Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

PREYSING

B. Preysing

I.

Die Familie → P. verfügte weder dauerhaft über eigene reichsunmittelbare Besitzungen, noch über ein arrondiertes Herrschaftsgebiet. Grund- und Herrschaftsrechte wurden über verstreut im bayerischen Hzg.- und Kfsm. liegende Hofmarken, Höfe und weitere Besitzungen ausgeübt. Die lehensrechtliche Bindung an den bayerischen Landesherrn blieb ungemindert bestehen, auch wenn sich einzelne Familienmitglieder daraus lösen konnten. Johann Franz von P. aus dem Zweig Moos bezeichnete sich 1670 als Besitzer der Gft. Ort am Traunsee (Oberösterreich) und Johann Carl Joseph aus dem Zweig P.-Hohenaschau kam durch eine Heirat i.J. 1733 an die bis dahin rechbergische Herrschaft Ramsberg und errang somit für sich und seinen Sohn Johann Max V. die Reichsunmittelbarkeit bis zum Ende des Alten Reiches.

Im übrigen waren auch die Gf.en und Frh.en von → P., wie der altbayerische Adel insgemein, von einem in der Mitte des 16. Jh.s einsetzenden Prozeß des landesherrlichen Machtzuwachses betroffen und orientierten sich seit dem 17. Jh. verstärkt nach der bayerischen Haupt- und Res.stadt München. Hier befand sich die kfsl. Hofhaltung und somit auch das Zentrum gesellschaftlichen und politischen Lebens in Bayern. In München nahm man sowohl genuin landadelige Rechte wahr, etwa die Betätigung in der Landstandschaft, suchte jedoch auch die Nähe zum Fs.en. V.a. die Tätigkeit in Hof- und Staatsämtern bedingte die Anwesenheit am Hof und somit in der Stadt, wozu von den → P. eigens Stadthäuser angekauft und baulich erneuert bzw. in repräsentativer Form neu erbaut wurden (P.-Palais, 1723-1729 von Joseph Effner).

1621 beklagte sich Johann Christoph I. von P. (gest. 1632) beim Hzg. von Bayern, wie wenig er seit etlichen Jahren auf sein Schloß → Hohenaschau gekommen sei. 1625 begründete er sein Ansuchen um Enthebung aus dem Hofratspräsidium u. a. auch damit, daß er zumindest im Frühsommer und Herbst für jeweils einen Monat seine Güter aufsuchen wolle (Sturm, Johann Christoph, S. 227).

Die Schlösser auf dem Land wurden also nur zeitw. genutzt, der Haushalt, die zugehörigen wirtschaftlichen Betriebe wie Hofbau, Brauereien, Tavernen, Bergwerke (im Fall der Herrschaft → Hohenaschau) und Forsten wurden von Verwaltern (oft in Personalunion als Herrschaftsrichter) organisiert und geleitet. Herrschaftliche Rechte über die Hofmarksuntertanen wurden ebenfalls durch Vertreter (u. a. Gerichtsschreiber, Amtmänner) ausgeübt. Trotz der Ausrichtung auf den kfsl. Hof in München bauten die Gf.en und Frh.en von → P. ihre Landsitze dem Zeitgeschmack, dem Bedürfnis nach verfeinerter Lebensart und dem bedeutenden Reichtum der Familie gemäß aus.

II.

Die drei in der Frühen Neuzeit blühenden Familienzweige Moos, Lichtenegg und Hohenaschau nannten sich nach Stammgütern nahe Deggendorf, in der Oberpfalz und im Chiemgau. Über Moos und Lichtenegg liegen keine weiterführenden Angaben vor, während zum Sitz des begüterten und politisch einflußreichen Zweigs Hohenaschau in der gleichnamigen Herrschaft mehr bekannt ist. Im Fall von Hohenaschau jedoch von einem Hof (über die curia minor hinausreichend) zu sprechen, wäre verfehlt. Der Aufenthaltsschwerpunkt des jeweiligen Herrschaftsinhabers und der Familie lag bei seinem Fs.en in München, nur saisonal wurde Zeit in → Hohenaschau verbracht.

Über den Aufbau und die Organisation der Kronwinkler, Mooser und Lichtenegger Hofverwaltung fehlen Untersuchungen. Die Hohenaschauer Hofhaltung wird in einschlägigen Werken (Sturm, Johann Christoph; Ksoll-Marcon, Landleben) nur marginal behandelt. Lediglich über das Stadthaus in München sind einige wenige Details bekannt. In den Jahren zwischen 1612 und 1636, als Johann Christoph von P. als Diplomat und später als Hofratspräsident für Hzg. und Kfs. Maximilian I. von Bayern tätig war, arbeiteten in seinem Haushalt anfangs ein Schreiber, ein Kutscher, ein Reitknecht und ein Gärtner, später wurden auch Kutschenvorreiter, Lakaien und ein Haushofmeister sowie ein Torwärter und der Praeceptor der Kinder beschäftigt. Ein eigener Schneider und verschiedene Knechte waren ebenfalls im Haus angestellt. Die weibliche Dienerschaft setzte sich aus einer Hofmeisterin, der Beschließerin, einem Hausmädchen, einer Aufwärterin und einer Köchin, darüber hinaus einer Kinderfrau und einem Kindermädchen sowie mehreren Mägden zusammen. Ein eigener Nutzviehstall und ein Gemüsegarten standen in München zur Verfügung.

Zur Wirtschaftseinheit → Hohenaschau zählten u. a. eine Brauerei, der Hofbau mit ausgedehnten Wirtschaftsgebäuden (Scheunen, Backhaus, Pferde-, Rinder- und Schweinestallungen, etc.) und eine Tafernwirtschaft. Die Ausstattung des Schlosses war nach erhaltenen Rechnungen des 17. und 18. Jh. äußerst großzügig und ermöglichte spontan die Unterbringung zahlr. Gäste.

Für → Kronwinkl, → Moos und Lichtenegg liegen keine Untersuchungen über die ökonomischen Gegebenheiten vor.

Die wirtschaftliche Grundlage der Herrschaft → Hohenaschau wandelte sich im 16. Jh. unter Pankraz von Freyberg (1508-1565) grundlegend: Er modernisierte und intensivierte den Erzabbau an Kampenwand und Kressenberg, ließ die Schloßbrauerei aufführen, richtete einen Monatsmarkt ein und gründete zur Verarbeitung des geförderten Erzes eine Eisenhütte und ein Hammerwerk. Zudem ließ er sich 1552 das hzgl. Hammerwerk in Au übertragen. Wg. der Konkurrenz mit der Reichenhaller Saline um den Rohstoff Holz, das Freyberg vom Teisenberg bezog, wurde das Eisenschmelzwerk 1567 von Au nach Bergen verlagert; 1577 wies man diesem auch neue Waldungen zur Befeuerung zu. Als Ausgleich für aufgelaufene Schulden übernahm Hzg. Maximilian I. von Bayern (reg. 1598-1651) 1608 die Hälfte der Werke Aschau und Bergen. Die andere Hälfte wurde unter den beiden Erbtöchtern Wilhelms von Freyberg (1539-1602), Sophie (1591-1646) und Benigna (1594-1620), aufgeteilt und ging an die Familien von deren Ehemännern, die Frh.en von Schurff und die → P. Zwischen 1577 und 1607 hatten beide Eisenwerke zusammen Gewinne in Höhe von über 144 000 fl. erwirtschaftet.

Diese Zusammensetzung der Anteilseigner bestand bis ins Jahr 1777, in dem die → P. den Anteil der Schurff übernahmen. Im Jahr 1700 sind alle drei Parteien in einem Vertrag gen., mit dem sich Kfs. Max Emanuel (reg. 1679-1726), Gf. Johann Max II. von P. (1642-1718) und Frh. Christoph Dismas von Schurff mit 50% in die Eisenberg-, Schmelz- und Hüttenwerke in Glemm und Pillersee (beide Tirol) einkauften. Im Span. Erbfolgekrieg wurde das heimische Bergener Werk 1704 durch österr. Truppen zerstört. Die Wiederherstellung war gegen 1707 vollendet. 1754 wurde ein zweiter, größerer Hochofen dort errichtet. Diese Eisenproduktion im Herrschaftsbereich der P.-Hohenaschau sicherte den Unterhalt vieler Bewohner der Region.

Um 1610 erbrachte die Herrschaft → Hohenaschau an grundherrlichen Einnahmen (Zinsen und Gilten) und dem unbeständigen Einkommen (Markt- und Gerichtseinnahmen, Stift-, Siegel- und Heiratsgelder etc.) sowie der wirtschaftlichen Leistung des eigenen Hofbaus an die 2900 fl. Für 1628 sind die Einkünfte aus → Hohenaschau mit 6539 fl. beziffert. Beim Tod Johann Christophs I. (1636) ging → Hohenaschau mit Söllhuben, dem Brauhaus und dem Anteil am Eisenbergwerk im Anschlagswert von ca. 100 000 fl. an den ältesten Johann Max I. (gest. 1668) über.

Für Kronwinkl, Moos und Lichtenegg sind zu prosopographischen Aspekten keine Angaben möglich.

Das Leben der Hohenaschauer Herrschaftsinhaber spielte sich v.a. in München ab. Namhafte Künstler wie Henrico Zuccalli (1682, Saaltrakt → Hohenaschau), Francesco Brenno, Johann Baptist Zimmermann (1680/81 bzw. 1738/39, Schloßkapelle) oder der Münchner Hofbaumeister Johann Baptist Gunetzrhainer (1752, Pfarrkirche Aschau) wurden von den Herrschaftsinhabern für einzelne Arbeiten in → Hohenaschau engagiert.

Die in erhaltenen Hohenaschauer Rechnungen gen. Speisen, Getränke und alltäglichen Konsum- und Luxusgüter zeugen von Wohlstand und Geschmack.

Die Hochzeit Johann Christophs I. von P. mit Benigna von Freyberg 1608 läßt sich unter diesem Gesichtspunkt beleuchten. Die Gesamtkosten von 1038 fl. 19 kr. 2 dn. verteilten sich u. a. auf Ausgaben für Personal, Fleisch, Wild, Essig, Wein, Konfekt und Früchte. Letztere (u. a. Zitronen, Limonen, Pfirsiche und Melonen) wurden aus Italien importiert, Wein kam aus Salzburg, München und Rosenheim. Essig und Confect wurden aus München angeliefert. Für die musikalische Umrahmung verpflichtete man u. a. mehrere Hofmusiker aus München.

Breit, Stefan: Verbrechen und Strafe. Strafgerichtsbarkeit in der Herrschaft Hohenaschau, Aschau im Chiemgau 2000 (Chronik Aschau im Chiemgau. Quellenbd. 10). – Breit, Stefan: Die Herrschaft Hohenaschau, in: Adel in Bayern. Ritter, Grafen, Industriebarone, Katalog zur Landesausstellung Hohenaschau und Rosenheim, hg. von Wolfgang Jahn, Margot Hamm und Evamaria Brockhoff, Augsburg 2008, S. 284-292. – Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Bayern, Tl. 4: München und Oberbayern, bearb. von Ernst Götz, 3. akt. Aufl., München u. a. 2006. – Erichsen, Johannes: Das Reich der Flora – Italienische Vorbilder für die Lauberstube auf Schloß Hohenaschau, in: Adel in Bayern. Ritter, Grafen, Industriebarone, Katalog zur Landesausstellung Hohenaschau und Rosenheim, hg. von Wolfgang Jahn, Margot Hamm und Evamaria Brockhoff, Augsburg 2008, S. 274-283. – Ksoll-Marcon, Margit: Adeliges Landleben vom 17. bis zum beginnenden 19. Jahrhundert. Zur Lebensweise der Grafen von Preysing, in: Die Preysing-Hohenaschau, Aschau im Chiemgau 2000 (Chronik Aschau im Chiemgau. Quellenbd. 12), S. 99-285. – Ksoll-Marcon, Margit: Barockes Adelsleben auf Hohenaschau. Zur Lebensweise der Grafen von Preysing auf ihrem Landsitz, in: Die Herrschaft Hohenaschau und das Priental, hg. von der Gemeinde Aschau im Chiemgau, Aschau im Chiemgau 2003, S. 155-173. – Primbs, Karl: Schloß Hohenaschau und seine Herren. Ein Beitrag zur Geschichte Oberbayerns vor dem Gebirg, in: Oberbayerisches Archiv für vaterländische Geschichte 45 (1888/1889) S. 1-96. – Rawitzer, Barbara: Eisenindustrie im Chiemgau, Aschau im Chiemgau 1998 (Chronik Aschau im Chiemgau. Quellenbd. 4). – Sturm, Josef: Johann Christoph von Preysing. Ein Kulturbild aus dem Anfang des 30jährigen Krieges, München 1923. – Zeune, Joachim: Zur Baugeschichte von Hohenaschau, in: Adel in Bayern. Ritter, Grafen, Industriebarone, Katalog zur Landesausstellung Hohenaschau und Rosenheim, hg. von Wolfgang Jahn, Margot Hamm und Evamaria Brockhoff, Augsburg 2008, S. 252-273.