Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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RODEMACHER

B. Rodemacher

I.

Die Herren von R. besaßen zwar eine ganze Reihe von Burgen und festen Plätzen, sie dürften mit ihren Familien aber hauptsächlich in R. residiert haben. Von einem längeren Verbleib in → Useldingen, dem zweiten Zentrum des Herrschaftsgebietes, ist z. B. nichts überliefert. Gilles IV. (1359-1381) hatte zunächst in der »Außenstelle« Chassepierre an der belgischen Grenze gewohnt, bevor er die Nachfolge seines Vaters in R. antrat. Sein Sohn Roland, der Kandidat auf dem Bf.sstuhl in Verdun, hatte zunächst die Herrschaft Hesperingen geerbt, sich dort aber wohl nicht bleibend niedergelassen. Einem anderen Bruder Rolands gehörte die Burg Reichersberg, am Zusammenfluß von Mosel und Orne nahe Thionville gelegen. Ein nennenswerter herrschaftlicher Haushalt konnte sich freilich an keinem dieser Orte entwikkeln.

II.

Wenngleich die Herren von R. eines der einflußreichsten und wohlhabendsten Geschlechter der Region waren, so ist über ihre Hofhaltung in der Hauptres. wenig überliefert. Es gibt offenbar keine Rechnungsbücher, Inventare oder andere Dokumente, denen man die Art und den Umfang des herrschaftlichen Haushalts entnehmen könnte. Das hängt einmal damit zusammen, daß die Herrschaften i.J. 1483 den Herren von R. abgenommen und erst einige Jahre später den Mgf.en von Baden übereignet wurden. Gerhard von R. hatte keine männlichen Nachkommen. Alleinerbin war seine Tochter Margarete, die den Gf.en von → Moers geheiratet hatte. Auch diese Ehe blieb ohne männliche Erben, und die Herrschaft R. fiel schließlich an Gerhards Enkelin Margarete und ihren Mann Wilhelm von Wied. Hat Gerhard die r.schen Archive ins Exil mitgenommen und sie anschl. seiner Enkelin übergeben? Dann müßten sie sich wenn überhaupt in der Familie → Neuenahr-Wied wiederfinden. Wahrscheinlicher ist, daß Gerhard sie nach der Erstürmung R.s dort hinterlassen mußte.

In diesem Falle sind die Archive in den Besitz der neuen Herren gelangt und wohl in R. geblieben. Sollten sie so den Herrschaftswechsel überlebt haben, so fielen sie zweihundert Jahre später einer Untat zum Opfer, die die Forschungen über R. enorm erschwert: Die Badener hatten im Laufe der Zeit jedes Interesse an ihren luxemburgischen Besitzungen verloren und überließen die Verwaltung ihren Amtmännern vor Ort. Erst zu Anfang des 18. Jh.s forderte die Mgf.in Sibylla Augusta von Baden-Baden, die Wwe. des »Türkenlouis«, den badischen Amtmann in R. auf, eine genaue Aufstellung der Territorien und der entspr. Einkünfte anzufertigen. Dieser aber hatte – wie wohl auch seine Vorgänger – sich einiges angeeignet oder unerlaubt veräußert. Um evtl. Scherereien mit der badischen Verwaltung zu entgehen, verbrannte er die r.schen Archive und suchte das Weite. Die Mgf.in entsandte daraufhin einen hohen Beamten vor Ort mit der Aufgabe, durch Befragungen, Abgleichungen und Ortsbesichtigungen die verbrannten Archive zu rekonstituieren. Nach monatelangen Recherchen erstellte er einen Conspectus Avulsorum Rodemacheranorum seu Bada-Luxemburgensium, also eine Zusammenstellung der abhanden gekommenen Herrschaften und Rechte, die im badischen Generallandesarchiv in Karlsruhe aufbewahrt wird. In ihrem Anhang sind Kopien aller Urk.n wiedergegeben, deren der Autor damals noch habhaft werden konnte. Einige wichtige Originale aus der badischen Zeit wie z. B. die Schenkungsurk. Maximilians I. aus dem Jahre 1492 sowie der Großteil der alten r.schen Archive sind nicht dabei. Die letzteren hätten viell. Auskunft über den Umfang und die Art der ma. Hofhaltung in R. geben können.

Man kann daher nach gegenwärtigem Wissensstand nur einige Vermutungen zu diesem Punkt anstellen. Wie berichtet, nahmen die Herren von R. wichtige Positionen in der Verwaltung des Hzm.s ein. Diese aber galt seit der Regierungszeit Gf. Wenzels und seines Onkels, des Ebf.s Balduin von Trier, als vorbildlich. Es erscheint daher unwahrscheinlich, daß die R. in ihren eigenen recht umfangr. Gebieten ohne eine ordentliche Verwaltung ausgekommen sind. Sie hatten wohl zumindest im Hauptort der Herrschaft sowie in den anderen »festen Plätzen« wie → Useldingen, → Hesperingen, Reichersberg usw. Verwalter, Kellner und Wachmannschaften sitzen. Vereinzelt ist auch beurkundet, daß sie sich bei wichtigen Anlässen von ihren Schultheißen oder Sekretären vertreten ließen. Die Pfarrkirche von R. hing seit alters von der Abtei Echternach ab, die auch die Pfarrer ernannte. Diese mögen zumindest im Anfang der hier betrachteten Zeit bei der Verwaltung der Herrschaft zugezogen worden sein.

Es wurde oben von den zahlr. Kriegszügen und Fehden der Herren von R. berichtet. Die Truppen hierfür rekrutierten sie in der Hauptsache in den eigenen Dörfern; es wird jedoch v.a. anläßlich der Waffengänge gegen Metz und Reims berichtet, daß sie auch Söldnertruppen beschäftigten. Man darf daher von einem Minimum an milit. Verwaltung und Kommandostruktur in R. selbst ausgehen.

Wie andere Familien ähnlichen Zuschnitts nahmen auch die R. an den wichtigen gesellschaftlichen Ereignissen ihrer Zeit teil. Dies gilt v.a. von den Turnieren in der näheren und weiteren Umgebung, wo ihr Name häufig auftaucht. Erwähnenswert ist hier ein Turnier in Reims, das 1347 trotz der Intervention Kg. Philipps VI. von Frankreich beinahe zu einem Krieg geführt hätte: Gilles IV. von R. fiel dabei vom Pferd und wurde vom Publikum ausgelacht. Er war darüber derart erbost, daß er mit seinen Truppen die Stadt belagerte und erst abzog, als der Bürgermeister und der Rat der Stadt vor ihm erschienen, um Abbitte zu leisten.

Es dürfte in R. auch ein gewisses kulturelles Leben gegeben haben. Die Frau Gerhards, Margareta von → Nassau-Saarbrücken, war wie oben erwähnt eine hoch gebildete und belesene Frau, die möglicherw. einen Kreis von Gleichgesinnten in R. um sich versammelte. Auch die Nähe der Städte Luxemburg und Metz und die politische Stellung der Herren von R. dürften auf das gesellschaftliche Leben in der Burg nicht ohne Einfluß gewesen sein.

Die Burg R. ist im MA mehrmals zerstört, wieder aufgebaut und verändert worden. Eine vor kurzem vom Gemeindeverband Cattenom in Auftrag gegebene architekturhistorische Studie konnte nur wenige Bauelemente aus der frühesten Zeit identifizieren. Es ist daher nicht möglich, aus der Bausubstanz Rückschlüsse auf Art und Umfang der Hofhaltung unter den Herrn von R. zu ziehen. Alles, was man wohl sagen kann, ist daß die Anlage recht imposant war und Raum für zahlr. Gesinde und Militär geboten haben muß.

In Ermangelung näherer Informationen und Dokumente darf die Vermutung gelten, daß Burg und Herrschaft R. in etwa den Lebensstil entwickelten, der – von einigen herausgehobenen Ausnahmen abgesehen – in den meisten anderen Gft.en und Herrschaften gleichen Zuschnitts herrschte.

Einen Anhaltspunkt für die Zahl und die Aufgaben der Personen, welche zur Zeit der Ablösung der alten Herren durch die Mgf.en von Baden in R. Aufnahme gefunden haben, bietet die Aufstellung des Hofstaates, mit dem Mgf. Christoph I. und seine Gemahlin i.J. 1508 dorthin umgezogen sind: Es waren insgesamt 50 Personen, darunter ein Marschall, ein Hofmeister, Edelknaben und Edelfräulein, Schreiber, Knechte, Köche und zwei Hofnarren. Sie brachten 30 Pferde mit nach R. Dazu kamen sicherlich ebenso viele Personen und Pferde, die Christoph an Ort und Stelle vorfand.