NIDAU UND AARBERG-VALANGIN
I.
Seit 1226 hatte die Familie von Aarberg über mehrere Res.en verfügt, bis zum Erlöschen des letzten Zweiges der Familie Aarberg-V. i.J. 1517. All diese Burgen sind einschließlich des für die Herrschaft namengebenden Aarberg (Kanton Bern) heute verschwunden oder bestehen nur mehr in Form von Ruinen fort, außer dem Schloß von V. (Kanton Neuchâtel), das Gegenstand dieses Artikels ist.
Gegen 1143 bis Ende des 18. Jh.s: (Val[l]engin); 1276 bis Beginn des 16. Jh.s: (Vaulangin und Vaulengin); 1297 bis heute: (Val[l]angin); 1297: Erste Erwähnung (li chastels de V.s).
Die Burg V. bildet den Sitz der Herrschaft V. Seit dem 12. Jh. Im 13. Jh. erstreckte sich deren Besitz hauptsächlich auf den südwärts laufenden Rücken des Jura im Gebiet von Neuchâtel in 700 bis 1000 m Höhe vom Val-de-Ruz bis zum Doubs.
V. war eine befestigte Burg und anfänglich Sitz einer in der Mitte des 12. Jh.s erwähnten herrschaftlichen Familie, bevor es in die Hände der Herren von Neuchâtel überging; später dann an verschiedene Zweige dieser Familie, darunter auch seit 1251 an die Herren von Aarberg. Beim Tode Ulrichs I. von Aarberg i.J. 1276 wurde V. von der Gft. Aarberg losgelöst und dreien seiner Söhne, nämlich Dietrich, Ulrich II. und Johannes I., dem Gründer des Zweiges Aarberg-V., zugesprochen. Der letzte männliche Vertreter dieser Linie, Claude von Aarberg und Herr von V. und von Baufremont starb i.J. 1517 auf dem Schloß V. Durch Erbschaft ging die Herrschaft dann in die Hände der Gf.en von Challant über, bevor sie durch Kauf mit der Gft. Neuchâtel i.J. 1592 verbunden wurde. Danach besaß das Schloß einen Hauptmann und Bgf.en, der die gerichtliche Autorität mit Gefängnis der Chatellenie V. bis zum 19. Jh. ausübte. Seit 1894 ist es in öffentlichem Besitz und Sitz der Gesellschaft für Geschichte und der Archäologie des Kantons → Neuenburg. Es beherbergt heute ein regionales historisches Museum.
II.
Das Schloß und das Dorf von V. befinden sich am Südhang eines breiten Tales, des Val-de-Ruz, das an seinem tiefsten Punkt auf 650m Höhe liegt, am Eingang der schroffen Felsschlucht des Flusses Seyon und unterhalb der zwei alten Hauptstraßen, die die Herrschaft mit dem Schweizer Hochplateau sowie den benachbarten Tälern von St-Imier und dem Val-de-Travers verbinden.
Das Val-de-Ruz war während des Altertums ziemlich dicht besiedelt, da dort zahlr. antike Ortsnamen und wenigstens vier »Villen»identifiziert worden sind. Allerdings konnten in V. keine Überreste aus dieser Epoche entdeckt werden. Neuere Arbeiten weisen jetzt darauf hin, daß das Val-de-Ruz der alten karolingischen Vikarie des Vallis Rodolii entspricht, während der Ortsname Saules, heute ein nahe gelegenes Dorf, bei dem die Überreste einer galloromanischen Siedlung entdeckt worden sind, aus dem merowingischen Appellativ salla stammen dürfte, das im Allg. den Sitz eines kgl. Repräsentanten bezeichnete. Nicht weit davon entfernt belegen die Ausgrabungen, die in der Kirche St. Pierre zu Engollon durchgeführt wurden, an dieser Stelle ab dem 8. Jh. die Existenz der öffentlichen Kirche der Vikarie. Der Name V. scheint sich zur selben Zeit (7.-9. Jh.) in der Form einer Zusammensetzung von val mit dem Personennamen Lengin, dem Diminutiv von Lango, gebildet zu haben. Eine Herrschaft V., deren Zentrum das Val-de-Ruz war, ist urkundlich seit der Mitte des 12. Jh.s belegt. Die Wirtschaft der ma. Herrschaft, die weder eine Stadt noch eine wichtige Durchgangsstraße oder eine kirchliche Gründung hervorbrachte, war zu dieser Zeit rein agrarisch geprägt, und die Herren von V., die zudem noch zahlr. Weinberge am Ufer des Neuenburgersees besaßen, waren die wesentlichen Betreiber der Kolonisierung und Urbarmachung der benachbarten Jurabergtäler.
Im MA war V. der Diöz. von Lausanne zugehörig und hing von der Kirche St. Pierre von Engollon, die 4 km von dort entfernt lag, ab. Mangels einer eigenen kirchlichen Gründung der herrschaftlichen Familie benutzte die Familie von Aarberg-V. die Kirche von St. Pierre zu Engollon als kirchliches Zentrum der Herrschaft und bis zur Gründung des Kapitels und der Kollegiatskirche St. Pierre von V. i.J. 1505 als Grablege. 1531 nahmen die Bürger von V. und die Einw. des Herrschaft den reformierten Glauben an, obwohl die Herren von V. dem katholischen Glauben treu blieben.
Die Bedeutung von St. Pierre zu Engollon erklärt zweifellos die Errichtung des befestigten Fleckens La Bonneville, der im letzten Viertel des 13. Jh.s durch Johann I. in nur 300 m Entfernung von dort erbaut wurde. Aber diesem Versuch, eine kleine herrschaftliche Hauptstadt zu schaffen, war nur eine kurze Dauer beschieden, da der Flecken i.J. 1301 durch Rudolf Gf. von Neuchâtel definitiv zerstört wurde. Nach diesem Mißerfolg wurde am Fuß der Burg von Gerhard von Aarberg gegen 1330 ein neues Dorf gegr., aber auch dieser Versuch hatte nur einen mäßigen Erfolg, da mehrere Parzellen nie bebaut wurden und man i.J. 1531 in V. nur 25 Feuerstellen zählen konnte. Anfänglich verstand der Flecken V. nur aus einer breiten langen Straße von 70 m Länge, die mit zwei Häuserreihen bebaut war und von zwei Toren begrenzt wurde. Zu Beginn des 16. Jh.s war der Bau der Kollegiatskirche St. Pierre der Ursprung eines kleinen Kanoniker-Vorortes. Der Flecken scheint vor der Schaffung einer Bürgergemeinde (bourgeoisie) in der ersten Hälfte des 16. Jh.s nicht über Gemeindebehörden verfügt zu haben.
III.
Die Burg von V. besetzt einen felsigen Steilhang, der den Fluß auf einer Fläche von ungefähr 4000 qm überragt. Die ältesten architektonischen Überreste sind die Grundmauern eines viereckigen Turms von 10 x 7 m und eine Mauer auf dem höchsten Punkt des Hügels – wahrscheinlich der Wohnsitz der ersten Herren von V. im 12. Jh., da zwei architektonische Frgm.e, die an dieser Stelle entdeckt wurden, ein romanisches Dekor tragen. Der Ort erfährt dann im Laufe des 13. Jh.s die übliche Entwicklung mit dem Bau eines mächtigen Hauptturms von 24 mal 12 m mit zwei Stockwerken und eines vorgelagerten hohen Hofes. Um die junge Siedlung darunter zu kontrollieren wurde 1334 ein viereckiger Turm vor der Burgmauer gebaut, der später vom unteren Hof eingeschlossen wurde. Dieser wurde vom Ende des 14. Jh.s an errichtet, und zu diesem konnte man durch ein System von Trockengräben und Zugbrücken gelangen. Im 15. Jh. wurde die Burg mit einer Fausse-Braie ausgestattet, die die südliche Mauer des Fleckens einschließt, um sich an die schnelle Verbreitung von Artillerie anzupassen. Geschützt durch diese neuen Ausbauarbeiten öffnete sich nunmehr der Wohnteil der Burg, der ursprgl. nur aus dem Hauptturm gebildet wurde und der durch Holzböden unterteilt war, durch große Kreuzfenster und begann komplexer zu werden und sich auszudehnen. Ein Inventar aus dem Jahre 1429 belegt die Existenz von etwa zehn Räumen. Im Jahre 1517 zählte man bereits etwa dreißig. Eine Lektüre in situ dieser Inventare erlaubt, sich eine Idee von der Organisation eines ziemlich bescheidenen herrschaftlichen Wohnsitzes zu verschaffen, obwohl die Möbel heute nicht mehr vorhanden sind. Im Jahre 1517 beherbergten das Erdgeschoß und das erste Stockwerk des Hauptturmes, der zu Beginn des 16. Jh.s um einen Annex in Form eines Turmes erweitert wurde, die beiden herrschaftlichen Appartements. Sie setzen sich jeweils aus einem Schlafzimmer, aus einer Garderobe, aus Latrinen und aus einem Ofen zusammen, denen noch die Räume der Bediensteten vorgeschaltet waren (kleine Küche, Öfen, Zimmer). Auf dem höchsten Geschoß des Annexes findet sich ein Zimmer mit einem kleinen Ofen, das zum Vergnügen als Belvedere angelegt war. Der Keller umfaßte einen Weinkeller und eine Presse und die Dachböden waren als Speicher konzipiert. Der alte Hof wurde vollständig von einer ausgedehnten gewölbten Küche und ihren Nebenräumen, dem großen Saal und der Burgkapelle eingenommen. Scheunen und Ställe waren auf den unteren Hof verlegt. Es ist bemerkenswert, daß mit Ausnahme der herrschaftlichen Zimmer alle Räume und Gänge Schlafplätze für die Angestellten und für Besucher besaßen und so das Bild eines Hauses vermitteln, das völlig auf die Bedürfnisse der Herrschaftsausübung und deren Repräsentanten ausgerichtet war.
Literatur
Bujard, Jacques/Reynier, Christian de: Les châteaux et les villes du Pays de Neuchâtel au Moyen Age – Apports récents de l'archéologie, in: Mittelalter – Moyen Age – Medioevo, Zeitschrift des Schweizerischen Burgenvereins 2 (2006) S. 69-102. – Bujard, Jacques/Reynier, Christian de: L'église Saint-Pierre d'Engollon au travers des siècles, in: L'église Saint-Pierre d'Engollon au travers des siècles, hg. von Jacques Bujard, Maurice Evard und Christian de Reynier, Neuchâtel 2009 (Nouvelle revue neuchâteloise, 101), S. 5-41. – Glaenzer, Antoine/Bujard, Jacques: La ville de Valangin au moyen âge, in: Revue historique neuchâteloise 1/2 (2005) S. 35-60. – Müller, Wulf/Sigrist, Eric: Le toponyme Valangin (Neuchâtel, Suisse), nouvel essai d'explication, in: Nouvelle revue d'onomastique 49/50 (2008) S. 39-54. – Reynier, Christian de: Aux origines de Valangin, regards sur le château, in: Revue historique neuchâteloise 1/2 (2005) S. 7-34.