RIENECK
I.
Gf.en von R. (Rienegge) erstmals um 1156/57 als Name der Gf.en von Loon. Arnold I. von Loon erheiratete um 1100 die später »Gft. R.« gen. Güter des Mainzer Bgf.en und Erzstiftvogtes Gerhard. Dessen Familie gehört dem Sippenverband an, aus dem auch die Ludowinger stammen. Der Besitz im Main-Spessart-Raum mit dem Zentrum Lohr stammt wohl aus altem Amtslehen sowohl aus dem Kg.sdienst als auch aus Beziehungen zu Mainz, zurückreichend vermutlich bis in die Karolingerzeit, das teilw. allodisiert wurde, und altem Allod. Die Gesamtentwicklung ist in enger Verbindung mit der Entwicklung der mainzischen Herrschaft im Spessart und der Rolle der Stadt Aschaffenburg im FrühMA zu sehen; zu diesen beiden Komplexen liegen neue Forschungsergebnisse vor. Der Name R. stammt von Burg R. bei Bad Breisig, dem späteren Sitz der Bgf.en von → Rheineck. Aus dynastischen Gründen wird er auf die Burg an der Sinn übertragen, die möglicherw. schon vorher bestand. Lohr selbst eignet sich nicht zur Anlage einer Höhenburg. Den Charakter einer Gft. (erstmals 1363 als dominium seu comitatus) erhält der Besitz nicht zuletzt durch die Verbindung mit der Gft. Loon.
Keimzelle der Gft. bildet die Siedlung Lohr, hochwasserfrei auf einem Plateau (ähnlich wie Aschaffenburg) gelegen, mit dem Main als Hauptverkehrsader und dem Zugang zum Spessart über das Lohrtal. Zentren der weiteren Entwicklung werden die Städte R., Gemünden, Rothenfels, Grünsfeld und Lauda, verbunden mit den jeweiligen Burgen, sowie die Burgen Partenstein und Wildenstein. Die Lehnsbindung des zentralen Gft.steils an Mainz ist erstmals 1366 nachweisbar, sicher aber älter, und Schwankungen unterworfen. Lehen werden genommen (außer von Mainz) vom Reich und vom Hochstift Würzburg; der r.ische Lehenshof umfaßt 1559 einen Großteil der nordfränkischen Niederadelsgeschlechter. Zur Dienstmannschaft gehören u. a. die Voit, Truchseß und Diemar von R. Bürgerlehen sind selten.
Die von alters her intensive Bindung an das Kgtm. wird im Rahmen der staufischen Reichslandpolitik ausgebaut, die Gf.en erhalten, wohl von Friedrich I. Barbarossa, die Vogtei über das Stift St. Peter und Alexander in Aschaffenburg und bauen damit ihre Stellung aus. Ende des 12. Jh.s trennen sich die Gft.steile → Loon und R. Heiraten in die in männlicher Linie aussterbenden Familien der Herren von → Zimmern und Lauda (um 1200) und der Herren von → Grumbach und Rothenfels (ca. 1243) erweitern das bisherige Herrschaftsgebiet beträchtlich. Dies führt zwangsläufig zu Auseinandersetzungen mit Mainz und Würzburg; die territorialen Pläne der Gf.en werden aber in juristischen wie milit. Auseinandersetzungen drastisch beschränkt. Trotzdem zählen Ende des 13. Jh.s als r.isch: ein Großteil des Spessarts, fast das gesamte Gebiet der Hochfläche zwischen Maindreieck und -viereck, Teile des Maindreiecks sowie der Raum um Grünsfeld, daneben existiert Streubesitz von der Nahe bis zum Steigerwald. Gf. Gerhard IV. wird in der Hausüberlieferung 1256 oder 1292 (nach dem Tod Rudolfs von Habsburg) sogar als Kg.skandidat gehandelt. Erbstreitigkeiten zerstören jedoch in den Folgejahren die Chancen des Machtausbaus. Wichtiger Besitz im Nordspessart fällt an die Herren von → Hanau, die Rothenfelser Linie stirbt aus, Würzburg bildet hier das Amt Rothenfels und setzt sich auch in Gemünden fest, und die Grünsfelder Linie geht eigene Wege (zeitw. Wiedervereinigung, später erneute Aufteilung und Aussterben 1503). Ihrem Umfang nach entspricht um 1350 die Gft. nur noch dem Bestand etwa um 1240, zerrissen in vier Blöcke: Lohr mit Zugehörungen (Lehen von Mainz), Grünsfeld mit Zugehörungen (Allod), weite Teile des Kahlgrunds im Nordspessart (als Lehen vergeben) und der Biebergrund (in Gemeinschaft mit → Hanau). Die künftige Politik kann nur noch von relativ bescheidenen Grundlagen ausgehen. Zeitw. erhalten die Gf.en Rothenfels verpfändet, zeitw. Burg, Amt und Stadt Gemünden, Burg Saaleck und die Stadt Hammelburg. Dies sind jedoch keine Erweiterungen der Herrschaft, sondern Objekte der Geldanlage und Einnahmequellen. Ende des 14. Jh.s führen erneute innerfamiliäre Auseinandersetzungen zum Verlust des Grünsfelder Teils. Der letzte Gf., Philipp III., ist weitgehend auf Lohr und Umgebung beschränkt. Nach seinem kinderlosen Tod am 3. Sept. 1559 wird die Gft. unter den Erben → Isenburg, → Hanau, → Erbach, Mainz und Würzburg aufgeteilt.
II.
Im 12. Jh. halten sich die Gf.en von Loon-R. nur selten in den erheirateten Gebieten im Main-Spessart-Raum auf. Erst mit der Trennung der beiden Linien um 1200 erfolgt eine stärkere Konzentration auch auf das Zentrum → Lohr am Main. Der bereits vorgeschichtlich besiedelte Ort wird spätestens um diese Zeit ausgebaut; wahrscheinlich ist, daß er auch vorher schon Stadtqualitäten besaß. Die erste Befestigung bestand aus einer Art Wohnturm im Bereich der Pfarrkirche; dieser blieb bis ins 17. Jh. erhalten und wurde dann zu einem Kapuzinerkl. umgebaut. Eigtl. Wohnsitz ist das Schloß am Westende der Stadt, ganz bewußt ohne Burgcharakter. Als befestigte Anlagen dienen hauptsächlich die Burgen Partenstein, R. und Wildenstein. Weitere Burgbauten im Spessart, stammend aus der Zeit der Auseinandersetzungen mit Mainz in der zweiten Hälfte des 13. Jh.s, werden derzeit ergraben, wobei nicht immer klar ist, inwieweit sie als rieneckisch anzusprechen sind. Burg und Ort Gemünden bieten keine mit Lohr vergleichbare Siedlungsqualität und gehen bald an Würzburg verloren. So konzentriert sich die Herrschaft auf Lohr, auch wenn durch Heiraten weitere Städte und Burgen erworben werden. Nach der teilw. Zerstörung des Benediktinerkl.s Schönrain am Main baut Philipp III. die Reste zu einer kleinen Burganlage um, die dann zum Wwe.nsitz seiner Gemahlin Margarethe geb. von → Erbach wird.
Über die Hofhaltung in → Lohr, R., Schönrain und Wildenstein liegen in Form eines nach dem Erbfall erstellten Inventars zahlr. Informationen vor, kaum jedoch etwas aus der Zeit davor. Die Verwaltung läuft weitgehend über einen Sekretär, der alle Ämter und Kellereien kontrolliert. Archiv und Schreiberei befinden sich im Schloß. Die Struktur der einzelnen Zenten der Gft. ist höchst unterschiedlich. Die wirtschaftliche Versorgung des Hofes kann durch die Einkünfte problemlos gedeckt werden. Neben den üblichen Natural- und Zinseinkünften ist damit zu rechnen, daß die Gf.en, hauptsächlich über den Ort Frammersbach und das dort ansässige Fuhrmannsgewerbe, Handel in größerem Stil betrieben, bes. mit Holz, Flach- und Hohlglas und Wein. Inwieweit ihre Funktion als Vögte des Spessarter Glasmacherbundes wirtschaftliche Konsequenzen hatte, muß offen bleiben. Hinzu kommen einzelne Höfe zur direkten Versorgung wie zum Verkauf und Schaf- sowie Pferdezucht. Ab 1513 ist R. am Bergbau im Biebergrund beteiligt. Zölle werden bes. auf dem Main bei Hofstetten und Lohr erhoben. Genaue Angaben sind wg. fehlender Quellen schwer zu treffen. Der letzte Gf. führt ein Leben in bescheidenem Luxus, den er sich aber auch dadurch leistet, daß er Schulden macht und sie seinen Erben hinterläßt. Bemerkenswert ist der Umfang an Silbergeschirr, der sich 1559 im Schloß findet, während die Ausstattung mit Waffen wenigstens im 16. Jh. nicht sehr umfänglich ist.
Über das kulturelle Leben am Hof sind kaum Aussagen möglich. Eine eigenständige Kultur wird sich nicht entwickelt haben; Anregungen kamen von Durchreisenden oder den Beziehungen zu Aschaffenburg und Würzburg, von dort auch Luxusartikel. Juden sind sporadisch als Händler belegt. Ein »Hofzwerg« wird einmal erwähnt. Das einfache Personal wird sich aus den Stadtbewohnern rekrutiert haben.
Bes. Feste und Vergnügungen sind nicht überliefert. Feiertage, Hochzeiten und Geburten dürften Anlaß zu Repräsentation und Unterhaltung gewesen sein. Als Freizeitbeschäftigung spielte die Jagd im Spessart die größte Rolle, dies weist auch das Inventar von 1559 aus. Insgesamt darf der Hof als solide und standesgemäß bezeichnet werden.
Literatur
Siehe auch A. Rieneck. – Bachmann, Matthias: Lehenhöfe von Grafen und Herren im ausgehenden Mittelalter: das Beispiel Rieneck, Wertheim und Castell. Köln u. a. 2000. – Christ, Günter: Lohr am Main. Historischer Atlas von Bayern, hg. von der Kommission für bayerische Landesgeschichte; Tl. Franken, Heft 34, München 2007. – Ruf, Theodor: Das Inventar über die fahrende Habe des Grafen Philipp III. von Rieneck in den Schlössern Schönrain, Rieneck, Wildenstein und Lohr (1559), Würzburg 1982 (Mainfränkische Hefte, 77). – Ruf, Theodor: Schwanenritter, Aschaffenburg 1994.