Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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PLESSE

A. Plesse

I.

Die Edelherren von P. nannten sich seit 1150 nach der östlich oberhalb von Eddigehausen (Ortsteil des Flecken Bovenden, Lkr. Göttingen) gelegenen Höhenburg dieses Namens; ihr vorheriger Stammsitz war Höckelheim (Kr. Northeim), nach welchem Ort sie sich auch vor 1150 benannten. Den Forschungen von Reinhard Wenskus zufolge entstammten sie einer illegitimen Seitenlinie der Gf.en von Padberg. Ein liber Godescalc de Lengede, der zu 1070 gen. ist und über Besitz u. a. in Höckelheim verfügte, gilt als Stammvater der P.r. Bis zum ausgehenden 12. Jh. wurden Höckelheim und P. nebeneinander als Herkunftsname geführt, seit dem Ende des 12. Jh.s war dann P. der alleinige Name.

Die aus dem 11. Jh. stammende, zu 1015 erstmals schriftlich – in der Vita Meinwerci – erwähnte Burg → P. befand sich vor der Mitte des 12. Jh.s als Paderborner Lehen im Besitz Gf. Hermanns II. von Winzenburg, der sich zwischen 1139 und 1144 mehrfach nach der → P. benannte. Als seine Bgf.en und Vasallen dürften die von Höckelheim-P. auf die Burg P. gekommen sein. Nach der Ermordung Hermanns II. von Winzenburg i.J. 1152 fiel die Burg als erledigtes Lehen an Paderborn zurück und wurde nun direkt an die Herren von Höckelheim-P. als Lehen ausgetan.

II.

Seit den 70er Jahren des 12. Jh.s traten Angehörige der Edelherrenfamilie in der näheren Umgebung und als Urk.nzeugen Heinrichs des Löwen und Ottos IV. auf; diese enge welfische Parteigängerschaft wurde von 1192 bis 1195 dadurch unterbrochen, daß die Burg → P. aus Paderborner Besitz im Tausch gegen die Burg Desenberg (ostwärts von Warburg in Westfalen) an Ks. Heinrich VI. gelangte – viell. als Ersatz für die zerstörte Pfalz Grone; nach der Aussöhnung Heinrichs VI. mit Heinrich dem Löwen 1194 wurde der Tausch von 1192 rückgängig gemacht, und die → P. gelangte wieder an das Hochstift Paderborn.

In der staufisch-welfischen Auseinandersetzung zwischen Friedrich II. und Otto IV. traten Angehörig der Familie sowohl im staufischen (Gottschalk von P.) als auch im welfischen (Helmold II. von P.) Lager auf, doch hat offenbar diejenige Linie, die im Besitz der Burg war, nach 1195 stets welfisch optiert; Helmold II. von P. begleitete Otto IV. auf dem Romzug und war 1209 Zeuge der Ks.krönung.

In dem 1235 durch Ks. Friedrich II. neu begründeten welfischen Herzogtum Braunschweig-Lüneburg zählten die Herren von P. zu den wichtigsten Gefolgsleuten der Landesherren im heutigen südlichen Niedersachsen; im 13. und 14. Jh. traten sie häufig – und oft an erster Stelle – der Zeugenlisten hzgl. Beurkundungen auf. Neben engen politischen Verbindungen zu den Welfen unterhielten sie auch Lehnsbeziehungen zu den Ebf.en von Mainz und den Lgf.en von Hessen. Seit dem 14. Jh. verfolgten sie dann eine zielstrebige Politik der Allodifizierung ihrer Paderborner Lehnsausstattung, so daß sie seit dem 15. Jh. als Inhaber einer reichsunmittelbaren Landesherrschaft, der »Herrschaft P.«, galten. Um sich gegenüber dem welfischen Druck auf ihre vollständig innerhalb der welfischen Lande liegende Enklave zu behaupten, trugen die Herren von P. i.J. 1446 ihren Besitz den Lgf.en von Hessen zu Lehen auf; als 1571 mit Dietrich d.J. von P. die Familie im Mannesstamm ausstarb, trat Lgf. Wilhelm IV. von Hessen die Herrschaftsnachfolge an. Von 1571 bis 1815 gehörte dann – durch die kurze Zeit des Kgr.s Westphalen unterbrochen – die ehem. Herrschaft P. als Exklave zur Lgft. Hessen-Kassel. Als Ergebnis des Wiener Kongresses gelangte die Exklave 1815 an das Kgr. Hannover.

Quellen

Vita Meinwerei Episcopi Patherbrunnensis, hg. von Franz Tenckhoff, Hannover 1921 (MGH SSrer- Germ in us. schol. 59). – Urkundenbuch zur Geschichte der Herrschaft Plesse (bis 1300), hg. von Josef Dolle, Hannover 1998.

Aufgebauer, Peter/Busch, Ralf: Bischof Meinwerk von Paderborn und die Plesse, Duderstadt 2005. – Aufgebauer, Peter: Die Herren von Plesse und ihre Burg in der Politik des 12. und 13. Jahrhunderts, in: Burgenforschung in Südniedersachsen, hg. von Peter Aufgebauer, Göttingen 201, S. 97-112. – Dolle, Josef: Geschichte von Burg und Herrschaft Plesse aus schriftlichen Quellen bis zur Mitte des 15. Jahrhhunderts, in: Ein feste Burg – die Plesse, hg. von Thomas Moritz, Bd. 1, Göttingen 2000, S. 79-88. – Schwennicke, Detlev: Zur Genealogie der Herren von Plesse, in: Burgenforschung in Südniedersachsen, hg. von Peter Aufgebauer, Göttingen 2001, S. 113-125. – Wenskus, Reinhard: Sächsischer Stammesadel und fränkischer Reichsadel (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen. Philol.-Hist. Klasse, III, 93), Göttingen 1976, S. 7-22, 447-463.