Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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RAPPOLTSTEIN

A. Rappoltstein

I.

Die edelfreie Familie von R. (frz. Sires de Ribeaupierre) nannte sich nach der Burg (Groß-)R., heute meist als St. Ulrich bezeichnet, oberhalb des elsässischen Ortes → Rappoltsweiler (frz. Ribeauvillé, nördlich von Colmar, Dép. Haut-Rhin), welche sie vom Basler Bf. als Lehen innehatte. Ein Reginbold von R. ist für die Jahre 1022 und 1038 in den Quellen belegt – 1038 soll er Gf. Gerhard I. von Egisheim, den Bruder Papst Leos IX., getötet haben. Um die Mitte des 12. Jh.s findet sich der Straßburger Domherr Reginhard von R. (u. a. Domdekan und -propst) mehrfach als Zeuge vornehmlich in Straßburger Urk.n. Es darf angenommen werden, daß diese adlige Familie schon seit geraumer Zeit mit der Ausübung von Zwing und Bann in der Herrschaft R. betraut war und darüber hinaus auch über Allodialbesitz am Ort verfügt haben mag. Immerhin ist zu notieren, daß die personale Zubenennung von R. jedenfalls nach den Quellen einige Jahrzehnte älter als die gleichlautende Erwähnung der Herrschaft ist. Nach dem Aussterben dieser älteren Linie auf männlicher Seite um 1157 begründete der vermutlich mit der R.er (Erb-)Tochter Emma verh. Egenolf von Urslingen die jüngere Linie der R. Seit 1219 ist für seine Enkel Anselm und Egenolf II. wieder die Selbstbezeichnung von R. belegt.

II.

Der tatsächliche Umfang des Eigengutes der jüngeren Linie bleibt unklar, zumal mehrmals angebliche Allode zu Lehen aufgetragen wurden. Insbes. grundherrschaftliche Rechte ohne erkennbare Lehnsabhängigkeit finden sich an verschiedenen elsässischen Orten verstreut. Immerhin konnten Anselm und Ulrich von R. zusammen mit den Herren von Horburg 1227 Heinrich (VII.) den Grund verkaufen, auf dem Burg und Stadt Kaysersberg entstehen sollten. Hervorzuheben ist der im Laufe der Zeit dichter werdende Eigenbesitz in den Vogesentälern (süd)westlich von → Rappoltsweiler. Lehen hatte das Geschlecht seit dem SpätMA vom Reich (mehrere Dörfer), von den Bm.ern Basel (u. a. die Hälfte von → Rappoltsweiler und zwei der Burgen), Metz, Straßburg (z. B. → Gemar) und Bamberg, von Habsburg nebst der Pfirter Erbmasse (z. B. Burg und Herrschaft Hohnack), Lothringen, Luxemburg sowie von den Abteien Murbach und Peterlingen. Die Lehnstitel machten folglich den größten Teil der R.er Herrschaft aus; eine für 1268 vermeldete Lehnsauftragung des gesamten Allodialbesitzes an das Bm. Basel kann nicht als gesichert gelten. Doch bildeten die R.er, die sich seit Ende des 15. Jh.s Herr zue R., zu Hochenack und zur Geroltzegk am Wasichin nannten, mit ihrem ansehnlichen Konglomerat aus Lehnstiteln und Allodialbesitz gewissermaßen eine untergeordnete Landesherrschaft aus, wofür u. a. die (Mit-)Unternehmerschaft am Vogesenbergbau stehen mag. Gleichwohl waren sie zwischen Landsässigkeit (Vorderösterreich) und Reichsstandschaft positioniert – nach 1544 finden sich die R. jedoch nicht mehr in Reichsmatrikeln. 1648 fiel mit großen Teilen des Elsaß auch die Herrschaft R. unter die Oberhoheit der frz. Krone, nachdem sich Georg Friedrich und Johann Jakob von R. bereits im Dreißigjährigen Krieg mit anderen Adligen der Landschaft unter den Schutz Ludwigs XIV. gestellt hatten. Der letzte männliche Vertreter der jüngeren Linie, Johann Jakob, führte seit 1651 bis zu seinem Tod 1673 den Gf.entitel.

Seit den 1160er Jahren sind Egenolf von Urslingen und seine Nachfolger in der Überlieferung der staufischen Kanzleien häufig als Zeugen in schwäbischen und hochburgundischen Angelegenheiten zu finden. Auch nach dem 12. Jh. sind R.er auf Straßburger und Basler Domherrenstellen gelangt. Im 14. Jh. wurden Töchter Äbt.nen in Andlau bzw. Erstein. Anselm II. von R. (um 1257-1311) kann als milit. bes. reger Vertreter seiner Familie gelten. Er überwarf sich 1287 sogar mit Kg. Rudolf von Habsburg, der Anselm auf einer seiner Burgen belagern ließ – ohne Erfolg. 1293 stand Anselm in den Thronkämpfen als österr. Parteigänger gegen Kg. Adolf von → Nassau, der den R.er nach dem Fall Colmars gefangen nehmen konnte. Für das 14. Jh. tritt bes. Bruno I. hervor, der Philipp dem Kühnen von Burgund und Karl V. von Frankreich diente und an mehreren Schlachten des Hundertjährigen Kriegs teilnahm. Mit Maximin/Smassmann I. (um 1382 -1451) wird der politische Rahmen weiter gespannt: Er war Hofmundschenk des Hzg.s von Burgund, zweimal Landvogt im Oberelsaß und wurde 1436 von Ks. Sigmund zum Statthalter und Beschirmer des Basler Konzils ernannt. Von Sigmund erhielten Smassmann und sein Bruder Ulrich VIII. 1431 das Jagd- und Pfeiferrecht (Schutzherr der Pfeifer und Ernennung des Pfeiferkg.s) im Elsaß als Reichslehen verliehen, das in der Familie blieb. Smassmanns Sohn Wilhelm I. (gest. 1507), der den R.er Besitz nochmals kräftig erweiterte, und Enkel Wilhelm II. (gest. 1547) waren ebenfalls Landvögte im Oberelsaß. Wilhelm I. orientierte sich wieder stärker an den Habsburgern, während sein Bruder Smassmann II. – den väterlichen Spuren folgend – zu Burgund neigte (u. a. als Kammerherr Karls des Kühnen). Wilhelm II. zeigte dann die größte Nähe zum Haus Österreich, diente Maximilian (u. a. als Rat und Hofmeister), Karl V. und Ferdinand I. Er war sogar Träger des ksl. Banners vor Padua 1509 und wurde Ritter vom Goldenen Vlies (1516). In seine Zeit fällt auch die größte Abschöpfung der Silberminen im Lebertal. Die R.er gehörten also durchaus zu den bestimmenden politischen Kräften im Elsaß insbes. vom 13. bis zur Mitte des 16. Jh.s, was sich auch an deren Lehnsleuten ablesen läßt (u. a. von Andlau, Bergheim, Girsberg, Hattstatt, Hunawihr, Ostheim, Rathsamhausen, Reichenstein und verschiedentlich die Zorn von Bulach). Danach reduzierten sich ihre Einflußmöglichkeiten schon deshalb, weil Egenolf IV. (gest. 1585) und sein Sohn Eberhard I. (gest. 1637) versuchten, die Reformation in ihren Herrschaften gegen erhebliche Widerstände der österr. und bfl. Lehensherren durchzusetzen, was ihnen nur teilw. gelang.

III.

Das Wappen der R. zeigt in Silber drei (2:1) rote Schildchen (analog zu den Hzg.en von Urslingen). Nach dem Erwerb von Teilen der Herrschaft Geroldseck am Wasichen (zu unterscheiden von der rechtsrheinischen Herrschaft Hohengeroldseck) führte man seit 1485 ein viergeteiltes Wappen: in Feld 1 und 4 das besagte R.er Wappen, in Feld 2 und 3 das Geroldsecker, nämlich in Silber mit querliegenden blauen Schindeln bestreut ein goldgekrönter, roter Löwe mit Doppelschweif. Seit Anfang des 16. Jh.s wurde in Feld 3 nunmehr das Wappen der Hohnack geführt, in Silber drei (2:1) goldgekrönte, schwarze Adlerköpfe. Zu dieser Zeit erscheint auch die Helmzier auf Siegeln und anderen Abbildungen, die – wenngleich in Variationen – z. B. auf drei Helmen einen in R.er Farben gewandeten Männerrumpf, einen offenen Flug (für Hohnack) und einen Pfauenstoß (für Geroldseck) zeigt. In Testamenten und anderem Schrifttum um 1500 ist mehrfach der wachsende Silberschatz der R.er erwähnt, aus dem u. a. ein prachtvoll gearbeiteter Pokal (um 1543) stammt, der noch in der Münchner Schatzkammer erhalten ist (andere Stücke hingegen im Hôtel de Ville von Ribeauvillé). Bekannt ist auch das 1512 fertiggestellte R.er Fenster im Chor des Freiburger Münsters. Zunächst dienten verschiedene Kirchen und Kapellen im herrschaftlichen Einflußbereich der Familie als Grablegen. Um 1475 wurde beim Umbau der Rappoltsweilerer Pfarrkirche St. Gregor eine Familiengrabkammer unter dem Chor geschaffen. Hervorzuheben sind zudem die Epitaphien für Egenolf IV. (gest. 1585) und seine Mutter Anna Alexandrina von → Fürstenberg (gest. 1581) – beide Protagonisten der R.er Reformationsbemühungen. Egenolf IV. besaß auch eine weithin beachtete Bibliothek, die bes. seine reformatorischen Interessen und Bemühungen widerspiegelt.

IV.

Die Teilungen der Herrschaft in der jüngeren Linie in den Jahren 1298, 1373 und 1419 konnten – nicht zuletzt wg. generativer Zufälle – jeweils nach ein bis zwei Generationen überwunden werden. Zudem wurde seit der Mitte des 15. Jh.s eine Art Kondominium mit Senioritätsprinzip praktiziert, bei dem das Seniorat aber auch vorzeitig oder temporär weitergegeben werden konnte. Das Konnubium weist in SpätMA und Früher Neuzeit neben Heiraten auf der gleichen Rangstufe auffällig viele Verbindungen mit gfl. Häusern des südwestlichen Reiches auf, u. a. mit Kyburg, → Fürstenberg, → Geroldseck-Lahr, → Leiningen, → Neuenburg, Zweibrücken-Bitsch, → Helfenstein, → Sayn und schließlich mit der pfgfl. Nebenlinie. Bruno I. war mit einer → Blâmont verh., sein Bruder Ulrich VII. (gest. 1377) hingegen in zweiter Ehe mit Margarethe von Lothringen. Smassmann I. konnte seiner mehrjährigen Verbindung und sogar der Verlobung mit Katharina von Burgund, der Wwe. Leopolds IV. von Österreich, keine endgültig vollzogene Eheschließung folgen lassen. Unter den (durchaus versorgten und zum Teil auch legitimierten) unehelichen Kindern konnte nur ein Sohn Smassmanns II., Wilhelm (von Pflixberg), als Lehnsmann der Herren in den niederen Adel aufsteigen. Mit (Gf.) Johann Jakob von R. starb 1673 der letzte männliche Vertreter der Linie aus, da er seine drei Söhne überlebte. Somit gingen Titel und Herrschaft an seine älteste Tochter Katharina Agathe und ihren Mann, Pfgf. Christian II. von Birkenfeld-Bischweiler (später Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld) und letztlich an das Haus Bayern. Konnubium, Lehns- und Dienstbeziehungen, aber auch frz.sprachige Teile der Herrschaft (z. B. von Hohnack) weisen die R.er mithin als Brükkenfamilie zwischen Germania und Romania aus.

Quellen

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