PLESSE
I./II.
Die Herrschaft P. entstand aus einem Besitzkomplex von ca. 80 qkm um die namengebende Höhenburg herum, im Kern gebildet aus nicht verlehntem Besitz in zehn Dörfern, von denen im SpätMA drei wüst fielen. Im W reichte die Herrschaft bis auf den Kamm des Höhenzuges Lieth (westlich Bovenden), so daß die Handels- und Verkehrsverbindungen des Leinetals – Heerstraße Göttingen-Northeim und die Leine selbst – über eine Strecke von ca. 6 km innerhalb der Herrschaft P. lagen.
Über die geschlossene Herrschaft → P. hinaus verfügten die Herren von → P. über verlehnten Besitz in rund 200 Orten des südlichen und mittleren Niedersachsen sowie des nördlichen Hessen; aus der schriftlichen Verwaltung dieses Besitzes haben sich ca. 12 000 Lehnsbriefe abschriftlich erhalten.
Zu Füßen des Burgberges lag der erstmals 1192 als predium gen. bzw. später als Vorwerk bezeichnete Wirtschaftshof der Burg, die heutige »Domäne Eddigehausen«. Ein aus dem Jahre 1571 (Besitzübergang an Hessen) überliefertes Inventar verzeichnet für dieses Vorwerk u. a.: 110 Malter Roggen, 54 Malter Gerste, 48 Rinder, 51 Milchkühe, 14 Ochsen, über 200 Schweine, über 900 Lämmer und Schafe; vermutlich handelte es sich hierbei im wesentlichen um einen Ausfluß der Besthaupt-Regelung des Lehnswesens. Der im frühen 15. Jh. im westlichen Burgbereich als Wachtturm errichtete zweite Turm gewährleistete – im Unterschied zu dem im O der Kernburg errichteten Bergfried – eine direkte Sichtverbindung von der Burg zum Vorwerk.
Im Jahre 1247 gründeten die Herren von → P. an ihrem einstigen Stammsitz Höckelheim, der etwa 13 km nördlich außerhalb der Herrschaft → P. lag, ein Nonnenkl. nach der Zisterzienserregel als Hauskl. und Familiengrablege. Ein Konvent von durchschnittlich 10-15 Nonnen unter einer Angehörigen der Stifterfamilie als Äbt. sicherte die Memoria für die verstorbenen Mitglieder der Familie der Herren von → P., die bis in das 16. Jh. hier bestattet wurden.
Bereits vor der Mitte des 13. Jh.s verwandten die Herrn von → P. in ihren eigenen Urk.n die lange Zeit dem Kg. und dann den Reichsfs.en vorbehaltene Formel dei gratia nobilis de Plesse (1241); im selben Zusammenhang bezeichneten sie sich mit Bezug auf die Burg als huius castri possessor – beides deutliche Anzeichen für ein fsl. Standesbewußtsein.
In dies. Richtung weisen auch die Heiratsverbindungen (das Konnubium); die Heiratspartner wurden nach Möglichkeit aus standeshöherer Familie gewählt; aus dem Rang der auf diese Weise verschwägerten Familien erschließt sich die räumliche und soziale Einflußsphäre einer Sippe; unmittelbaren Nutzen bietet das Konnubium unter den Aspekten: Besitzsicherung und -vermehrung durch das Heiratsgut, Interessenabsprachen, Beistandsverträge und Bündnisse zwischen verschwägerten und versippten Familien, gegenseitige Bürgschaften, Aussichten auf geistliche Karriere (Pfründen), politischer Einfluß in der größeren Region.
Das Konnubium der Herren von → P. umfaßte Verbindungen zu den Gf.en von → Dassel, von → Everstein, von Lutterberg, von Scharzfeld und von Bilstein. Die Herren von → P. waren bis zur Mitte des 13. Jh.s in den Domkapiteln zu Minden und Hildesheim sowie den Konventen zu Oberkaufungen, Lamspringe und Gandersheim präsent; in Gandersheim stellten sie um die Mitte des 13. Jh.s und in Oberkaufungen im 15. Jh. die Äbt.
Detaillierte Nachrichten über die einzelne Räume der Res.burg, ihre Ausstattung, die Vorratshaltung und das auf der Burg beschäftigte Personal sind erst aus der Zeit des Besitzübergangs an Hessen i.J. 1571 überliefert; demnach waren auf der Burg 30 verschiedene Räumlichkeiten zu unterscheiden; hinzu kamen die Wohngemächer der Wwe. Agnes von P. sowie die Burgkapelle. Im Zusammenhang mit der Inventarisierung wurden die beiden Türme nicht gen., vermutlich weil sie in dieser Spätphase der Burg nicht mehr so genutzt wurden, daß es sich gelohnt hätte, ihr Inventar aufzunehmen. Die Anzahl von 30 Räumen läßt auf eine relativ dichte Bebauung des inneren Burgareals schließen, auch wenn die Anzahl der Gebäude nicht gen. ist. Von den Wirtschaftsräumen sind Küchen, Speisekammern, Bier- und Weinkeller mit erheblichen Vorräten verzeichnet, ferner Stall, Backhaus, Schmiede, Schneiderei und Badestube. Die Hälfte der inventarisierten Räume – 15 – wurden als Wohnräume klassifiziert, vier von ihnen ausdrücklich als »Schlafkammern« bezeichnet, drei weitere als »Kammer« und acht als »Stube«: die Hälfte der Wohnräume war also beheizbar.
Für Herrschaftsausübung und Repräsentation wurden eine große Stube, auch »bemalte Stube« gen., eine »Bärenstube« – geschmückt mit auf Bildtafeln dargestellten Bären – ein großer Saal genutzt; die »bemalte Stube« war mit fünf Tischen, drei Lehnbänken, einem Tresor, einem Hängeleuchter sowie an der Wand zwei Hirschgeweihen ausgestattet. Hier wurde auch das Gold- und Silbergeschirr aufbewahrt.
Die Ausstattung der »Bärenstube« bestand aus zwei Tischen, von denen einer ein verschließbares Kontor für den Siegelstempel und für Bargeld enthielt; eine ihrer Wände war ebenfalls mit einem Hirschgeweih verziert. Der große Saal, neben der Kapelle der größte geschlossene Raum der Burg, war mit vier Bänken, einem Tisch, zwei hölzernen Hängeleuchtern sowie fünf Hirschgeweihen an den Wänden ausgestattet.
Von der plessischen Dienstmannschaft wurde beim Besitzübergang an die Lgft. Hessen 1571 folgendes Personal auf Lgf. Wilhelm IV. vereidigt: Amtmann, Förster, Stallmeister, Hausschreiber, Schmied, Pferdeknecht, Schneider, zwei Köche, Schließer, Weinschenk, Bäkker, Pförtner am oberen Tor, Pförtner am unteren Tor, zwei Wagenknechte, Eseltreiber.
Lgf. Wilhelm IV. von Hessen wandelte die Herrschaft P. in ein hessisches »Amt P.« um und ließ es zunächst durch den Drosten Eckbrecht von der Malsburg sowie den Gesamtamtmann Heinrich Hesse verwalten. Der Amtmann zog die dem Landesherrn zustehenden Einkünfte (Renten, Zinsen und Gefälle) ein, ferner die bei Verstößen gegen landesherrliche Bestimmungen fälligen Buß- oder Frevelgelder. Hinzu kamen die Einkünfte aus der umfangr. Forst- und Waldnutzung. Unter genauer Rechnungslegung waren die Einkünfte alljährl. zu einem bestimmten Termin bei der Fsl. Hessischen Rentkammer zu Kassel abzuliefern. Neben der Erhebung, Verwaltung und Abrechnung der landesherrlichen Einkünfte gehörte die Wahrnehmung der landesherrlichen Gerichtsrechte zum Aufgabenbereich des Amtmannes. Mind. zweimal, mitunter auch drei- oder viermal jährl. hielt er ein sog. Landgericht ab, und zwar im Hauptort des Amtes, in Bovenden. Daneben gab es fallweise, bei Delikten, die mit Todesstrafe bedroht waren, sog. Halsgerichte. Diese fanden zumeist zu Eddihusen under der linden, gelegentlich auch im Dorf Boventen under der linden statt. Für den engeren Burgbereich wurde zur Verwaltung und Bewirtschaftung eigens ein »Bgf.« (Borggrave) eingesetzt; in Besoldung und sonstiger materieller Vergütung stand er dem Amtmann und v.a. dem Drosten erheblich nach, war ihm vermutlich also auch in seinen Befugnissen nachgeordnet.
Zur Sicherung der Neuerwerbung ließ Lgf. Wihlhelm IV. von Hessen die Wehrhaftigkeit der Burg verbessern: Ein 1594 angelegtes Inventar der Armierung auf den hessischen Burgen führt für die P. auf: 4 Stücke (Geschütze) auf Rädern, 2 aus Messing und 2 aus Eisen – 34 Doppelhaken mit Feuerschlössern, 12 von Eisen und 22 aus Messing, diese auf Bovenden – 19 Handbüchsen mit Feuerschlössern – 6 neue Schlösser zu den Doppelhaken – 1 (Kugel-)Form zu den Stücken, 7 (Kugel-)Formen zu den Doppelhaken – 13 Lademaße zu dens. – 2 eiserne hemer – 1 alte Armbrust – 4 Tonnen Pulver – 2 Mulden voll Blei. Im Vergleich mit anderen hessischen Burgen stellt sich die → P. hier als besonders wehrhaft dar; sie übertrifft die Burgen bzw. Schlösser Neu- → Katzenelnbogen, Reichenberg, Hohenstein, Weißenstein, Trendelburg, Zapfenburg, Wanfried, Schmalkalden, Friedewald und Spangenberg. Dies belegt, daß die P. für die Lgf.en von Hessen von bes. strategisch-milit. Bedeutung war, denn allein ihre Wehrhaftigkeit konnte die Sicherheit des neuen Amtes P. als hessische Exklave gewährleisten.
Während des Dreißigjährigen Krieges diente die P. dem hessischen Lgf.en Moritz dem Gelehrten zeitw. als Nebenres.; in diesem Zusammenhang gab es Pläne, sie durch ein aufwendiges Bastionensystem zu verstärken. Die schließlich tatsächlich ausgeführten Maßnahmen scheinen sich auf den Bereich von Kernburg und Vorburg beschränkt zu haben, ferner wurde zur Verteidigung der Burg eine Besatzung in Kompaniestärke (ca. 50 Mann) hierher verlegt. Seit dem Frühjahr 1623 lebte Moritz' Frau Juliane mit einigen der Kinder auf der Burg, im Herbst 1623 sowie i.J. 1624 und im Winter 1624/25 hielt Lgf. Moritz sich jeweils für einige Wochen ebenfalls dort auf.
Während eines längeren Aufenthaltes i.J. 1624 hat Lgf. Moritz auf elf Federzeichnungen die P. aus unterschiedlicher Perspektive festgehalten; die Zeichnungen gestatten es, den Bebauungszustand des Burginneren für diese Zeit zuverlässig zu rekonstruieren. Es läßt sich erkennen, daß die oberen Stockwerke der inneren Bebauung durchweg aus Fachwerk bestehen, und zwar sowohl bei den Wirtschaftsgebäuden als auch den Wohnhäusern. Damit ist auch die P. in die Reihe derjenigen befestigten Wohnplätze einzureihen, deren adlige Bewohner seit dem 16. Jh. den in aufwendigem Fachwerk sich äußernden Geschmack der Bürgerstädte in der Region – etwa Einbeck, Duderstadt, Göttingen, Hann. Münden, Osterode, Sooden-Allendorf – nachahmten. Der Wandel von der massiven zur Fachwerkbauweise steht zugl. auch für den typologischen Wandel von der Burg zum Schloß: Die fortifikatorischen Elemente sind zugunsten der Repräsentation und des Zeitgeschmacks zurückgenommen.
Rings um die gesamte Burganlage sind auf Moritz' Skizzen aufwendige Bastionen vorgelagert; markierte Schußrichtungen zeigen, daß diese Bastionen so konstruiert sein sollten, daß kein toter Winkel entstünde. Von diesen Plänen ist allerdings kaum etwas ausgeführt worden. Diese Einschätzung entspricht der Beobachtung, daß Lgf. Moritz seit dem Frühjahr 1625 die P. nicht wieder aufgesucht hat.
Am 1. Sept. 1628 erhielt Moritz' Gattin, die Lgf.in Juliane, für sich und ihre Kinder die von der Lgft. abgetrennte »Rotenburger Quart« zugesprochen, zu der auch die ehem. Herrschaft P. zählte; allerdings galt im Hinblick auf den Burgkomplex die Regelung, daß die Burg selbst bei der Lgft. Hessen-Kassel verbleiben und durch einen Reservatenkommissar verwaltet werden sollte. Das Vorwerk in Eddigehausen kam an die Quart und unterlag der Zuständigkeit des Amtmannes. Damit war der seit dem 12. Jh. nachweisbare enge Zusammenhang zwischen der Burg und dem Wirtschaftshof/Vorwerk am Fuße des Burgberges zerrissen und die Funktion der Burg als Verwaltungsmittelpunkt des Amtes stark beeinträchtigt. Weil die Burg selbst nicht mit zur Quart gelangt war, kam sie künftig als Wohnsitz für Juliane und ihre Kinder nicht mehr infrage, im Frühjahr 1629 zogen sie in das Rotenburger Schloß ein, während Lgf. Moritz in Eschwege Quartier nahm.
Burg und Herrschaft P. wurden in der Folgezeit nur noch besuchsweise von den Landesherren aufgesucht, so in den Jahren 1630 und 1632 von Landgf. Wilhelm V.
Infolge des am 16. Jan. 1642 zwischen den welfischen Hzg.e Friedrich, August und Christian Ludwig und Ks. Ferdinand II. in Goslar geschlossenen Separatfriedens war für die welfischen Lande und damit auch für die von ihnen umschlossene Exklave der ehem. Herrschaft P. der Dreißigjährige Krieg zu ende. Die auf der Burg einquartierte hessische Garnison blieb noch für einige Jahre und wurde bald nach der Mitte des 17. Jh.s mit den Verwaltungsbeamten und ihren Dienststellen von der Burg abgezogen und in das Tal, in den Hauptort des Amtes, Bovenden, verlegt. Die letzte Nachricht über die intakte und bewohnte Burganlage verzeichnete i.J. 1659 eine Holzlieferung an den »Bgf.en«, den im engeren Burgbereich für Verwaltung und Bewirtschaftung zuständigen Beamten. Nur rund fünfzig Jahre später, in dem 1713 erschienenen Werk Origines et antiquitates Plessenses von Joachim Meier, zeigte sich die Burg P. bereits als weitgehend zur Ruine gewordene Anlage.
Quellen
Das Inventar der Burgen Plesse und Radolfshausen vom Jahre 1571, hg. von Herbert Reyer, in: Plesse-Archiv 16 (1980) S. 115-148. – Das Salbuch der Herrschaft Plesse 1571, hg. von Anette Haucap, in: Plesse-Archiv 21 (1985) S. 23-118. – Die Salbücher des Amtes Radolfshausen von 1577 und der Herrschaft Plesse von 1588, hg. von Klaus Nass, in: Plesse-Archiv 16 (1980) S. 149-241. – Urkundenbuch zur Geschichte der Herrschaft Plesse (bis 1300), hg. von Josef Dolle, Hannover 1998. – Wagener, Silke: Halsgerichtsbarkeit in der Herrschaft Plesse 1571-1579. Ein Zeugnis des Amtmanns Hesse, in: Plesse-Archiv 26 (1990) S. 51-72.
Literatur
Aufgebauer, Peter: Die Burg Plesse in hessischer Zeit (1571-1660) nach den Schriftquellen, in: Ein feste Burg – die Plesse, hg. von Thomas Moritz, Göttingen 2000, S. 99-111. – Last, Martin: Die Burg Plesse, in: Plesse-Archiv 10 (1975) S. 9-249. – Krüger-Löwenstein, Uta: Die Rotenburger Quart, Marburg 1979. – Moritz der Gelehrte – ein Renaissancefürst in Europa, hg. von Heiner Borggrefe, Eurasburg 1997. – Meier, Joachim: Origines Et Antiqvitates Plessenses, Das ist: Pleßischer Ursprung und Denkwürdigkeiten – In sich begreiffend Der Edlen Herren von Plesse Ankufft/Wachsthum/Abnam/und endliches Absterben […], Leipzig 1713. – Scherwatzky, Robert: Die Herrschaft Plesse, Göttingen 1914.