerer einen aufgegriffenen rodemacherschen Saboteur mit einer Kanone in die Burg zurückschossen. Im Gegensatz zur gleichzeitig besetzten Burg Reichersberg wurde R. jedoch nicht völlig zerstört. Vielmehr ergaben sich Einw. und Verteidiger und durften »mit weißen Stäben in der Hand« die Burg verlassen.
Von der ursprgl. Burg ist nur sehr wenig Bausubstanz erhalten. In Ermangelung anderer Quellen ist es schwierig, Art und Epoche der Erweiterungen zu bestimmen, welche die Herren von R. im Laufe der Jahrhunderte an ihrem Stammsitz vorgenommen haben. Dass sie dies taten, kann man mit Sicherheit annehmen, waren sie doch nach und nach zu einem der bedeutendsten Adelshäuser der Region geworden, und allein ihre zahlreichen kriegerischen Abenteuer erforderten den Ausbau der Burg.
Die einzige Referenz für das ma. R. ist in der einschlägigen Literatur bis heute ein Lageplan, den der Architekt Theodore Florange um 1900 zeichnete, und der die Burg darstellt, wie sie im Jahre 1550 ausgesehen haben könnte. Der Plan und seine Quellen befinden sich in den Archives départementales de la Moselle in Metz (sous-série 6J 112 Florange). Eine ganz neue Studie stellt nun die wissenschaftliche Seriosität dieser Arbeiten in Frage: Danach soll Th. Florange – aus welchen Gründen auch immer – aus R. eine »typische« ma. Burg mit Schloßkapelle, Säulensaal, Bergfried usw. gemacht haben, die es so nie gegeben hat. Sollte sich das – vor allem im Lichte eingehender archäologischer Untersuchungen – als richtig erweisen, müßte die Baugeschichte R.s in wesentlichen Teilen umgeschrieben werden. Auch die hier gemachten Annahmen stehen unter diesem Vorbehalt.
Die Baugeschichte der Anlage endete freilich nicht mit der Verurteilung und Vertreibung Gerhards III. von R. Maximilian I. schenkte sie und die Herrschaft i.J. 1492 seinem Vetter, dem Mgf.en Christoph I. von Baden. Dieser war 1488 zum Statthalter und Schloßhauptmann von Luxemburg ernannt worden. Es ist anzunehmen, daß zwischen der Eroberung der Burg R. i.J. 1483 und ihrer Inbesitznahme durch Christoph dort luxemburgische Truppen einquartiert waren, um sie gegen lothringische und frz. Angriffe zu schützen. Christoph I. selbst hielt sich nach seiner Ernennung anfangs nur zeitw. in Luxemburg auf und ließ die dortigen Amtsgeschäfte durch Stellvertreter erledigen. Auch residierte er bei seinen Aufenthalten zunächst im Schloß in Luxemburg. Wann er erstmals für längere Zeit in R. gewohnt hat, ist nicht bekannt. Ab dem Jahre 1495 stellte er jedoch immer häufiger Urk.n in R. aus; sie betrafen in der Hauptsache seine luxemburgischen Besitzungen, aber auch wichtige badische Angelegenheiten wie z. B. den Auftrag an seinen Sohn Philipp, die Mgft. Baden in seiner Abwesenheit zu verwalten.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt hat Mgf. Christoph wohl mit dem Ausbau Burg R. sowie mit deren Erweiterung nach NW begonnen. Er tat dies offenbar in doppelter Absicht: einmal wollte er die Kernburg als künftige Res. für die Familie herrichten, zum anderen wurden v.a. die Vorburg und die äußeren Festungsanlagen für milit. Zwecke ausgebaut.
Als Christoph seine Frau und seinen Hofstaat nachkommen ließ, waren die Arbeiten an der Burg wohl im Großen und Ganzen abgeschlossen. Ab etwa 1500 residierte er teils in R., teils immer noch in Luxemburg, wo ihm die Kanzlei und das Personal des Hzm.s zur Verfügung standen. Er führte sozusagen einen »doppelten Haushalt«. Der Aufenthalt Christophs I. in Luxemburg dauerte bis zum Jahre 1518, als seine Söhne ihn festnehmen und auf die Burg Hohenbaden entführen ließen, wo er noch bis 1527 als Gefangener lebte. Sie hatten den Vater schon Jahre vorher wg. angeblicher »Blödigkeit« entmündigen lassen und zumindest in der Mgft. völlig entmachtet. Sie selbst waren in ihren anderen Territorien, v.a. in Baden, voll beschäftigt und erschienen nur noch selten in R.
Erst Christophs I. Enkel Christoph II. (1537-1575) interessierte sich wieder für die badischen Besitzungen in Luxemburg. Er hatte sie in einem Familienvertrag zugeteilt bekommen, trat das Erbe jedoch nicht sofort an, denn er war noch minderjährig und stand bis zum Jahr 1556 unter Vormundschaft.
Christoph II., der die freilich nur kurzlebige Linie der Mgf.en von Baden-R. begründete, ließ die Burg Ende der 50er Jahre des 16. Jh.s erneuern und erweitern. Es ging wohl hauptsächlich um die Verstärkung der Festungsmauern und um den Bau neuer Türme an den Zufahrten. Interessant ist im Bereich der ältesten Burg die Errichtung eines zweistöckigen Renaissancebaus, der wohl die Offiziere, die Gäste und die höheren Chargen des mgfl. Hofs beherbergen sollte. Christoph II. ließ auch ein stattliches Herrenhaus im Dorfe R. erbauen. Ob ihm dieses als Res. diente, ist zweifelhaft. Es ist eher davon auszugehen, daß es vom jeweiligen Vogt der Badener bewohnt wurde. Der noch heute gebräuchliche Name la Maison du Bailli erhärtet diese Vermutung.
Christoph II. hatte offenbar nicht nur vor, in R. zu wohnen, sondern wollte dort auch im eigtl. Sinne Hof halten. Die Notwendigkeit, eine »standesgemäße« Res. für die Mgf.en von Baden-R. zu errichten, wurde um so dringender, als er II. i.J. 1564 Cäcilia, die Schwester Kg. Eriks XIV. von Schweden heiratete. Die gen. Erweiterungen und Verschönerungen genügten jedoch offenbar den gehobenen Ansprüchen der beiden nicht. Sie begaben sich auf längere Auslandsreisen und führten einen aufwändigen Lebenswandel, der bald zu ihrer völligen Überschuldung führte. Hinzu kam, daß Frankreich und Spanien sich weiterhin um das Hzm. Luxemburg stritten und dabei mehrmals R. besetzten, das an der Heerstraße lag. Was danach gegen Ende des 16. Jh.s von Burg und Dorf noch übrig blieb, wurde von Bauern aus der Umgebung geplündert.
Christophs II. Sohn Eduard Fortunatus von Baden-R. (1565-1600) hatte inzwischen auch die Mgft. von Baden-Baden geerbt, war aber offenbar dieser Aufgabe nicht gewachsen. Von seinem Vetter, dem Mgf.en Baden-Durlach, des Landes verwiesen und auch seiner überschuldeten »luxemburgischen« Besitzungen verlustig, starb er i.J. 1600 in → Kastellaun in der Gft. → Sponheim, die ebenfalls zum Teil den Badenern gehörte. Auch sein Sohn Hermann Fortunatus (1595-1665) residierte wohl hauptsächlich in → Kastellaun, obwohl sich sein und seiner Gattin Grabstein in der Dorfkirche von R. befindet. Wie sein Vater verkaufte und verpfändete er große Teile der »luxemburgischen Besitzungen«. Kurz nach seinem Tod starb die Linie Baden-R. aus, und die Herrschaft R. wurde wieder mit der Mgft. Baden-Baden vereinigt.
Wie schon seit der Mitte des 16. Jh.s war die Burg R. auch während der folgenden zweihundert Jahre immer wieder umkämpft. Sie wurde in dieser Zeit mehrmals von verschiedenen Kriegsparteien besetzt, insbes. von Frankreich, das nun auch die Lehnshoheit über die Herrschaft beanspruchte. Die Franzosen nahmen offenbar im Einvernehmen mit den badischen Eigentümern innerhalb der Burganlage eine Anzahl von Veränderungen vor: Sie behielten einen Großteil der Festungsbauten bei, wie z. B. die Zufahrt mit ihren Wehrtürmen, den unterirdischen Gang und einige Ecktürme. Die Bauten in der Vorburg wurden indessen abgerissen und machten Truppenunterkünften Platz. Noch i.J. 1740 wurden in der Festung neue Kasernen gebaut. Das Ganze mit seinen Offizierswohnungen, Kasernen, Stallungen sowie Munitions- und Waffenlagern war zu einer reinen Militäranlage geworden, die noch lange als solche benutzt wurde. Sie blieb weiterhin umkämpft und zeigte ein letztes Mal »ihre Zähne«, als i.J. 1815 der Gouverneur von Thionville mit 500 Mann der Belagerung durch ein zahlenmäßig weit überlegenes preußisches Heer standhielt.
Formell war R. badisches Eigentum geblieben und wurde 1771 Teil der inzwischen vereinigten Mgft. Baden. Wg. der geringen Einnahmen und der beinahe ununterbrochenen frz. Besatzung kümmerten sich die Badener jedoch kaum noch um ihre »luxemburgischen« Besitzungen. Im Jahre 1797 willigte schließlich Mgf. Karl Friedrich von Baden (1728-1811) in einen von Napoleon I. organisierten Gebietstausch ein, wonach er seine linksrheinischen, und damit auch die »luxemburgischen« Territorien an Frankreich abtrat und dafür säkularisierten Kirchenbesitz in Baden, darunter das Schloß Salem zugeteilt bekam.
Nach der erwähnten letzten Belagerung durch die Preußen wurde R. teilw. abgerissen und diente im Übrigen als Lager für die örtlichen Händler. Im Jahre 1869 erwarb die frz. Familie de Gargan die Reste der Anlage und errichtete auf dem Gelände der alten Burg das heute noch bestehende Herrenhaus. Der Besitz ging i.J. 2003 auf die Region Cattenom (Communauté de Communes de Cattenom et Environs) über. Eine von dieser in Auftrag gegebene architekturhistorische Studie wird wahrscheinlich einen Teil der Unsicherheiten beseitigen, die immer noch zu den einzelnen Bauphasen der Burg bestehen.