RIENECK
I.
Die Stadt L. am Main ist vom 11. Jh. bis zum Aussterben des Geschlechts der Gf.en von → Rieneck 1559 Zentrum der Gft. Quellenmäßig erstmals eindeutig 1295 als Lare belegt, geht die Ansiedlung bis in prähistorische Zeiten zurück. Entspr. Funde, auch frühma., sind jedoch sehr spärlich, hauptsächlich wg. der starken Überbauung des Gesamtgeländes. Hierin ist L. mit der auf der anderen Seite des Spessarts in ähnlicher Lage liegenden Stadt Aschaffenburg zu vergleichen, mit der sie auch immer in enger Verbindung steht. Alle anderen Städte und Burgen der Gft. → Rieneck sind weniger günstig gelegen bzw. erstrangig reine Befestigungsanlagen, während L. Raum und Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Der Name leitet sich vom Fluß L. ab, der auch Transportweg und Energiequelle ist.
II.
Auf einem leicht zu befestigenden hochwasserfreien Plateau (8,5 ha + 1,5 ha Fischervorstadt; zum Vergleich: Kern Aschaffenburgs = ca. 10 ha) in verkehrstechnisch günstiger Lage auf Kilometer 198 in der Mitte des schiffbaren Mains (Bamberg-Mainmündung) zwischen Aschaffenburg und Würzburg gelegen bietet sich L. als Siedlungsplatz geradezu an. Mit dem Fahr über den Main wird die Hochfläche zwischen Maindreieck und -viereck erreicht und damit der Landweg nach Würzburg. Zurückweichende Berge geben Raum zur Besiedlung in benachbarten Dörfern frei. Der Ort dürfte bereits um 800 (Bau der ersten Kirche, Mutterpfarrei) eine zentrale Rolle gespielt haben. Der weitere Ausbau erfolgte spätestens im 13. Jh. Buntsandsteinbrüche liefern Baumaterial, der umliegende Spessart liefert Holz, das gehandelt und zum Schiffbau verwendet wird. Der Ort ist Zollstation für die Straße und die Mainschifffahrt. Ab 1398 besitzen die Gf.en von → Rieneck das Münzrecht zu L., das aber nur eine untergeordnete Rolle spielt. Um 1500 dürfte L. etwa 2000 Bewohner gehabt haben. Ob der Ort in den vier Jh.en davor kontinuierlich wuchs oder bereits um 1200 eine ähnlich hohe Einw.zahl aufwies, ist unbekannt. Die Bewohner sind teilw. Ackerbürger, Handwerk ist reich differenziert in allen Sparten vorhanden. Hinzu kommen: Schleifmühle, Ziegelhütte, Bohrmühle, Mehlmühlen, Walk- und Schlagmühle, Papiermühle, Lohmühle, Kupfermühle. Die städtische Selbstverwaltung ist nur rudimentär entwickelt, die Stadt hängt in allem massiv vom Gf.enhaus ab, dies setzt sich auch unter dem Nachfolger Mainz fort. Die Verleihung des Stadtrechts 1333 durch Ludwig den Bayern ist nur ein formaler Akt und bringt keine faktische Erweiterung der Rechte. Daß das Stadtrecht aber in der Folgezeit doch etwas bedeutet, zeigt die zehnjährige Wegnahme als Strafe für die Teilnahme der Stadt am Bauernkrieg 1525. Herrschaftliche »Beamte« (Amtmann erstmals 1331) stammen in der Regel nicht aus der Stadtbevölkerung, wohl um Konflikte zu vermeiden.
III.
Sitz der Gf.en ist spätestens seit der Mitte des 13. Jh.s das im W gelegene Schloß, Teil der Stadtbefestigung, Nachfolger des alten Wohnturms unmittelbar neben der Kirche St. Michael. Über einzelne Abschnitte der Erbauung und die Baumeister liegen keine Quellen vor. Das Inventar beim Erbfall 1559 gewährt detaillierte Einsicht in Räumlichkeiten wie Struktur der Bediensteten und Wirtschaftsorganisation. Außergewöhnlich erscheint eine Drechslerstube, die sich der letzte Gf. zu seinem Privatvergnügen hielt. Der Hof umfaßt ca. 50 ständige Mitglieder, dazu kommen zahlr. Gäste und Arbeiter. Alles ist auf Selbstversorgung abgestellt, zahlr. sind die Lagermöglichkeiten, ohne daß das zu erwartende Maß überschritten wäre. Der repräsentative Charakter ist dem funktionalen eindeutig untergeordnet. Nach 1559 wird das Schloß Sitz des mainzischen Oberamtmanns und wird mehrfach umgebaut, aber nicht vergrößert.
Literatur
Lohr am Main 1333-1983. 650 Jahre Stadtrecht. Festschrift zum Stadtrechtsjubiläum 1983, hg. von der Stadt Lohr am Main. Lohr 1983. – Ruf, Alfons: 1200 Jahre Lohr am Main. Karolingische Kolonisation am Ostrand des Spessarts. Lohr 2003. – Ruf, Alfons: Die Pfarrkirche St. Michael in Lohr und ihre Baugeschichte. Lohr 1983. – RUF, Theodor: Der Name Lohr und Lohrhaupten, in: Spessart 101/7 (2007) S. 33-36. – RUF, Theodor: Lohr und die Grafen von Rieneck. Die Hintergründe der Stadtrechtsverleihung vom 29. Juli 1333, in: Lohr am Main 1333-1983. 650 Jahre Stadtrecht. Festschrift zum Stadtrechtsjubiläum 1983, hg. von der Stadt Lohr am Main. Lohr 1983, S. 10-27. – RUF, Theodor: Lohrhaupten im Frühmittelalter, in: Spessart 101/7 (2007) S. 3-17. – Schönmann, Hans: Lohrer Schiffbau, in: Spessart 101/12 (2007) S. 3-16. – Vorwerk, Wolfgang: Historische Spurensuche. Beiträge zur Geschichte des Lohrer Schloß- und Amtsviertels, zur Straßengeschichte des Spessarts und zu einigen anderen Themen, Lohr 2000 (Schriften des Geschichts- und Museumsvereins Lohr am Main, 33). – Ruf, Theodor: Quellen und Erläuterungen zur Geschichte der Stadt Lohr am Main bis zum Jahr 1559, Lohr 2011.