NIDAU UND AARBERG-VALANGIN
I.
Als Enkel des Gf.en Ulrich, Stammvater aller »dt.« Zweige der Gf.enfamilie von Neuchâtel, gehörte Johann (gest. 1331) zum Zweig derer von A. und war der erste Dynast, der ausschließlicher Herr von V. war. Fünf Generationen derer von A.-V. werden ihm bis zum Tod des Gf.en Claude i.J. 1517 nachfolgen.
Die Herrschaft V. ist hauptsächlich ein Bergterritorium, das dem Nordwestteil des gegenwärtigen Schweizer Kantons Neuchâtel entspricht. Ihr Territorium wurde hauptsächlich durch die Besiedlung der Jurawälder unter herrschaftlicher Kontrolle geschaffen, was soweit ging, daß man auch ins Territorium der Franche Comté übergriff, insbes. im Fall von Brenet. Die »Hauptstadt« war V., eine alte Burg, im 14. Jh. von einem kleinen bourg umgeben. Diese Freistadt wurde gegen 1500 durch die Erbauung einer Kollegiatskirche und von Kanonikerhäusern aufgewertet.
Die durch die Gf.en von Neuchâtel-Stadt an der Wende des 13. zum 14. Jh. errungenen Siege über die A.-V. sowie die Bf.e von Basel erlaubten ihnen, die Lehennutzung der Herrschaft von V. zu fordern und ihr einige Souveränitätszeichen zu versagen, wie z. B. den eigenen vierschläfrigen Galgen (mit vier Pfeilern), der auf einen dreischläfrigen beschränkt wurde. Die Herren von V. versuchten, sich ihren Pflichten zu entziehen, indem sie sich insbes. auf die Rechte stützten, die sie ihren Verbündeten, den Bf.en von Basel, zuerkannt hatten. Der Haß auf das Geschlecht der Gf.en von Neuchâtel – feierlich im Testament von 1427 durch den Gf.en Wilhelm an seine Erben weitergegeben – hatte eine strukturierende Wirkung auf die Herrschaft V. und half ihren Herren, daraus ein Beinahe-Fsm. zu machen. Ihre Rivalität mit den Gf.en von Neuchâtel-Stadt machte zudem aus den A.-V. den einzigen Zweig der Familie von Neuchâtel, der nicht den ursprgl. Namen trug.
II.
Das umfangr. überlieferte Rechnungsmaterial würde eine Studie des materiellen Lebens der Herren seit der Mitte des 15. Jh.s erlauben. Das dynastische Bewußtsein und die Anstrengungen zur Selbstdarstellung waren jedoch älter. Die A. entwickelten die Burg V., bis daraus gegen 1500 eine beträchtliche Res. geworden war, den Sarkasmus des Gf.en von Neuchâtel zu beachten, der sie als ein »steiles Felsennest« (aigre pierrier) bezeichnete. Es war ihre einzige Res. in der Herrschaft. Im Jahre 1545 jedoch ließ der angeheiratete Nachfolger, René de Challant, einen Zollposten am Rande des Flusses Doubs aus Stein wieder aufbauen und einrichten, der ihm von nun an ebenfalls als Wohnsitz dienen konnte und der später den Namen Maison Monsieur trug. Aber die A.-V. besaßen auch fern liegende Herrschaften. Gegen Ende seines Lebens hielt Johann, der über 70 Jahre (1427-1497) herrschte, Hof in der lothringischen Herrschaft von Beaufremont. Ein auf V. ausgerichtetes Hofleben kam mit seinen Nachkommen, seinem Sohn Claude (1497-1517) und bes. dessen Ehefrau Guillemette von Vergy zurück, die auf dem Schloß i.J. 1543 starb. Ein Bericht über ihren Tod erwähnt die Auflösung ihres Hofes: er setzte sich v.a. aus Mitgliedern der Familie zusammen, aber einige Amtsträger und Domestiken werden ebenso erwähnt sowie der Wagenpark (voiturage) und sein Personal. Wie so oft integrierten die Herren ihre Bastarde in die Verwaltung ihres Territoriums, so auch im Fall des Einnehmers (receveur) und Generalstatthalters der Herrschaft zu Beginn des 16. Jh.s.
Die Herren von V. betrieben eine Politik der Unterstützung der Kirchen, die, außer der Frömmigkeit, zum Ziel hatte, ihre Kirchengemeinden um das Stiftskapitel von V. zu vereinen, damit sie von diesem absorbiert würden. V. zum geistlichen Zentrum der Herrschaft zu machen konsolidierte die Stadt. Daneben erlaubte ihre Unterstützung bei Bau und Ausschmückung der Kirchen den Gf.en, ihre Embleme in der ganzen Gft. zu verbreiten. Daher kommt es, daß wir die Emblematik der A.-V., die übrigens schlecht erforscht ist (wir kennen z. B. ihren Kriegsruf nicht), dank der Dekoration der Kirchen rekonstruieren können: durch eine Glasmalerei in Cernier und insbes. durch die Kirche von La Sagne, deren Gewölbeschlußsteine die Wappen der V. sowie der Challant, ihres Erben, und der Vergy und Beaufremont, ihrer Verbündeten, tragen. Eben solches begegnet, in bescheidenerer Form, in le Locle und, natürlich aufwendiger, in V. Man findet überall das Wappen von Neuchâtel mit den drei Sparren, das zu Anfang von der gesamten Familie Neuchâtel getragen wurden, das sich später aber auf die deutschsprachigen Zweige beschränkte, während der Zweig von Neuchâtel-Stadt es bei einem Sparren in seinem Wappen bewenden ließ.
Die verschiedenen Formen der Darstellung religiöser Gefühle, die sich ihnen anboten, um ihrer Herrschaft und ihrer Linie Glanz zu verleihen, scheinen bes. von den A.-V. bevorzugt worden zu sein. Außer bei der Ausschmückung der Kirchen – die Burgkapelle wurde mit Orgel und Altarbildern ausgestattet – ist dies bei der Begräbnispolitik und an ihrer Haltung als Glaubensverteidiger zu beobachten.
Gf. Gerhard von A.-V., ein Opfer des Laupenkrieges i.J. 1339, wurde nach dem Beispiel seines Vetters des Gf.en von → Nidau in voller Rüstung im Chor der Kirche von Engollon begr., so wie später in Königsfelden die adeligen Opfer der Schlacht von Sempach. Engollon, Pfarrkirche von V., wurde i.J. 1427 als Familiennekropole eingerichtet, als Gf. Wilhelm beschloß, dort die Gebeine seiner Vorfahren zusammenzuführen. Daß dieses Programm wohl nicht ganz vollendet wurde, ist v.a. auf Fragen der Bestattung zurück zu führen, die zur Konstruktion eines Kollegiatsstifts in V. führten. Das Herrscherpaar (Claude von A. und Guillemette von Vergy) wird dort in aufwendiger Weise in liegender Form (gisants) mit einem darüber liegenden Bogen dargestellt, über dem eine mit Wappen verzierte Bronzeinschrift steht.
Im Jahre 1427 hatte Wilhelm von A. ganz an den Anfang seines Testaments ein feierliches Glaubensbekenntnis gesetzt und seinen Aufbruch zu einem Kreuzzug gegen die Hussiten angekündigt, von dem er nicht zurückkommen sollte. Ein Jh. später, i.J. 1541, verwandelte Guillemette von Vergy ihr Testament in ein Manifest der Gegenreformation und befahl für Bestattungen die Teilnahme von hundert Priestern – eine unmögliche Sache in einem Fsm., das schon der reformierten Kirche unterstand. Zwischen diesen zwei Testamenten bzw. Manifesten ging Gf. Johann auf Wallfahrt nach Jerusalem i.J. 1453 und ließ sein Wappen am Hl. Grab anbringen, wo ein Zeuge sie noch gegen 1480 vorfand. Guillemette hatte ähnliche Wallfahrten subventioniert, indem sie den Wallfahrer verpflichtete, sie an dem geistlichen Ertrag zu beteiligen. Sie besaß einen Kasten, der für sie aus Jerusalem mitgebracht worden war.
Literatur
Aeschbacher, Paul: Die Grafen von Nidau, Biel 1924. – Berns mutige Zeit: das 13. und 14. Jahrhundert neu entdeckt, hg. von Rainer C. Schwinges, Bern 2003, insb. S. 132-136. – La collégiale de Valangin 1505-2005, hg. von Jacques Bujard, Neuchâtel 2005 (Revue historique neuchâteloise, 2005). – L'église Saint-Pierre d'Engollon au travers des siècles, hg. von Jacques Bujard, Maurice Evard und Christian de Reynier, Neuchâtel 2009 (Nouvelle revue neuchâteloise, 101). – Favarger, Dominique: Deux fiefs des Challant: la baronnie de Beaufremont et la seigneurie de Valangin, in: Publication du Centre européen d'études burgondo-médianes 15 (1973) S. 77-83. – Matile, Georges-Auguste: Histoire de la seigneurie de Valangin jusqu'à sa réunion à la directe en 1592, Neuchâtel 1852. – Morerod, Jean-Daniel: La force du voeu. Le pèlerinage à Jérusalem de Guillaume de Chalon et ses témoins (1453-1454), in: L'itinérance des seigneurs (XIVe-XVIe siècles), Lausanne 2003 (Cahiers lausannois d'histoire médiévale, 34), S. 89-102. – Moser, Andres: Der Amtsbezirk Nidau, Tl. 1, 2, Bern 1998, 2005 (Die Kunstdenkmäler der Schweiz, 90, 106). – Paravicini Bagliani, Agostino: Autour de la Rose d'or du comte de Neuchâtel au Musée de Cluny, in: In dubiis libertas, Mélanges d'histoire offerts au Professeur Rémy Scheurer, hg. von Philippe Henry und Maurice de Tribolet, Hauterive 1999, S. 59-65.