NEUENBURG
I.
1011: (Novum Castellum); gegen 1143: (Novum Castrum); 1232: Erste Erwähnung des Schloßes (aula domini novi castri); 1296 (Neufchastel); Ende des 17. Jh.s. (Neufchâtel und Neuchâtel); Ende des 18. Jh.s (Neuchâtel).
Das Schloß und die Stadt von N. als Hauptort gaben der Gft. von N. ihren Namen. Seit dem 12. Jh. befand sich der Hauptbesitz im sog. Schweizer Seeland auf den Ufern nordöstlich der Seen von Biel und N. sowie im Massiv des Jura bis hin zum Doubs.
Das Schloß von N. war ein befestigter Palast und Sitz der Gf.en von N., die aus dem gleichnamigen Herrengeschlecht hervorgegangen waren (ca. 1143-1395) sowie der Herren von → Freiburg i.Br. (1395-1458) und den von Baden-Hachberg (1458-1503). Vom 16. Jh. bis 1848 beherbergte das Schloß die Verwaltung der Gft. von N. und es gehörte den kgl. Familien von Orleans-Longueville (1504-1707) und von Preußen (1707-1848), die durch Gouverneure vor Ort vertreten wurden. Es ist heute der Sitz der Regierung der Republik und des Schweizer Kantons N.
II.
Das Schloß und die Stadt N. liegen am Nordufer des Sees von N., am südlichen Fuß der Bergkette des Jura und des Schweizer Plateaus entlang einer antiken Straße am Fuße des Jura und am Beginn der Transjura-Passage von Val-de-Travers. Das Schloß befindet sich auf einem schroffen Felsvorsprung, der ursprgl. durch den Fluß Seyon und durch den See abgegrenzt wurde. Dieser Platz kontrollierte somit den Transit zwischen See und Berg und profitierte vom Verkehr über den See und den Fluß im Mittelland. Die Stadt hat sich auf dem Abhang zwischen dem See und dem Schloß entwickelt, später dann entlang des Flusses und schließlich auch darüber hinaus.
Das Nordufer des Sees von N. war schon einschließlich der unmittelbaren Zugänge zur ma. Stadt N. in der Antike besiedelt, aber bis zum heutigen Tag gibt es keine Hinweise auf eine Besiedelung des Schloßberges vor dem MA. Es war Rudolph III. von Burgund, der den Hügel gegen das Jahr 1000 befestigt zu haben scheint, da er am 24. April 1011 seiner Ehefrau verschiedener Güter schenke, darunter auch ein novum castellum, regalissimam sedem, cum servis et ancillis et omnibus appendiciis. N. hatte seitdem seinen Platz im kgl. Fiskus und stellte einen milit. Stützpunkt dar. Seit der Mitte des 12. Jh.s besaßen die Herren von N. das Schloß.
Im MA war die Region v.a. agrarisch geprägt. Der Anbau von Wein nahm dabei eine herausragende Stelle am Flußufer ein, während die Tierhaltung und der Getreideanbau in den Tälern vonstatten ging, von denen die höher gelegenen ab dem 11. Jh. kolonisiert wurden. Der Verkehr durch das Val-de-Travers und auf den drei Juraseen stellt für die Gf.en ein interessantes Zusatzeinkommen dar.
Zum Zeitpunkt seiner Gründung befand sich N. selber in der Gft. von Bargen, die wiederum zur Diöz. von Lausanne gehörte, der Hauptdiöz. des Rudolphischen Kg.reichs von Hochburgund. Gegen 1170 gründeten die Gf.en von N. die Kollegiatskirche Notre-Dame von N., seit dieser Zeit der Sitz der Kirchengemeinde und des Dekanats von N. Im Jahre 1530 nahmen die Bürger von N. offiziell den reformierten Glauben an.
Erste Hinweise auf die Existenz einer Siedlung N. gehen auf die zweite Hälfte des 12 Jh.s zurück. Einige Jahrzehnte vor der Bewilligung der ersten Stadtfreiheit durch den Gf.en Ulrich und seinen Neffen Berthold i.J. 1214. Der gfl. Ehrgeiz, einen Hauptort der Gft. zu schaffen, gab der Entwicklung der Stadt sicherlich einen entscheidenden Impuls am Ende des 12. und im 13. Jh. Zu dieser Zeit besteht N. aus einer Oberstadt, direkt neben dem Schloß, einem auch fiskalisch privilegierten Viertel, in dem auch die Geistlichkeit wohnte und die durch zwei Tortürme sowie eine Vorstadt begrenzt wurde. Letztere entwickelt sich später auf dem linken Ufer des Seyon auf dem sandigen Uferstreifen, was den Bau eines neuen Areals gegen 1370 erforderte. Im Jahre 1353, kurz nach der großen Pest von 1349, zählte die Stadt (noch) 300 Feuerstellen. Diese Zahl blieb dann auch bis ins 18. Jh. hinein konstant.
Im MA wurde die Stadtverwaltung aus gfl. Beamten gebildet. Aus dieser Gruppe ernannte der Gf. einen Bürgermeister, der einem Stadtrat von zunächst zwölf und dann später 24 Bürgern vorsaß. Die Exekutive wurde vom Kollegium der Quatre-Ministraux (Vier Ministerialen) gebildet, die aus vier bis neun Personen bestand, die durch den Stadtrat ernannt wurden. Die Stadtverwaltung scheint nicht vor dem Ende des 14. Jh.s über so etwas wie ein Rathaus verfügt zu haben. Bis zum Ende des MAs wurden diese Institutionen durch die Gf.en direkt kontrolliert, aber die Bürger versuchten mehrmals im Laufe des 15. und 16 Jh.s sich von der gfl. Autorität zu befreien, ohne dies jedoch zu erreichen und einen echten Stadtstaat zu gründen.
III.
Das Schloß von N. besetzt das östliche Ende des Hügels. Es ist um einen ausgedehnten rechteckigen Hof (ca. 27 x 24 m) herum angelegt, der über ein monumentales Tor mit zwei Tortürmen zugänglich ist und von drei engen, rechtwinkligen zweigeschossigen Flügeln sowie einem älteren, dreigeschossigen Flügel im SO umgeben wird.
Die ältesten architektonischen Überreste werden einer kgl. burgundischen aula (gegen 1000) zugeordnet, die Teil eines castrum war, das die gesamte Felsenspitze besetzte. Ausgehend von der Mitte des 12. Jh.s an dehnte sich der Wohnsitz progressiv in den NO und in den O mit dem Bau einer camera i.J. 1150 aus, die heute noch erhalten ist. Im 15. Jh. wird das immense Vermögen der Familien von → Freiburg und Baden-Hachberg das Aussehen des Schlosses durch die Konstruktion einer Kapelle im SO durch Johann von → Freiburg (1449) sowie von nordwestlich und nordöstlich den Hof umgebenden Flügeln (1438-1450) verändern. Nach dem großen Feuer von N. (1450) wurden die romanischen Gebäudeteile größtenteils wieder aufgebaut, später ließ Philipp von Baden-Hachberg 1488 eine Panoramagalerie und 1496 ein großes Tor bauen, die seinen Namen tragen und die dem Schloß sein heutiges Aussehen geben. Die Silhouette des Schlosses hat sich seitdem kaum geändert, aber zahlr. ältere und neuere Baumaßnahmen an den Fassaden haben den Anblick seit dem 17. Jh. doch stark verändert.
Seit dem 16. Jh. war das Schloß nicht mehr Res. der Gf.en und die inneren Ausbauarbeiten wurden sodann regelmäßig nach Belieben bzw. den Bedürfnissen der Verwaltung und der verschiedenen Bewohner des Schlosses angepaßt, was sich durch die veränderten Dekors und das fast nicht mehr vorhandene ältere Mobiliar bemerkbar macht.
Im 12. Jh. umfaßte das Schloß zumindest eine aula auf zwei Niveaus, die mit monumentalen Kaminen und mit Kolonnaden ausgestattet wurde sowie eine angrenzende camera aus zwei Zimmern und eine Zieretage mit Oberlichtern. In der Mitte des 15. Jh.s wurde das gesamte Ensemble um den neuen Hof herum mit einem Schauflügel im NW (Küche, großer Saal und Schatzkammer), einer Schloßkapelle im SO und einem Wohnflügel im NO des Hofes reorganisiert. Der große (und alte) Baukörper im SO beherbergte seitdem die Appartements des Gf.en und seiner Angehörigen und umfaßte Zimmer mit großen und kleinen Öfen, ein Oratorium, eine kleine Küche, den Kellerraum usw. Eine Weinpresse (1499) und Ställe wurden gegen die Außenmauern des Schlosses gebaut.
Das Schloß N. hatte keine milit. Aufgaben. Die Gf.en verfügten am anderen Ende des Hügels über eines kleines Fort, das in den 1440er Jahren völlig neu gebaut wurde und die westliche Verteidigung der Stadt verstärkte, aber auch dem Herrn erlaubte, einem Angriff aus der Stadt standzuhalten, wenn diese nun gefallen wäre oder aber sich gegen ihn auflehnen würde. Außerdem wurden die Türme und Tortürme der Oberstadt im allg. Angehörigen zu Lehen gegeben.
Die Burgkapelle aus dem Jahre 1449, die eine ältere ersetzte, deren Ort nicht bekannt ist, ist im ersten Stockwerk angesiedelt. Sie wird bis heute von einem bemalten getäfelten Gewölbe bedeckt und erhält ihr Licht durch ein hohes Mauerfüllungsfenster. Bis zum 17. Jh. bestand sie größtenteils aus Fachwerkmauern und zur Hofseite war das Erdgeschoß offen in der Art einer Galerie. Nur wenige Meter entfernt war die zwischen 1190 und 1276 gebaute Kollegiatskirche Notre-Dame, der Hauptort des Kultes und Grablege der Gf.enfamilie, wie das hervorragend das Grabmonument bezeugt, das i.J. 1372 durch den Gf.en Ludwig zum Gedächtnis der Seinen errichtet wurde. Im Jahre 1530 nahmen die N.er Untertanen den reformierten Glauben an, aber nicht ihr Herr. Seitdem war folglich die früher enge Verbindung zwischen der Kollegiatskirche und den Herren von N. definitiv abgebrochen.
Literatur
Bujard, Jacques/Reynier, Christian de: Les châteaux et les villes du Pays de Neuchâtel au Moyen Age, apports récents de l'archéologie, in Moyen Age 11,2 (2006) S. 69-102. – Bujard, Jacques/Reynier, Christian de: Aux origines de la ville de Neuchâtel: La porte du Chastel et la Maleporte, in: Revue Historique Neuchâteloise 3-4 (2003) S. 227-254. – Courvoisier, Jean: Les Monuments d'art et d'histoire du canton de Neuchâtel, publiés par la Société d'histoire de l'art en Suisse, Bd. 1, Basel 1955, S. 133-162. – Zosso, Alain: La ville de Neuchâtel, in: Histoire du Pays de Neuchâtel, red. von Michel Egloff, Bd. 1: De la Préhistoire au Moyen Âge, Hauterive 1989, S. 230-242.