PREYSING
I.
Der Ort Aschau ist in einer Salzburger Urk. von 927 als Ascovua, in einer ebenfalls Salzburgischen Urk. von 1122-1147 als Hascovuui bezeichnet und taucht um 1160/66 im Codex Falkensteinensis als Aschowe auf.
Die Höhenburg H. (erstmals direkt erwähnt 1292 apud castro Askowe, heute Kr. Rosenheim), auf einem Kalksteinkegel am Eingang des Prientals südlich des Chiemsees gelegen, geht auf eine Gründung der Brüder Konrad und Alhard von Hirnsberg um das Jahr 1165/70 zurück. Der exponierte Platz inmitten des Tals war prädestiniert dazu, die Straße nach Kufstein in Tirol zu kontrollieren.
II.
Die Hirnsberger verwalteten das Gebiet um Aschau als Ministerialen der Gf.en von Falkenstein. Sie nannten sich bald nach dem neuen Sitz und erscheinen bereits um 1230 als Aschauer in den Reihen der wittelsbachischen Ministerialen. Ab 1328 waren die Mautner von Katzberg Besitzer und 1374/75 übernahm das ursprgl. schwäbische Geschlecht der Freyberger die Burg H. Auf das Jahr 1529 dat. die Umwandlung H.s vom ebfl.-salzburgischen Lehen in Allod und somit der Übergang in den Eigenbesitz der Freyberger. Durch Heirat mit der Erbtochter Benigna von Freyberg kam H. i.J. 1608 in den Besitz des Johann Christoph von → Preysing und blieb bis 1853, dem Jahr des Erlöschens des Zweigs → Preysing-H. in Familienbesitz. Im 19. Jh. folgten mehrere Besitzerwechsel. Die in den Frh.nstand erhobene Großindustriellenfamilie Cramer-Klett kaufte 1875 das Schloß und ließ es historisierend-romantisierend umgestalten. Heute dient Schloß H., mittlerweile im Besitz der Bundesrepublik Dtl., der Bundesfinanzverwaltung als Ferienwohnheim.
Die Herrschaft H. als geschlossenes Territorium, entstanden aus einem von den Gf.en von Falkenstein im 12. und 13. Jh. bevogteten Besitzkomplex des Erzstifts Salzburg bzw. aus dem Corpus von dessen Suffraganbm. Chiemsee, hatte ihren bes. Status der Verleihung der Blutgerichtsbarkeit zu verdanken, die Ks. Ludwig der Bayer 1331 aus politischem Kalkül an Ortlieb und Heinrich von Aschau vollzog. Die Hoch- oder Blutgerichtsbarkeit war ansonsten landesherrliches Recht. Die ursprgl. Verwaltungs- und Jurisdiktionseinheit H.-Wildenwart wurde geteilt. H. ging von den Aschauern an die Mautner von Katzberg (1328), von jenen an die Frh.n von Freyberg (1374/75) und die Pr. (1608) über, während Wildenwart an die Hzg.e von Bayern fiel. Die Gerichtsbarkeit wurde von den beiden Parteien in Realunion im Ort Prien am Chiemsee (Kr. Rosenheim) ausgeübt, wie eine gemeinsam ausgestellte Urfehde-Urk. von 1439 beweist. Mehrfach versuchten die Wittelsbacher, den H.er Herrschaftsbesitzern die Hochgerichtsbarkeit streitig zu machen, was nicht zuletzt dadurch verkompliziert wurde, daß Mautner, Freyberger und → Preysing wichtige Funktionen für die Hzg.sdynastie erfüllten. Ab dem 17. Jh. durfte auch die Todesstrafe durch den Galgen im Gerichtsort Prien vollstreckt werden. Trotz dieser Fülle herrschaftlicher Privilegien und der wirtschaftlichen Potenz des Gebietes gelang der Aufstieg zur reichsunmittelbaren Herrschaft nicht.
III.
Das Burgschloß besteht im Kern aus einer ma. Ringburg um einen in O-W-Richtung verlaufenden Innenhof. Westlich grenzen die Vorburg und die Schloßkapelle an. Aus der Frühzeit der Anlage haben sich der Bergfried, die Ringmauer und der Unterbau der äußeren Umfassungsmauern erhalten. Die Vorburg stammt vermutlich aus dem 13. Jh. Im 16. Jh. fanden sowohl die Umgestaltungen nach stilistischen Vorgaben der Renaissance als auch die Verstärkung der Bastionen statt. Die Pläne hierzu stammten von Münchner Hofbaumeister Wilhelm Egckhl. Die Erneuerung des Saaltrakts im Südflügel ging unter der Ägide von Henrico Zuccalli 1672-1682 vor sich. Im Ritter- oder Pr.-Saal hat Baldisaro Fontaro auf Weisung des Gf.en Johann Max II. die Familiengeschichte in Form von zwölf überlebensgroßen Stuckfiguren (bez. 1683) dargestellt, die Persönlichkeiten aus der Ahnenreihe der → Preysing zeigen. Die Figuren sind zwischen den Fenstern des Saals aufgestellt. Zwölf Kartuschen unterhalb der Figuren, jeweils mit lat. Beschreibung weisen jeder Gestalt ihre Position innerhalb der Familie zu. Erst kürzlich freigelegt wurde der sog. Laubensaal, 1686/87 wohl von lokalen Malern ausgeschmückt und ehedem als Speisesaal genutzt. Durch illusionistische Malereien erweckt er den Eindruck einer von Gehölz und Blattwerke überrankte Laube, die den vermeintlichem Blick in umgebende Gärten freigibt. Das Bildprogramm ist durch Stiche aus Giovanni Battista Faldas Li Giardini di Roma (1683) beeinflußt.
Die Schloßkapelle wurde 1637-1639 von Hans Weigl unter Einbeziehung älterer Mauersubstanz errichtet. Der Saalbau mit Tonnengewölbe wurde von Francesco Brenno 1680/81 mit Stuck ausgestattet.
Im 18. und 19. Jh. fanden im Äußeren und Inneren weitere Umbauten statt. Der Münchner Architekt Max Ostenrieder konzipierte die 1905-1908 ausgeführten Vorbauten am Bergfried und einen zusätzlichen Gästetrakt.
Zum Schloßkomplex zählten ehedem der Hofbau, also schloßeigene land- und viehwirtschaftliche Betriebe, eine Taverne und eine Schloßbrauerei. Eine barocken Vorstellungen entspr. Gartenanlage mit Fischteich, Sommerhaus, Alleen, Spalieren, Rabatten, Wasserkaskaden und Springbrunnen sowie einer Vielzahl von Skulpturen wurde in den 1750er Jahren am Fuß des Burgberges angelegt, nach dem Tod des Auftraggebers Gf. Johann Max IV. von → Preysing (gest. 1764) aber bald wieder aufgegeben und dem örtlichen Waisenhaus zur Nutzung überlassen.
Zu den Rechten einer edelgefreiten Herrschaft bzw. Hofmark zählte das »kleine Waidwerk«, also die Niederjagd auf Füchse, Hasen, Rehe, Rebhühner etc. im jeweiligen Hofmarksbereich. Im Jahr 1750 verlieh Kfs. Max III. Joseph (reg. 1745-1777) seinem Minister Johann Max IV. von → Preysing (1687-1764) die sog. Gnadenjagd für den Jagddistrikt des Forstmeisteramts Traunstein. Johann Max IV. durfte so auch weit jenseits der Grenzen seiner eigenen Herrschaft nach Rot- und Schwarzwild jagen.
Literatur
Adel in Bayern. Ritter, Grafen, Industriebarone, Katalog zur Landesausstellung Hohenaschau und Rosenheim, hg. von Wolfgang Jahn, Margot Hamm und Evamaria Brockhoff, Augsburg 2008. – Breit, Stefan: Verbrechen und Strafe. Strafgerichtsbarkeit in der Herrschaft Hohenaschau, Aschau im Chiemgau 2000 (Chronik Aschau im Chiemgau. Quellenbd. 10). – Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Bayern, Tl. 4: München und Oberbayern, bearb. von Ernst Götz, München u. a. 1989, S. 445-446. – Diepolder, Gertrud/Dülmen, Richard van/Sandberger, Adolf: Rosenheim. Die Landgerichte Rosenheim und Auerburg und die Herrschaften Hohenaschau und Wildenwart, München 1978 (Historischer Atlas von Bayern. Tl. Altbayern, 38). – Erichsen, Johannes: Das Reich der Flora – Italienische Vorbilder für die Lauberstube auf Schloß Hohenaschau, in: Adel in Bayern. Ritter, Grafen, Industriebarone, Katalog zur Landesausstellung Hohenaschau und Rosenheim, hg. von Wolfgang Jahn, Margot Hamm und Evamaria Brockhoff, Augsburg 2008, S. 274-283. – Ksoll-Marcon, Margit: Adeliges Landleben vom 17. bis zum beginnenden 19. Jahrhundert. Zur Lebensweise der Grafen von Preysing, in: Die Preysing-Hohenaschau, Aschau im Chiemgau 2000 (Chronik Aschau im Chiemgau. Quellenbd. 12), S. 99-285. – Reitzenstein, Wolf-Armin Frhr. von: Lexikon bayerischer Ortsnamen. Herkunft und Bedeutung. Oberbayern, Niederbayern, Oberpfalz, München 2006, S. 22. – Schäfer, Dieter: Die Preysing-Hohenaschau im Dienst der Wittelsbacher, S. 9-98, in: Die Preysing-Hohenaschau, Aschau im Chiemgau 2000 (Chronik Aschau im Chiemgau. Quellenbd. 12). – Sturm, Josef: Johann Christof von Preysing. Ein Kulturbild aus dem Anfang des 30jährigen Krieges, München 1923. – Sturm, Josef: Die Anfänge des Hauses Preysing, München 1931 (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte, 8). – Wach, Gertrud: Art. »Aschau im Chiemgau«, in: Altbayern und Schwaben, hg. von Hans-Michael Körner und Alois Schmid, 4., neu bearb. Aufl., Stuttgart 2006 (Handbuch der Historischen Stätten, 7 [Bayern], 1), S. 37-38. – Zeune, Joachim: Zur Baugeschichte von Hohenaschau, in: Adel in Bayern, S. 252-273.