QUERFURT
I./II.
Die hoch über dem Quernetal gelegene Burg darf als Stammsitz der Familie seit der zweiten Hälfte des 10. Jh.s gelten und wurde bis zu deren Aussterben i.J. 1496 kontinuierlich ausgebaut. Sie enthält die älteste im aufgehenden Mauerwerk erhalten gebliebene Bausubstanz einer Burg Mitteldtl.s und weit darüber hinaus.
II.
Im 10. und 11. Jh. wurden erste Steinbauten auf dem Areal einer sehr viel größeren karolingischen Burg errichtet: querrechteckige Häuser unter der Westhälfte des Kornhauses und unter dem »Dicken Heinrich«. Beide sind vermutlich »um 1000« entstanden und dürften der Familie als Wohnbauten gedient haben.
Aus der zweiten Hälfte des 10. Jh.s stammt der erste Kirchenbau, eine kleine Saalkirche mit Apsis, Stiftergrab (vermutlich Ida, Mutter des Hl. Brun) und Resten eines Unterbaues für ein Taufbecken. Nach der Stiftung eines Priesterkollegiums durch Brun wohl i.J. 1004 begann man einen größeren Bau zu errichten, von dem aber nur die Apsis und der quadratische Altarraum fertiggestellt wurden. Diesem aus den Teilen des 10. und 11. Jh. bestehenden Kirchenbau wurden außerdem drei Anbauten hinzugefügt, die als Grablegen dienten. Der im W könnte auf Grund der soliden Fundamentierung turmartig erhöht gewesen sein und eine herrschaftliche Westempore besessen haben. Teile einer hoch bedeutsamen Grabplatte mit Kreuzdarstellungen gehörten einst in einen dieser Räume.
Im mittleren 11. Jh. entstand östlich des ersten Wohnbaues unter dem Kornhaus ein aufwändig gewölbtes Torgebäude, das durch eine Quermauer mit jenem verbunden war. Wie der Torbau oberhalb der gewölbten Durchfahrt ausgesehen hat, ist unbekannt. Da Torhäuser aus jener Zeit äußerst selten sind, sei auf zeitnahe Vergleichsbeispiele in Donaustauf und im Schlössel bei Klingenmünster verwiesen.
Fundamente nordwestlich des Fs.enhauses, im Keller darunter und unter dem ehem. Brauhaus bildeten einst Abschnitte der Umfassungsmauer. Allein das Torhaus im N gibt einen Anhaltspunkt für den ältesten Zugang von O. Trotz aller intensiven Forschungen zählt die Frühgeschichte der Burg noch immer zu den am wenigsten bekannten Bauphasen.
Nach einer größeren Stagnation im 11. und frühen 12. Jh. erfuhr die Burg seit dem mittleren 12. Jh. einen umfassenden Ausbau. Die Edelherren, die seit 1135/36 das Bgf.enamt von Magdeburg inne hatten, also die höchsten weltlichen Würdenträger im Ebm. waren, dürften die hinzugewonnene Macht auch genutzt haben, ihre Stammburg Q. angemessen auszubauen. Die Burgkirche mußte nach 1146 nahezu alle ihre Rechte und Besitzungen an das neu gegr. Benediktinerkl. Marienzell westlich von Q. abtreten. Von dieser Kirche und den Kl.gebäuden künden Inventare und ein Grundriß aus dem Jahre 1685 (eine dreischiffige Basilika ohne Querhaus). Die Edelherren ließen nach ca. 1162 (Schmitt 2002, S. 29) auch auf ihrer Stammburg eine neue Kirche errichten – im Gedenken an ihren berühmten Ahnen, den Hl. Brun. Der kreuzförmige Kirchenbau erinnert an südeuropäische bzw. byzantinische Vorbilder.
Westlich der Kirche entstand ein dreigeschossiger, annähernd quadratischer Wohnbau. Unmittelbar östlich von diesem hat sich ein weiteres Gebäude erhalten: ein zweigeschossiger, querrechteckiger Wohnbau (sog. »Brauhaus«), der viell. als Wohnsitz für die Priester des Kollegiatstiftes gedient hat. Um 1220/30 wurde südlich vom Wohnbau neben der Kirche ein kleinerer quadratischer Wohnturm errichtet – der Kernbau des späteren »Marterturmes«. Er war modern mit Mauertreppe und Kaminen ausgestattet und ist mit ähnlichen Türmen auf den Burgen Giebichenstein, Neuenburg und Ekkartsburg vergleichbar. Unter dem Korn- und Rüsthaus von 1535 entstand ebenfalls um 1220/30 ein großes Gebäude (Palas), das ältere Bauteile des Wohnbaues aus der Zeit um 1000 und das Torhaus aus der Mitte des 11. Jh.s einbezog. Der mit anderen romanischen Palasbauten gut vergleichbare Neubau war dreigeschossig und besaß im Obergeschoß einen großen Saal, der durch mehrere Arkadenfenster belichtet wurde. Wie auch bei den allermeisten anderen Burgen des hohen MAs wissen wir fast nichts über das alltägliche und »höfische« Leben in diesen Gebäuden.
Nicht sicher datierbar ist der Bergfried (»Dikker Heinrich«), mit dem das Burgareal nach W vergrößert wurde; vermutlich wird er in der zweiten Hälfte des 12. Jh.s entstanden sein. Beeindruckend ist das sorgfältig bearbeitete Großquadermauerwerk. Der Turm war in höchstem Maße repräsentatives Symbol für die Macht und den politischen Einfluß der Edelherrenfamilie. Zeitnah mit dem Bergfried wird die sich radial um ihn legende »Mantelmauer« und die Ringmauern um die Burg errichtet worden sein, mit dem Bau des Wohnturmes entstand eine weiter nach S vorgeschobene Mauer.
In der Mitte des 13. Jh.s, am Ende der romanischen Ausbauphase, bot die etwa 150 x 100 m messende Burg Q. einen prächtigen Anblick: mit ihrem mächtigen Bergfried, mind. vier Wohnbauten, wobei der Palas insbes. Repräsentationsaufgaben diente, der kreuzförmigen Kirche mit ihrem achteckigen Turmaufsatz, den Ringmauern. Weitere, uns nicht bekannte Wohn- und Wirtschaftsgebäude müssen hinzugezählt werden.
Die sowohl über den Grdr. als auch über umfangr. Reste des aufgehenden Mauerwerks nachweisbare Gestalt der Burg Q. hat sich seit dem frühen 11. Jh. nicht grundsätzlich geändert; die Bebauung ist nur dichter und architektonisch anspruchsvoller geworden. Aus der »frühen Adelsburg« wurde eine hochma. Die Entwicklung zur »klassischen Adelsburg« läßt sich in Q. bes. gut verfolgen. Als Vergleichsbeispiel sei die etwa 100 Jahre jüngere, landgfl.-thüringische Neuenburg bei Freyburg (Unstrut) gen.
Unter Gebhard XI. (ca. 1355 bis 1383) wurde die Burg wehrtechnisch verstärkt. Zunächst legte man um die romanischen Ringmauern einen neuen Mauerring mit tief in den Fels gehauenen Gräben. Es entstanden außerdem ein erstes Westtor und der »Pariser Turm« mit einer südlich vor dem romanischen Palas errichteten Mauer mit Wehrgang. Als »Hausmannsturm« wird er ebenso wie der damals aufgestockte »Marterturm« eine spürbar bessere Beobachtung des inzwischen erheblich erweiterten Burgareals ermöglicht haben. Der »Dicke Heinrich« erhielt etwas später einen oberen Mauerkranz mit Schlitzscharten. Dies entsprach einem Konzept zeitgemäßer Verteidigung durch Mauern mit Schießscharten, Zwingern, Gräben und Beobachtungstürme.
Ein gotisches Saalgeschoßhaus von drei Geschossen östlich des »Marterturmes« wird erstmals im Inventar von 1522 als alte Hofe Stubenn uffem Hochen Hawße erwähnt. Jenes »Hohe Haus« ist noch bis in das 18. Jh. erhalten geblieben und dürfte als moderner Wohn- und Repräsentationsbau der Familie bis 1496 genutzt worden sein.
Von höfischer Kultur jener Zeit hat sich kaum etwas erhalten. Um so bedeutsamer ist der plastische Schmuck der Grabtumba Gebhards XIV. in der von ihm angelegten Grabkapelle der Burgkirche. Das an die Burgkirche gebundene Kollegiatstift wurde i.J. 1417 mit einer Dechantenstelle aufgewertet.
In der letzten Ausbaustufe der Fortifikationen entstanden im dritten Viertel des 15. Jh.s die der Außenmauer vorgelagerten Rondelle – noch ganz im ma. Sinne Türme – und schließlich die etwa 1479 endgültig fertiggestellte monumentale Westtoranlage mit einer Zugbrücke über den Graben. Tor und Rondelle gehören zu den beeindruckendsten Bauwerken dieser experimentierfreudigen Zeit des Überganges von der Burg zur Festung. In einem Vertrag des Magdeburger Ebf.s Ernst mit dem letzten Vertreter des → Q.er Edelherrengeschlechtes, Brun VIII., heißt es 1495, daß seine Vorfahren eine mergliche Summa schulden angehäuft hätten und er selbst Vmb befestung des Slosses Quernfurt eine große darlegung gethan (Schmitt 2002, S. 20)
Schließlich berichtet Caspar Schneider, daß 1469 die Hofmeisterei, die Scheune und Keller errichtet worden seien, wie etliche steine mit der jahrzahl bezeichnet, ausweisen (Schmitt 2002, S. 20) Daraus darf auf die Anlage eines größeren bzw. Erweiterung eines vorhandenen Vorwerkshofes östlich und südlich der Kirche geschlossen werden.
Für die zum Teil nur kurzzeitig genutzten Burgen → Artern, Burgscheidungen, Beyernaumburg, Dornburg/Saale, Nebra, → Seeburg und Vitzenburg sind Bautätigkeiten unter den Edelherren anzunehmen, bisher jedoch nicht bekannt geworden. Allein in → Allstedt haben diese zwischen 1369 und 1496 bedeutende und bis heute prägende Baumaßnahmen ausführen lassen: im Vorschloß (Torturm um 1340) und in der Kernburg (Nordostturm 13./14. Jh., Ringmauern im O, S und W mittleres 15. Jh., Einbau einer großartigen Küche 1460/1480, Wohnbau do […] der Von querfurt Ingewonitt (Rechnung 1516/17: Rüger/Schmitt 1989, S. 38). Wertvolle Bausubstanz der Befestigungen mit Schießscharten für Hakenbüchsen und mit höchst seltener Technik der Kugelschutzbohlen (wie in Q.) ist erhalten, der Wohnbau nur noch in Resten nachzuweisen.
Literatur
Siehe auch A. Querfurt, zusätzlich: Rüger, Reinhard/Schmitt Reinhard: Schloß Allstedt. Baugeschichte und Denkmalpflege, Allstedt 1989 (1990). – Schmitt, Reinhard: Zur Geschichte und Baugeschichte der Burg Beyernaumburg (Landkr. Sangerhausen), in: Archäologie in Sachsen-Anhalt 6 (1996) S. 23-27. – Schmitt, Reinhard: Burg Querfurt um 1000 – Zum Lebensumfeld des hl. Brun, in: Der heilige Brun von Querfurt. Eine Reise ins Mittelalter. Begleitband zur Sonderausstellung "Der heilige Brun von Querfurt – Friedensstifter und Missionar in Europa. 1009-2009« im Museum Burg Querfurt, hg. vom Landkreis Saalekreis, Querfurt 2009, S. 179-193. – Schmitt, Reinhard: Burg Querfurt um 1000 und ihre Stellung im zeitgleichen Burgenbau in Deutschland. Bau- und kunstgeschichtliche Vergleiche, in: Brun von Querfurt. Lebenswelt, Tätigkeit, Wirkung. Fachwissenschaftliche Tagung am 26. und 27. September 2009 auf der Burg Querfurt, hg. von Arno Sames im Auftrag des Landkreises Saalekreis für das Museum Burg Querfurt, Querfurt 2010, S. 23-35 und 120-141 (Abbildungen). – Schmitt, Reinhard: Burg Querfurt, 5., aktualisierte Aufl., München/Berlin 2010 (Große Baudenkmäler, 436). – Schmitt, Reinhard: Burg Querfurt um 1000 – Zum baulichen Lebensumfeld des hl. Brun von Querfurt, in: Burgen und Schlösser in Sachsen-Anhalt 20 (2011), im Druck.