Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

RODEMACHER

C. Hesperingen

I.

Wie schon mehrmals angedeutet besaßen die Herren von → Rodemacher neben ihrer Stammburg eine ganze Anzahl von anderen Burgen und festen Plätzen. Die meisten von ihnen wurden noch im Laufe des MAs zerstört oder gingen als Mitgift an andere Familien über. Es ist auch wenig darüber bekannt, ob und wann sie den Herren von → Rodemacher als Res.en dienten. Als die Herrschaft i.J. 1492 von Maximilian I. eingezogen und dem Mgf.en Christoph I. von Baden übertragen wurde, gehörten im Wesentlichen nur noch die Burgen H. und → Useldingen dazu.

II.

H. liegt auf dem Wege zwischen → Rodemacher und Luxemburg. Noch mehr als der Stammsitz war diese Burg ein strategischer Punkt, von dem aus die durch einen Engpass führende südliche Zufahrtsstraße zur Hauptstadt des Hzm.s kontrolliert werden konnte. Es besteht die bisher unbewiesene Vermutung, daß sich an dieser Stelle schon seit dem frühen MA ein fester Platz befunden hat. Auch die lehnsrechtliche Stellung von H. ist noch nicht endgültig geklärt. Allem Anschein nach gehörte die Herrschaft, entweder als Allod oder als Lehen der Gft. Luxemburg, seit dem 12. Jh. den Herren von R. Es ist keine Familie von H. beurkundet, und das Wappen der Burg ist von Anfang an das rodemachersche, allerdings mit einem so gen. Turnierkragen, was eine Sekundogenitur der Familie nahelegt. Von einem kurzen Intermezzo unter Roland von → Rodemacher, dem »designierten Bf. von Verdun«, abgesehen, wurde eine solche jedoch in H. nie Realität.

III.

Die Herren von → Rodemacher hatten ihre Stammburg am Ende des 12. Jh.s errichtet, und H. dürfte ein paar Jahrzehnte danach erbaut worden. Die Anlage steht am Ausläufer eines Berghanges und ist auf S und O ausgerichtet. Über einem Felsen wurde ein gewaltiger Bering errichtet, was der Burg zur Talseite eine erhebliche Höhe verlieh. Sie dominierte die Ebene und war von dort aus schwer zu stürmen. Die Schwachstelle war die der Stadt Luxemburg zugewandte Nord- und Westseite. Der dort liegende Hügel wurde zum Teil abgetragen und durch eine stellenweise doppelte Mauer mit Wehrgängen und einem Halsgraben ersetzt. Ein großer, viereckiger Bergfried mit zeitw. fünf Stockwerken diente wohl als Wohnturm. Als Teil der südöstlichen Schildmauer war er gleichzeitig Wehrturm und mit den übrigen Festungsanlagen, insbes. mit der Vorburg, durch Wehrgänge und Tunnel verbunden.

Auch H. war in der hier betrachteten Zeit immer wieder umkämpft und dürfte einige Schäden erlitten haben. Die Anlage wurde offenbar von den Herren von → Rodemacher in gutem Zustand erhalten, obwohl sie dort nur sporadisch gewohnt haben dürften. Sie war immer wieder Schauplatz wichtiger Begebenheiten. So beherbergte sie eine Anzahl von Tempelherren, die 1307 der Verfolgung durch Kg. Philipp IV. von Frankreich entgangen waren. Ferner fanden im Dez. 1443 in H. die Friedensverhandlungen zwischen Burgund und Sachsen statt, in denen Philipp der Gute das von ihm faktisch schon besetzte Hzm. Luxemburg zugesprochen erhielt. Das muß ein spektakuläres Ereignis gewesen sein, denn es fand in Anwesenheit einer ganzen Anzahl von Würdenträgern, u. a. den Bf.en von Trier und Verdun statt. Erstaunlich ist, daß der »Hausherr« Gerhard von → Rodemacher offenbar nicht zugegen war. Er hatte allerdings im Vorfeld der Auseinandersetzungen auf Seiten der Sachsen gestanden und genoß deshalb wohl nicht die Gunst der Burgunder.

Die »Luxemburger Frage« war jedoch mit den H.er Verhandlungen noch nicht entschieden, und Gerhard von R. blieb auch in der Folge einer der prominentesten Gegner Burgunds, ja war zeitw. sogar deren Anführer. Als Maximilian I. einerseits die einzige Erbin Burgunds Maria geheiratet und andererseits mit seinem »Erzfeind« Kg. Ludwig XI. Frieden geschlossen hatte, saß Gerhard von R. zwischen allen Stühlen. Kein Wunder, daß Maximilian an ihm ein Exempel statuieren wollte und seine Burgen als erste stürmen ließ. Die Bürgerwehr von Luxemburg zerstörte im Aug. 1480 zunächst H., während die Eroberung von Reichersberg und → Rodemacher erst drei Jahre später gelang. Die Schleifung von H. war einer der Gründe für Gerhards erneutes Überlaufen zu den Franzosen.

Die Burg H. wurde wohl von den Mgf.en von Baden wieder instand gesetzt. Sie hatten dort noch lange ihre Vögte sitzen, die sich wie ihre Kollegen in R. mit ständig wechselnden milit. Besatzungen arrangieren mußten. Mgf. Hermann Fortunatus von Baden-Rodemacher veräußerte große Teile seines Territoriums, u. a. i.J. 1632 H. Die Anlage wurde in der Folgezeit immer wieder beschädigt und geplündert; sie galt fortan als Steinbruch, u. a. für die Häuser, die nach und nach innerhalb der Festungsmauern gebaut wurden.

Die Badener scheinen sich dennoch der strategischen Wichtigkeit der Burg bewußt gewesen zu sein, denn sie kauften die Herrschaft H. i.J. 1734 zurück und setzten sogar wieder einen Amtmann ein. Nach dem so gen. Versailler Vertrag (1779) zwischen Ks.in Maria Theresia und Ludwig XV. von Frankreich wurde H. frz. Hoheitsgebiet und war später Teil eines Gebietstausches zwischen Napoleon I. und dem Mgf.en Karl Friedrich von Baden. Die Burganlage war längst verfallen, das Areal wurde zerstückelt und verbaut. Die luxemburgische Regierung ist seit einigen Jahren bemüht, die Grundstücke aufzukaufen und die Burgruine zu konsolidieren.