Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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ORTENBURG

A. Ortenburg

I.

In zwei Urk.n Ks. Heinrichs IV. vom 12. Mai 1093 findet sich unter den Zeugen ein Adalbertus de Hortenburc bzw. Othemburg. Der Name O. wird mit der Lage der Burg am Ende (am Ort) eines Felsplateaus im Drautal südlich von Spittal an der Drau in Kärnten erklärt. Adalbertus, der auch als Freisinger Vizedom (1096) identifiziert wird, hatte drei Söhne: Adalbert, Ulrich und Otto; von letzterem stammen die Gf.en von O. ab, von ersteren viell. die Gf.en von Tirol. Diese Herleitung wird unterschiedlich aufgenommen. Die ältere Forschung sah einmal die Ursprünge des Hauses O. in Bayern, ein anderes Mal wird eine Verbindung zu den Aribonen konstruiert, schließlich gibt es noch den Ansatz, die O.er stammten von den Spanheimern ab und bildeten eine Seitenlinie. Diese Theorie bemühten v.a. die bayerischen Gf.en von O. zur Ansippung, um Ansprüche auf den o.ischen Teil des Cillier Erbes anzumelden. Die bayerischen Gf.en haben sich aber erst im 16. Jh. von Ortenberg auf O. umbenannt. Die gesicherte Genealogie beginnt mit Otto I., der 1124 erstmals erwähnt wird.

II.

Die O.er führten zwar seit dem Stammvater Otto I. den Titel eines Gf.en, ihr genauer Status gegenüber dem Kärntner Hzg. und dem Reich ist allerdings nicht geklärt. Bes. der letzte O.er, Friedrich III., der 1374 erstmals urkundlich auftrat und 1418 starb, legte auf eine angemessene Stellung des Hauses Wert: Die Bezeichnung Gft. O. tritt erstmals 1377 auf, die Blutgerichtsbarkeit, die vorher von den → Görzer Gf.en ausgeübt wurde, kam 1389 an die Gf.en von O. und wurde 1395 von Kg. Wenzel für alle Gebiete verliehen. Im Jan. 1411 wurde Friedrich III. vom römisch-deutschen Kg. Sigmund zum Reichsvikar in Friaul und im Patriarchat Aquileja ernannt. Schon vorher wurden Vertreter des Hauses von den jeweiligen Landesherren zu Hauptmännern in Kärnten, Krain und Friaul bestimmt. Nach dem Tod Friedrichs III. 1418 wird die Gft. O. an die Gf.en von Cilli als Reichslehen verliehen. Vogteirechte bestanden auf die Kl. Sittich in Krain (bis 1338) sowie Ossiach (1249 bzw. ab 1338) und Millstatt (ab 1385) in Kärnten. 1410 wählte das Aquileier Domkapitel Friedrich III. zum Vizedom.

Zahlr. Mitglieder der Familie schlugen die geistliche Laufbahn ein. Neben Domherren und Pfarrern stellten die O.er auch Bf.e. Bereits Ottos I. Bruder Ulrich war Erzdiakon und Propst zu Aquileja, 1130 wurde er zum Patriarchen von Aquileja gewählt, fand allerdings keine päpstliche Anerkennung. Ottos I. Tochter Gertrud wurde Äbt. von St. Georgen am Längsee, sein Sohn Hermann I. wurde 1179 zum Bf. von Gurk gewählt, doch vom Salzburger Ebf. nicht anerkannt und mußte 1180 resignieren. Erst Hermanns Neffe Ulrich II. konnte sich im Gurker Bf.samt 1221 durchsetzen. Er kämpfte für die Unabhängigkeit des Bm.s von Salzburg, mußte aber schließlich seine Ambitionen aufgeben; er starb 1253. Die Wahl Ottos V. zum Bf. von Brixen 1290 und 1301 zum Patriarchen von Aquileja scheiterte, da er nicht die nötigen Weihen besaß; er heiratete wenige Jahre später. Schließlich gelang noch 1363 die Wahl Albrechts II. zum Bf. von Trient, er starb 1390.

Die Gf.en von O. konnten sich mit dem Drautal von Möllbrücke bis Villach einen Teil des Erbes der in der ersten Hälfte des 12. Jh.s ausgestorbenen Gf.en von Lurn sichern. Zur gleichen Zeit ist durch Aquileier Lehen oder aus dem Erbe von Ottos I. Frau Agnes ein großer Besitz in Krain an die O.er gekommen. Der unbesiedelte Unterkrainer Besitz – die Gottschee – wurde ab den 30er Jahren des 14. Jh.s von Siedlern aus Oberkärnten kolonisiert. In Kärnten kam es zu wesentlichen Besitzerweiterung etwa 1329 zum Kauf der Herrschaft → Sternberg.

III.

Das Wappen der Gf.en von O. bestand im 13. Jh. aus einem erniedrigten Sparren begleitet von drei Adlerflügeln. Die Züricher Wappenrolle überliefert die älteste farbige Darstellung: Eine in Silber erniedrigte rote Spitze mit silbernem Flug, die zwei rote Flüge in den Oberecken teilt. Im 14. Jh. kam unter Otto V. zu den drei Adlerflügeln je ein sechsstrahliger Stern hinzu, die Sterne stehen für die 1329 erworbene Gft. → Sternberg. Friedrich III. siegelte mit einem Topfhelm mit offenem Adlerflug als Helmzier über einem nach links geneigten Wappenschild, bestehend aus drei sechsstrahligen Sternen. Gerade die Sterne geben für Spekulationen Anlaß, da sie nicht nur für die Gft. → Sternberg, die einer Seitenlinie der Gf.en von → Heunburg gehörte, stehen, sondern auch an das Wappen der Gf.en von Cilli (die das Heunburger Wappen weiter führten) erinnern. Beide Wappen führen drei goldene, sechsstrahlige Sterne allerdings in rotem (→ Heunburg- → Sternberg) bzw. blauem (Cilli- → Heunburg) Feld. Da das Wappen nur auf Siegeln überliefert ist, läßt sich diese Frage nicht eindeutig klären. Für → Sternberg spricht die Bedeutung der Herrschaft im O.er Besitz, für Cilli, daß Friedrich III. der Sohn Annas von Cilli war und mit den Cillier Gf.en 1377 einen Erbvertrag schloß.

Von den Gf.en von O. existieren nur wenige zeitgenössische Darstellungen. Die älteste ist die Grabplatte Albrechts II. von O., Bf. von Trient (1390, heute im Museo Diocesano in Trient). In der Stadtpfarrkirche Spittal an der Drau befinden sich noch zwei Stifterreliefs vom Ende des 14. Jh.s. Eines zeigt kniend Friedrich III. und Friedrich II., die sich empfohlen vom Hl. Georg fürbittend an Maria wenden. Zwei Schildknappen dahinter halten die Symbole Stern und Adlerschwingen. Ältere Deutungen hatten die Gf.en Friedrich II. und Hermann III. von Cilli als kniende Personen vermutet, während stehend deren Vater Hermann II. identifiziert wurde. Im zweiten Relief ist Albert von O. kniend vor Maria abgebildet. Auch hier besteht eine Cillier-Interpretation, abgebildet könnte auch Hermann von Cilli, Bf. von Freising und Trient, sein. Allerdings sind beide Reliefs eindeutig vor 1418 entstanden.

IV.

Die Gf.en von O. zeichnen sich in fast allen Generationen durch einen großen Kinderreichtum aus. Gf. Hermann I. hatte in zwei Ehen zwölf Kinder, sein Enkel Albrecht elf. So war es geradezu eine Notwendigkeit, v.a. die männlichen Nachfahren in geistliche Ämter zu bringen, insgesamt wurden elf Kinder dafür vorgesehen. Erst in der vierten Generation nach Otto I. kam es zu einer Linienbildung, doch nur eine Seitenlinie existierte noch eine Generation länger.

Die Ehen der O.er Söhne und Töchter zeigen eine starke Verbindung mit den bedeutenden Adelsgeschlechtern im Alpen-Adria-Raum, eine bes. enge Verwandtschaft ergibt sich zum Kärntner Adel. Diese Politik wurde am Beginn des 14. Jh.s zum Problem. 1321 erwirkten die O.er eine päpstliche Dispens für zwei Töchter, da es in der näheren Umgebung keine Heiratskandidaten angemessenen Standes ohne bestehende Verwandtschaft mehr gab. Zugl. wurden Heiratspläne mit den bosnischen Kotromanić und den kroatischen Frangepan, Gf.en von Veglia, geschmiedet. Diese Unternehmen scheiterten, allerdings gelangen Heiraten nach Oberitalien. Die O.er wandten sich im 14. Jh. v.a. auch den Neuaufsteigern zu und heiratete in die Familien der Schaunberger, Wallseer und Cillier ein. Letztere sollten schließlich auch den O.er Besitz nach dem Tod Friedrichs III. 1418 übernehmen. Zuvor fiel durch Ehen auch Besitz an die O.er. So dürften bereits durch die Ehe Ottos I. mit Agnes von → Auersperg Teile des Krainer Besitzes an das Haus gekommen sein. Meinhard I. ehelichte Elisabeth von Peggau→ Sternberg, die letzte Vertreterin dieser Seitenlinie der Heunburger Gf.en. Ihr Vater Gf. Walter III. von → Sternberg verkaufte 1329 seinen Besitz an die O.er.

Quellen

Monumenta Historica Ducatus Carinthiae. Geschichtliche Denkmäler des Herzogthumes Kärnten, Bde. 3-11, Klagenfurt 1904-1972.

Dopsch, Heinz: Ortenburg, Grafen von, in: Lex- MA VI, 1993, Sp. 1482-1483. – Huschberg, Johann Ferdinand: Geschichte des herzoglichen und gräflichen Gesamt-Hauses Ortenburg, Sulzbach 1828. – Lackner, Christian: Zur Geschichte der Grafen von Ortenburg in Kärnten und Krain, in: Carinthia 181 (1991) S. 181-200. – Lackner, Christian: Die Siegel der Grafen von Ortenburg, in: Spittal 800. 1191-1991. Spuren europäischer Geschichte, hg. von der Stadtgemeinde Spittal an der Drau, Spittal an der Drau 1991, S. 75-81. – Meyer Therese/Karpf Kurt: Herrschaftsausbau im Südostalpenraum am Beispiel einer bayerischen Adelsgruppe. Untersuchungen zum Freisinger Vizedom Adalbert, zur Herkunft der Eurasburger in Bayern, der Grafen von Tirol und der Grafen von Ortenburg in Kärnten, in: ZBLG 63 (2000) S. 491-539. – Meyer Therese: Die Ortenburger ca. 1093-1418/1419, in: Spittal 800. 1191-1991. Spuren europäischer Geschichte, hg. von der Stadtgemeinde Spittal an der Drau, Spittal an der Drau 1991, S. 46-75. – Tangl Karlmann: Die Grafen von Ortenburg in Kärnten. Erste Abtheilung von 1058 bis 1256, in: AÖG 30 (1863) S. 203-352. – Tangl Karlmann: Die Grafen von Ortenburg in Kärnten. Zweite Abtheilung von 1256 bis 1343. in: AÖG 36 (1866) S. 1-183. – Tropper Christine: Ulrich von Ortenburg, in: Die Bischöfe des Heiligen Römischen Reiches 1198 bis 1448, hg. von Erwin Gatz, Berlin 2001, S. 209-210. – Trotter Kamillo: Zur Abstammung Friedrichs, des angeblichen Stammvaters der kärntnerischen Grafen von Ortenburg, in: MIÖG 31 (1910) S. 611-616. – Trotter Kamillo: Zur Frage der Herkunft der kärntischen Grafen von Ortenburg, in: MIÖG 30 (1909) S. 501-502. – Vareschi Severino: Albert, Graf von Ortenburg († 1390). 1360-1390 Bischof von Trient, in: Die Bischöfe des Heiligen Römischen Reiches 1198 bis 1448, hg. von Erwin Gatz, Berlin 2001, S. 782-783.